Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Dubstep lebt! Vor allem dank Zombys knapp halbstündiger Lektion in Zukunftsmusik und Melancholie, meint Andreas Borcholte und leidet mit Miss Li. Jan Wigger durchschaut den Brit-Hype Wolf Gang und würde gerne mit Joss Stone einen Kaffee trinken gehen.


Zomby - "Dedication"
(4AD/Beggars Group/Indigo, bereits erschienen)

Letzte Woche sprachen wir über das kleine, fast schon wieder ausgeleierte Subgenre Chillwave und seine Ankunft im Mainstream mit Washed Out. Dubstep, wiewohl weitaus länger existent und zunehmend unübersichtlich in seinen Zerfaserungen und Sub-Subgenres, wurde ebenfalls bereits totgesagt, die Hype- und Aufmerksamkeitszyklen in der Pop-, vor allem aber elektronischen Musik werden kürzer und kürzer. Da kommt einer wie Zomby gerade recht. Vor drei Jahren begeisterte der Brite, der sich nicht gerne fotografieren lässt und seinen Klarnamen nicht verraten mag, die Szene mit seinem Debüt-Album "Where Were You in '92", worauf er den Rave- und Technosound der frühen Neunziger feierte - ein cleveres, sehr lautes, sehr lustiges Spiel mit dem Retro-Zeitgeist. Wer nun ob Zombys neuer Single "Natalia's Song" meint, der Musiker würde - wiederum auf den Massengeschmack schielend - in Dubstep-Gefilde zurückkehren, weil das Stück wie ein verloren gegangener Track seines Kollegen Burial klingt, der irrt gewaltig. In knapp 34 Minuten vermittelt Zomby nicht nur eine Ahnung davon, welches Potential als Komponist und Produzent noch in ihm stecken mag; er gibt auch einen Ausblick, wohin sich die auf Breakbeats und Dub-Bässen basierende Elektro-Musik in den nächsten Jahren noch entwickeln könnte. "Alothea", "Riding With Death" und "A Devil Lay Here" spielen mit den düsteren Suspense-Soundtracks John Carpenters aus den Siebzigern, "Lucifer" und "Things Fall Apart" (mit "Panda Bear" Noah Lennox) heben die Beats und Rhythmen amerikanischer HipHop- und R&B-Produktionen in sphärische Level und machen sie dadurch transparent. Vieles bleibt nur hingeworfene Skizze oder spielerische Andeutung, so wie das kaum einminütige "Salamander" oder die skelettierte Daft-Punk-Hommage "Black Orchid". Richtig interessant wird es aber vor allem bei Stücken wie "Haunted" oder "Basquiat", wo Drums, Bässe und Geräusche aus der Spiele-Arkade einen erwachsenen Sound stützen, der weit in zeitgenössische Klassik und Jazz hineinreicht. Tanzen, falls das die Erwartung war, kann man zu "Dedication" auch, am besten nachts über der Restwärme abstrahlenden Stadt, auf dem Dach der Tyrell Corporation, eng umschlungen mit einer geheimnisvollen Replikantin. (7) Andreas Borcholte

Wolf Gang - "Suego Faults"
(Atlantic/Warner, bereits erschienen)

Die britische Presse hat "Suego Faults" gehört und jubelt schnell noch mal: Schon bald wird sich der Himmel verfinstern und die Belegschaft gezwungen, das neue Kooks-Album zu rezensieren. Auch die Plattenfirma scheint Wolf Gang (wohl einer der ungünstigsten Projektnamen für Konzertreisen in Deutschland) verfallen und verkündet grammatikalisch wie inhaltlich äußerst fragwürdige Wunschvorstellungen: "Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Max' Stimme wie die von Jeff Buckley treibt, während sie von ihrem ganz eigenen eigenwilligen Charme getragen wird." Und: "Wolf Gangs Sound ist so unglaublich betörend, dass Bands wie The Shins dessen mitreißende Innovation nur allzu gerne kopieren würden." Wir zitieren Helmut Körschgen: "In der Phantasie geht alles!" Denn mitreißend innovativ ist auf Max McElliotts erstem Album nicht viel: Die mehrfarbig arrangierten Songs setzen sich zu gleichen Teilen aus dem zusammen, was uns David Bowie, MGMT, The Flaming Lips, Arcade Fire und die Killers hinterlassen haben. "Lions In Cages" und "The King And All Of His Men" werden The Naked And Famous in die Indie-Diskotheken (Moment mal, hatte der Vatikan die Vorhölle nicht abgeschafft?) folgen, über die ersten 45 Sekunden von "Planets" könnten Air Supply problemlos "Even The Nights Are Better" singen. Aber egal: Solange konfektionierter Independent Pop nicht klingt wie Owl City, darf dieser Zug ruhig noch etwas weiterfahren. (6) Jan Wigger

Miss Li - "Beats & Bruises"
(Devil Duck Records/Indigo, bereits erschienen)

