Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Nicht die auch noch! Shakira wurde vom global gleichmachenden Sound-Virus des Produzenten Pharrell Williams infiziert, beklagt Andreas Borcholte und sagt der Band The Ettes eine große Zukunft voraus. Jan Wigger ringt sich zu einem Lob der Editors durch und langweilt sich mit Bad Lieutenant.


Shakira - "She Wolf"
(Epic/Sony Music, 9. Oktober)

Jetzt hat es also auch Shakira erwischt: Das dritte englischsprachige Album der sagenhaft erfolgreichen Kolumbianerin wurde in großen Teilen von dem US-Produzenten Pharrell Williams produziert. Williams ist eine Hälfte des Duos Neptunes, die neben ihrem Kollegen Timbaland zurzeit überall mitmischen, wenn es darum geht, global kompatiblen Mainstream-Pop zu erschaffen. Justin Timberlake, Beyoncé Knowles, 50 Cent, Britney Spears, Nelly Furtado und Madonna haben schon mit den prominenten Klang-Veredlern zusammengearbeitet - und in Kauf genommen, dass sie ein Stück ihrer eigenen Identität aufgeben, um diesen rhythmischen, aseptisch erotischen und letztlich seelenlosen Sound der Superproducer zu bekommen, der Radio-Airplay und Clubeinsatz gleichermaßen sichert. Denn ein von den Neptunes produzierter Song ("Candy Shop", "Rock Your Body", "I'm A Slave 4 You") klingt nicht mehr nach Madonna, Justin oder Britney, sondern vor allem nach Chad Hugo und Pharrell Williams.

Dem amerikanischen "Rolling Stone" sagte Shakira, ihr neues Album solle die Leute zum Tanzen bringen und sie die Krise vergessen lassen. Völlig in Ordnung, dieser Anspruch, aber muss es unbedingt mit einem glatten R&B- und Elektropop-Konzept sein, das den charmanten Latino-Star, der seit Anfang der Neunziger kontinuierlich Musik selbst produziert, endgültig gemein macht mit den immer gesichtsloser werdenden Topstars der Popbranche? "Album produced by Shakira", steht demonstrativ auf der Platte, aber liest man das Kleingedruckte und hört Songs wie "Did It Again", "Long Time" oder "Why Wait", wird schnell klar, das Shakira zwar dafür gesorgt hat, dass immer noch genug lateinamerikanische und weltmusikalische Elemente in jedem Stück vorkommen, um ein Mindestmaß an Unverwechselbarkeit zu garantieren. Das Grundgerüst aber wurde von Pharrell entworfen - und kann sich in jeder iTunes-Playlist problemlos mit Beyoncé, Britney, Justin & Co. mixen lassen. Einzig das von Wyclef Jean ("Hips Don't Lie") produzierte "Spy" hat eine eigene Idee über einem altmodischen, coolen Disco-Groove, und auch die von John Hill und Sam Endicott (The Bravery) designten Songs "She Wolf" und "Men In This Town" (unbedingt ganz zuende hören!) enthalten jene Spuren von Originalität, die man erwarten konnte bei einer Künstlerin, die sich bisher stets ihre Eigenständigkeit bewahrt hat. "She Wolf" ist ein perfektes Pop-Album, das ist genau das Problem. (4) Andreas Borcholte

Editors - "In This Light And On This Evening"
(Kitchenware/Pias, 9. Oktober)

Es gäbe durchaus gute Gründe, die Editors gering zu schätzen: Die leicht arrogante Haltung in Interviews, die durch das bisher Erreichte bei weitem nicht zu rechtfertigen ist. Die auffallend platten, klischeedurchsetzten Texte, die Grube und Pendel sein wollen, aber doch nur Phrasen sind, die Tom Smiths heiligen Ernst und den weihevollen Bariton beinahe lächerlich erscheinen lassen. Die Polizeisirenen-Synthies, die Eurythmics ("Papillon"), Orchestral Manoeuvres In The Dark ("Bricks And Mortar"), Bauhaus oder Kraftwerk ("Eat Raw Meat = Blood Drool") plündern und die Hinwendung zum cleanen Synthie-Pop der achtziger Jahre markieren. Doch ignoriert man Worthülsen und diffusen Grusel, stellt man fest, dass "In This Light And On This Evening" eine recht gute Platte geworden ist. Und: Warum die avisierte Zielgruppe die Editors so aufregend findet. In "The Big Exit", auch im todtraurigen, tollen "The Boxer", beschränkt man sich musikalisch auf das, was den Stücken zuträglich ist, und der tiefschwarze Titelsong hält die Spannung bis zum letzten Ton. Einziges Problem: Sie wollen so gern gefährlich sein. Sich dabei aber nicht derart lächerlich zu machen wie die White Lies, ist eine sehr beachtliche Leistung. (6) Jan Wigger

