Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Inmitten von Fangesängen, Fackeln im Wind und sonstigen Zumutungen findet Jan Wigger Trost beim britischen Songpoeten Johnny Flynn und dem neuen Album der Television Personality Dan Treacy. Andreas Borcholte lässt sich von Uffies altem Kram überraschen.

Johnny Flynn - "Been Listening"
(Cooperative Music, Universal, bereits erschienen)

Weil immer dann, wenn Deutschland wieder schwarz-rot-geil wird und Bushidos grenzenlos debiles "Fackeln im Wind" aus hochgekurbelten Autofenstern röhrt, der Unsinn unerträglich wird, haben wir einmal die fünf unsinnigsten Aussagen seit 11. Juni, 16:00 Uhr zusammengetragen. Platz 1: "Ob Lionel Messi wirklich der beste Fußballer aller Zeiten ist, muss man erst noch abwarten." Platz 2: "Es ist sehr angenehm, das neue Album der einst erfolgreichen Rockgruppe Hot Hot Heat zu hören." Platz 3: "Es ist sehr angenehm, das neue Album der einst erfolgreichen Rockgruppe We Are Scientists zu hören." Platz 4: "Die zwanzigminütigen Keyboard-Exzesse von Emerson, Lake & Palmer sind überhaupt nicht nervtötend, sondern viel besser als ihre einfachen Folksongs." Platz 5: "Stefan Gwildis ist der deutsche James Brown." Und dann schnappt man im Gewühl den Namen Johnny Flynn auf, geht nach Hause, denkt: "Da war doch was!" und legt "Been Listening" auf. Ein besonderer Klang, eine besondere Stimme: Johnny Flynn hält sich nur an die Größten, zählt Shakespeare, Yeats und Hesse zu seinen Einflüsterern und singt fast wie ein junger Richard Thompson, dessen bitterer Humor und Beißfreudigkeit freilich unerreicht bleiben. "Churlish May" und "The Water" sind schönster literate folk, doch es sind das Foto im Booklet (Flynn im zugestellten Jugendzimmer auf dem Bett liegend, ein Buch lesend) und die entscheidenden Worte aus "Lost And Found", die bleiben werden: "Just a lonely radio/ Just a makeshift show and tell/ Playing out the lives of the lost and found." Shoot out the lights! (7) Jan Wigger

Uffie - "Sex Dreams And Denim Jeans"
(Ed Banger Records/Warner, bereits erschienen)

Ist das jetzt die Offenbarung? Das definitive Electro-Album des Jahres? Die Antwort auf alle offenen Fragen zum Zustand der Popmusik? Nö. "Sex Dreams And Denim Jeans" ist zunächst mal nicht mehr als das erste Album von Uffie. Dass so ein Wirbel darum gemacht wird, liegt nur daran, dass es eigentlich schon vor vier Jahren hätte erscheinen sollen. Aber, man hat's ja schon überall gelesen, es kamen eine Hochzeit, ein Baby, eine Scheidung und viel Feierei auf zu vielen Partys dazwischen. Insofern ist die DJane Anna-Catherine Hartley, geboren in Miami, aufgewachsen in Hongkong, wohnhaft in Paris, ein Versprechen, das lange auf seine Einlösung wartete. In der Popmusik geht es um Timing, um das Ausnutzen des richtigen Hype-Moments, ums Erstrahlen in genau den 15 Minuten Ruhm, die das Schicksal dir zuweist. Uffies Viertelstunde war 2006, als sie mit ihrer von DJ Feadz produzierten Single "Pop The Glock" (B-Seite "Ready To Uff") erstmals aufhorchen ließ. Die Kombination aus dem angesagten Pariser Label Ed Banger, erlesenen französischen Beats und dem koketten Schmuddel-Charme der blonden Amerikanerin wurde zum nächsten großen Ding erklärt. Und jetzt wird noch einmal versucht, diesen Moment zurückzuholen - aber vier Jahre sind in der Popmusik eine halbe Ewigkeit. Überraschend ist deshalb, dass vieles auf Uffies Album frischer klingt, als man vermuten würde. Selbst das gute alte "Pop The Glock" hat kaum an Strahlkraft verloren; die mit Pharrell Williams zusammen aufgenommene Single "ADD SUV" rollt gemächlich, aber selbstbewusst aus den Boxen und "Give It Away" begeistert mit lustig irrlichternden Synthie-Melodien. Richtig interessant ist es immer dann, wenn Uffie zwischen Rapperin und leicht verkaterter Indiepop-Sängerin pendelt, dann werden das mit einem Lou-Reed-Sample straßenfein gemachte Titelstück und die gelungene Coverversion von Siouxies "Hong Kong Garden" zu Genre-Grenzgängern, die auch die schnelle Hype-Taktung der Electro-Szene überdauern können. "Sex Dreams And Denim Jeans" ist ein Sammelalbum der vergangenen vier Jahre, und dennoch wirkt es immer noch aktueller und eleganter als alles, was Epigonen wie Ke$ha je fabriziert haben. Das nächste große Ding ist Uffies zweites Album. Wenn es das jemals gibt. (6) Andreas Borcholte

