Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Mit "Dig Out Your Soul" legen Oasis endlich ihr Beatles-Album vor, lobt Jan Wigger und schwärmt für den bärtigen Jackson Browne. Andreas Borcholte will keinen Tomte-Aufnäher auf seiner Jacke und wünscht sich Rainald Grebe im Olympia-Stadion.


Oasis – "Dig Out Your Soul"
(Big Brother/Indigo, bereits erschienen)

Ohne groß darüber nachzudenken, haben die Gallagher-Prolls etwas Bedeutungsvolles geschafft: Jedes neue Oasis-Album ist ein Politikum, auch 14 Jahre nach dem begnadeten Debüt "Definitely Maybe", auch elf Jahre nach der größenwahnsinnigen, Koks benebelten dritten Platte "Be Here Now", die in der Rückschau doch etwas zu oft geschmäht wurde, wann immer man über Oasis redete. Nun bricht die Single "The Shock Of The Lightning", die man so laut wie möglich hören muss, fast so schön los wie damals "My Big Mouth". Dazu "The Turning" und das großartige "Falling Down" (von Noel) und man hat den besten, den am längsten hinausgezögerten Witz der Oasis-Geschichte: "Dig Out Your Soul" ist Noels und Liams Beatles-Platte. Und noch nie hat der jüngere der Brüder ein so rührendes Stück wie "I'm Outta Time" verfasst, das die späten Pink Floyd mit John Lennon kreuzt.

Doch je länger die Platte dauert, je gleichgütiger werden einem auch wohlfeiles Gedröhne und patentierte Dengelgitarren: Gem Archers "To Be Where There's Life" ist eine Katastrophe, Andy Bells bräsig leierndes "The Nature Of Reality" nicht viel besser, und auch an "(Get Off Your) High Horse Lady" wird man sich nicht lang erinnern. Oasis haben wieder einmal alles gegeben und alles mal mehr, mal weniger gewinnbringend zusammengerührt: Britische Psychedelia, "Revolver", Soldaten, Gott, Roger Daltrey, Karussells und das Warten auf die Glückseligkeit. Hoffentlich waren wenigstens die Pilze gut. Knapp (6) Jan Wigger

Tomte - "Heureka"
(Grand Hotel van Cleef/Indigo, 10 Oktober)

"Ich fühle mich wie der letzte große Wal, der Tau auf dem Gras, der erste Sonnenstrahl im Tal der Lust". Das singt nicht etwa der furzende Fusselbarde Knut alias Christian Ulmen in einer neuen Folge seiner schmerzhaften Satire "Mein neuer Freund". Nein, das singt - mit allem (un)nötigen Ernst - Thees Uhlmann in der neuen Tomte-Single "Der letzte große Wal". Und leider hat sich der inzwischen in Berlin lebende Hamburger auch auf dem restlichen Album kaum mit literarischem Ruhm bekleckert. Die notorisch jubelnde Fachpresse alternativer Prägung stört sich daran natürlich überhaupt nicht und lobt "Heureka" wortreich über den grünen Klee (der auf der Wiese, im Tal der Lust). Aber man soll sich nicht blenden lassen: Uhlmanns eh schon anstrengende Befindlichkeitslyrik ist auf "Heureka" (allein dieses Wort!) leider auf Kalenderblattniveau gelandet, da nützt es auch nichts, wenn er versucht, der Kritik gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, wenn er singt: "Du nennst es Pathos und ich nenn es Leben" ("Küss mich wach, Gloria").

Schroffer, irgendwie "hemdsärmeliger" sollen Tomte jetzt, nach fünf Alben, angeblich klingen, und tatsächlich wirken einige Songs weniger glatt produziert. Das soll wohl für Authentizität sorgen, und deshalb gibt's zur Platte auch einen duften Tomte-Aufnäher, den man sich auf die Retro-Jeansjacke bügeln kann. "Es gibt Dinge, die kann man nicht übersteigern", heißt es wiederum in "Küss mich wach, Gloria". Stimmt, und wenn Tomte so weitermachen, klingen sie wirklich irgendwann so aufgeblasen und leer wie U2. In Hamburg ist das übrigens eine U-Bahnlinie, die vom Arbeiterviertel Barmbek ins spießbürgerliche Niendorf führt. (3) Andreas Borcholte

Of Montreal – "Skeletal Lamping"
(Polyvinyl/Cargo, 17. Oktober)

