Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Von der triumphalen Rückkehr des Genies Kristof Schreuf berichtet Jan Wigger. Ebenfalls wieder ganz und gar da ist Paul Weller, jubiliert Andreas Borcholte - und macht einen charmanten Ausflug mit Bonnie "Prince" Billy in die späten Sechziger, als Frauen noch ganze Schlafzimmer zerlegten.


Kristof Schreuf - "Bourgeois With Guitar"
(Buback/Indigo, 16. April)

Schon als Kristof Schreuf für die Kolossale Jugend so unnachahmlich spitz und schorfig und unbegreiflich textete, als er danach Brüllen gründete und auf "Schatzitüde" in "Dämmerung canceln, Gesang stehen lassen (Tageslaune)" eine Gleichung mit drei Unbekannten aufstellte; spätestens aber, als Iris Radisch ihn für den Bachmann-Preis vorschlug und er den Text "Wahrheit ist das, wovon Männer gerne behaupten, dass es ihnen um sie geht" las und Ursula März den Satz "Vielleicht reicht bei mir im Kopf etwas nicht, bitte erklären sie es mir" aussprach, begann das alte Tasten und Sinnieren.

Denn man kannte ja Leute, die nicht nur Respekt, sondern Angst hatten vor Kristof Schreuf, die eingeschüchtert waren von seine wüsten Assoziationsketten und Textlawinen und nicht fassen konnten, dass er gern Käsekuchen isst, "Ride Like The Wind" von Christopher Cross mag und einmal anfing in einer AC/DC-Coverband. Schreuf, so erzählte man sich, sei verrückt. Um schnell und schreckhaft hinzuzufügen: "Im positiven Sinne!".

"Bourgeois With Guitar" ist nun die triumphale Wiederkehr eines Naturgenies: Schreuf nimmt sich Texte, Textfragmente oder Textruinen, die bereits durch Raum und Zeit schwirren ("Search & Destroy", "Highway To Hell", "Last Night A DJ Saved My Life", um nur einige zu nennen) und singt sie zu anderen, manchmal neuen, eigenen, manchmal zu altbekannten Melodien. Dem Text des The-Who-Erkennungsstücks "My Generation" ordnet Schreuf die Melodie von "Scarborough Fair" zu, während "A Walk In The Park" beschwört er Nick Straker, dessen Namen er an entscheidender Stelle in Simon & Garfunkels "Cecilia" einfügt. Das ungewohnt geräuschvolle Titelstück ist der Versuch einer Selbstbeschreibung: "Ich bin ein Bourgeois with a guitar/ Ich sehe aus wie ein Mensch/ Damit man mich erkennt/ Aber vom Kopf bis zu den Zehen/ Bin ich ein Riss/ Ich will durch Wände gehen." Die Verwendung des Wortes "wundervoll" in Zusammenhang mit Schreuf-Musik fällt schwer, doch die merkwürdige Gefasstheit von "Bourgeois With Guitar" verlangt danach. Und atmet das gar nicht mehr atemlose Gitarrenspiel nicht auch eine ganze Menge Tom Verlaine? History repeating! (9) Jan Wigger

Paul Weller - "Wake Up The Nation"
(Island/Universal, 16. April)

"Can't put my finger on it" heißt es in "Pieces Of A Dream", einem der erstaunlichen neuen Songs von Paul Weller. Erstaunlich deshalb, weil der bald 52 Jahre alte Modfather und Britpop-Pate nach seinem Opus Magnum "22 Dreams" eigentlich gar nichts mehr in der Schublade hatte: keine Tunes, keine Texte. The slate was clean, könnte man sagen. Und immer, wenn Weller an so einem Punkt in seinem Leben war, ließ er dem "changing man" freien Lauf: Aus The Jam wurde das politische Jazzpop-Projekt The Style Council. Als das nicht mehr funktionierte, machte er solo weiter und verpasste seinem aus Soul, R&B und Britrock gespeisten Sound eine gehörige Prise Naturlyrik und Folk. Das gipfelte in besagtem, zu Recht bejubelten Doppelalbum "22 Dreams".