The Ettes - "Do you Want Power"
(Kntrst/Universal, bereits erschienen)

Immer aufregend, wenn man dabei zusehen kann, wie sich eine Band weiterentwickelt. Und dann auch noch zum Guten. Ähnlich wie The Gossip rumpeln The Ettes aus Los Angeles, neuerdings in Nashville situiert, schon eine ganze Weile vor sich hin. Erst jetzt, mit ihrem dritten Album "Do You Want Power", fängt die sehr eklektische Mischung aus Garagenpunk, Indie-Rock und Sixties-Girl-Pop richtig an zu funkeln. Produziert wurde das Album von Greg Cartwright (Detroit Cobras, The Oblivions), einer Art Rick Rubin des US-Undergrounds. Die Parallelen zu The Gossip liegen auch hier auf der Hand: Wie Rubin glättete auch Cartwright einige Ecken und Kanten des Trios um Sängerin Coco Hames, schliff aber nicht gleich alles ab, was auf den früheren Platten interessant war. Anders als Beth Ditto und ihre Band orientieren sich die Ettes jedoch nicht in Richtung Funk und Disco, sondern verfeinern ihren Garagensound mal mit sehnsüchtiger Hippie-Romantik ("Seasons"), mal mit Whiskeytown-Country ("Love Lies Bleeding"), mal mit Folk-Blues ("While Your Girl's Away", "Walk Out That Doar"), in dem Jack White seine Finger gehabt haben könnte, wenn er nicht hier ausnahmsweise unbeteiligt gewesen wäre. "No Home", das vielleicht zukunftsweisende Stück des Albums, schließt dann den Kreis zwischen schroffer Punkrock-Attitüde und purem Pop mit trockenem White-Stripes-Beat und einem cleveren Depeche-Mode-Zitat. Willkommen in der Bedeutsamkeit. (7) Andreas Borcholte

Bad Lieutenant - "Never Cry Another Tear"
(Cooperative/Universal, 9. Oktober)

Über die strahlende Karriere von New Order müssen sicher keine weiteren Worte mehr verloren werden: Nur wer ein Problem mit Pop hat, wird die bleibende Qualität fast aller Arbeiten dieser Band aus Manchester abstreiten können. Nach einem weiteren Sandkasten-Streit mit Peter Hook hat Bernard Sumner nun das Feierabend-Projekt Bad Lieutenant ins Leben gerufen, das bizarrerweise mit insgesamt drei Gitarristen und ohne festen Bassisten operiert - der Blur-Beau Alex James, inzwischen passionierter Käsefabrikant, steuert hier und da etwas bei. Das eigentlich Bemerkenswerte an "Never Cry Another Tear" ist die absolute Überraschungslosigkeit der zehn Tracks: "Sink Or Swim" und "Twist Of Fate" eröffnen das Album auf hohem Niveau, "Running Out Of Luck" und "Head Into Tomorrow" sind erschreckend nichtssagend. Macht eine ordentliche Dreiviertelstunde, die ab und zu so klingt, als hätten fast alle Beteiligten während der Aufnahmen ihr Golf-Handicap verbessert. (5) Jan Wigger

The Mountain Goats - "The Life Of The World To Come"
(4AD/Beggars/Indigo, 9. Oktober)

Eine der wahrhaftigsten und originellsten neuen Rockbands der letzten Jahre ist das beste Beispiel dafür, wie wertlos und verlogen die Behauptung vom angeblichen Zusammenwachsen der Musikwelten ist: Abgesehen von jubelnden Publikationen in metalaffinen Online-Portalen und den handelsüblichen Hardrock- und Metal-Publikationen, fanden die zur Zeit stupend erfolgreichen The Devil's Blood im Mainstream bislang noch nicht statt. Doch wo die Leute unter sich sein wollen, wo der Leser nicht verschreckt werden darf und Altbekanntes verwaltet werden muss (die zehnte David Gray, die zehnte Black Crowes, Mikas kariöser Schrott-Pop, Matthew Bellamys Gejaule), ist eben manchmal einfach kein Platz mehr für einen einfachen Zweizeiler. Warum das alles in einer Rezension der Mountain Goats vorkommt? Weil John Darnielle ein weiteres famoses Album aufgenommen hat - das wieder einmal nur jene Menschen kaufen werden, die auch schon "The Sunset Tree", "We Shall All Be Healed", "Get Lonely" und all die anderen Platten dieses Abgehört-Dauergastes gekauft haben. Darnielle ist Agnostiker aus Notwehr, doch sämtliche Songtitel verweisen auf die Bibel. Nur dass dann auch noch alles mit "Ezekiel 7 And The Permanent Efficacy Of Grace" endet, glaubt ihm doch wieder keiner. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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