War das goldig, als die niedliche, adrette, ehemalige Indie-Pop-Gruppe Of Montreal noch klang wie eine etwas hadersüchtigere Mischung aus Belle & Sebastian und den Kinks. Als sie die hübschesten Melodien mit den deprimierendsten Texten konterkarierte ("Old People In The Cemetery"), die Zombies coverte ("Friends Of Mine") und davon sang, wie man den ganzen Tag im Bett liegt und den allerbesten Freund mit Spaghetti bekocht ("Tim I Wish You Were Born A Girl"). Spätestens seit dem siebten Of-Montreal-Album "The Sunlandic Twins" von 2005 hat sich der Wind gedreht: Der schon etwas länger offensichtliche Prince-Einfluss wird in "St.Exquisite’s Confessions" auf die Spitze getrieben, David Bowie endgültig zum Säulenheiligen gemacht und die 15 Tracks mit so vielen Breaks und Tempowechseln versehen wie gerade noch zulässig. Überhaupt: Wer schreibt heute noch so grelle, überladene Liebeslieder wie Kevin Barnes? "I wanna sell you out/ Want to expose your flaws/ I wanna steal your things/ I wanna show you off/ I wanna tell you lies/ I wanna write you books/ I wanna turn you on / I wanna make you cum two hundred times a day." MGMT zittern schon. (8) Jan Wigger

Rainald Grebe - "1968"
(Versöhnungsrecords/Broken Silence, bereits erschienen)

Wenn man sich Veranstaltungen wie Mario Barths Stadion-Auftritt in Berlin (gerade letzte Woche noch mal im Fernsehen) anschaut, fragt man sich ohnehin schon, wie tief der Humorstandort Deutschland noch sinken kann. Und wenn man dann diese neue Platte von Rainald Grebe hört, die zu großen Teilen das Programm wiedergibt, mit dem der 37-jährige Liedermacher und Kabarettist Anfang des Jahres durch die Lande getourt ist, fragt man sich umso mehr, warum Mario Barth so berühmt ist und warum diesen geistreichen, wahnsinnig komischen Typen kaum jemand kennt. Gut, da gab es "Brandenburg", diese Hymne auf das strukturschwache Berliner Umland, das vor ein paar Jahren erst durchs Radio, dann durch YouTube geisterte. Aber seitdem wartet man auf den großen Durchbruch Grebes, der von Dada bis Daddeldu alle großen Spielarten deutscher Humoristik beherrscht. Nach eigener Aussage gänzlich unpolitisch, knöpft er sich in seinem jüngsten Programm das allgegenwärtige 1968 vor - und imaginiert unter anderem eine in die Jetztzeit gerettete Janis Joplin, die sich heutzutage mit Energiesparlampen herumplagt. Oder imitiert "Bild"-Chef Kai Diekmann, wie er in "Als ich jung war" beklagt, dass früher die Bürgermeister noch heterosexuell waren - inspiriert von Eric Burdens "When I Was Young". Zwischen brüllender Komik, gewitzten Aphorismen und schierem Unsinn geht es außerdem ins "Wellnesshotel" und in die "90er", als alle einen Waschbrettbauch hatten. "Ich auch, ich auch", krakeelt Grebe dazu, und offenbart eine hinreißende Sehnsucht, dazu zu gehören, ob nun zur Revolution oder zur großen Masse. Aber in Mario-Barth-Land sticht einer wie er nun einmal heraus. (8) Andreas Borcholte

Jackson Browne – "Time The Conqueror"
(Inside Recordings/Rough Trade, bereits erschienen)

Wann immer ein Künstler wie John Mellencamp, Kris Kristofferson, Elton John oder Steve Earle des "Altherrenrocks" (auch: "Alte-Säcke-Musik") bezichtigt wird, sind die Argumente der Ankläger eher diffus: Meist sind kaum mehr als zwei komplette Alben des verunglimpften Musikers bekannt, nicht selten beruft man sich auf gängige Hit-Singles oder einzelne Verfehlungen im Spätwerk wie Neil Youngs "Let's Roll". Auch Jackson Browne, dessen Stimme heute noch immer so schmerzlindernd und bekömmlich ist wie auf seinen vollendeten Alben "Late For The Sky" (1974) und "Running On Empty" (1978) dürfte unter diese Kategorie fallen – obwohl er gar keine Rockmusik macht. "Time The Conqueror" ist aalglatt produziert, musikalisch über jeden Zweifel erhaben und mit Songs wie "Drums Of War" ausgestattet, die jeden Gegner des Gutmenschentums auf die Palme bringen dürften: "Who lies, then bombs, then calls it an error?/ Who makes a fortune from fighting terror?/ Who is the enemy trying to crush us?/ Who is the enemy of truth and justice?" Ja, Jackson Browne trägt nicht nur das soziale und politische Gewissen Amerikas selbstlos auf seinen Schultern. Er hat sich inzwischen auch einen beachtlich weißen Bart wachsen lassen. Weil er alle Frauen, die Bärte nicht mögen, schon vor 30 Jahren hatte. (7) Jan Wigger


Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 10044 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.