Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Deutscher Rap, geeignet für die Indie-Disco? Igitt, meint Jan Wigger, bescheinigt dem Bielefelder HipHop-Nachwuchs Casper aber immerhin das Talent, schön schlechte Laune zu erzeugen. Andreas Borcholte fragt sich, warum die Junior Boys für ihren sehr guten Elektropop Orson Welles brauchen.

Casper - "XOXO"
(Four Music/Sony, 8. Juli)

Kommt ein VWL-Student mit Tomte-Muskelshirt und Kassengestell zum Casper-Konzert und wird von einem Milchbart mit Fler-Käppi blöd von der Seite angemacht: "Ey, du Opfer, hörst Casper, oder was? Bist du schwul? Fickst du auch deine Mutter? Ey, verpiss dich, Alta!" Bielefeld existiert, und der Beweis dafür ist Casper, bürgerlich Benjamin Griffey, 28 Jahre alt, kein Bling-Bling, dafür Tocotronic-Kenner und genau der Homie, den jetzt auch politisch korrekte Lo-Fi-Langweiler und Primavera-Sound-Besucher hören dürfen, ohne sich dafür erst die zweite A-Tribe-Called-Quest-LP kaufen zu müssen. Wer das beschlossen hat? Keine Ahnung, ist halt so. Während Tyler, The Creator einfach nur ein kleiner, dummer Idiot ist, spricht Griffey mithin von Dingen, die theoretisch auch den Shout-Out-Louds-Hörer, der perspektivlos auf dem Land festsitzt und verzweifelt "Brauner Bär"-Eis schleckt, berühren könnten: "Wir scheitern immer schöner/ Versagen mit Stil/ Haben nicht viel/ Ausgenommen Leitfiguren/ Auf davon!/ Sind nicht schön, sind nicht reich/ Wird harter Kampf, da rauszukommen/ Graubeton/ Wände vor funkelndem Licht/ Tragen schwarz, jeden Tag/ Bis es was dunkleres gibt." Emo-Rap mit belegter Stimme und Sounds, die man eher aus den ungefährlicheren Bereichen Indie-Pop und Studenten-Radio kennt. Dazu kommt ein Bonus: Wer Caspers heartsongs hört, bekommt auf der Stelle schlechte Laune. Jung, deutsch und auf dem Weg nach unten. (7) Jan Wigger

Junior Boys - "It's all true"
(Domino/Goodtogo, bereits erschienen)

Mitten in seinem sehr exzentrischen Film-Essay "F is for Fake", einer Hommage an den Kunstfälscher Elmyr de Hory, erklärt Orson Welles, dass alles, was in der nächsten Stunde gezeigt wird, der Wahrheit entspreche - "it's all true". Am Ende freilich stellt sich heraus, dass Welles auch in diesem Teil des Films vielfach gelogen und betrogen hat. "It's all true" sollte in den vierziger Jahren auch eines der ambitioniertesten Regieprojekte des großen Kinovisionärs Welles heißen, eine Collage über die Vielfalt des Lebens auf dem amerikanischen Kontinent. Und nun haben die Junior Boys, ein Duo aus Ontario, Kanada, ihr neues Album nach diesem nie realisierten Filmtraum benannt und an dessen Ende ein neunminütiges Stück Elektropop-Multilayer-Wahnsinn namens "Banana Ripple" gepackt, das die Eiscreme-Vorliebe des verrückten Milliardärs Howard Hughes würdigt. Was das bedeutet? Schwer zu sagen. Erstens wohl, dass Jeremy Greenspan, Kopf des Duos, in den vergangenen Monaten eine Menge Bücher gelesen und Filme gesehen hat, die von den amerikanischen Gauklern, Magiern und Entrepreneuren vom Beginn des letzten Jahrhunderts handelten. Zweitens vielleicht, dass man in diesem Nebelwerferreich namens Popmusik keinem so recht über den Weg trauen sollte. "It's all true" meint, im besten Sinne Orson Welles': It's all fake. Aber das nur nebenbei. Greenspan und seinem Partner Matt Didemus ist mit ihrem vierten Album ihr bisher beste, konzentrierteste und kohärenteste Sequenz einzelner Stücke gelungen. Wie zuvor besteht das Referenz-System aus Achtziger-Jahre-Synthie- und Dreampop, Ambient-Techno und lupenreinem R'n'B, was vor allem bei "Banana Ripple" zum Tragen kommt, einem Song, für den sich der zappelige Of-Montreal-Chef und Prince-Fan Kevin Barnes wahrscheinlich zu einer Stunde Stillstehen durchringen würde, wenn er ihn dafür sein Eigen nennen dürfte. "You'll Improve Me" ist aus demselben Elektrosoul-Stoff programmiert, aus dem Hot Chip Indie-Disco-Hits zaubern; "Itchy Fingers" und "A Truly Happy Ending" verneigen sich noch einmal vor den großen Jungs von New Order, denen die Junior Boys schon immer gehuldigt haben. Wer will, kann in "It's All True" eine weise Meditation über das große Flickerflacker und Glamorama des Pop sehen, wer das nicht will, kann sich einfach in die clever konstruierten Klanggebilde und vordergründig herzigen Lovesongs dieses unbedingt zeitgeistigen Popalbums versenken. Man nennt es Intelligent Dance Music, nicht ohne Grund. (8) Andreas Borcholte

