Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Das neue Album der US-Band Death Cab for Cutie hat viele grandiose Lücken und Fehler, freut sich Jan Wigger und lobt Eddie Vedders Mut zur Ukulele. Andreas Borcholte fordert die schlaffen Arctic Monkeys zum Tanzen auf und geht mit EMA auf Geisterbahnfahrt durch Kalifornien.

Death Cab For Cutie - "Codes And Keys"
(Atlantic/Warner, bereits erschienen)

Weil ich unbedingt wissen wollte, welche lyrischen und musikalischen Auswirkungen Benjamin Gibbards Heirat mit der gar nicht mal weiter attraktiven Schauspielerin Zooey Deschanel haben würde (was ist sie schon gegen Maike von Bremen oder January Jones?), hörte ich "Codes And Keys" in den ersten Tagen so oft wie noch keine Death-Cab-Platte zuvor. Tatsächlich scheint nun etwas mehr Licht durch die schlau montierten Schwermutslieder, die Gibbard wie immer mit der Stimme eines Yucatan-Hörnchens vorträgt. Plötzlich lobt er seine neue Heimat L.A ("Life is sweet in the belly of the beast") und das Mädchen, das seine grüblerische Art mit Fassung trägt: "And there's no verse/ No monument of words/ For my love." Davon abgesehen bleibt "Codes And Keys" weitgehend unberührt von privaten Wonnen: "Doors Unlocked And Open", ein konziserer Zwilling des krautigen "I Will Possess Your Heart", droht Unheil an, auch "Home Is A Fire", das Death Cab For Cutie abermals als Könige des ersten Songs ausweist (man denke an "Marching Bands Of Manhattan", "Steadier Footing" oder "Bixby Canyon Bridge"), kündet von ungemütlichen Umwälzungen: "Houses will shake/ Fences will drift/ We will awake/ Only to find/ Nothing's the same/ As yesterday". "You Are A Tourist" ist die großzügige Verneigung vor Built To Spill, die man auch schon auf der Verweigerungsplatte "Narrow Stairs" in Form von "Cath..." besichtigen konnte. Das vielleicht Interessanteste an "Codes And Keys" sind die Lücken und Fehler, die manches Stück durchziehen: Dem groß angelegten Pop an der Grenze zur Perfektion (die erste Hälfte der "Plans"-LP) hat die Band ebenso abgeschworen wie dem doch etwas inkohärenten Mix aus Stilen, der ihnen vor drei Jahren dennoch ein Nummer-1-Album einbrachte. "Codes And Keys" ist umgeben vom Glanz des klar denkenden Geistes. Wer noch einen Kopf hat, den er sich zerbrechen kann, ist also klar im Vorteil. (7) Jan Wigger

Arctic Monkeys - "Suck It And See"
(Domino/Goodtogo, 3. Juni)

"Library pictures of a quickening canoe/The first of its kind to get to the moon", surreale Zeilen wie diese, sie stammen aus dem Song "Library Pictures", muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, sie machen Alex Turner zu einem der zurzeit besten Songschreiber Britanniens. Gut, aber so viel wussten wir auch schon vor fünf Jahren, als die Arctic Monkeys mit ihrem Album "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not" eindrucksvoll aufstampften. "Suck It And See", das vierte Album der inzwischen dem Teenager-Stress entwachsenen Band aus Sheffield, knüpft an die Geradlinigkeit des allseits bejubelten Debüts an, verfügt aber leider nicht über dieselbe verschwitzte Energie. Hieß es damals noch schön schwanzgesteuert "Get on your dancing shoes/ you sexy little swine", taucht die Aufforderung zum Tanzen nun in "All My Own Stunts" wieder auf, allerdings legt Turner sein Schicksal nun etwas erschlafft in die Hände der Dame, als wüsste er selbst nicht mehr, ob er auf dem Dancefloor noch eine gute Figur macht: "Put on your dancing shoes/ And show me what to do/ I know you've got the moves". Dabei sind die guten Songs durchaus vorhanden: "Black Treacle", "Don't Sit Down Cause I've Moved Your Chair", "Piledriver Waltz", sogar die etwas zu plump nach vorne rockende Single "Brick By Brick". Der Sound lehnt sich stark an den Sixties-Pop an, den Turner mit seinem Nebenprojekt The Last Shadow Puppets zelebriert, und wildert manchmal etwas zu dreist bei den Smiths, wenn Turner sich gleichzeitig als Morrissey- und Johnny-Marr-Nachkomme versucht. Doch einerlei: Wer sich eine eingängigere, wenn auch schmalspurigere Version der Arctic Monkeys gewünscht hat, wird hier bestens bedient; wer die widerborstigen Experimente von "Humbug" und "Favourite Worst Nightmare" schätzte, darf von dieser netten Nummer Sicher zu Recht enttäuscht sein. (6) Andreas Borcholte