Wie bei allen musikalischen Häutungen Wellers waren wohl auch diesmal private Erschütterungen mitverantwortlich: Sein Vater, ewiger Unterstützer und Manager, starb vor einem Jahr und seine langjährige Beziehung ging in die Brüche. Nur noch Trümmer, "pieces of a dream", blieben über. Produzent Simon Dine schleppte Weller dennoch ins Studio, um an ein paar Ideen zu basteln. Und so entstand aus einigen Skizzen und Loops nach und nach ein neues Album: Knappe 40 Minuten lang, vollgestopft mit modernsten Studio-Sounds und kurzen, harten und beseelten Rocksongs, die vor allem viel Frust und Ärger ventilieren. Mit "Wake Up The Nation" und "7 + 3 (Is The Striker's Name)" kehrt sogar das seit den Achtzigern verstummte Politik-Bewusstsein Wellers zurück in seine Musik: Er will wachrütteln, England aus seiner Lethargie reißen und hat dafür die Lautstärke kräftig aufgedreht. Straßenverkehrs-Beobachtungen wie "Fast Car/Slow Traffic" wecken Erinnerungen an alte Jam-Zeiten, als es um die "Sounds From The Street" ging, und auf zwei der neuen Songs spielt sogar Ex-Bandkamerad Bruce Foxton mit. "Slow Down" mahnte Weller damals, 1979, auf dem ersten Jam-Album "In The City". Inzwischen ist er von seiner beschaulichen Landpartie wieder in Londons Rush Hour angekommen. Aber langsamer werden? No way. Der Mann hat noch viel vor. Hat da gerade jemand Midlife Crisis gesagt? (8) Andreas Borcholte

Bonnie "Prince" Billy & The Cairo Gang - "The Wonder Show Of The World"
(Domino/Rough Trade, bereits erschienen)

"Happiness can live here still/If coming back you only will", singt Will Oldham alias Bonnie "Prince" Billy traurig in "With Cornstalks Or Among Them", einem seiner neuen Songs. Der Mann ist ja zufrieden mit sich und der Welt, wäre da nur nicht dieses Sehnen, nach Frauen, Sex und Spiritualität, etwas, was dem Ganzen einen Sinn gibt. Dieses Thema, vielfach variiert, hat sich in den letzten zehn Jahren, in denen Oldham zehn Alben veröffentlicht hat, kaum verändert: Das simple Leben könnte doch so einfach sein, warum ist es bloß so schwer? Für sein neues Werk hat sich Oldham erneut seinen Freund und Gitarristen Emmett Kelly eingeladen, der unter dem Pseudonym The Cairo Gang sogar mit in die Namenszeile durfte. Zusammen lösen sie sich vom burlesken, bissigen Sound der letzten LP "Beware" und stoßen tief in die Gefilde des Spätsechziger-Folks vor: James Taylor, Crosby, Stills & Nash, manchmal auch Richard Thompson und Fairport Convention blitzen in den von Kelly behutsam begleiteten Liedern hervor. Ein warmes, geborgenes Gefühl macht sich breit beim Hören dieser Wundershow am Lagerfeuer, in der von Frauen erzählt wird, die das Schlafzimmer zerlegen oder Probleme damit haben, wenn der Mann in "Troublesome Houses" einkehrt, in Hurenhäuser also. Mit dem demütigen Schulterzucken des Sünders, der weiß, dass Vergebung keine Option ist, singt Oldham, begleitet von seinem eigenen Chorgesang, mystisch verschlüsselte ("Merciless And Great") oder melancholische Büßerballaden wie "Teach Me To Bear You", einen schleppenden Blues, der in ein wunderschön klares und klirrendes Gitarrensolo mündet. Im wankenden Trauermarsch "Go Folks, Go", das über einen grandios implodierenden Refrain verfügt, fordert er uns dann alle dazu auf, auf unseren Körper und unser Hirn zu hören. Da funkelt er dann wieder, dieser seltsam anarchische Humor dieses großen Songwriters. Ansonsten hat man Will Oldham lange nicht so nachdenklich, fast schon andächtig erlebt. Im letzten Song, "Kids", beschäftigt er sich ausführlich mit der Angst vor dem Altern. Wahrscheinlich steht die nächste musikalische Verpuppung kurz bevor. (9) Andreas Borcholte

Caribou - "Swim"
(City Slang/Universal, 16. April)

"The sound of the summer!" trompetete ein Angestellter des "New Musical Express", das Magazin "Mixmag", eher erster Ansprechpartner in Sachen Clubkultur, sprach von "luscious, sparkling songs that give up more with every listen". Das aber betraf die feine Beach-Boys-Hommage "Andorra", für die Dan Snaith alias Caribou vor drei Jahren gefeiert wurde. Songs schreibt Snaith heute nicht mehr, nur noch skizzenhafte Tracks, deren Geräuschhaftigkeit Brian Wilson zutiefst erschrecken würde. Allerdings hat Sandra Bullock für ihren Auftritt in John Lee Hancocks plumper Sozialschnulze "The Blind Side" einen Oscar erhalten - warum also nicht auch "Swim" den Preis für musikalische Innovation verleihen, es für Free Jazz-Anklänge, samtweichen Techno und ungewöhnliche Bläser-Einsätze würdigen? All das findet sich auf der neuen Caribou-LP, doch warum ausgerechnet "Bowls" und "Hannibal" zu den Kostbarkeiten des Frühlings zählen sollen, müsste ein Intellektueller besser beantworten können. Toll aber: Das zischelnde "Odessa" mit Kuhglocke und anämischem Whitest-Boy-Alive-Gesang. (5) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 10044 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.