Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Belle and Sebastian sind über jeden Zweifel erhaben. Aber warum mussten sie sich ausgerechnet mit Norah Jones einlassen, fragt Jan Wigger - und versucht sich an der Ehrenrettung der Münchener Freiheit. Andreas Borcholte unternimmt mit Neil Young eine schamanische Reise durchs Gitarrenfeedback.


Belle and Sebastian - "Write About Love"
(Rough Trade/Beggars/Indigo, 8. Oktober)

Ihre Liebe klebt. Trotzdem haben ausgerechnet die unfehlbaren Belle and Sebastian einen Song mit Norah Jones aufgenommen, der sich nun wie bestellt und nicht abgeholt auf "Write About Love" befindet. Doch die süße Wehmut der längst nicht mehr rehäugigen Pfadfindergruppe aus Schottland verträgt sich nicht mit Sex-on-the-beach-highballs und dem immer etwas zu beseelt gehauchten, zartbitteren Krankenhausfahrstuhl-Singsang der hochdekorierten Leidensamsel. What a waste! Gleich vor "Little Lou, Ugly Jack, Prophet John" bezaubern Belle and Sebastian mit dem wundervollen "I Want The World To Stop", in dem Stuart Murdoch sich wünscht, jeden Abend um zehn eine Nachricht an dieselbe Person zu verschicken und am Schluss schnell noch Balzac und Bach unterbringt. Von Anfang an waren Belle and Sebastian keine Band, die man gern mit anderen teilen wollte. Dann wurden sie sichtbar, gaben Interviews, spielten Konzerte in regulärer Konzert-Lautstärke und brachten mit "The Life Pursuit" ein irritierendes, großartiges Album heraus, dessen Glam-Pop so glitzernd und betriebsam war, dass man die kleine Band, die einmal "Beautiful" und "We Rule The School" geschrieben hatte, dahinter kaum noch erkannte. Wer aber würde sie dafür hassen? Von "The State I Am In" (1996) bis "Sunday's Pretty Icons" (2010) gab es in den Liedern von Belle and Sebastian immer eine tröstliche Konstante: den Intellekt, den geistreichen, verletzlichen Witz. Deshalb zeigt das Booklet von "Write About Love" ein Bandmitglied und sein Mädchen. Beide sitzen Rücken an Rücken in einer Traumlandschaft, die entfernt an den Connemara National Park erinnert. Sie liest Keats, er Yeats. Obwohl der Rahmen stimmt, überschreiten Belle and Sebastian auf zwei, drei Songs von "Write About Love" erstmals die Grenze zum Schmalz. Gut sind aber "I Can See Your Future" und Stevie Jacksons "I'm Not Living In The Real World". Delektabel oder deplorabel? Diesmal irgendwo dazwischen. Knapp: (7) Jan Wigger

Neil Young - "Le Noise"
(Reprise/Warner, bereits erschienen)

Es stimmt natürlich nicht, dass die merkwürdigsten Alben von Neil Young auch die besten sind. Das würde ja bedeuten, dass zum Beispiel Youngs Umarmung des Achtziger-Jahre-Elektropops auf "Trans" oder zuletzt die Ode ans Elektromobil ("Fork In The Road") mehr Strahlkraft hätten als "Everybody Knows This Is Nowhere", "Tonight's The Night" oder "Rust Never Sleeps". Aber zumindest wurde es immer ziemlich interessant, wenn Young mal wieder einen Schritt zur Seite machte, eine komische Idee unbedingt umsetzen wollte - oder einfach nur seinem Bauch oder Herzen gefolgt ist. So ist auch "Le Noise", Youngs ungefähr 50. Album, kein leicht verdauliches "Harvest Moon" geworden, sondern ein karges, von tiefer Verzweiflung geprägtes Album, das man fast schon als Antithese zum gesetzt-saturierten Alterswerk bezeichnen könnte. Es gibt nur Neil Young und seine Gitarren zu hören, allerdings geisterhaft verfremdet, geloopt und verzerrt von U2-Produzent Daniel Lanois (man beachte die Hommage im Albumtitel), der etwas ähnliches schon einmal mit Robbie Robertson für dessen Solodebüt gemacht hat: Einfach mal den Dämonen freien Lauf lassen. Wo Rick Rubin bis zur Essenz reduziert, fügt Lanois dem vom Ballast befreiten Sound seiner Schützlinge oft etwas Schamanisches hinzu, weshalb sich viele Songs auf "Le Noise" anhören, als seien sie, womöglich induziert durch alte Inka-Drogen, aus einer fernen Vergangenheit herübergeweht. Und die Vergangenheit ist es, über die Young in seinen acht größtenteils neuen Stücken meditiert. In der fragilen Ballade "Love And War" zum Beispiel fragt er sich, warum er nach so vielen Songs über diese Themen noch immer keine Ahnung hat von Liebe und vom Krieg, es ist halt eine "Angry World", wie ein anderer, zorniger Song heißt. "Hitchhiker", ein Überbleibsel aus den Siebzigern, fasst Youngs verschlungene Drogen-und Desperado-Karriere in bestürzender Offenheit zusammen, um mit der Aussage zu enden: "I've tried to leave my past behind, but it's catching up with me." Zwei enge Freunde Youngs starben in den vergangenen Monaten, der Filmemacher Larry Johnson und der Steel-Gitarrist Ben Keith. Vielleicht hat dieser Verlust den inzwischen 65-jährigen Young dazu bewogen, die Jahrzehnte zu transzendieren und eine Art düstere Bilanz zu ziehen. Und was bleibt, ist das durch die Ewigkeit wabernde Feedback der Gitarren. Doch es gibt Hoffnung: "Someone's Gonna Rescue You" heißt ein Song auf "Le Noise". Es ist der beste auf diesem merkwürdigen, irgendwie rührenden Album voll unheimlicher Resonanzen. (7) Andreas Borcholte

