Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Vor Britta-Sängerin Christiane Rösinger muss man sich verneigen, weil ihre Lieder immer ein bisschen klüger wirken als sie selbst, meint Jan Wigger und findet den wahren, alten Indie-Rock bei Superchunk. Andreas Borcholte macht mit Musterschüler Elvis Costello einen Ausflug nach Nashville.

Christiane Rösinger - "Songs Of L. And Hate"
(Staatsakt/Rough Trade, 22. Oktober)

Erste Gedanken beim eiligen Überfliegen der Songtitel: Eine Platte, deren Kompositionen "Es geht sich nicht aus", "Desillusion", "Es ist so arg" oder "Sinnlos" heißen, kann nur in den seltensten Fällen eine Enttäuschung sein. Erste Gedanken beim Blick auf das "Bringing It All Back Home"-Cover von "Songs Of L. And Hate": Zwei Musiker, die sich mit einer schwarzen Katze, einem eichenbraunen Klavier und den Vinyl-Ausgaben von "Paris 1919" und "Die Lassie Singers helfen Dir" fotografieren lassen, haben nichts mit affirmativem Mumpitz am Hut, sondern Geschmack. Zudem gelingt es Britta-Sängerin Christiane Rösinger in der Katastrophenbeschreibung "Berlin" den hinreißenden Begriff "Arschlochkinder" auf einem Tonträger zu verewigen. Weil man nur das hassen kann, was man einmal geliebt hat (oder immer noch liebt), ist das musikalisch nicht sehr repräsentative Stück natürlich vor allem als ambivalente Anstrengung zu verstehen: "Wenn die Öko-Eltern sich zum Brunchen treffen/ Und die Arschlochkinder durch die Cafés kläffen/ Wenn der Service hinkt und nach Babykotze stinkt/ Ja, dann sind wir wieder in Berlin." Andreas Spechtl von Ja, Panik hat "Songs Of L. And Hate" mit spärlichen Mitteln meisterhaft arrangiert und dafür Sorge getragen, dass diese LP eher in eine Reihe mit "Court And Spark" (Joni Mitchell) und Teilen von Nicos "Chelsea Girl" zu stellen ist, als mit den üblichen deutschsprachigen Liedermachereien. Das Deprimierendste, aber auch Erhebendste an den Texten von Christiane Rösinger ist die Abwesenheit von Beschönigungsformeln und Erbauungsfloskeln: Dem Halbsatz "Bist du einmal traurig und allein" lässt sie ein "gewöhn' dich dran, es wird bald immer so sein" folgen und fährt fort: "Und fühlst du den Moment lang sowas wie Glück/ Auch das geht schnell vorbei/ Und es kommt auch nicht zurück." Gerade weil ihre Lieder immer ein bisschen klüger sind als sie selbst, müssen wir uns vor Christiane Rösinger verneigen. Menschen, die wehrlos zugeben können, dass sie ratlos sind, waren eben schon immer am sympathischsten. (9) Jan Wigger

Elvis Costello - "National Ransom"
(Hear Music/Concord/Universal, 22. Oktober)

So verliebt ist Elvis Costello in den Vintage-Sound seiner neuen Platte, dass er einige Songs in limitierter Auflage auf Vinyl pressen lässt, das man mit 78 RPM abspielen muss. Ältere werden sich erinnern, doch kaum jemand wird noch einen Plattenspieler mit dieser dritten Geschwindigkeits-Option besitzen, noch nicht einmal der allseits geliebte MK Zwo hat sie. Costello, könnte man hämen, ist also endgültig da angekommen, wo er immer hinwollte: Im Damals und im Kreise jener großen alten Männer, die er so verehrt. Einem, dem greisen Bluegrass-Veteranen Doc Watson, widmet er sogar einen ganzen Song auf "National Ransom". Andere alte Recken spielen im Hintergrund mit, wenn der Brite irischer Abstammung erneut das ganze Spektrum amerikanischer Musik des 20. Jahrhunderts durchschreitet: Leon Russell, Vince Gill, Buddy Miller und Marc Ribot sind Stargäste neben den Imposters und den Sugarcanes. Produziert wurde das Album, wie schon der Vorgänger "Secret, Profane & Sugarcane" von T-Bone Burnett, der Costello bereits in den Achtzigern mit "King Of America" und "Spike" das Great American Songbook aufschlug. Entschuldigung, man muss all diese Namen und Titel aufzählen, denn vor allem ist "National Ransom" ein weiteres Musiker-Album geworden, an dessen gediegener, an elf Tagen in Nashville live eingespielter Produktion sich Mucker aller Generationen ergötzen sollen und werden. Wir reden hier über Grammy-Material, mit allen staubigen Grand-Ole-Opry-Implikationen, die das mit sich bringt. Hinter diesem etwas anstrengenden Musterschüler-Anspruch Costellos, mehr Memphis, mehr Gershwin, mehr George Jones zu sein als die Originale, könnte man glatt übersehen, dass der Ex-Postpunk einige seiner besten - und rührendsten Songs seit langem verfasst hat: "Jimmy Standing In The Rain" ist eine hinreißend traurige Loser-Ballade im Vaudeville-Stil, "Church Underground" ein wortmächtig-hintersinniger Gospel, "I Lost You" und "Five Small Words" feinster Country - und "All These Strangers" der Abschluss-Crooner, der all diese Geschichten über Verlust, Versagen, Defizite und Depression auf den Punkt bringt. "National Ransom" ist nämlich auch ein sarkastisches Album über die Finanzkrise, vom Schwarzen Freitag 1929 bis zum aktuellen Börsencrash. Hoffentlich hören es nicht nur alte Männer. (7) Andreas Borcholte

