Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Super! Mark Ronson hatte wohl keinen Bock auf Bügeln, freut sich Andreas Borcholte. Oder wären die Black Lips sonst noch okay? Jan Wigger begibt sich mit den Locas In Love auf die Suche nach schmerzlichen Wahrheiten und erlebt noch einmal die Götterdämmerung Queens.


Black Lips - "Arabia Mountain"
(Cooperative Music/Universal, bereits erschienen)

Die Black Lips sind eine dieser Bands, die sich wünschen, sie hätten vor 50 Jahren gelebt und gewirkt, in den Sechzigern, diesem magischen Musik-Jahrzehnt, von dem noch heute noch fast alles zehrt, was sich für modern und bedeutsam hält. Das ist erstmal eine sympathische Grundhaltung, führt bei den meisten dieser Retro-Acts (The Hives, The Vines, etc.) aber dazu, dass sich auf ihren Platten ein oder zwei gute Singles finden, der Rest ist so langweilig und verzichtbar, dass man frustriert die unerreichten Garagen-Alben von den 13th Floor Elevators, den Trashmen, den Sonics oder den Flamin' Groovies wieder rauskramt. Die Black Lips aus Atlanta haben sich auf diese Weise fünf charmante Lo-Fi-Alben zusammengeschrammelt, standen vor gut vier Jahren schon mal kurz vor dem Durchbruch, haben sich aber erst jetzt den Star-Produzenten Mark Ronson geangelt, bekannt für sein Faible für alles, was anheimelnd nach Papas Plattenschrank müffelt. Nun könnte man denken: Oh fuck, jetzt kommt die große Ödnis, der Angriff auf den Mainstream, der Indie-Ritterschlag, die Einladung zu Yoko und Klaas. Doch entweder hatte Ronson keine Lust, den Sound der Band zu bügeln, oder die Black Lips waren einfach zu renitent. Es rumpelt also noch, und mehr als zwei Singles sind unter den 16 Songs auf "Arabia Mountain" allemal zu finden. Allein der Psycho-Beat "Family Tree" ist ein kurzer Song für die Ewigkeit, "Modern Art" zappelt und rappelt rund um den frech gekrähten Refrain "Turn around, start it over, let's begin" - gefangen im ewigen Retro-Kreislauf. "Spidey's Curse" ist eine Hommage an den sympathischen Comic-Helden Peter Parker, an diesen blauäugigen Awkward-Pop, den Weezer längst an den Nagel gehängt haben, weil er ihnen zu kindisch war. Die Black Lips haben keine Angst vor Klischees, sie umarmen sie einfach. They've got revved up teenage heads! (8) Andreas Borcholte

Locas In Love - "Lemming"
(Staatsakt/Rough Trade, 1. Juli)

Wenn Popautoren wie Eric Pfeil oder Josef Winkler schon seit Jahren einigermaßen euphorisiert von einer ganz bestimmten Musikgruppe berichten, dann hat dies gute Gründe. Zwar singen die Locas In Love auf Deutsch und reden auch von Straßen und Zügen, klingen aber überhaupt nicht nach einer deutschen Band, sondern suchen lieber die Geschichte des internationalen Poprocks nach seltenen Erinnerungsstücken ab, die einen Locas-Song bereichern könnten: "Auto Destruct" beginnt wie eine Frühstücksskizze von Britt Daniel (oder wie "We Used To Wait" von Arcade Fire), "An den falschen Orten" belehnt Neu!, "Lemming (Es wird immer dasselbe sein)" ist ein Rückgriff auf beinahe klassischen US-Indierock. Weil man mit Namen wie Stefanie Schrank, Jan Niklas Jansen und Björn Sonnenberg weder Versicherungssachbearbeiter noch Fleischergeselle werden kann, hat sich die Band aus Köln bereits in der Vergangenheit darauf konzentriert, schmerzliche Wahrheiten auf ungewöhnlichem Wege mitzuteilen: In "Spoiler Warning" verknüpft man kunstvoll "Ein Loch ist im Eimer" und "Let It Be": "Verstopf es mit dir selbst, mit dir selbst, mit dir selbst/ Wenn du glaubst, dass sich etwas ändert/ Wenn du glaubst, dass du es aushältst/ Sonst lass es sein, lass es gehen, lass es los/ Worte voller Weisheit: Lass es sein." Ja, es ist wichtig und beruhigend, seinen größten Feind immer in der Nähe zu wissen. Doch es ist ebenso wichtig, sich mit Liedern zu umgeben, denen man nicht erst erklären muss, warum man so ist, wie man ist. Keep some steady friends around. (8) Jan Wigger

