Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Sind Sie auch gelangweilt von aktueller Musik? Buchen Sie ein Ticket nach Perth! Dort spielen Tame Impala Psychedelic Rock, als hätte sich die Welt nach 1969 nicht mehr weitergedreht, meint Andreas Borcholte. Jan Wigger sucht sein Heil bei den Satanisten von Ghost.

Tame Impala - "Innerspeaker"
(Modular/Rough Trade, 5. November)

"There's a party in my head, and no one is invited/ And you will never come close to how I feel", singt Kevin Parker, Multi-Instrumentalist und Kopf von Tame Impala, in "Solitude Is Bliss" - und man glaubt es ihm sofort. Das Trio aus drei Schulfreunden kennt sich mit Einsamkeit aus, es stammt nämlich aus Perth, einer Stadt am untersten Zipfel der Welt. Ein englischer Kritiker witzelte bereits, es sei so gottverlassen in Perth, dass seit 1969 keine neue Musik dorthin gelangte und Tame Impala deshalb so klingen, als wären sie gerade noch in Woodstock aufgetreten. Großbritischer Kolonialwitz mal beiseite: Tatsächlich scheinen die drei Australier auf ihrem Debüt-Album eine Psychedelic-Party in ihren Köpfen zu feiern, zu der moderne Musikstile und -strömungen nicht eingeladen sind. Lupenreiner (und schon gar nicht besser) wurde der in fremde Dimensionen wabernde Bluesrock von Cream, Love, Soft Machine oder den Electric Prunes lange nicht in die Neuzeit übersetzt; in "The Bold Arrow Of Time" wird sogar Jimi Hendrix zitiert, bis das Feedback jault. Natürlich lassen sich Querverbindungen zu anderen aktuellen Bands herstellen, allen voran Tame Imapalas Labelkollegen und Landsleute Wolfmother, aber auch Neopsychedeliker wie Animal Collective oder Dungen spielen in derselben Retroliga, nur vielleicht weniger verträumt und hermetisch. "Lucidity come back to me/ Put all five senses back to where they're meant to be", haucht Parker mit selig entrückter Stimme in "Lucidity" auf der Suche nach einem lichten Moment. Nun ja, es soll ja auch sehr warm sein, da unten im Südwesten Australiens. Und wer weiß, was für halluzinogene Aborigine-Drogen da so im Umlauf sind... Wie auch immer: "Innerspeaker" ist ein Fest für Psych-Rock-Nostalgiker und alle, die sich gerade entschlossen haben, der größtenteils langweiligen aktuellen Musik zu entfleuchen. Auf nach Perth, dem neuen Shangri-La! (8) Andreas Borcholte

Ghost - "Opus Eponymous"
(Rise Above/Soulfood, bereits erschienen)

Gewiss gab es schon satanistische und antikosmische Schöpfungen, die sich ähnlich anmutig tarnten wie das "Opus Eponymous" dieser schwedischen Schatten: Covens Albumdebüt "Witchcraft Destroys Minds & Reaps Souls" (1969) oder Ti Wests zunächst gemächlich erzählter, dann jedoch um so blutigerer Film "The House Of The Devil". Und "The Time Of No Time Evermore" von The Devil's Blood, der Band, die im letzten Jahr alle hörten, die sich auch nur ansatzweise für Rockmusik interessieren. Konzeptuell gesehen kratzen Ghost, die man eher auf dem tollen Label Ván Records erwartet hätte, an der Perfektion: Alle Bandmitglieder bleiben namenlos, Texte und Musik schreibt ein eigens dafür angestellter ghoul writer, bei säkularen Einsätzen trägt der Sänger eine bizarre Bischofsmütze. Noch auf dem Plattencover wird die Stephen-King-Verfilmung "Salem's Lot" zitiert, doch schon "Stand By Him", "Death Knell" oder "Ritual" (mit dem leicht abgewandelten "Symphony Of Destruction"-Riff von Megadeth) sind so betörend leichtgängig und einprägsam wie Blue Öyster Cults "(Don't Fear) The Reaper" oder "Sleepless Nights" von King Diamond, das am Ende des Tages ja auch nur ein Popsong ist. Dazu gibt es paradiesische Leadgitarren, ökonomisch verstreute, wundervolle Soli und das Totengeläut "Deus Culpa", wohl zur Ehre des Gehörnten. "A vicar bitten blind in intercourse/ The witch hammer struck her down/ Through our sabbath she is unbound." Kann man so machen. (8) Jan Wigger

