Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Wer sagt, dass klassische Musik spießig sein muss? Allen militanten Indie-Hörern empfiehlt Jan Wigger den Orchester-Soundtrack des Anderson-Filmes "There Will Be Blood". Und lauscht ergriffen den flüsternden Himmelsposaunen und dem fein geschliffenen Gesang von Simone White.


Simone White - "I Am The Man"
(Honest Jons / Indigo) (VÖ: 22.02.08)

Es ist nicht Lambchops und Will Oldhams bevorzugter Produzent Mark Nevers und sein Studio in Nashville, in dem diese LP aufgenommen wurde. Es ist auch nicht die fruchtlose Suche nach einer zweiten Joanna Newsom, mit der Simone White musikalisch und stimmlich ohnehin nichts gemein hat. Und es sind schon gar nicht Worte wie diese, die White wacker dem amerikanischen Imperialismus entgegen setzt: "Did you ever think this was the greatest country in the world? / With freedom and democracy and SUV's called 'Liberty' for every boy and girl?". Es ist schlicht und einfach die komplett sprachlos machende, Herzschläge stoppende Schönheit des zweiten Simone White-Albums, die uneingeschränkte Verehrung verdient. Arrangements wie aus dem Lehrbuch, flüsternde Himmelsposaunen, meisterlicher Blues, Folk und Jazz sowie das wohl zartfühlendste Piano, das es für Goldstaub in Tennessee zu kaufen gab, machen "I Am The Man" zu einer einzigen, unsterblichen Hymne auf die Stille. Der fein geschliffene, unfassbar angenehme Gesang der White erstrahlt im anderthalbminütigen "The Beep Beep Song", dem von ihren Freunden Frank Bango und Richy Vesecky verfassten, erschütternden "Roses Are Not Red" ("Birds will die / Up in the sky / The sky that is not blue / Everything is as it was / I never loved you.") oder dem Carole-King-Cover "I Didn't Have A Summer Romance" in vollster Pracht. Werfen sie die Hälfte ihrer Singer/Songwriter-Sammlung weg und hören sie stattdessen dieses E.E.Cummings-Gedicht von einer Platte. Alles andere ist nur Musik. (10) Jan Wigger

Jonny Greenwood - "There Will Be Blood"
(Nonesuch / Warner)

Woran eigentlich mag es liegen, dass so viele Indie-Hörer klassische Musik eher spießig finden? Liefen daheim in Opas Eichenholz-Hölle immer nur Beethoven, Mozart und Schubert? Als idealen und etwas moderneren Einstieg empfehlen wir hiermit freundlichst Alfred Schnittke, Arvo Pärt, Cyrus Ashrafi, Henryk Mikolaj Górecki und die in fast schon zu vielen Filmen und Fernsehbeiträgen als Melancholieverstärker benutzten "Trois Gymnopédies" von Erik Satie. Überraschend genug, dass die vom Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood komponierte Orchestermusik zu Paul Thomas Andersons neuem Film "There Will Be Blood" nun gleich von einigen dieser großen Erneuerer beeinflusst scheint: Bezugspunkte zum Pop gibt es keine, "Eat Him By His Own Light" oder "HW / Hope Of New Fields" sind ähnlich niederschmetternd wie Andersons brillantes, quälend langes Drama. Ob Daniel Day-Lewis dafür den Oscar bekommt? Aber ja doch. (7) Jan Wigger

Los Campesinos! - "Hold On Now, Youngster"
(V2 / Universal) (VÖ: 22.02.08)

Kritische Stimmen gibt es ja immer: Hättest du dich doch bloß nicht von dieser Frau getrennt. Hättest du doch bloß eine Altersvorsorge abgeschlossen. Hättest du doch bloß die Kraft, deine Zeit nicht mit Fußball zu verschwenden. Würdest du doch mehr Arthaus-Filme schauen statt "Rocky Balboa". Nun, in Wirklichkeit ist "Rocky Balboa" natürlich das weise und emotional sehr nahe gehende Alterswerk Sylvester Stallones. Und in Wirklichkeit, liebe Cardiffer Hochschulstudenten Los Campesinos!, sind Songtitel wie "This Is How You Spell ?HAHAHA, We Destroyed The Hopes And Dreams Of A Generation Of Faux-Romantics" auch weder lustig, noch possierlich, noch originell: Hat Sufjan Stevens schon gemacht, haben früher Alice Donut oder Wedding Present gemacht, ist längst durch. Die Musik: Meist hochgeschwindiges LoFi-Geschraddel mit Handclaps, schrillen Schreien und Jodel-Anfällen, dazu Gebimmel und verblüffend schicke Second-Hand-Klamotten. Ist nichts für zu Hause, doch eifrige Konzertgänger haben den hier vermutlich richtigen Spruch ohnehin schon auf den Lippen kleben: "Muss man live sehen!". (6) Jan Wigger

Helen Love - "It's My Club And I'll Play What I Want To"
(Elefant Records / Rough Trade)

Direkt an der Tokyoter U-Bahn-Station Ueno gibt es einen sechsstöckigen, fantastischen Spielzeugwarenladen, in dem man hypermoderne Luftgitarren mit Sensor, Spider-Man-Kostüme, "Buffy The Vampire Slayer"-Jacken und "Blair Witch Project"-Kartenspiele kaufen kann. Zur ermutigenden Untermalung läuft in etwa die gleiche rasselnde, rosarote Kaugummiblasen bildende Musik wie in den berüchtigten, deprimierenden Patchinko-Spielhöllen Tokyos. Könnte man es eigentlich nicht besser machen? Auf der Helen Love-CD "It's My Club And I'll Play What I Want To" ist genau der Kram drauf, die an diesen Orten eigentlich laufen sollte: Eine auf die totale Überzuckerung bestehende Mischung aus den Buggles, den Ramones und Blümchen, die ehrlich gesagt nur so lange glitzert, wie sich der Alkohol-Pegel auf einem Level bewegt, der den allgemeinen Weltschmerz ertragen lässt. "It's My Club" oder "Transistor Radio (Radio)" sind super, doch auf 16 Tracks gestreckt hält man das Geballer im Kopf nicht aus. (5) Jan Wigger

Evangelicals - "The Evening Descends"
(Secretly Canadian / Cargo) (VÖ: 22.02.08)

Der Rezensent hat sicher schon mehr als einmal darauf hingewiesen: Je schauerlicher das Cover, desto größer die Wahrscheinlichkeit, in geschmackssicheren Redaktionen buchstäblich unter den Tisch zu fallen und somit überhaupt nicht besprochen zu werden. Wie gut, dass die zweite Evangelicals-LP "The Evening Descends" beim verlässlichen Label "Secretly Canadian" erscheint und Josh Jones in "Bellawood" zu Space-Gitarren und Synthesizer-Getöse wenigstens versucht, wie Jeff Buckley zu klingen: "Strange things keep happening / There's a monster inside me / It's been growing, look closer, you can see." Eine herkömmliche Folk-Ballade wie "Skeleton Man" bleibt übrigens die absolute Ausnahme: Dieses geschichtsbewusste Trio aus Norman, Oklahoma musiziert im Hallfeld von Band Of Horses oder den Flaming Lips. Das einzige also, was den Evangelicals jetzt noch fehlt, sind Bärte. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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