Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
James Murphy (LCD Soundsystem)
Foto: Michael Buckner/ Getty Images
LCD Soundsystem - "This Is Happening"
(Parlophone/EMI, bereits erschienen)
"It's time to get away", sang James Murphy bereits auf seinem letzten Album "Sound Of Silver". Die Ankündigung, dass "This Is Happening" nun seine letzte Veröffentlichung als LCD Soundsystem sein würde, kam also nicht wirklich überraschend. It's better to burn out than to fade away, diesen ewigen Rocker-Satz mag der inzwischen 40 gewordene New Yorker verinnerlicht haben. Über die letzten Jahre wurde sein zickiges Ego-Projekt, eine hyperambitionierte Fusion von Punkrock und Disco, zur Killer-Applikation in den angesagten Clubs der wichtigsten Großstädte. Aber um Ruhm ging es Murphy eben gerade nicht; sein Interesse war rein produktionstechnischer, wenn nicht akademischer Natur. Im Geiste eines echten Punks wirft er nun also die Brocken hin, bevor er von der alles verwertenden, schnell verdauenden Star- und Hype-Maschinerie aufgefressen wird: "You wanted a hit/ But maybe we don't do hits/ I try and try/ It ends up/ Feeling kinda wrong", postuliert er in "You Wanted A Hit", dem Song, der die ganze Schizophrenie eines modernen Popmusikers auf den Punkt bringt: authentisch, interessant und aufregend bleiben bei maximaler Durchdringung des Mainstreams. Ironischerweise (oder aber mit perfidem Kalkül) gelingt Murphy mit "This Is Happening" natürlich genau das. Unverhohlen zitiert er noch einmal seine großen Vorbilder, die Talking Heads ("Dance Yrself Clean", "Pow Pow"), Brian Eno, David Bowie... und schmeißt sich mit der vordergründig dumpfen Glamrock-Single "Drunk Girls" so gemein an die Springbreak-Meute heran, dass es subversiver schon fast gar nicht mehr geht. Der Grad an Perfektion, den Murphy im Studio bei der Konstruktion seiner absolut zwingenden Beats und Rhythmen erreicht hat, ist beeindruckend. "You Wanted A Hit" konterkariert den Inhalt des Textes mit dem eingängigsten Groove des ganzen Albums. Allein der Opener "Dance Yrself Clean" lullt mit einem langen, warmen perkussiven Intro ein, um dann in einen zappelnden, brutalen Techno-Rhythmus zu münden, über den Murphy brüllt: "It's your show!". Man stellt ihn sich dabei in einer Gummizelle vor. Um dort nicht zu landen, macht er nun Schluss. Und hinterlässt uns dieses Monster einer letzten Platte. Sein Hit. Unsere Show. (9) Andreas Borcholte
Marina & The Diamonds - "The Family Jewels"
(Warner, bereits erschienen)
Little Boots: zu billig. La Roux: zu cool. Lady Gaga: zu viele Hits. Lena Meyer-Landrut: eine göttliche Erscheinung, jedoch kein Weltstar. Ich kann mir nicht helfen, aber es ist ausgerechnet das Debütalbum von Marina & The Diamonds, das zumindest zu zwei Dritteln an einen olympischen Glücksmoment anschließt: dem ersten Hören von Gwen Stefanis "Hollaback Girl". Marina Diamandis, 24, vermischt auf "The Family Jewels" die Natürlichkeit der jungen Kim Wilde, die Chuzpe Lily Allens, die guten Momente der frühen Pat Benatar und die naturgemäße Unantastbarkeit von Abba (die für rund 85 Prozent der Bridge von "Shampain" verantwortlich sein dürften). Noch schöner als das schmissige, auf der Stelle einprägsame Hit-Material wie "I Am Not A Robot", "Mowgli's Road", "Are You Satisfied?" und "Hollywood" aber sind die aufrichtigen Bekenntnisse in den eher unscheinbareren Stücken: "I'm a cloud drifting by dripping tears from the sky/ I'm a snail without a shell/ Leper with a golden bell" ("Ruthless"). Oder: "Forgo family/ Forgo friends/ It's how it started, how it ends/ I can't open up and cry/ Cause I've been silent all my life" ("Numb"). Poesiealbumseinträge, vielleicht, doch wer erwartet schon, dass die neuen Mädchen zu Gottfried Benn und Ornette Coleman swingen? Außerdem kommt die Beerdigungstapete aus "Garden State" zum Vorschein, wenn man die CD aus dem Jewel Case nimmt. Sweet! (7) Jan Wigger
