Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Na also, stellt Andreas Borcholte fest: Zach Condon hat sich endgültig im Kreise der Kauze etabliert. Jan Wigger durchwandert derweil mit Stephen Malkmus ein paar Jahrzehnte und macht es sich bei Baxter Dury herrlich einfach mit folgendem Rat: Geben Sie ihm Ihr Geld.


Stephen Malkmus And The Jicks - "Mirror Traffic"
(Domino)

Zwar ertappt Stephen Malkmus den richtigen Menschen gleich zu Beginn des Albums in den falschen Schuhen ("I caught you streaking in your Birkenstocks / A scary thought"), aber das ist noch nicht der Moment, in dem der notorische Quengelsänger halbironisch Frieden mit seiner Vergangenheit als pathologisch gelangweilter Hänger schließt. Der Schlüssel dazu steckt in "Forever 28", einer endgültigen Aussöhnung von nervenschwachem Sixties-Beat und US-Stadionrock: "I know that you can't repair a lightbulb / What's your dartboard history? / It's not a phase / The donut glaze will rot your teeth and leave you crazed / Time to drag your dead heels in the dirt." Der Superslacker frisst seine Kinder, ein Handstreich, für den Evan Dando inzwischen zu müde und J Mascis zu greisenhaarig ist. "Mirror Traffic" stellt das aus, was Malkmus seit der Aufhebung von Pavement als recording artists mit seiner immer träger voranschreitenden Zeit so gemacht hat: Einen Songschreiber aus dem Jahre 1972 spielen ("No One Is (As I Are Be")), Gitarren zerhacken ("Spazz"), liebliches Liedgut ("Long Hard Book") wunderlich enden lassen. Auch die leichtfertigen, zuweilen fast zu eingängigen Songs in der Tradition von "It Kills", "Phantasies" oder "Fractions & Feelings" werden eingestreut: "Tigers" ist so hübsch und reizend, dass Stephen Malkmus wahrscheinlich bereits wieder langweilig wurde, während er den Anfang der zweiten Strophe schrieb. "Call me petty / I mean every word / The ands, the ifs, the buts and the the's." White lie fever. (7) Jan Wigger

Beirut - "The Rip Tide"
(Pompeii/Indigo, 26. August)

Zach Condon, wiewohl erst Mitte Zwanzig, ist schon ganz schön herumgekommen: Osteuropa, Berlin, Frankreich, Belgien, Italien - es war immer schon eine der schönsten Pointen dieses Bandprojekts, dass dessen Musik nach aller Herren Länder klingt, nur nicht nach dem Libanon. Mit seinem dritten regulären Album, aufgenommen im klirrend kalten New Yorker Winter von 2010, ist Condon nun vielleicht endlich bei sich zu Hause angekommen - zum einen buchstäblich, wie im schönen Popsong "Santa Fé", das von seiner Heimatstadt in New Mexico handelt, und zum anderen metaphorisch, weil "The Rip Tide" die gleichsam unauffälligste intimste und ausgereifteste Sammlung von Beirut-Songs ist. Statt den Fehler zu machen, prominenten Kollegen aus dem Indie-Genre der Introvertierten ins Elektronische und Sphärische zu folgen, bleibt Condon seinem mit Trompete und Polka-Rhythmen noch immer nach Puszta klingendem Sound treu, spielt aber die musikalische Fernreise diesmal deutlich in den Hintergrund. Die Beschränkung auf wenige Instrumente und betont einfache Arrangements lassen Raum für Condons Talent als Songschreiber, das dann auch in balladesken Stücken wie "East Harlem" oder wehmütig anschwellenden Liedern wie "Payne's Bay" oder dem Titelsong mehr denn je zur Geltung kommt - auch wenn nicht immer klar ist, worüber Condon eigentlich singt. "He's the only one who knows the words", heißt es in "The Peacock", der kontemplativen Beobachtung eines Pfaus. Vogelbeobachtungen im Winter? Das erinnert schon fast an Bill Callahan. Von dessen Kraft und Wirkungsmacht ist Zach Condon noch weit entfernt - aber mit "The Rip Tide" etabliert er sich schon mal im Kreise der Kauze und Originale. (7) Andreas Borcholte

The George-Edwards Group - "Archives"
(Galactic Zoo Disk / Drag City)

Der psychedelische Pop, der baroque pop und der esoterische Spinner/Songwriter-Pop sind Fässer ohne Boden (wie Frank Zappa), Genres, deren größte Schätze nur sehr schwer zu heben sind und Interessensgebiete, die komplizierte Flugreisen erfordern, falls das Geld locker sitzt und der Terminkalender den nächsten Termin erst für Februar 2012 anzeigt. Die grandiose LP "38:38" der George-Edwards-Group gehörte 1977 zu den seltenen Edelsteinen einer Bewegung, die keine war. Mit verwaschenen akustischen Gitarren, tremolierendem Gesang (den man heutzutage etwa bei den Wild Beasts findet), analogem Keyboard und nahezu körperlosem Gestus wurde diese zu seiner Zeit in Eigenpressung veröffentlichte (und 2009 von Galactic Zoo Disk neu aufgelegte) Platte zum Sammlerobjekt von Mülltauchern und zwanghaften Komplettisten. Hört man nun "Puppetman" oder "Shattered Heart" aus der unverhofft aufgetauchten George-Edwards-Raritätensammlung "Archives", entdeckt man eine weitere, bislang unbekannte Ebene des ungleichen Duos Edward Balian und Ray George: Fuzz-Rock-Rudimente, kalte Synth-Landschaften und balladenähnliche Blindflüge, die ihnen gefallen könnten, wenn sie "Surrender" von Suicide mögen. Vinyl only! Und eine traurige Mitteilung: Die Kopie, die noch bis vor ein paar Tagen bei "The Adelphi" in Singapur erhältlich war, ist jetzt auch weg. (8) Jan Wigger

Baxter Dury - "Happy Soup"
(Regal / EMI)

Schon komisch, aber in Hamburg gibt es einen Menschen, der genauso aussieht wie Ian Durys Sohn Baxter. Allerdings macht er wohl keine Musik und falls doch, würde er sein Album kaum "Happy Soup" nennen. Erinnern wir uns an den echten Baxter Dury: "Lee Parrot's Memorial Lift" war vor acht Jahren eine Verzauberung der Wirklichkeit, ein wunderbar eklektisches Debüt zwischen Barrett, Lennon und R. Stevie Moore. Die Platte darauf ging unter, doch nun loben "Uncut", "The Guardian" und "Evening Standard" die zehn neuen Songs, und verdammt noch mal: irgendwie haben sie alle Recht. Auf "Happy Soup" führt Baxter Dury die Feder mit leichter Hand, begleitet den kargen, spärlichen Funk von "Isabel" mit stoischem Cockney-Akzent, berichtet im Young-Marble-Giants-artigen "Leak At The Disco" von einer Taxifahrt ins Mysterium, schläft in "Afternoon" beinahe ein und spricht im exquisiten, von einer mehr als lasziven Madeleine Hart begleiteten Titelsong um ein Haar so rauchumnebelt wie Serge Gainsbourg in "L'Hôtel particulier". Platten wie diese (oder das artverwandte Roses-Kings-Castles-Debüt) sind neuerdings selten. Geben Sie Baxter Dury Ihr Geld. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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