EMA - "Past Life Martyred Saints"
( Souterrain Transmissions/Rough Trade, 3. Juni)

Im fatalerweise immer wieder als Gutfühlhymne verkannten Gruselschocker "Hotel California" von den Eagles sagt die geheimnisvolle Unbekannte den lebensschweren Satz "We are all just prisoners here, of our own device". Erika M. Anderson ist eine dieser im gelobten Land Gestrandeten. Einst verließ sie South Dakota in Richtung Los Angeles, angefixt vom kaputten Charme des Rock-Hits "Welcome To The Jungle" von Guns 'N Roses. Zusammen mit Ezra Buchla gründete sie die Noise-Band Gowns, erntete ersten Ruhm in der Szene. Jetzt ist sie alleine, nennt sich EMA - und hat mit "California" ihre eigene Abrechnung mit dem Land geschrieben, in dem so lange die Sonne scheint, bis es überall weh tut: "Fuck California/ You made me boring/ I bled all my blood out/ But these red pants they don't show that". Andersons heiser und lakonisch vorgetragene Geschichten gehen buchstäblich unter die Haut. "My arms they are a see-through plastic/ My arms are a secret, bloodless skinless mass", singt sie in "Marked", und in "Butterfly Knife" erzählt sie von den Suizid-Überlegungen eines Gothic-Girls auf der Highschool. In "Red Star" schließlich, dem fast siebenminütigen, sich langsam und bedrohlich steigernden Abschluss des Albums, offenbart EMA, worum es wirklich geht bei all dem Düsterkram auf ihrem Debüt: um enttäuschte Liebe. Wie meistens im Leben. Das Wunderbare an "Past Life Martyred Saints" ist jedoch nicht nur, dass es klingt, als hätte man ein paar alte Platten von Sonic Youth, Hole und Nirvana auf dem Dachboden entdeckt. Das Wunderbare daran ist, dass alles, was Erika M. Anderson singt, aufrichtig und beängstigend wahr klingt. You can check out any time you like, but you can never leave. (7) Andreas Borcholte

Eddie Vedder - "Ukulele Songs"
(Island/Universal, bereits erschienen)

Ein Ukulele-Spieler zwischen Kreuzigung und Auferstehung. Ist es Stefan Raab? Ist es Cliff Edwards? Nein, nur Pearl-Jam-Sänger Eddie Vedder, dessen gepresstes Knödeln man im Prinzip schon seit "Once" nur lieben oder hassen konnte. Wir lieben den Typen, selbst dann noch, wenn er beim abgeschmackten "Dream A Little Dream" beinahe einschläft oder es zulässt, dass der unsägliche Glen Hansard (aus dem "Away We Go" in Sachen bittersüß-verlogener Indie-Kulleräugigkeit in nichts nachstehenden Film "Once") an "Ukulele Songs" teilnehmen darf. Vedders Ukulele entwickelt auf diesem kleinen, liebenswerten Nebenwerk schnell ein Eigenleben, welches auch darin besteht, die kurzen Stücke zu strukturieren, zu erden und vor bloßem Ausufern zu bewahren. Das nüchterne "Sleeping By Myself" erzählt unter anderem davon, wie langweilig und vorhersehbar das Leben immer genau die Wendung nimmt, die man ihm mühelos zugetraut hat, wie der Mensch, in dem man sich getäuscht hat, schon vom allerersten Tag an für diese große Täuschung vorgesehen war: "I should have known there was someone else/ Down below I always kept things to myself/ Now I believe in nothing/ Not today/ As I move myself out of your sight/ I'll be sleeping by myself tonight." Wer tröstet Eddie Vedder? (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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