Jamie Lidell - "Compass"
(Warp/Rough Trade, bereits erschienen)
Wenn man den in New York lebenden Briten Jamie Lidell bei einem seiner phantastischen Live-Auftritte erlebt, wie unlängst in Hamburg, dann kann man sich die Frage stellen, warum der Mann nicht mindestens so berühmt ist wie, sagen wir, Justin Timberlake. Denn Lidell braucht keine Neptunes oder Timbalands als Hintermänner, die ihm einen coolen Sound auf den Leib schneidern, er macht das (fast) alles selbst - hat trotz Nerd-Anmutung und Schlaksigkeit eine enorme Bühnenpräsenz und singt noch dazu wie ein Soul-Crooner der ersten Stunde - pretty fly for a white guy! Mit "Compass" hebt Lidell, ein guter Kumpel von Leslie Feist und Gonzales, den Neo-Soul seiner letzten LP "Jim" auf ein ganz neues Level: Musikalische Grundversorgung leisten elektronische Beats, Schlagzeug, Gitarre, Saxophon und allerlei Sounds aus verschiedenen Dosen. Der skelettierte, aufs Wesentliche reduzierte Swingbeat und Funk, der dabei - mit Unterstützung von Beck - entstanden ist, wäre schon genug für ein anständiges Album, doch Lidell wirft sich mit so viel Seele in seine neuen Lieder, die natürlich von Liebesleid handeln, dass "Compass" zur Herzensangelegenheit wird. Allein das Titelstück, das einzige, was eher in einer Rock- als Soul-Tradition steht, rührt zu Tränen. In "The Ring" erzählt Lidell über einem knarrenden Funk-Blues von Dingen, die einfach nicht zusammenpassen: "He was just a dreamer, she was just a dream". "Enough is Enough" verneigt sich vergnügt vor den Jackson Five, und mit dem schön vertrackten "I Wanna Be Your Telephone" zeigt Lidell, dass er es als Komponist und Songwriter in seinen besten Momenten sogar mit Prince aufnehmen kann. Für den Mainstream ist diese radikale Indie-Umdeutung von R'n'B und Soul dann natürlich immer noch zu eklektizistisch. Was schade ist, irgendwie. (8) Andreas Borcholte
The Fall - "Your Future Our Clutter"
(Domino/Indigo, bereits erschienen)
Es ist richtig und falsch zu sagen, dass man alle The-Fall-Platten kennt, wenn man eine kennt. Wer nur eine kennt, hat womöglich Mark E. Smiths komischste Songtitel verpasst: "The League Of Bald-Headed Men", "Ibis Afro-Man", "Hey! Student", "Early Days Of Channel Führer", "Hotel Bloedel" oder "Hexen Definitive/Strife Knot", so nennt Smith sein missvergnügtes Gerumpel, um gute Laune zu verbreiten. Andererseits hat Smith den typisch leiernden und beinahe auseinanderfallenden The-Fall-Habitus in der Vergangenheit nur wenig variiert, auch wenn zu jeder Veröffentlichung wieder von Proto-Punk, Country-Twang, kaputtem Blues und spukigem Saloon-Folk geredet wird. Und nein: "Your Future Our Clutter" ist ausnahmsweise nicht das beste Fall-Album aller Zeiten. In "Hotcake" hört man noch einmal die unnachgiebigen Gitarren, die Tocotronic sich für "Aber hier leben, nein danke" geliehen hatten, dazu zwei Cheerleaderinnen auf dem Weg in die ewige Verdammnis: "Ah-Ah-Ah-Uh". Mark E. Smiths Lustlosigkeit ist Legende: Mal lallt er demotiviert "We're gonna get married" (oder etwas Ähnliches) ins Mikrofon, mal brummelt er muffig zu Störgeräuschen und Instrumenten, die im Hintergrund gerade den Geist aufgeben. Das letzte Stück zerstört Smith in der Mitte, noch bevor man der heimeligen Melodie auf den Leim gehen kann. Er bedauert den Konsum von amerikanischen Fernseh-Krimis: "I watched 'Murder She Wrote' at least five times/ The cast deserved to die." Gutes Album für Fans und Bewunderer des unwirschen Schrott-Poeten. (6) Jan Wigger