Atlantean Kodex - "The Golden Bough"
(Cruz Del Sur/Alive, bereits erschienen)

Eine besorgte Zwischenfrage: Falls die luziferesken und okkulten Bands bald alle so klingen sollten wie die frühen Stryper: Wer vertritt dann die wahre Lehre? Atlantean Kodex sind es nicht: Zwar spielt man auf "The Golden Bough" wieder mit klerikalen Sprachbildern und Symbolen, doch eine einheitliche religiöse Ausrichtung ist bei der Band aus Bayern (im Ernst?) nicht auszumachen. Das grandiose, schwergewichtige "Pilgrim" gemahnt nur kurz an Tiamats "Whatever That Hurts" - dann verästelt und verzweigt sich der Song und endet nach elf Minuten in einem Sternenlicht, das die Kirchturmspitzen golden färbt. Um dem vollkommen undeutschen Sound von Atlantean Kodex beizukommen, empfiehlt es sich, genau vier Alben zu kennen: "Battle Hymns" von Manowar (genial und bekloppt), "Hammerheart" von Bathory (luxuriös und episch), Cirith Ungols "Frost And Fire" (knochentrocken und groovy) und "Into The Depths Of Sorrow" von Solitude Aeturnus (schleppend und verwegen). Natürlich operieren Atlantean Kodex auf "The Golden Bough" auch an der Schnittstelle zwischen lavaartigem Doom und dem Heavy Metal der Klasse von 1983: Wer etwas höhere Stimmlagen nicht ohne Schaden erträgt, ist raus. Bleiben wir mal drin. (7) Jan Wigger

John Watts - "Morethanmusic"
(Smarten-up/Rough Trade, bereits erschienen)

Wenn man John Watts trifft, erzählt er einem gerne, wie es damals war, als Paul Weller im legendären Londoner "100 Club" auf Sid Vicious losging. Aber der ehemalige Sänger und heute alleinige Kopf der New-Wave-Band Fischer-Z lebt nicht in der Vergangenheit. Ähnlich wie der ungleich erfolgreichere Zeitgenosse Weller hasst es John Watts, zu lange dasselbe zu machen - und erfindet sich alle paar Jahre neu. Manchmal sind es lustige Unternehmungen am Rande der Aktionskunst, etwa wenn Watts ganz normalen Leuten, die ihm ihre Geschichten erzählen, individuelle Songs schreibt. Oder aber er heuert in jeder Stadt, die er auf Tournee besucht, Studenten an, die gegen freien Eintritt weißgekleidet auf der Bühne als Projektionsfläche für den eigens gedrehten Tourfilm dienen. Watts, inzwischen 56 Jahre alt, weigert sich, bis an sein Lebensende immer wieder die alten Fischer-Z-Hits herunterzukloppen: "Marliese", "Berlin", Red Skies Over Paradise, "So Long" oder "Room Service". Stattdessen bringt er alle paar Jahre ein Album mit neuen Songs heraus, die in seiner Heimat England kaum jemand wahrnimmt, die von seinen zahlreichen deutschen Fans jedoch liebevoll aufgenommen werden. Das jüngste heißt "Morethanmusic" und ist das vielleicht frischeste und energischste Watts-Album seit "Destination Paradise" (1992): Die fröhlich rumpelnde Single "Delicate" ist hierzulande sogar ein kleiner Uni-Radio-Hit, im Polit-Stampfer "Head on" wird noch einmal unterhaltsam mit Bush und Blair abgerechnet - und in "The Greatest Gift" würdigt er 30 Jahre nach "The Worker" noch einmal seinen Vater. Mit musikalischen Genres haben Watts' spitzbübisch vorgetragene Beobachtungen und Erzählungen nicht mehr viel zu tun, in der Kunst spräche man wahrscheinlich von naiver Malerei. Die trifft den Betrachter ähnlich unvermittelt ins Herz wie dieser schlichte, von grandiosen Refrains getragene Singer-Songwriter-Pop. Und das hat sich seit den wilden Tagen von 1977 nicht geändert. (6) Andreas Borcholte