Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Durchs Unterholz am Zauberberg marschiert Jan Wigger mit dem Klangforscher Wolfgang Voigt alias Gas - und staunt über die knochentrockene Wucht der Ting Tings . Andreas Borcholte gratuliert dem alten Mod Paul Weller zum 50. Geburtstag und zum eigenartigen neuen Album.


Gas – "Nah und Fern"
(Kompakt, 3. Juni)

Die ungebrochene Wichtigkeit des deutschen Klangforschers Wolfgang Voigt lässt sich auch daran ablesen, dass die britische Musikbibel "The Wire" den Künstler, dessen brillanteste Arbeit "Zauberberg" vor geschlagenen zehn Jahren erschien, dieser Tage mit einer ausführlichen Titelgeschichte würdigt und erklärt. Mike Ink, Love Inc., Fuchsbau oder Dieter Gorny benutzte Voigt in der Vergangenheit als Pseudonyme für seine Exkursionen ins Verfremdete und Wäldliche. Vor allem "Zauberberg" durchwehte von jeher ein Geheimnis. Nachdem das Album vergriffen war, bekam man es in der Regel nurmehr auf Flohmärkten und Plattenbörsen, viel später erst bei den üblichen Online-Auktionshäusern - für den acht- bis zehnfachen Preis. Die von Voigt imaginierten nächtlichen, in verschwimmendes Rot getauchten Wanderungen durchs Unterholz evozieren sowohl die deutsche Romantik als auch Michelangelo Antonionis "Blow-Up".

"Zauberberg" durchforstet das Wesen der Einsamkeit, wühlt auf, schnürt die Luft ab, macht Angst, schwebt laut hier zutreffendem Infoschreiben gar "zwischen Schönberg und Kraftwerk, zwischen Waldhorn und Bassdrum." Die drei anderen Gas-Alben "Gas", "Königsforst" und "Pop" legt das Kölner Label Kompakt nun gemeinsam mit "Zauberberg" unter dem Titel "Nah und Fern" als Vierfach-Vinyl und Vierfach-CD wieder auf. Dazu erscheint im August der Bildband "Gas" mit zahlreichen Voigt-Fotografien und Bonus-Stücken, die nur dort zu finden sind. Was es ist? Fast schon gespenstischer Ambient-Techno. "Zauberberg" (9), "Pop" (8), "Gas" (8), "Königsforst" (9) Jan Wigger

Paul Weller - "22 Dreams"
(Island/Universal, 30. Mai)

Herzlichen Glückwunsch, Paul! Vorgestern, am Sonntag, feierte Paul Weller, Modfather, Dadrocker und Stilgott, seinen 50. Geburtstag. Pünktlich zum Jubiläum sein neues Album "22 Dreams", das erste seit drei Jahren und das erste nach einer mehr oder minder eingestandenen Schaffenskrise, die den ehemaligen Jam-Chef und Style-Council-Vorstand zwar nicht davon abhielt, Platten zu veröffentlichen, ihn aber dauerhaft mit nagenden Selbstzweifeln erfüllte. Nun ist es wieder Zeit für einen Neuanfang, und wer sich an den gut abgehangenen, manchmal auch schon etwas durchhängenden Soul-Rock der letzten Jahre gewöhnt hat, muss sich erstmal wieder umorientieren. "22 Dreams" ist ein Konzeptalbum geworden, es erscheint als Einzel-CD und als Doppel-Vinylalbum, was eigentlich auch die natürliche Darreichungsform für diese Art Album ist: In Zeiten von iTunes und MP3-Playern voll virtueller Files ist die Idee eines zusammenhängenden Song-Zyklus geradezu aberwitzig. Oder aber sie erhält erst recht einen ganz besonderen Charme.

Paul Weller, das war immer klar, ist Modernist und Reaktionär zugleich. Zu keinem Zeitpunkt in seiner Karriere löste er sich von seinen Wurzeln aus frühem R&B, Northern Soul und Folkrock, insofern ist es nur konsequent, wenn er diese Herkunft jetzt noch einmal ausgiebig evoziert. Der "Changing Man", wie Weller sich einst selbst bezeichnete, macht seinem Namen alle Ehre: Beginnend mit sanftem Folk ("Light Nights") über satten R&B ("Have You Made Up Your Mind"), Trademark-Rumpelrock ("Why Walk When You Can Run") und Jazz ("Song for Alice) reicht das Spektrum der ausprobierten Stile bis hin zum rezitierten Gedicht. "God" allerdings ist schon etwas hart an der Grenze zum Manierismus. Fast scheint es, als hätte Weller bei dieser tollkühnen Traumreise ganz kurz mal seine Coolness verloren. Am Ende allerdings, nach der Improvisation "111" und den sehnenden Schluss-Akkorden von "Sea Spray" und "Night Lights", ist man wieder versöhnt. "22 Dreams" ist so sperrig wie möglich und so faszinierend wie nötig. Klar ist aber auch: Aufs nächste Album kommt es wirklich an. Don't worry, Lad, life goes on! (8) Andreas Borcholte

