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05. Oktober 2010, 15:04 Uhr

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Keiner bringt die Unübersichtlichkeit der modernen Zeit besser auf den Punkt als Sufjan Stevens mit seinem kaleidoskopischen neuen Album, staunt Andreas Borcholte und versucht, mit dem Naturgeist Antony Hegartys in Einklang zu kommen. Jan Wigger schwelgt in Jens Friebes Snob-Pop.

Sufjan Stevens - "The Age Of Adz"
(Asthmatic Kitty/Soulfood, 8. Oktober)

Neulich, nachts an der Bar, fragte mich ein Freund, was der Sinn einer Plattenkritik sei, wenn das rezensierte Album nichts über den aktuellen Zustand der Popkultur aussagt. Also quasi: Warum eigentlich noch ein neues Album von Jimmy Eat World besprechen? Mit dem Echo dieser gar nicht mal so einfach zu beantwortenden Frage im Kopf hörte ich dann zum ersten Mal das neue Album von Sufjan Stevens. Was also hat "The Age Of Adz" zum Pop-Diskurs beizutragen? Was ist das für ein kulturelles Zeichensystem, das der 35-jährige Komponist mit seiner wundersamen Musik vertritt? Wie passt dieser versponnene, mit Flöten, Hörnern, Streichern, synthetisch verzerrter Träumerstimme und Hunderten elektronischen Geräuschen überladene Kosmos, den Stevens in knapp 85 Minuten entwirft, zu mondänen Chart-Phänomenen wie Lady Gaga oder provinziellen Dumpftönern wie Unheilig? Warum begeistern sich plötzlich, oder besser gesagt: seit dem "Illinois"-Album von 2005, Tausende zumeist jüngere Leute für diese komplexe, versponnene, mit Bibelzitaten gespickte Klangwelt, die einerseits alles an Klängen und Ideen mit Verve nach außen kehrt und dennoch so innerlich und undurchdringlich intim bleibt? Von Songs kann hier keine Rede mehr sein. Stevens' Kompositionen, gerne länger als sieben Minuten, sind mäandernde, mutierende, aus sich selbst evolvierende Ströme, vielleicht ähnlich einer langen nächtlichen Sitzung auf YouTube oder auf Facebook, bei der man vom Musiktipp des einen Freundes zum Querverweis eines anderen und von da in Gefilde vordringt, die man vorher noch nicht kannte. Vielleicht übersetzt Sufjan Stevens die Gleichzeitigkeit der auf den modernen Pop-Konsumenten einprasselnden Informationen und Optionen, dieses ständige Springen zwischen Stilen und Genres, das Erkennen von Zusammenhängen, wo eigentlich keine vermutet wurden, das Entäußern und Verstecken, in einen Soundtrack der Unübersichtlichkeit. Vielleicht.

Und dann sucht man als Popkritiker doch wieder unter der Metaebene danach, was den Künstler ganz persönlich bewogen haben mag, nach seiner instrumentalen Ode an den Brooklyn Queens Expressway ("The BQE"), der Auflösung jeder popmusikalischen Struktur, mit der EP "All Delighted People" und dem neuen Album doch wieder in den Schoß des klassischen Songwritings zurückzukehren. Die Antwort liegt irgendwo in den irren, stürmischen, von James-Bond-Actionsounds, Progrock, Jazz und Electronica zu Prince-Funk, zu modernem R&B und HipHop mäandernden 25 Minuten des Tracks "Impossible Soul": "Don't be distracted" jubiliert es da mehrere Minuten lang. Und dann, später, nach ziemlich suizidalen Gedanken: "Don't be afraid". Artwork und Titel des Albums sind übrigens dem Werk des 1997 verstorbenen, hochgradig schizophrenen Künstlers Royal Robertson entlehnt, der sich als Prophet der Apokalypse verstand. Hier hadert offenbar ein Genie mit sich selbst als Mann, als Individuum und Künstler - und mit der Fülle seiner Eingebungen und Inspirationen ("Too Much" heißt ein Song des Albums) und sucht noch immer nach dem einen, wahren Weg. Da hat er sich viel vorgenommen. Immerhin wollte er mal jedem einzelnen US-Staat ein Album widmen, was er allerdings unlängst zum Scherz erklärte. Wer weiß, ob es wirklich einer war. Dem kreativen Chaos seines Findungsprozesses dürfen wir jedenfalls staunend beiwohnen. Schöner wurde uns das Zeitalter der Überforderung und Orientierungslosigkeit selten vor Augen geführt. Boy, we made such a mess together. (9) Andreas Borcholte

Antony And The Johnsons - "Swanlights"
(Rough Trade/Beggars/Indigo, 8. Oktober)