Superchunk - "Majesty Shredding"
(One Four Seven Records/Soulfood, bereits erschienen)

Die einigermaßen sinnfreie Verwendung des Präfixes "Indie" in musikjournalistischen Texten ist zwar nur ein marginales Ärgernis, aber doch auffällig genug, um sich darüber zu wundern. Heute wird der Begriff, der zu Zeiten von Hüsker Dü und Minutemen tatsächlich etwas bedeutete, entweder als Musikrichtung (Pixies = Indie) missverstanden oder als Instrument der Abgrenzung (Spoon = Indie, U2 = böser Mainstream) benutzt. Dass beides Zeitverschwendung ist, beweist jetzt das Album "Majesty Shredding" von Superchunk, denn das ist nun wirklich "indie": Als wäre nichts gewesen, schraddelrocken sich diese Säulenheiligen der längst verblichenen Chapel-Hill-Szene durch elf Songs, die unbedingt so klingen, als hätten wir gerade mal 1994. Obgleich Laura Balance und Mac McCaughan, die gemeinsam das Label "Merge" betreiben, mit Arcade Fire ein wenig Geld verdient haben dürften, gibt es zwischen "Majesty Shredding" und den guten alten Krachern "On The Mouth" und "Foolish" kaum produktionstechnische Diskrepanzen: "Digging For Something" ist so entwaffnend wie damals "Raining Streets"; in "Learning To Surf" quietschen und knarzen die Gitarren so eigentümlich wie in den größten Songs von Polvo. "I slept right through the winter games/ Wake me up/ Nothing's changed." Ja, es ist so einfach. (7) Jan Wigger

The Fall - "The Wonderful And Frightening World Of…The Fall" (Re-Issue)
(Beggars/Indigo, 12. November)

In der sogenannten "Blind Date"-Rubrik einer deutschen Musikzeitschrift äußerte sich die sehr gute Band The Drums in der letzten Woche zu den Beach Boys, The Cure und MGMT. Jeder einzelne Satz aus den Mündern der Parvenüs war falsch. Ist es das junge Alter, ist es Dummheit? Hier muss man trennen zwischen den guten Songs und den Idioten, die sie geschrieben haben. Ein ähnlicher Fall ist Mark E. Smith: Würde man sich während des Hörens von "This Nation's Saving Grace" oder "The Marshall Suite" bildlich vorstellen, wieviele unschuldige Musiker der mürrische Diktator bereits wortlos gefeuert hat (Heinz Rudolf Kunze pflegte bei Entlassungen langjähriger Angestellter zumindest ein Fax zu versenden), wären "My New House" und "Mad. Men-eng, Dog" doch nur noch halb so schön. "The Wonderful And Frightening World Of…The Fall" erschien kurz vor "This Nation's Saving Grace" (1985) und ist das Musterbeispiel einer Fall-Platte: Man braucht sie entweder alle oder keine von ihnen. Während "Elves" mit dem tausendfach kopierten "I Wanna Be Your Dog"-Riff beginnt, wird die reizende Spieldosenmelodie in "Slang King" nur diejenigen überraschen, die mit "Edinburgh Man", "Frightened" und all den anderen freundlicheren Mark-E.-Smith-Momenten nicht vertraut sind. "Bug Day" ist dann wieder das bocklose Geklapper, in dem gute Geister Cans "Ege Bamyasi" erkannt haben wollten. Im lässigen "Craigness" berichtet Smith gewohnt jovial von einem einäugigen Nachbarn, der in der Wohnung unter ihm ein Feuer macht. Nun gibt es "The Wonderful And Frightening World Of…The Fall" in einer schmalen Box, mit "Singles And Rough Mixes", BBC-Sessions und einem Live-Konzert. (7) Jan Wigger

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