Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

MGMT machen jetzt Musik für alte Säcke, freut sich Jan Wigger - und gratuliert den großartigen Knalltüten dafür. Außerdem beobachtet er die Lakoniker von Turbostaat bei ihrem Kampf gegen das eigene Schicksal. Andreas Borcholte sucht unter den Fönwellen von She & Him ein bisschen Seele.


MGMT - "Congratulations"
(Sony Music, 9. April)

Anzahl der totzududelnden Sofort-Hits wie "Time To Pretend", "Kids" oder "Electric Feel": Null. Anzahl der Songs, die man als DJ in einer Discothek auflegen sollte: Null. Anzahl der gefühlten Beats pro Minute: Null. Die Kids werden keinen Schimmer haben, was da auf ihrer Festplatte dämmert, sie werden es auch nicht lieben können, doch für alte Säcke (wie uns) haben MGMT ein Album aufgenommen, das nach heutigen Maßstäben gar nicht existieren dürfte: voll von süchtig machendem weird Pop ("It's Working"), kosmischem Geflöte und Narreteien. Den Jingle-Jangle der frühen R.E.M. verbinden die New Yorker Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser mit der Zerschossenheit der Television Personalities ("Song For Dan Treacy") - und die Single "Flash Delirium" ist eine beglückend schwache Entschuldigung für einen Hit. "Congratulations" schließt an die haltbarere zweite Hälfte des Debüt-Albums "Oracular Spectacular" an, es hat nicht nur die traurigen Flausen von Syd Barrett und Julian Cope im Blut, sondern auch das Genie der Dukes Of Stratosphear und den barocken Cembalo-Pop von Michael Browns The Left Banke. In einem Interview erwähnten VanWyngarden und Goldwasser gar The Millennium, wohl im Vertrauen darauf, dass deren bahnbrechende Triple-LP-Compilation "Magic Time", die auch Stücke von Sagittarius, The Ballroom und Curt Boettcher versammelte, sowieso kein Mensch mehr kennt. Und ist das traumhafte, mit allen Vorzügen der Moody Blues ausgestattete "Siberian Breaks" wirklich zwölf Minuten lang? Grandios, ihr Knalltüten! (8) Jan Wigger

She & Him - "Volume Two"
(Domino/Rough Trade, bereits erschienen)

Wenn man Zooey Deschanel im Videoclip zur neuen Single "In The Sun" wie einst Britney Spears durch die Gänge einer Highschool hüpfen sieht, fragt man sich schon, ob das alles wirklich noch ironisch gemeint ist. Deschanel, nebenberuflich Schauspielerin, und Songwriter/Produzent M.Ward hatten vor zwei Jahren mit "Volume 1" für eine kleine Überraschung in der Indie-Szene gesorgt: Sympathisch vernachlässigte Produktion traf auf zuckersüße Melodien und Zooeys glockenhelle Stimme - ein fast perfektes Twee-Pop-Wunder. Und nun also Nachschlag. Am Konzept haben die beiden wenig geändert, abgesehen davon, dass das schöne Schrammelige des Debüts einem vollfetten Studiosound gewichen ist und alles in viel Siebziger-Jahre-Halleffekt getunkt wurde. So wird die Hommage zum Zitat, und "Volume 2" muss sich plötzlich nicht mehr mit aktuellen Freak-Folk-Platten messen, sondern mit Middle-of-the-Road-Klassikern von den Carpenters und anderen tingeltangeligen Easy-Listening-Alben der Ära mit den eingedrehten Fönwellen und eng sitzenden Rollkragenpullovern. Leider schneiden She & Him beim direkten Vergleich nicht so gut ab, was vor allem daran liegt, dass sich in den vordergründig fröhlich dahingeträllerten Songs (darunter eine Coverversion von NRBQs "Ridin' In My Car") über Liebe und Leid keine echte Melancholie, kein wirklicher Schmerz verbirgt: "It's okay, it's alright, we all get to slip sometimes, everyday", singt Deschanel in "In The Sun" - tut alles nicht weh, ist alles nicht so schlimm. Ist es aber eben doch, und das hatte Karen Carpenter ebenso kapiert wie zum Beispiel Nina Persson von den Cardigans. Bei She & Him hingegen herrscht eben eine emotionale Ödnis wie in einem Britney-Spears-Video. Musikalisch ist dieses zweite Album eine beeindruckend kompetente Nachinszenierung des Girl-Pops der Sixties und Seventies. Auf der Gefühlsebene sucht man vergeblich nach ein bisschen Seele. (4) Andreas Borcholte