Es gibt natürlich noch einen anderen, ungleich einfacheren Weg, der allgemeinen Reiz- und Informationsflut zu begegnen - und das ist der Weg in die innere Emigration, der Rückzug ins Intime, Spirituelle, zu den einfachen Dingen und unabänderlichen Kreisläufen des Lebens, denen man sich schicksalsergeben unterordnet. Antony Hegarty ist einer derjenigen, die diesen Weg mit immer größerer Vehemenz beschreiten. "Swanlights" heißt das vierte Album des androgynen Ausnahmesängers, auf dem er sich, stärker noch als auf "The Crying Light" (2009) von aktuellen popmusikalischen Konventionen entfernt, um in einer Art Kammerfolk zu schwelgen. Jazz, Folk, Traditionals und Neue Klassische Musik sind die Eckpfeiler dieser betörenden Musik, die man am liebsten im Morgengrauen auf einer taubenetzten Wiese hören möchte. "Everything Is New" frohlockt Antony gleich im ersten Stück der Platte, um dann gleich weiterzuträumen, von offenen Räumen, grenzenloser Freiheit, einem "Great White Ocean". Geister bevölkern diese Welt der Naturlyrik und Romantik, Seelen verblichener Familienmitglieder ebenso wie Tiere und Pflanzen. "I'm In Love" jubiliert der Sänger in einem anderen Song, "Thank You For Your Love" heißt es in einem anderen, von kräftigem Soul getriebenen Gospel. Gemeint ist hier freilich nicht die schnöde weltliche, fleischliche Liebe, sondern der große, allumfassende Einklang mit der Natur. Im Titelsong schließlich erreicht Hegarty die vielleicht größte, innigste Sakralität seiner bisherigen Karriere. Das ist wunderschön und überiridisch, aber letztlich auch ganz schön flüchtig. Wie Tau im Morgengrauen eben. (6) Andreas Borcholte

Jens Friebe - "Abändern"
(Zick Zack/Indigo, 8. Oktober)

Am Anfang musste man ein Album mit diesem Titel für eine wirklich schlechte Idee halten. Nach kurzem Nachdenken glaubte man in "Abändern" jedoch ein sprachübergreifendes Homonym von "abandon" (englisch für: verlassen, im Stich lassen) zu erkennen: Eine begnadete Idee, die zum Künstler Jens Friebe passt wie Shockwaves-Power-Styling-Steel-Gel und Enten aus Titan. Leider bezieht sich "Abändern" dann doch nur auf das okaye Euro-Disco-Phänomen Vengaboys und ihren phonetisch ähnlich klingenden Hit "Up & Down", den Friebe hier in einen eigenen Song verwandelt. Um diesen Tiefpunkt der Platte herum hat Friebe nun zum vierten Mal sympathisch unentschiedenen Snob-Pop komponiert, der stets zwischen Unrast, gesunder Resignation, Chuck-Bass-Schmierigkeit und wehrlosem Witz hin und her taumelt. Noch nie spielte das Klavier eine so große Rolle, auch wenn Friebe es im aufdringlichen "Reste" ein wenig mit dem Klimpern übertreibt. Die verknappten, fieberkranken Einstiegsstücke ("Theater", "Königin im Dreck") macht ihm ja kaum noch jemand nach, amouröse Verstrickungen und Großstadttragik mischt er mit Hinweisen auf Modern Talking, Terry Jacks und - hurra! - "Verbotene Liebe". Vielleicht weiß wenigstens Jens Friebe, was aus dem dicken, blonden Ecki geworden ist. Er spielte so gern Kasperletheater. (7) Jan Wigger

Enslaved - "Axioma Ethica Odini"
(Indie Recordings/Soulfood, bereits erschienen)

Dass mehr als 90 Prozent aller Veröffentlichungen in den Müll gehören, lässt sich natürlich über fast jede Musikrichtung sagen. Besonders qualvoll und ärgerlich wird es aber im Black Metal, wenn Clownerie und Mummenschanz musikalische Finesse und knochentrockene Niedertracht ersetzen. Der Molekularforscher und führende BM-Experte Wolf-Rüdiger Mühlmann hat vor Urzeiten die ehrenwerte und schlecht bezahlte Aufgabe übernommen, für uns die Müllberge zu sichten und die Pretiosen herauszufischen. Als Mühlmann der norwegischen Gruppe Enslaved im Jahre 1997 riet, ihre Keyboards zu verbrennen und stattdessen nur noch zu holzen, ließ sich bereits Großes erahnen. Die Platte ("Eld") war dann auch nicht schlecht, aber im Nachhinein doch nur ein fremder Schatten, wenn man sie mit dem drei Jahre zuvor erschienenen "Frost", einem tatsächlich fröstelnden Masterpiece monumentaler Raserei, verglich. "Axioma Ethica Odini" setzt die Reihe der philosophisch wertvollen, endlos fließenden, mit Pink-Floyd-Gedächtnispassagen versehenen Enslaved-Epen fort: Schon ewig ist das kein Viking Metal, kein Black Metal, kein Neo-Prog und kein poor man's Bathory mehr, sondern eine eigene Sprache, die niemand imitieren kann, ohne sich lächerlich zu machen. Auf "Night Flight" denken die Versklavten Yes, Opeth und "Anthems To The Welkin At Dusk"-Emperor in siebeneinhalb Minuten zusammen: "All/ Is All/ Is naught." Für den Weg nach Hause. (7) Jan Wigger

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