Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Mit den Kings of Leon blickt Jan Wigger auf den Sexus früherer Tage zurück - und lässt sich von The Walkmen aus dem Reich des Todes anhauchen. Andreas Borcholte entdeckt einen erstaunlich schüchternen Maximo-Park-Sänger.


Kings Of Leon - "Come Around Sundown"
(RCA/Sony, 15. Oktober)

Das Cover von "Come Around Sundown" dürfte in den Wartezimmern von Osteopathen, Kartenlegern, Wunderheilern und holistischen Therapeuten für große Erleichterung gesorgt haben: Endlich ein neues Album von Andreas Vollenweider! Es gibt noch schlimmere Abbildungen auf Plattenhüllen ("Made For Pleasure" von Vice zum Beispiel), doch wer noch immer darüber rätselt, wie die Followills es plötzlich schafften, mit einem einzigen Song so bekannt zu werden wie R.E.M, darf den Palmeninsel-Kitsch gern als Zugeständnis an kommende Fan-Generationen werten. Die groß angelegten, aber wenig fordernden Songs der letzten Kings-LP "Only By The Night" konnten trotz relativer Eingängigkeit nicht so tief im Gedächtnis haften bleiben wie "Happy Alone", "Joe's Head", "Pistol Of Fire" oder das schwüle "Ragoo": Man fühlte sich während des Hörens in etwa so, als sei man nach dem Genuss der Blutsauger-Abhandlungen von Abel Ferrara, Thomas Alfredson und Park Chan-Wook dazu gezwungen worden, ab sofort nur noch "Twilight" und die "Vampire Diaries" auf ProSieben zu gucken. Skeptikern sei gesagt, dass der Sound von "Come Around Sundown" sowohl "Only By The Night" als auch den diabolisch-fiesen Dreckklumpen "Because Of The Times" kreuzt: Das verzerrte, zerzauste "The End" ist die Power-Ballade mit anderen Mitteln, "Radioactive" der hysterische Gospel, der hier die erste Single stellt. Im schraddelnden "Mary" hält sich der Pixies-Bass von Jared Followill zurück, dafür wird die messerscharfe Gitarre aus dem Beatles-Stück "Revolution" eingestreut. "Back Down South" ist die sehnsuchtsvolle Heimkehr der Lüstlinge: Durch den Straßenstaub zurück zur Bridgestone Arena, zu Grand Ole Opry, der heimischen Veranda und dem Cumberland River. Das luftige "Beach Side" beginnt wie ein "United"-Track von Phoenix, doch mit "Birthday" blickt Caleb Followill zu den Leichtfertigkeiten und zum Sexus früher Tage zurück: "We're gonna come together/ We're gonna celebrate/ We're gonna gather around like it's your birthday/ I don't want to know just what I'm gonna do/ I don't care where you're goin'/ I'm coming home with you." Jeder für sich und Gott gegen alle. (7) Jan Wigger

Paul Smith - "Margins"
(Cooperative Music/Universal, 15. Oktober)

Margins, das Wort lässt sich mit Spielraum übersetzen, aber auch mit Bandbreite. Wie passend. Paul Smith ist Sänger und Songwriter bei Maximo Park, aber falls Fans der Band aus Nord-Yorkshire nun fürchten, Smith habe sich abgesetzt: Keine Sorge, er fand nur, dass einige Songs, die er im Laufe der letzten Monate im Schlafzimmer, im Bad oder in kleinen Bed & Breakfasts in Brighton ("I Drew You Sleeoing") geschrieben hat, zu intim für den Breitwand-Sound von Maximo Park waren. Also gründete er ein eigenes Label, das er nach seinem Heimatort Billingham benannte, bat seinen Bruder, ihm ein Cover-Artwork zu entwerfen - und zeigt nun eine intime, verletzliche Seite, die auf den ersten drei Alben seiner Band eher zu kurz kam. "In a room full of strangers I withdraw", heißt es in "The Crush And The Shatter" - Ausdruck einer Introvertiertheit und Schüchternheit, die man Smith bei Bühnenauftritten eher selten anmerkt. Die Songs handeln oft von Situationen mit geliebten Menschen, die umkippen, plötzlich peinlich werden. In "The Tingles" liegen zwei Lover, voneinander genervt, nebeneinander, und die Stille fängt an, an den Nerven zu zerren. "Strange Fiction" und "Our Lady Of Lourdes" sind saubere, elegische Smith-Standards, die sich gut auf dem eher verkomplizierten "Quicken The Heart"-Album gemacht hätten. "Pinball" ist eine rührende Ballade über den Verlust einer Liebe, aber Smith ein zu guter Songwriter, um nicht überall ein paar verquere Formulierungen und Beobachtungen einzustreuen, die sein Solo-Album vor dem Kitsch retten. "Margins" zeigt, das Smith mehr kann als schnelle, clever verwinkelte Post-Wave-Hymnen rauszuhauen, am Ende wünscht man sich aber doch wieder ein bisschen mehr Wumms. (6) Andreas Borcholte

