Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Welten, die immer schon zueinander finden wollen, vereint der dänische Techno-Musiker Anders Trentemøller in seinem großartigen neuen Album, schwärmt Jan Wigger - und lobt Ellen Allien für ihre Großstadt-Sinfonie "Dust".

Trentemøller - "Into The Great Wide Yonder"
(In My Room/Rough Trade, 28. Mai)

Eine Ahnung hatte man schon immer, sei es beim Hören des waldigen Melancho-Meisterstücks "The Last Resort" oder der ungleich vehementeren Zusammenstellung "The Trentemøller Chronicles", in denen der Däne Anders Trentemøller auch Moby, The Knife, Röyksopp und Robyn remixte. Die Ahnung nämlich, dass es niemand, wirklich niemand so verlässlich schafft, Minimal Techno, groß gedachten House und weiträumige Elektronik so auf Platte zu bannen. "Into The Great Wide Yonder" ist ein wundervolles Beispiel für die zwanglose Vereinigung mehrerer Welten, die zueinander wollen: Es gibt traumhaften, sich spielend leicht verästelnden 4AD-Feingold-Folk ("Neverglade"), bei dem man nie und nimmer auf Trentemøller getippt hätte, ein Track, der die morbide Schwingung der letzten Portishead-LP wieder aufgreift ("Past The Beginning Of The End") und das gedankenschwere "Sycamore Feeling", auf dem zwar nicht Polly Jean Harvey singt (sondern die ähnlich bösgelaunte Marie Fisker), das aber dennoch klingt, als würde es zu Harveys "Is This Desire?" gehören. Im Zwischenreich von "Tide" endet "Into The Great Wide Yonder": Keine Heimstatt, nur ein letzter Rest von Frieden. (8) Jan Wigger

Ellen Allien - "Dust"
(Bpitch Control/Rough Trade, bereits erschienen)

Während man noch einmal das friedliche (und wohl auch etwas süßliche) "Frieda" von Ellen Alliens letztem Album "Sool" hört, denkt man darüber nach, wie großartig es eigentlich ist, dass Alliens Welt keine Mauern kennt, dass sie sich wie selbstverständlich durch jedes Dunkel singt und Glitzerstaub, Synthie-Pop, Techno-Reste und gütige Disco-Tracks auf einer Platte wie "Dust" ihren Platz finden können, ohne dass es jemals befremdlich wird. Alliens Fähigkeit zum Stehenbleiben und Innehalten ist hinter Wolken verschwunden, wir finden sie in jeder ersten Bahn nach Sonnenaufgang, im kühlen Morgendunst von "Our Utopie", den neuen Tag in Händen: "1...2...3.... and we're still here." Durch "My Tree" weht eine Klarinette, ein Glockenspiel hellt "Ever" auf, in "You" klingen eine Joy-Division-Bassline und Alliens eher kindliche Gesänge seltsam zusammen. Eine Sinfonie der Großstadt in zehn Sätzen. Bis uns die nächste Nacht verschluckt. (8) Jan Wigger

The Radio Dept. - "Clinging To A Scheme"
(Labrador Records/Broken Silence, bereits erschienen)

Wenn Plattenfirma und Kritiker von Saint Etienne, den Pet Shop Boys und The Jesus & Mary Chain sprechen und übereifrig bekannt geben, das My-Bloody-Valentine-Album nach "Loveless" sei endlich gefunden, der Schatz gehoben und die Oper zu Ende, ist Vorsicht geboten. Andererseits bleibt der beinahe körperlose, leichenblasse Shoegaze-Pop, den die schwedischen Radio Dept. auch auf "Clinging To A Scheme" wieder spielen, ein flüsterndes Vergnügen. Das hohlwangige "Domestic Scene" schließt direkt an Slowdive an, in "Never Follow Suit" wird auf leiseste Art und Weise auch Reggae integriert. Man kann es sich behaglich einrichten in dieser silberweißen Welt aus unaufdringlichen Synthie-Flächen, aus Flauschigkeit und kühler Eleganz. Alle zehn Songs auf "Clinging To A Scheme" künden von hoffnungslos idiosynkratischen Musikern, von empfindlichen Connaisseuren, Zuhausebleibern und Sonderlingen, die sich irgendwann bedingungslos entschieden haben für "Victorialand", für "Souvlaki" und "Behaviour". Den letzten Traum vor Augen. (6) Jan Wigger

Extra Life - "Made Flesh"
(Loaf Recordings/Alive, bereits erschienen)

Die Plattenfirma wird es schon wissen: "Extra Life combines elements of medieval chant, metallic hardcore, dark neofolk, abstract modernism and lush pop." Sozusagen Michael Cretus Enigma, Sick Of It All, Current 93, The Residents und Lucky Soul vereint auf einer 45-minütigen Platte. Oder, wie es das ZDF-Morgenmagazin in Anwesenheit von Jochen Distelmeyer ausdrücken würde: "Keine leichte Kost"! Trotz allem funktionieren die rauschenden Kompositionen (die tatsächlich an David Tibet, aber auch an Xiu Xiu oder die wirreren Momente von Death In June gemahnen) ebenso gut wie das industrielle Kratzen und die hundsgemeinen Angriffe aus dem Hinterhalt, die man beispielsweise von Neurosis kennt. Die Hörerschaft für "Easter" und das überlange, vom erbarmungslosen Bass-Spiel getragene "The Body Is True" dürfte sich in Grenzen halten, doch wie schonungslos der New Yorker Charlie Looker auf "Made Flesh" seine Vision verfolgt, beeindruckt nachhaltig. Wie wohl der "Head Shrinker"-Remix von Tyondai Braxton (Battles) klingen wird? The principle of evil made flesh, hier ohne Mascara und Blutfontänen. (7) Jan Wigger

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