Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Stockdunklen Raumklang aus dem Bauch eines Wales vernimmt Jan Wigger auf dem Solo-Album des Animal-Collective-Mitglieds Avey Tare und freut sich über einen garstigen Brian Eno. Andreas Borcholte begleitet Twin Shadow auf einen Therapietrip in den Achtziger-Jahre-Pop.

Avey Tare - "Down There"
(Paw Tracks/Indigo, 12. November)

Die Pseudo-Dokumentation "David Wants To Fly" verfolgt einen interessanten Ansatz, ist aber aus einem ganz bestimmten Grund nur schwer zu ertragen: 96 Minuten lang spricht der etwas krampfig-studentische Filmemacher David Sieveking in einem Englisch, das ihn innerhalb von Sekunden als Deutschen ausweist. Doch hört man den mit schwerem Akzent vorgetragenen Sätzen eine Weile zu, entsteht aus ihnen eine ungeschliffene Phantasiesprache, die Werner Herzog zur Ehre gereichen würde. Auch bei Animal Collective, der vielleicht erfinderischsten Band der Gegenwart, entstand aus dem Stimmengewirr, dem Surren und Schnarren der Instrumente und den Rudimenten der Erinnerung ein eigenes Idiom. Deshalb wurden in der Vergangenheit einige Tracks der Amerikaner als "verkopft" bezeichnet und der herausragenden Panda-Bear-LP "Person Pitch" das Fehlen von Songs angelastet. "Down There" beginnt mit einer Art Blues, in dem Collective-Mitglied Avey Tare aka David Portner so geschlagen klingt, als würde er verzweifelt versuchen, sich aus einem schlammigen Erdloch zu befreien: "When I get fucked up/ I do my best/ To make myself not fucked up again." Auch der Minimal-Techno "Oliver Twist" wirkt schwer verwundet: Die Leichtigkeit, die den zweiten Teil von "Ghost Of Books" (auf dem Portner singt wie Spookey Ruben) vom Boden hilft, fehlt hier noch. Auf das wässrige "Cemeteries" scheint - dem Titel gemäß - dann gar kein Licht mehr: Stockdunkler Raumklang aus dem Bauch des Wales. (7) Jan Wigger

Twin Shadow - "Forget"
(4AD/Beggars/Indigo, 12. November)

Hört man sich das Debüt-Album von George Lewis Jr. an, weiß man plötzlich, was an "Happiness" von Hurts so wahnsinnig nervte: die unaufrichtige Klebrigkeit. Auch Lewis Jr., ein junger Mann aus Brooklyn, der sich Twin Shadow nennt, scheint der Achtziger-Jahre-Nostalgie verfallen zu sein. Synthetische Pop-Kaskaden - Streicher, Orgel, Bläser, Piano - blubbern und puckern metallisch kühl vor sich hin. Manchmal bemüht sich Lewis, wie Morrissey zu klingen, manchmal reicht es nur für Ian McCulloch. Die Liste der auralen Assoziationen ist lang und reicht von Smiths, Echo & The Bunnymen und Depeche Mode bis zu The XX und Grizzly Bear, dessen Chris Taylor auch die Produktion des Albums übernommen hat. Während bei Hurts oder anderen Vertretern der Neo-Nostalgie aber tatsächlich nur banales Epigonentum im Vordergrund zu stehen scheint, nutzt Lewis die Musik seiner Kindheit als Soundtrack für verstörende Geschichten aus eben jener Zeit, die offenbar äußerst traumatisierend für ihn war. "Does your heart still beat?", fragt er in "Tether Beat" immer wieder mit mühsam unterdrückter Panik in der Stimme, und "Castles In The Snow" erzeugt eine solche Kälte, dass man sich leicht ausmalen kann, wie isoliert und ungeliebt sich der junge George einst gefühlt haben mag. Andere Songs, vor allem die schnelleren, auch Disco-geeigneten, wie "Shooting Holes" und "When We're Dancing" handeln von ersten Schulhof-Romanzen und schüchternen Avancen - alles ganz locker und unbeschwert an der Oberfläche, aber unter den fröhlich-kraftvollen Achtziger-Beats lauern allerschwärzeste Schatten und Abgründe. "Forget" erzählt mit der Sehnsucht des Vergifteten vom süßen Schmerz, einmal reinen Herzens gewesen zu sein. (7) Andreas Borcholte