The Antlers - "Burst Apart"
(Cooperative Music/Universal, bereits erschienen)

"Try it, try it, try it/ Get your jaw off the floor", singt Peter Silberman in "Every Night My Teeth Are Falling Out", einem eher beklemmenden Song auf dem neuen Album seiner Band The Antlers. Mit der letzten Platte, "Hospice", etablierte sich Silberman vor zwei Jahren als fragiler, fiebriger Soul-Sänger, der von einer Krankenschwester im Sterbetrakt und einem krebskranken Mädchen erzählte, dass einen die Hoffnungslosigkeit, die Enge und die tiefschürfende Trauer dieser Platte lange nicht mehr losließ. Mit "Burst Apart" will sich Silberman nun aufrappeln, hinauskrabbeln aus dem dunklen Wald, allmählich wieder Licht ertragen, das Fenster für eine frische Brise öffnen. Doch die Alpträume sind natürlich immer noch da: Wer kennt nicht das Entsetzen, nachts schweißgebadet aufzuwachen, weil man träumte, die Zähne fielen einem aus dem Mund. Sexuelle Frustration sieht darin der Traumdeuter; Silberman geht es besser, aber noch nicht gut: "One broken wing/ Soaring and suffering/ Arm in a sling/ I don't owe you anything", beginnt "Parentheses", die Single, die gleichzeitig den neuen Sound der drei Brooklyner definiert. Die schleppenden Hinterhofbeats und sehnenden Sirenengesänge von Portishead haben hier starken Einfluss genommen, an anderer Stelle hört man elektronische Soul- und Pop-Arrangements, für die Alexis Taylor und Hot Chip Pate gestanden haben könnten. Immer wieder irrlichtern entfernt klingende Trompeten und Silbermans entrückter Gesang durch die Lieder, machen "Hounds", "Tiptoe" oder "Corsicana" zu Schlafwandlereien, bis die Band mit der allzu einfach gestrickten Ballade "Putting The Dog To Sleep" die schöne, traurige Trance leider auf einer allzu banalen Note wieder auflösen. Dennoch bleiben The Antlers auch mit "Burst Apart" essentieller Bestandteil der kleinen Szene entfremdeter junger Musiker wie Bon Iver oder James Blake, die ihr Heil im großen Herz afroamerikanischer Soulmusik suchen - und sich in elektronischen Sphären verlieren. Musik, bei der man sich in eine embryonale Schutzhaltung zusammenzurollen möchte. (7) Andreas Borcholte

Queen - "News Of The World", "Jazz", "The Game", "Flash Gordon", "Hot Space" (2011 Digital Remaster)
(Island/Universal, bereits erschienen)

Der zweite Schwung an klangverbesserten Queen-Alben, leider ohne "Live Killers", dafür jeweils versehen mit einer zweiten CD, auf der sich frühe Versionen, Live-Stücke, Remixe, Schnapsideen, plötzliche Geistesblitze ("It's A Beautiful Day") und ein paar wenige B-Seiten in etwa die Waage halten. Ganz im Gegensatz zu manch majestätischer Errungenschaft auf "A Night At The Opera" oder "Sheer Heart Attack" fällt hier bei einigen absurd bekannten und millionenfach zweckentfremdeten Brechern schon das bloße Hinhören schwer: Während "We Are The Champions", "Play The Game" oder "Crazy Little Thing Called Love" unzerstörbar bleiben, zähle ich "We Will Rock You", "Another One Bites The Dust", "Body Language" und - enthaupten Sie den Rezensenten jetzt - "Under Pressure" nach wie vor zu den reizlosesten Queen-Stücken überhaupt. Auch der Soundtrack zur Pappkulissen-Verfilmung von "Flash Gordon" (fast so schlecht wie "Ghost Rider" mit Nicholas Cage, gilt bei diversen Sci-Fi-Nerds dennoch als "legendär") war eher ein Privatvergnügen, das nicht jedem Fan der spätestens mit der umstrittenen "Hot Space"-LP entschwunden geglaubten Operetten-Grandezza gefallen konnte. Wir suchen aber auch die Orte der Sehnsucht wieder auf, die pfauenhaften, paradiesischen, geschraubten Balladen, die Freddie Mercury schon früh als Meister aller Klassen auswiesen: "Jealousy" (auf "Jazz"), "My Melancholy Blues" (von "News Of The World") und "Life Is Real", Mercurys Song für John Lennon. Dann kamen "The Works", "A Kind Of Magic" und "The Miracle". Götterdämmerung. "News Of The World" (8), "Jazz" (8), "The Game" (7), "Flash Gordon" (5), "Hot Space" (5) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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