Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Wer Scott Walker zum Duett bewegt, muss etwas auf dem Kasten haben, meint Jan Wigger über Natasha Khan alias Bat for Lashes. Silbermond kommen allerdings nicht so gut davon. Andreas Borcholte freut sich, dass die Yeah Yeah Yeahs ihren eigenen Hype überlebt haben.

Bat For Lashes - "Two Suns"
(Parlophone/EMI, bereits erschienen)

Die Rechnung ist einfach: Während Antony Hegarty scheinbar auf jede zweite Anfrage reagiert und so viele Kollaborationen eingeht, wie nur möglich, ist es nahezu aussichtslos, den großen Enigmatiker Scott Walker dazu zu bewegen, auf einem zeitgenössischen Album mitzuwirken, das nicht einmal halb so monumental ist wie "Scott 4", "Climate Of Hunter" oder "Tilt". Vielleicht hat Walker die Klangfarbe der zweiten Bat-For-Lashes-Platte "Two Suns" beeindruckt, vielleicht die beredten Leerstellen und die ins Metaphysische tendierenden Fragestellungen, die bereits auf Natasha Khans Debüt "Fur And Gold" zu finden waren. Auf dem abschließenden "The Big Sleep" jedenfalls brummt und wimmert Walker ein bisschen, den Rest von "Two Suns" hat das New Yorker Hippie-Quartett Yeasayer hier und da mit Bass, Beats und Percussion veredelt.

Natasha Khan ausgerechnet mit Björk zu vergleichen, ist nach wie vor schwachsinnig: Weder Stimme, noch gemessene, kaum exaltierte Stücke wie "Moon And Moon" oder "Siren Song" ähneln der überspannten Isländerin. Dafür steigert sich das experimentelle "Two Planets" allmählich zu einem leiseren, weniger verstörenden Pendant zu Portisheads Jahrhundert-Track "Machine Gun". Und für "Peace Of Mind" hatte Khan die beste aller möglichen Ideen: einen berückenden Gospel-Chor, der die dreieinhalb Minuten noch schauriger macht. Sour times, indeed. (7) Jan Wigger

Silbermond - "Nichts passiert"
(Columbia/Sony, bereits erschienen)

Wenn die "Bild"-Zeitung atemlos berichtet, Roger Cicero habe sein Live-Repertoire nun auch um "Punksongs" (mit 13-köpfiger Big Band!) erweitert, entspricht das ungefähr dem Wissensstand von Menschen, die wacker behaupten, Silbermond seien eine Rockband. "Gib mir in dieser schnellen Zeit irgendwas, das bleibt", wehklagt Sängerin Stefanie Kloß über die böse, böse Warenwelt, in der nur noch die Liebe Bestand hat. Irgendwas, das bleibt? Bitte schön: Gatefold-Vinyl, die Deutsche Bahn, Peter Kloeppel, Erbsensuppe, die Pet Shop Boys, Jens Lehmann, "Der Alte", Great White, Carmen Nebel, Cabernet Sauvignon, Schulden, Dieter Bohlen, Erdmännchen.

"Fürchte nie deine Fehler aufzudecken. Sei bedacht, ruhig und befreit", schulmeistert die nicht einmal 25-jährige Kloß in "Krieger des Lichts". Ist das Konfuzius, Dale Carnegie oder doch nur Peter Hahne? Nein, es sind Silbermond, die der deutschen Jugend selbstlos Erbauung und ein spießiges Weltbild spenden, in dem sie sich selbst auch mal zur widerspruchsfreien Zone erklären: "Gestern war gestern", "ich nehme keinen Schritt zurück", "ich bereue nichts", "alles bis hierher zählt ab heut nicht mehr", "Komm bekämpfe deine Ängste und dein Mut wird dich auffangen" - ein endloses Salben und Salbadern, das man im Kopf nicht aushält. Musikalisch schwankt "Nichts passiert" übrigens zwischen U2 ("Bist du dabei"), breitbeinigem Crossover ("Tanz aus der Reihe"), diversen Betroffenheitsballaden und zwei scheußlichen Duetten mit Xavier Naidoo und Jan Delay. Aber in einem Land, das den Proll Mario Barth komisch findet, muss man sich auch über die Charterfolge von Silbermond nicht wundern. (2) Jan Wigger

Yeah Yeah Yeahs - "It's Blitz"
(Polydor/Universal, bereits erschienen)