Boris - "Attention Please"/"Heavy Rocks"
(Sargent House/Cargo, bereits erschienen)

Warum aus der Weltuntergangstrainingseinheit Sunn 0))), deren stetiges und unnachgiebiges Brummen dir das Hirn so dicht mit breiten, schwarzen Ziegelsteinen zupflastert, kein allgemeinverträglicheres Phänomen werden konnte, lässt sich zumindest küchenpsychologisch hinreichend erklären: radikaler Habitus, nahe Anbindung an den Black Metal, absichtlicher Verzicht auf nachvollziehbare (oder gar eingängige) Songstrukturen. Dabei hätte die wunderbare "Altar"-Platte, die man 2006 gemeinsam mit der japanischen Gruppe Boris veröffentlichte, alle Zweifler bekehren müssen. Schon damals attackierten Boris entweder mit Gitarren oder einem festgefrorenen Lächeln, welches sie vermutlich von den meisten anderen asiatischen Bands unterschied. Nun gleich zwei Alben, das eine ("Attention Please") gut hörbar und ein Fest für dünne Menschen, die früher Galaxie 500 oder die Pale Saints mochten und heute - wie ich - die Band Blonde Redhead geradezu hündisch verehren. "Heavy Rocks" dagegen ist ein Amalgam aus tonnenschwerem Doom, blindmachender Farbgebung, etwas Wehmut ("Missing Pieces") und bösartig verschlepptem Stoner Rock. Und wenn alle Töne verklungen sind, verschwinden Boris unbemerkt durch eine Ritze in der Wand. Drei Musiker zwischen Entblößung und Verbergung. Das ist wirklich heavy. "Attention Please" (7), "Heavy Rocks" (7) Jan Wigger

The Horrors - "Skying"
(XL/Beggars/Indigo, 8. Juli)

Ihr erstes Album mochten nur südkoreanische Geisterbahnbetreiber, Fans von Cinema Bizarre und insgesamt zwölf Abonnenten der Monatszeitschriften "Orkus" und "Sonic Seducer". Zwei Jahre später hatten The Horrors sich gehäutet: "Primary Colours", eine Grußadresse an Kevin Shields und den frühen Mark Gardener, besaß die richtige Attitüde und Songs, die zwar im Lärm wurzelten, aber über das bloß Atmosphärische hinausgingen, was dazu führte, dass man sogar diese Band plötzlich ernst nahm. "Skying" fächert die Möglichkeiten der Horrors noch etwas weiter auf: leiernde Bowie-Nachbildungen ("Changing The Rain"), weitere rauschhafte My-Bloody-Valentine-Momente ("I Can See Through You"), schamvoll gespielter, beinahe kommerzieller Synthie-Pop ("Still Life") und der achtminütige Abschluss "Oceans Burning", den es in dieser Form auf einigen Shoegazer-Referenzwerken gibt und den Hörern wohl sagen will: Sollten wir in der letzten Dreiviertelstunde wirklich irgendetwas aufgebaut haben, dann schlagen wir es jetzt wieder kaputt. Gute Platte, Songwriting noch ausbaufähig. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)