Television Personalities - "A Memory Is Better Than Nothing"
(Rocket Girl/Rough Trade, bereits erschienen)

Als "11 Freunde"-Chefredakteur Philipp Köster in der herausragenden Dokumentation "Warum halb vier?" von frühen gemeinsamen Erlebnissen mit Arminia-Bielefeld-Fans ohne vollständige Zahnreihen erzählte, dachte man sofort an Dan Treacy. Ihn als tragischen Fall zu bezeichnen, wäre ein Euphemismus und sollte er neue Zähne benötigen, so fehlte ihm das Geld dafür. Doch nicht nur in den beschädigten Songs von Peter Doherty erkennt man Treacys Schatten, auch Hefner und Beat Happening dürften den traurigen Poeten, dessen Lieder oft auf halbem Weg auseinanderfielen, zumindest von weitem bewundert haben. Nimmt man ein TVP-Album wie "My Dark Places" (2006) als Maßstab, ist man über den geradezu vergnügten Titelsong "A Memory Is Better Than Nothing" einigermaßen verwundert. Nicht aber über "She's My Yoko", eines der kompositorisch bestechendsten, in seiner scheinbaren Einfachheit anrührendsten Stücke der letzten zwanzig Treacy-Jahre: "I've been mad and I've been bad/ I've been glad and I've been had/ Well that's me, that's just Daniel." Dan Treacy hätte größer als die Beatles sein können, doch er hat lieber sein Leben weggeworfen. Manchmal ist das die bessere Alternative. (8) Jan Wigger

Stars - "The Five Ghosts"
(Vagrant/Alive, 25. Juni)

Viele musikfachkundige, unverdächtige Menschen singen seit Beginn des Jahrtausends das Loblied auf die kanadische Band Stars. Und enthüllte Montreals zweitgrößter Stolz dann einmal einen denkwürdigen Pop-Moment wie die Prefab-Sprout-Danksagung "The Ghost Of Jenova Heights", dann hoffte man auf ein ganzes Album auf ähnlich hohem Niveau. "The Five Ghosts" ist nun nicht nur die fünfte Stars-LP, sondern auch die Quintessenz des eigenen Schaffens, wie Vokalistin Amy Millan nach den Aufnahmen beglückt bemerkte. Was bisher störte an den Stars: Der allzu konziliante, watteweiche Schwebesound. Der püppchenhafte Feengesang Millans, das Fehlen von Zerstörungswut und sogenannten Ecken und Kanten. "The Five Ghosts" aber verführt mit dem La-Roux-light-Sound von "The Passenger", sprühendem Pop ( "I Died So I Could Haunt You") und einem immer noch etwas dunkler werdenden Abgesang ("Winter Bones"), der im besten Falle Indiz dafür sein könnte, wo die Band in drei, vier Jahren stehen wird. Wer sich jetzt noch langweilt, sollte gute Gründe nennen. (7) Jan Wigger

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