Man muss sich schon mal darüber freuen, wenn eine Band den eigenen Hype überlebt. Die Yeah Yeah Yeahs, ein auf der Bühne äußerst extrovertiertes Trio um die Sängerin Karen O., wurden 2002 in der Post-Strokes-Hysterie ins Licht der Medienöffentlichkeit gezerrt, als plötzlich alles, was Lärm machte und aus New York stammte, Heil und Segen versprach. Vieles, was damals als nächstes großes Ding angekündigt wurde, überlebte kaum die ersten Schlagzeilen. Oder erinnert sich noch jemand an Bands wie Tralala oder Spalding Rockwell? Die Yeah Yeah Yeahs haben sich nicht nur über den Zeitgeist hinweg erhalten, sie haben sich sogar weiterentwickelt - und sind mit "It's Blitz" bei einem vielschichtigen, ausdefinierten Sound angekommen, der mit den wilden Gitarren-Attacken der ersten EP oder der Debüt-Platte "Fever To Tell" nur noch wenig gemein hat. Das richtig schwere Gerät packt Nick Zinner nur noch selten aus, zum Beispiel in "Dull Life", wenn sich die Band schön laut über das alltägliche Einerlei beschwert. Ansonsten beherrschen die Klänge, die Zinner seinem Analog-Keyboard entlockt, das Album. In diesem Spannungsfeld zwischen Glitzer-Disco und Garage, das die New Yorker Musikszene schon seit den späten Siebzigern bestimmt, fühlen sich die Yeah Yeah Yeahs hörbar wohl. "Off with your head/ Dance 'til you're dead", singt Karen O. mit gefletschten Zähnen in "Heads Will Roll", schlägt später, im gefährlich dahinpuckernden "Dragon Queen", aber auch laszivere Töne an. In "Hysteric" schließlich stellt die Songwriterin verdutzt fest, dass Versöhnung mit sich, den Männern und der Welt ja doch möglich ist: "You suddenly complete me" heißt es da. Das klang vor sieben Jahren noch ganz anders: "I don't think you're my type", sang Karen in "Bang", dem ersten Song der allerersten EP. Wie sich die Zeiten ändern. (7) Andreas Borcholte

Hanne Hukkelberg - "Blood From A Stone"
(Nettwerk/Soulfood, 17. April)

Gern erinnern wir uns an Hanne Hukkelbergs letzte LP "Rykestrasse 68", auf der die verschwiegene Norwegerin dem Pixies-Song "Break My Body" kunstvoll die Luft abschnitt und ihn zu einem leisen Trauermarsch mit Glockenspiel machte, der tapfer die Nacht erhellte. Auf "Blood From A Stone" gibt es nun mehr Hukkelberg-Kompositionen zwischen gefährlichem Schleichen und komplettem Stillstand - und einen Titelsong, der möglicherweise mehr über die Arbeitsweise der Sängerin verrät, als ihr lieb sein kann: "I am calm, mild and meek/ I often do avoid to speak/ But my mouth says the words she likes/ I play the game she decides." Zugtüren, Tische, Fahrradspeichen und eine Kirchenorgel dienen als zusätzliches Instrumentarium, weshalb ein geradezu konventioneller Track wie "In Here/Out Here" mühelos aus dem Rahmen fällt. Eine schöne Anleitung zum Einsamsein, die eines niemals sein wird: Popmusik. (7) Jan Wigger

Official Secrets Act - "Understanding Electricity"
(One Little Indian/Rough Trade, bereits erschienen)

Jetzt auch noch frech werden: Mike Scott, Jaques Brel und Scott Walker will die Band Official Secrets Act im Sound ihres Album-Debüts ausgemacht haben, obwohl doch mindestens ein gutes Drittel von "Understanding Electricity" klingt wie The View, Little Man Tate oder irgendeine andere der nur noch penetrant langweilenden Garagen-Bands Großbritanniens, deren Mitglieder Pete Doherty sicher schon mal von weitem gegrüßt haben. Weil Official Secrets Act nicht langweilig sein wollen (und leider auch nicht jedes Lied so herrlich trist sein kann wie "A Head For Herod" ), haben sie den komfortablen Ausweg gefunden, mit konzentrierter Wucht zu spielen und "Little Birds" zwar als todtraurige Folk-Ballade zu beginnen, aber in etwa so enden zu lassen, als seien sie die Talking Heads aus der "Speaking In Tongues"-Ära. Oder: Als hätten Orange Juice damals etwas länger durchgehalten. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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