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04. März 2008, 12:40 Uhr

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Die Reunion der Düstermänner von Bauhaus braucht nun wirklich niemand, meint Jan Wigger und lobt dafür die Kalifornier Why? für ihre HipHop-Experimente. Andreas Borcholte staunt über das zutiefst altmodische neue Album der Black Crowes.

Why? – "Alopecia"
(Tomlab/Indigo, 7. März)

Kettenrasseln, Glöckchenbimmeln, Geisterfahrer-Keyboards, Triangeln, HipHop-Schlaumeiereien, um die Ecke gedachter, in schwarze Tinte getauchter Pop und dann noch Sätze wie diese: "These few presidents/ Drowning in my pocket/ Can persuade no God/ To let me let you off/ Even though I haven’t seen you in years/ Yours is a funeral I'd fly to from anywhere." Wenn jemand in noch recht jungem Alter schon alles kann und alles ausstellt, kann etwas Achtsamkeit nicht schaden. Für das neueste Why?-Album "Alopecia" (dt.: Haarausfall) hat cLOUDDEAD-Mitglied Yoni Wolf aus der kalifornischen Bay Area nun eine richtige Band zusammengestellt, die ihm bei seiner Vision, HipHop größer als die Summe seiner Einzelteile zu machen und ihn als höchst variable Basis für alles Mögliche zu nutzen, unter die Arme greift. Es spricht für Wolfs Erfindergeist, dass es trotz allem völlig falsch wäre, "Alopecia" im Laden auch unter "HipHop" einzusortieren: So wie in "Fatalist Palmistry" könnten die Byrds heute klingen, und der Giganten-Bass in "The Hollows" ängstigt aufs Schönste. Geringer Einwand: Neun oder zehn statt 14 Tracks hätten gereicht. (7) Jan Wigger

The Black Crowes - "Warpaint"
(Silver Arrow/Indigo, 7. März)

Es gibt zumindest ein amerikanisches Magazin, das so heiß auf die neue Black-Crowes-Platte war, dass die Redaktion eine Rezension verfassen ließ, ohne das Album gehört zu haben. Schlimm genug, aber die Wertung war auch noch miserabel. Das ist natürlich furchtbar unfair, zeigt aber zumindest, das es immer noch Interesse an dieser personell zu oft umbesetzten, von Drogen- und Alkohol-Exzessen gebeutelten Rock'n'Roll-Band gibt. Gut so! "Warpaint" ist das erste reguläre Studioalbum der Black Crowes seit "Lions" von 2001 und der selbstverordneten Pause. Im letzten Jahr erschien dann, fast wie ein Vorbote, eine Sammlung von B-Seiten und Raritäten - und nun haben sich die Brüder Chris und Rich und Robinson wieder die Gitarren umgeschnallt und die Truppe mobilisiert. Einfach so. Mit einer Platte, und das ist das Erstaunliche, die klingt, als wären seit den beiden starken Erstlingswerken "Shake Your Money Maker" (1990) und "Southern Harmony And Musical Companion" (1992) nicht 15, sondern zwei Jahre vergangen.

Die Essenz, aus der die Crowes ihre Kraft beziehen, ist noch immer der Blues, manchmal südstaatenschlammig, manchmal staubig, aber bei aller Lust am Improvisieren immer so hochkonzentriert wie zähflüssiger Ahornsirup. So konsequent beherrschen das nicht mehr viele Bands, mal von den Rolling Stones abgesehen. Neu am Sound der Black Crowes ist ein Hang zum progressiven Bluesrock der Sixties-Supergroups. Schwerfällig durchs Mississippi-Delta mäandernde Album-Höhepunkte wie "Evergreen", "Walk Believer Walk" oder "Wounded Bird" zitieren Cream und Derek & The Dominos mit einer Hingabe, die man sonst nur noch von Chris Goss und seinen seeligen Masters of Reality kennt. "Warpaint", komplett mit herauslösbarem Hippie-Sternenbanner im Booklet, ist ein zutiefst altmodisches Album, das völlig aus der Zeit fällt. Man hat die Black Crowes nicht wirklich vermisst, aber es ist gut, dass sie wieder da sind. (7) Andreas Borcholte

Stephen Malkmus & The Jicks – "Real Emotional Trash"
(Domino/Indigo, 7. März)