Brian Eno - "Small Craft On A Milk Sea"
(Warp/Rough Trade, bereits erschienen)

Das neue Brian-Eno-Album, eine teils improvisierte, teils mathematisch genau konstruierte Zusammenarbeit mit den weitaus jüngeren Musikern Jon Hopkins und Leo Abrahams, erscheint auf Warp Records, Heimat von Grizzly Bear, Battles und Autechre. Hätte man drauf kommen können! An der alten Leier, die womöglich schon vor dreieinhalb Jahrzehnten, spätestens aber mit "Ambient 1: Music For Airports" begann, ändert das neue, hippe Umfeld aber auch nicht viel: So kann man in neuen Entwürfen wie "Emerald And Lime" oder "Bone Jump" entweder akademisch ausgefeilte Klangtexturen oder die baldige Ankunft des Weihnachtsmannes erkennen. Wem also generell eher wumpe ist, ob er gerade Gordon Lightfoot, Lightnin' Hopkins oder Gary Lightbody hört, wird auch weite Teile von "Small Craft On A Milk Sea" eher als Hintergrund- und Gebrauchsmusik wahrnehmen. Dabei hat Eno hier neben hübschem Zierrat auch ein paar seiner garstigsten Kompositionen versammelt: "Horse" wäre in verschärfter Form auch auf Aphex Twins "I Care Because You Do" nicht aufgefallen, "2 Forms Of Anger" mündet nach tribalistischem Geklapper in einem Ozean aus Lärm. Gute Platte, die spätgeborenen MGMT-Anhängern natürlich auch nicht erklären kann, warum die Existenz von Onkel Eno einmal so entscheidend war. (6) Jan Wigger

Colin Blunstone - "3 Original Album Classics"
(Epic/Sony, bereits erschienen)

Bei jeder neuen Staffel von "Bauer sucht Frau" und "Schwiegertochter gesucht" achten wir Woche für Woche auf die Inneneinrichtung der Wohnungen und Häuser von Peer, Willy, Harald, Heinrich, Heiko und dem kleinwüchsigen Hundezüchter André. Doch es ist immer dasselbe: Weder Bücher, noch Filme, noch Schallplatten, noch sonstige irgendwie persönliche Gegenstände versperren den Blick auf Katzenporträts, Kratzbilder, leere Obstschüsseln und 40 Jahre alte Wandtapeten. Sind die RTL-Kandidaten nun so schlau, weil sie ökonomisch denken und innerhalb von sechs Stunden umziehen könnten (was sie selbstredend niemals tun würden), oder wir so dumm, weil wir uns mit Tonnen von Tonträgern belasten, die andere heutzutage eher auf der Festplatte ihres Laptops sammeln? Einer der Künstler, dessen Songs man niemals als MP3 besitzen sollte, ist Colin Blunstone, der mit den Zombies und der Jahrtausendplatte "Odessey And Oracle" den psychedelischen, halluzinogenen Sixties-Pop mit bezwingenden Melodien für immer im kollektiven Bewusstsein verewigte. Aus einer Zombies-B-Seite wie dem von Chris White verfassten "I'll Call You Mine" machten Belle & Sebastian 30 Jahre später "Jonathan David" und mindestens fünf weitere Songs, das grandiose Russ-Ballard-Stück "I Don't Believe In Miracles" lässt noch heute, 38 Jahre nach "Ennismore", die Träne quillen. Auch Blunstones erste Solo-Arbeit "One Year" (mit "Caroline Goodbye" und Denny Laynes "Say You Don't Mind") und "Journey" aus dem Jahr 1974 sind in den nun wiederveröffentlichten "3 Original Album Classics" enthalten. Die ersten drei Blunstone-Platten also - und besser wurde es später ja auch nicht mehr. Im erschütternden "Keep The Curtains Closed Today" lässt sich der große Stilist und Sternenfänger von den King's Singers begleiten: "Just wish you well and hope that you don't cry/ And never, never say goodbye." Ohne den Schatten eines Zweifels. "One Year" (8), "Ennismore" (8), "Journey" (8) Jan Wigger