Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Viel Ästhetik, aber kein Gefühl: Das ganz große Ding ist das allseits bejubelte Debütalbum des jungen Briten James Blake dann doch nicht, meint Andreas Borcholte. Jan Wigger verabschiedet The Streets in den fälligen Ruhestand und lobt Michaela Meise für ihre Kirchengesänge.


James Blake - "James Blake"
(Polydor/Universal, bereits erschienen)

Der Mann ist unglücklich, keine Frage: "I don't know about my dreaming anymore/ All that I know is/ I'm falling, falling, falling", singt der erst 21 Jahre alte James Blake mit alterschwerem Klagen in "The Wilhelm Scream", dem zweiten Stück auf seinem Debüt-Album, das gerade überall zum großen, heißen Ding erklärt wird. So zart und brüchig wie The xx, so dekonstruktivistisch wie Burial sei es, die Neuerfindung des Soul mit den Mitteln der Stille. Mindestens. Oder so ähnlich. Also auf jeden Fall das, worauf sich in den kommenden Wochen wieder mal alle einigen sollen. Das wird auch klappen, denn James Blake ist zwar mutig genug, seine traurigen Lieder vom Allein- und Verlassensein so weit zu reduzieren, dass manche Gesangspausen und Auslassungen zur Nervenprobe werden, wie etwa in "Lindisfarne I". Das wirkt innovativ und schafft Begeisterung bei den nach radikalem Stilbruch hungernden Kritikern. Er ist sogar mutig genug, Leslie Feists "Limit To Your Love" seiner schönen Sprödigkeit zu berauben und stattdessen Selbstmitleid drüberzusülzen, was schon mal prima mit dem großen Pop-Pöbel funktionierte, der nie ein Feist-Album in die Hand nehmen würde. Und er klingt zuweilen so, als wäre er der schmale, verschüchterte Bruder von Antony Hegarty, was charmant sein könnte, wenn er ähnlich wuchtige Gefühle erzeugen könnte wie jener. Doch leider bleibt auch nach mehrmaligem Hören nur der wenig tröstliche Eindruck einer allzu kühl kalkulierten Konstruktion übrig. Die Stille, die Blake in seinen Stücken erzeugt, füllt sich mit nichts, außer Ratlosigkeit. Wie man das anders macht und dabei trotzdem stilistische Experimente wagt, hat Jamie Lidell im vergangenen Jahr mit seinem sehnsüchtigen Elektro-Soul Album "Compass" gezeigt. James Blake bleibt trotz einiger tatsächlich großer Momente echter Verlorenheit so schemenhaft wie seine Porträts im Booklet. Und der "Wilhelm-Schrei"? Das ist ein Begriff aus der Filmwelt, benannt nach einem jungen Soldaten in einem Fünfziger-Jahre-Western, der von einem Indianerpfeil getroffen wird und sterbend einen hohen, hysterischen Schrei ausstößt, der fortan in Dutzenden Filmen verwendet wurde, wann immer ein Krokodilbiss oder sonstiges Massaker drohte. Also eines der größten Klischees von Hollywood. Ein Insider-Witz für Insider. Und irgendwie passt das - unfreiwillig oder nicht - ganz gut zu James Blake. (5) Andreas Borcholte

Mogwai - "Hardcore Will Never Die, But You Will"
(Rock Action/PIAS/Rough Trade, 11. Februar)

Hardcore will never die, but you will. Dachte ich auch, als ich kürzlich Henry Rollins in Michael Manns formvollendeter Nervenschlacht "Heat" wiedersah und der Mann ohne Freunde todesverachtend kaum einen Ton von sich gab. Er kehrte dann auch schnell ins Heimschwimmbad zurück. Das neue Mogwai-Album, das sich einerseits hörbar auf Neu! beruft ("Mexican Grand Prix"), andererseits aufräumt mit dem etwas schal gewordenen Laut-Leise-Spaßprogramm, hat vor allem eine Stärke: Es klingt, wie in "Rano Pano" oder "You're Lionel Richie", ganz und gar organisch, ruft aber gleichzeitig und auf der Stelle jenes seltene Gefühl hervor, das man auch beim Betrachten von etwas vollkommen Artifiziellem (Der Rainbow Bridge in Tokyo, bestimmte Szenen aus David Cronenbergs "Crash") hat. Und: Es fordert uns kühn dazu heraus, ohne Zögern etwas komplett Sinnloses und Vergebliches zu tun. Also, liebe Mogwai-Fans: Tut eurer Mutter doch mal den Gefallen und checkt Gilbert O' Sullivans neues Langeisen "Gilbertville" aus! Es erscheint Ende Februar. (8) Jan Wigger