Turbostaat - "Das Island Manöver"
(Same Same But Different/Warner, 9. April)

Wenn man auch nur eine einzige deutsche Band immer und immer wieder für ihre Songtitel loben muss, dann Turbostaat. Wir denken zurück an "Drei Ecken - ein Elvers", an "Arschkanone", "Der Frosch hat's versaut", "Warten auf Flitzi" und "Die Stulle nach dem Schiß". Die neue Platte fügt "Fraukes Ende", "Pennen bei Glufke" und "Urlaub auf Fuhwerden (Erwürg mich im Maisfeld)" hinzu und klingt kaum anders als die erstaunlich wenig diskutierte erste Turbostaat-Major-Veröffentlichung "Vormann Leiss" von vor drei Jahren. Zwischen Wipers, Sonic Youth und Jens-Rachut-Gedenk-Punk bewegen sich Turbostaat auch auf "Das Island Manöver". Das Schiff geht schon unter, die Lage ist prekär, doch Tobert, Peter, Marten, Jan und Rotze haben noch Zeit, um etwas Angst in morsches Holz zu ritzen: "Die Trauermärsche enden an den Gleisen/ Im Schlachtbahnhof war noch gut Betrieb/ Sind das etwa Eulen/ Man hofft sie fliegen irgendwann davon." Während die Gitarren gnädig fräsen, reagieren diese Lakoniker auf eine Welt, die sie nicht verstehen, nie verstanden haben und nie verstehen werden. "Aufgelöst in der ganzen Welt/ Und Angst vor allem Fremden, wie soll denn so was gehen?/ Eingesperrt sind wir immer noch/ Es beruhigt uns sogar, dass es so ist." Der Titelsong erzählt von kranker Schönheit, von hunderttausend Liter Blut und einem Gefühl, das niemand definieren kann. Der "Fünfwürstchengriff" ist doof, doch das stört keinen großen Geist. Turbostaat kämpfen gegen ihr Schicksal. Mit oder ohne uns. (7) Jan Wigger

Laura Marling - "I Speak Because I Can"
(EMI, bereits erschienen)

Laura Marling singt, dass ihr das alte England verschneit am liebsten ist, doch irgendetwas an dieser Platte fühlt sich russisch an. "I Speak Because I Can" ist das dunkle Pendant zu ihrem Debüt "Alas, I Cannot Swim", jener spektakulär unspektakulären Kollektion von Songs über Menschen, die die Künstlerin verließen, über blaue, schwere Nächte, die nie zu enden schienen, und verhinderte Götter, wie man sie eben am Wegesrand trifft, wenn man öfter unterwegs ist, als man sollte. Auf "I Speak Because I Can" liegt wieder diese gewisse Strenge auf Marlings noch junger Stimme, vielleicht auch die Last, die ein Talent immer dann tragen muss, wenn alles Gute, was man über es sagt, auch wirklich wahr ist. Man könnte "Goodbye England" oder "What He Wrote" hervorheben, doch Marling ist ein album artist, der auch Hera und Odysseus' Frau Penelope in ihre Stücke treten lässt, wenn es der Rahmen erlaubt. Überhaupt, die Lyrik: "You were so smart then in your jacket and coat/ My softest red scarf was warming your throat/ Winter was on us at the end of my nose/ And I never love England more than when covered in snow." Sweet dreams are made of this. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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