Mit erstaunlicher Regelmäßigkeit veröffentlicht der schönste Mann im Indie-Rock nun schon seit sieben Jahren Alben mit seiner Band The Jicks. Doch selbst das fabelhafte "Pig Lib" (2003), auf dem Prog-Rock, Freak-Pop, britischer Folk und Schweine-Gitarren zusammenflossen, konnte nicht über den Verlust der ausgerechnet nach "Terror Twilight" (1999) aufgelösten Pavement hinwegretten. Während man einst bei so einigen Kompositionen der Prog-Dinosaurier Emerson, Lake & Palmer vor megalomanischen, halbe Ewigkeiten andauernden Keyboard-Kaskaden langsam den immer dünner werdenden Faden verlor, gniedelt Stephen Malkmus selbst im endlosen Titelstück immer zugunsten des Songs. Grandios, wie er das mit einem sensationell schwerfälligen Alte-Säcke-Riff beginnende "Dragonfly Pie" im Refrain in eines seiner süßlich quengelnden nursery rhymes verwandelt. "We Can’t Help You" gehört zu jener Sorte Lied, das auch auf das Debüt "Stephen Malkmus" (2001) gepasst hätte und hin und wieder den Anschein erweckt, als habe Malkmus es in fünf bis zehn Minuten geschrieben. Der vielleicht weiteste Sprung durch Zeiten und Genres: Das fast siebenminütige "Baltimore", geübt versteckt zwischen den hübschen Pop-Songs "Out Of Reaches" und "Gardenia". (7) Jan Wigger

Autechre – "Quaristice"
(Warp/Rough Trade, bereits erschienen)

Wenn deutsche Boulevard-Blättchen wieder mal den "Drogenfreund" herbeizitieren und dabei scheinheilig auf Jugendschutz machen, gibt es immer was zu lachen. So informierte kürzlich die "Bunte" besorgt darüber, dass Schauspielerin Emma Watson, "die brave Hermione aus den Harry-Potter-Romanen", auf Partys mit Johnny Borrell gesichtet wurde: "Der zehn Jahre ältere Sänger der Band Razorlight wurde vor allem mit Saufgelagen berühmt." Fluch des Ruhms. Rob Brown und Sean Booth mussten sich in rund 15 Jahren Autechre-Geschichte kaum je mit Klatschreportern abgeben, denn beide sind gesichtslos und treten hinter ihr Werk zurück. Wie die Labelkollegen Aphex Twin, Plaid und Boards Of Canada haben Autechre schon vor sehr langer Zeit einen vollkommen eigenen Sound geschaffen, den sie in der Folge auf unzähligen Singles, EPs und Alben reduzierten, abstrahierten, veränderten und verästelten. Auf "Quaristice" wird das gemeinsam Geschaffene manchmal auch nur verwaltet: Die Muster von "Simmm", "The Plc" oder "fwzE" sind bereits bekannt. Toll dagegen die Ambient-Tracks "paralel Suns" und "Altibzz" sowie das düstere "WNSN". Wer erstmal nur eine Autechre-CD kaufen möchte: "Tri Repetae" von 1995. (6) Jan Wigger

Bauhaus – "Go Away White"
(Cooking Vinyl/Indigo, 7. März)

Als man Justus Köhncke jüngst vorsichtig zu den britischen Gothic-Urvätern befragte, wurde der Musiker beinahe etwas wütend und beschied den Fragesteller mit der Auskunft, dass er Bauhaus für eine der "unerträglichsten Dreckscombos" aller Zeiten halte. Einigen wir uns darauf, dass Bauhaus Anfang der achtziger Jahre zumindest die theatralischste Band Englands war, mit Friedhofsmänteln, Toten-Make-up, Bela Lugosi und Peter Murphys David Bowie-Stimme. "Go Away White" ist das erste Studioalbum seit 25 Jahren, das fünfte insgesamt und laut Band auch das letzte: Keine Tour, keine weiteren Pläne. Und nach der Marter, die es bedeutet "Go Away White" ohne versehentlichen Dolchstoß in den eigenen Rücken durchzuhören, darf gesagt werden: Man möge die Toten ruhen lassen, es ist besser so.

Altersschwach und bräsig schleppen sich "Mirror Remains" oder "Too Much 21st Century" über die Ziellinie, die Gitarren klingen nach Schrottplatz und Peter Murphy im jämmerlichen "Saved" so, als habe er das viel zu lange Klagelied während einer chinesischen Wasserfolter eingesungen. Bauhaus 2008 sind nur noch Pose, Ian Curtis wird im Grab rotieren und der Langzeit-Fan einen bösen Brief schreiben: Die Gruft-Abteilung nimmt Kritik an ihren Lieblingsbands ja leider immer besonders persönlich. (3) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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