Münchener Freiheit - "Ohne Limit"
(Koch/Universal, 1. Oktober)

Als ich einmal die Münchener Freiheit treffen durfte und sogleich Setlist-Vorschläge für die kommende Tour einreichte, konnte sich Sänger Stefan Zauner gar nicht mehr an all seine Songs erinnern. "Schuld war wieder die Nacht", "In der Mitte dieser Nacht", "Zeig mir die Nacht", "Schenk mir eine Nacht" - wer zur Hölle soll das nach all den Jahren noch auseinanderhalten können? Zauner, früher Mitglied bei Amon Düül 2, gab Yes, Genesis und die Beatles als Haupteinflüsse für sein künstlerisches Schaffen an. Ein Album von Prefab Sprout besaß nur Bassist Michael Kunzi. Weil kaum jemand, der sich abfällig über die Münchener Freiheit äußert, mehr als die Hits aus dem Hausfrauen-Radio kennt, macht ein Diskurs über Sinn und Unsinn dieser mal fabulösen, mal furchtbaren Gruppe wenig Sinn. Ein paar der schönsten Lieder aus 30 Jahren seien an dieser Stelle dennoch genannt: "Hier, jetzt und vielleicht in Ewigkeit", "Mondlicht", "Zwei wie du und ich", "Einfach wahr", "Diana", "Dann versinkt die Welt in Schweigen", "Einfach bleiben", "Stell dir vor", "Liebe auf den ersten Blick". Das aktuelle, etwa hundertste Album der Münchener Freiheit leidet unter dem bekannten Grundproblem: Wer diese Musik für Schlager hält, der will auch Schlager haben und ist über Zeilen wie "Seit der Nacht mit dir/ Ist ein Feuerwerk in mir" hocherfreut. Wer aber ein Stück wie "Ich halte zu dir" als den so ehrenwerten wie verzweifelten Versuch betrachtet, die späten Beach Boys ins Deutsche zu übersetzen, wird spätestens beim Konzert sein blaues Wunder erleben: Lauter über dem Kopf klatschende Bierdeckelsammler in Stonewashed-Klamotten, die es nach Feuerzeug-Einkauf und "Schwiegertochter gesucht" gerade noch pünktlich in den Club geschafft haben. Legen sie die 87-Cent-Platte "Purpurmond" trotzdem in ihren Einkaufskorb. Sie werden es (nicht) bereuen. (5) Jan Wigger

Jimmy Eat World - "Invented"
(DGC Records/Universal, bereits erschienen)

Nach der letzten LP "Chase This Light", auf der diese einst so gewichtigen Emo-Apostel bereits klangen wie Collective Soul (und mit dem scheußlichen "Electable (Give It Up)" in nur knappen drei Minuten jeden Kredit verspielten), konnte es nur besser werden. Oder doch nicht? Abgesehen vom dümmlichen "Higher Devotion" findet man auf "Invented" kaum gravierende Ausfälle. Oder wie der "Rock it!"-Rezensent es ausdrücken würde: "Das Ding läuft mir gut rein!" An Rockmusik im Sinne von "Bleed American" oder "Blister" scheinen Jimmy Eat World jedoch nur noch wenig Interesse zu haben: Was hier durch bloße Geschwindigkeit mitreißt, ist meist nicht mehr als ein halbdunkles "Clarity"-Echo; was hübsch gedacht ist ("Littlething"), wird durch Streicher, die da gar nicht hingehören, geraden Weges in die Kitschfalle gelenkt. Und das von einer Band, die mit "Hear You Me" bereits eine Ballade geschrieben hat, die tatsächlich etwas bedeutet! "Coffee And Cigarettes" und "Invented" sind jedoch toll und Gesamtbeschwerden nicht angebracht: Die Platte ist mindestens ebenso annehmbar wie die neue Münchener Freiheit. Rock-Typen, die jetzt erst mal würgen müssen, sollten schnell zum Kiosk laufen: Der neue Titus-Katalog ist da. (6) Jan Wigger

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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