The Walkmen - "Lisbon"
(Bella Union/Cooperative Music, 15. Oktober)

Mit schludriger Wucht treibt Hamilton Leithauser, Sänger der New Yorker Band The Walkmen, Jahr für Jahr sein Werk voran. Schon auf den letzten Alben "A Hundred Miles Off" und "You & Me" sorgten geisterhaftes Orgelspiel, Schredder-Gitarre, Halleffekte und zerdehnter Echo-Gesang für jenes seltene Gefühl, das sonst nur dann eintritt, wenn man uralte Schwarzweißfilme wie "Der Student von Prag", "Sonnenaufgang - Lied von zwei Menschen" oder "Der müde Tod" anschaut. Zwar versucht man, der Handlung zu folgen, denkt dabei aber immerzu und zutiefst erschrocken nur an eines: All diese Menschen sind tot. Von so weit her weht nun auch die Musik von The Walkmen zu uns herüber. Man muss nicht einmal genauer hinhören, um in "Blue As Your Blood" das blässliche Pendant zum Jahrhundertsong "The Rip" von Portishead zu erkennen, und in "Stranded" klingen die Musiker, die Leithauser torkelnd begleiten, wie eine marching band aus Midian. Die bloße Schönheit der russischen Nationalhymne erreichen freilich auch The Walkmen nicht. Im letzten Drittel ("Torch Song") fällt "Lisbon" auseinander, da wird aus vehementem Scheppern freies Gleiten: Leithauser beobachtet Vögel, während er den Schnee schippt: "Half of my life I've been watching/ Half of my life I've been waking up/ Birds in the sky could warn me/ There's no life like the snow life." Was zu beweisen war. (7) Jan Wigger

John Lennon - "Signature" (Boxset)
(EMI, bereits erschienen)

Die Geschichte vom Jungen, der schon in der Schule glaubte, ein Genie zu sein (und dann auch tatsächlich eines war), wurde schon oft erzählt. Am Ende waren nicht Gott, nicht die Beatles, nicht der Maharishi Mahesh Yogi und auch nicht die versoffenen Nächte mit Harry Nilsson die Antwort. Nur die Liebe konnte John Lennon durch die zynischen Phasen retten, und wer immer in den letzten Jahrzehnten über die beiden ersten Lennon/Ono-Platten "Two Virgins" und "Life With The Lions" scherzte, sollte auch das in Rechnung stellen. Die "richtige" Solo-Karriere begann John Winston Lennon im Jahre 1970: "John Lennon/Plastic Ono Band" sollte seine schönste und schutzloseste Arbeit bleiben. Heutzutage gilt ja bereits jede dritte Aufnahme als introspektiv und persönlich, doch mit der vulnerablen Innenschau, die Lennon in "Mother", "Look At Me" oder "God" betrieb, war bereits alles gesagt. "I was the walrus/ But now I'm John/ And so dear friends/ You'll just have to carry on/ The dream is over." Es folgte "Imagine", mit dem vollendeten "Jealous Guy", dem glücklich sprudelnden "Oh Yoko!" und "How Do You Sleep?", der beleidigenden (und beleidigten) Botschaft an Paul McCartney: "The sound you make is muzak to my ears/ You must have learned something in all those years." Eine seltsame Anschuldigung, vor allem in Anbetracht eines Albums wie "Rock'n'Roll", das Lennon sich hätte schenken können.

Der Umzug nach New York führte zum hochpolitischen "Some Time In New York City": Nixon regierte, Lennon und Ono wurden vom FBI überwacht und setzten sich für die Freilassungen von Angela Davis und John Sinclair ein: "If he'd been a soldier man/ Shooting gooks in Vietnam/ If he was the CIA/ Selling dope and making hay/ He'd be free, they'd let him be/ Breathing air like you and me." 1974 war Yoko weg, doch John schrieb zwischen den kalifornischen Exzessen das wehleidige "Nobody Loves You (When You're Down And Out)" (auf "Walls And Bridges") auf und gewann sie zurück. Nach der Geburt von Sean nahm Lennon sich für fünf Jahre frei und kehrte kurz vor seinem Tod mit "Double Fantasy" zurück. Das wundervolle "Watching The Wheels" ist ein Dokument der Unerschütterlichkeit und inneren Ruhe: "No longer riding on the merry-go-round/ I just had to let it go." Dann zog Mark Chapman den Revolver. In der würfelförmigen "Signature"-Box enthalten: Alle Studioalben (digitally remastered) im Digipack, die Non-Album-Singles, Demoversionen, Outtakes, 60-seitiges Booklet im Hardcover, Kunstdruck und letzte Worte von Yoko, Sean und Julian. "John Lennon/Plastic Ono Band" (10), "Imagine" (9), "Some Time In New York City" (5), "Mind Games" (6), "Walls And Bridges" (6), "Rock'n Roll" (4), "Double Fantasy" (8), "Milk And Honey" (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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