Ellen Allien – "Sool"
(Bpitch Control/Rough Trade, bereits erschienen)

So viele Farben wie das babylonische Stimmengewirr am Bahnhof Alexanderplatz zu Beginn von "Einsteigen" hat auch das großartige vierte Album der mit dem Tages-und Nachtleben Berlins untrennbar verbundenen DJane, Produzentin und Sonnenanbeterin Ellen Allien. "SOOL ist Neugierde, Raum, Architektur. Skizzen, zeichnend! Festhaltend!" beschreibt Allien ihre hochintelligenten und tief empfindenden neuen Tracks, die "Elphine", "Sprung", "Zauber" oder "Bim" heißen und die zuweilen etwas starren Grenzen von linearem Minimal Techno und artverwandten Stilen mit phantasievoller Leichtigkeit und beneidenswertem Abstraktionsvermögen erweitern. Im Spannungsfeld aus gleichmäßigem Zischeln, breiten Synthie-Flächen und engelhaftem Glockenspiel reüssiert Allien in "Frieda" auch als somnambule Vokalistin. Und das Allerschönste an der Platte, die wieder vollkommen anders geworden ist als "Thrills": Ellen Allien ist auf Niemandes Seite, denn alle sind auf ihrer. (8) Jan Wigger

The Ting Tings – "We Started Nothing"
(Columbia/SonyBMG, 30. Mai)

Der Kübel an langweiligen UK-Frisuren-Bands aus der Garage, die es in diesem Jahr entweder erstmalig oder ein zweites und drittes Mal mäßig erfolgreich versuchten, überschwemmt uns mit ungeahnter Wucht. Deshalb gilt nun umso mehr: Aufgemerkt, wenn das Boy/Girl-Duo The Ting Tings mit der knochentrockenen Single "That’s Not My Name", die Madonna vom ersten Platz der britischen Charts verdrängte, um die Ecke kommt. Ting-Tings-Sängerin Katie White bewundert Talking-Heads-Ikone Tina Weymouth, das ist schon mal gut. Das Album-Debüt "We Started Nothing" beleuchtet einerseits beschädigtes Aufwachsen im Randgebiet und den zwanghaften Beziehungswahn dieses Jahrtausends, mäht andererseits aber auch schlicht und einfach den Rasen platt: "Fruit Machine" und "Shut Up And Let Me Go" haben mehr Funk als man aus Salford erwartet hätte, "Be The One" klaut bei Blondies "Union City Blue", und das schleichende "Traffic Light" weist schon den Weg in die Zukunft, wenn die Wut einmal verraucht sein wird. Eine Prognose fällt schwer: Nicht überrascht sein also, wenn die Ting Tings in zwei Jahren plötzlich nur noch Hip-Hop machen. (7) Jan Wigger

Martha Wainwright – "I Know You’re Married But I’ve Got Feelings Too"
(Cooperative Music/Uinversal, 30. Mai)

Ja, der Albumtitel ist gut, aber auch keine Entschuldigung dafür, dass gleich das zweite Lied der Platte nichts weiter als ein Alanis-Morissette-Song ist, inklusive gefühlsverstärkendem Eso-Gejodel und tatsächlich nicht mehr weit entfernt von Dolores O’Riordans Möwe-Jonathan-Phase. Das geht in "Jesus And Mary" und "The George Song" so weiter, und bald fragt man sich, wo Martha Wainwright eigentlich hin möchte: Tori Amos? Heather Nova? All About Eve? Kate Bush wird jedenfalls nicht draus. Auch die stellenweise unangenehm großspurige Produktion (besonders gruselig: Die Bratzgitarren in "Jimi") gebührt - wenn überhaupt - eher Marthas unfehlbarem Bruder Rufus – zum Songmaterial von "I Know You’re Married But I’ve Got Feelings Too" passt sie nicht. Besinnlicheres wie "So Many Friends" oder das grandiose "Bleeding All Over You" schließen dennoch ans überaus gelungene Debüt "Martha Wainwright" an. Passabel: Marthas Interpretation der zweiten Pink Floyd-Single "See Emily Play". (5) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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