Miss Li kennt man hierzulande ja vor allem aus diesem iPod-Werbespot, durch den ihr holterdipolterndes Burlesque-Stückchen "Oh Boy" flirrte. In ihrer Heimat Schweden ist Linda Carlsson natürlich schon seit mehr als einem halben Jahrzehnt ein Star, hatte aber in den vergangenen zwei Jahren privat eine eher harte Zeit. Auf "Beats & Bruises" verarbeitet sie in Songs wie dem bitteren "Shoot Me" nicht nur eine Fehlgeburt und eine langwierige Krankheit, sie erzählt auch finstere Geschichten von einem Mann, der seine Ehefrau halbtot prügelt ("Devil's Taken Her Man"). In "Arrested" schildert sie (wahrheitsgemäß), wie sie nach einer feuchtfröhlichen Samstagnacht von der Polizei verhaftet wurde, weil sie auf die Straße gepinkelt hat. Als ob die nichts Besseres zu tun haben, als ein kleines Mädchen wie sie zu verknacken, spottet sie zum fröhlichen Sixties-Shoop-Shoop. Doch diese frechen Momente sind selten geworden, was den Songs eine angenehme Melancholie und Schwere verleiht, die man bisher von Miss Li nicht kannte, aber insgeheim erhofft hatte. Nun muss man also die Phrase vom bisher reifsten und erwachsensten Album der Künstlerin bemühen, was natürlich nervt, weil man Carlsson mit Phrasen, Schubladen und Kategorien einfach nicht gerecht wird. Breitwandiger New-Orleans-Jazz, Ragtime, Blues, Rockabilly und der lebensweise Zyniker-Soul von Nancy Sinatra wehen durch beschwingte Lieder wie "You Could Have It (So Much Better Without Me) und "Forever Drunk", die aus Allersympathischste von einer Frau erzählen, die sich mit ihrer selbstironischen Musik aus dem Dreck zieht. Kerle wären bei so etwas unterträgliche Mimosen. Außer vielleicht Tom Waits. (6) Andreas Borcholte

Joss Stone - "LP1"
(Stone'd Records/Sony, bereits erschienen)

Nach allem, was man hörte, sollte Joss Stones erste LP auf ihrem eigenem Label so etwas wie die freiwillige Abkehr von allzu angestrengtem Geknödel, vom schweren Atmen und den antrainierten Manierismen (durch die ja auch die meisten Auftritte in Casting-Shows ins Unerträgliche gleiten) werden. Pünktlich zu "LP1" unterstellt man dem Stimmgenie nun mehr "Natürlichkeit" (was immer das auch heißen mag), während Dave Stewart, der die zehn Songs mit Stone und mehreren unverdächtigen Session-Musikern in Nashville aufnahm, vor Begeisterung derart röchelt, als hätte er gerade "Dusty In Memphis" produziert: "Joss kann mit der Wildheit einer Löwin singen!" Auch ich würde gerne einen Kaffee mit Joss Stone trinken, doch ihre Musik bleibt mir ein Rätsel: Wieso diesen handwerklich einwandfreien und meinetwegen makellos intonierten Tchibo-Soul hören, wenn man auch "I Never Loved A Man (The Way I Loved You)" oder "The Windows Of The World" auflegen kann? Zum mal gemächlichen, mal renitenten Säuseln Stones kommen die echt schrottigen Texte: "What happened to this morning when I/ I woke up hung over/ What happened to the people walking hand in hand, yeah Let's treat this day like a newborn baby." Falls man die CD bei Saturn noch zurück nimmt, würde ich mir dafür statt Geld sogar eine Staffel "Cougar Town" andrehen lassen. (4) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
TheRealJesus 02.08.2011
1. Wenn das die wichtigsten CDs der Woche sind...
Wäre ja schöner gewesen mal gute Musik 'abzuhören'.
elpepino 02.08.2011
2. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von TheRealJesusWäre ja schöner gewesen mal gute Musik 'abzuhören'.
Ja, genau! Als ob Wigger und Borcholte auch nur je einen Cent für die CDs bezahlen müssten, die sie hier besprechen. Wozu gibt's denn PR-Abteilungen bei Plattenfirmen, die die Scheiben nur zu gerne kostenlos unters schreibende Volk bringen? Dieser Satz ist falsch! Er müsste heißen "Wäre ja noch schöner gewesen...". Aber dann wär's ja keine SPON-CD-Besprechung. "Weißte ey! Die Musik kennt keine Sau, aber die Besprechungen sind echt immer lesenswert! Da hängen zwei Leute immer voll den Guru 'raus..."
Resident.Rhodan, 02.08.2011
3. Nach Titelrückgabe verrreist
Zitat von elpepinoJa, genau! Als ob Wigger und Borcholte auch nur je einen Cent für die CDs bezahlen müssten, die sie hier besprechen. Wozu gibt's denn PR-Abteilungen bei Plattenfirmen, die die Scheiben nur zu gerne kostenlos unters schreibende Volk bringen? Dieser Satz ist falsch! Er müsste heißen "Wäre ja noch schöner gewesen...". Aber dann wär's ja keine SPON-CD-Besprechung. "Weißte ey! Die Musik kennt keine Sau, aber die Besprechungen sind echt immer lesenswert! Da hängen zwei Leute immer voll den Guru 'raus..."
Tja, wenn ich nix Neues oder auch nur immer dieselben Acts hören will, muss ich halt Formatradio hören und die Rezensionen im McDonalds-Magazin lesen. Und gute Musik gibt es ja sowieso nur in den Charts. Für alle anderen ist hier immer mal wieder eine Perle dabei, genau so wie Musik, die man nicht hören kann. Musik ist halt Geschmackssache, keine Sache von Namen oder Bekanntheit...
Stephantastisch, 02.08.2011
4. Sommerloch
Sieht ganz nach musikalischem Sommerloch aus. 5,75 im Schnitt ist schon mau. Naja, wenigstens Geld gespart.
rehabilitant 02.08.2011
5. Lieber selbst hören
Zitat von StephantastischSieht ganz nach musikalischem Sommerloch aus. 5,75 im Schnitt ist schon mau. Naja, wenigstens Geld gespart.
Empfehle aber, sich ein eigenes Urteil zu bilden, anstatt sich auf das Urteil eines dieser 'Spezialisten' zu verlassen.
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