Michaela Meise - "Preis dem Todesüberwinder"
(Clouds Hill/Rough Trade, 11. Februar)

Die Platte ist so kurz, dass man nicht einmal ein Bad nehmen kann, während sie im Hintergrund läuft. Aber wer nimmt schon ein Bad zu Kirchenliedern? Michaela Meise ist Künstlerin im Wortsinne, sie weiß, was schmerzt und nicht gerade ist, doch sie weiß auch, dass man diesem Schmerz zuweilen etwas entgegensetzen muss, das noch schauriger, noch dolenter ist, um wieder atmen zu können. Deshalb singt Meise jahrhundertealte Lobpreisungen zur Quetschkommode: "Dich liebt, oh Gott, mein ganzes Herz", "Schönster Herr Jesus", "Wer nur den lieben Gott lässt walten". Gäste kann man dazu nicht einladen, doch wenn Dirk von Lowtzow (also nicht weniger als eine der angenehmsten Weltstimmen seit Jackson Browne) im Titelstück "Halleluja, Jesus lebt!" raunt, bleibt einem schon mal ein Lendenstück der gerade geopferten Ziege im Hals stecken. Wären sanft gezischelte Lieder für den Gehörnten nicht noch schöner gewesen? Nein. Das nachhaltige Frösteln entsteht hier durch Affirmation, Monotonie und die samtige, ungeübte Stimme der Michaela Meise. Dem hübschen Gatefold-Vinyl liegt "Preis dem Todesüberwinder" zusätzlich als CD bei. (6) Jan Wigger

The Streets - "Computers And Blues"
(679/Warner, 18. Februar)

Es geht zu Ende mit Mike Skinner. Waren die meisten Wohnungen auf dem Cover des - heute wie damals - phänomenalen Album-Debüts "Original Pirate Material" noch hell erleuchtet, macht der universal geezer neun Jahre später als Letzter das Rotlicht aus. Die stumme Enttäuschung darüber, dass wir nie so intellektuell werden konnten wie die Berichterstatter von "Konkret" oder "Breakout", federte der straßenschlaue Freizeit-Entrepreneur Mike Skinner stets gelassen ab: Wer das Mädchen aus "Could Well Be In" auf sich aufmerksam machen oder einen Text wie "The Escapist" schreiben konnte, hatte für die nächsten 300 Wochenenden mehrere Steine im Brett. "Computers And Blues" ist nicht nur die letzte LP von The Streets, sondern auch die eine, in der Mike Skinner genau das tut, was man ihm schon seit "The Hardest Way To Make An Easy Living" unrechtmäßig vorwirft: Er nimmt die falsche Ausfahrt. Tatsächlich ist dies hier die erste und letzte Skinner-Veröffentlichung, die einem so richtig zur Last fällt: Mit Billig-Soul ("OMG"), Hirni-Talkbox ("Roof Of Your Car") und möglicherweise von Lil Waynes schwachsinnigem Cousin eingeschleusten Zeitraffer-R&B ("Those That Don't Know"). Mit "Blip On A Screen" und "Trying To Kill M.E." sind auch gute Tracks vorhanden, doch da oben im dunklen Zimmer, in den letzten Nachtstunden, hätte man Skinner zu etwas ganz anderem raten sollen: "Sings For Only The Lonely" von Frank Sinatra hören. "My mama was right/ There's blues in the night". Es wird sich schon ein Praktikant finden, der auch "Computers And Blues" wieder für die beste Streets-Platte hält. (4) Jan Wigger

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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