Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Mit den Red Hot Chili Peppers und ihrem neuen Album reist Andreas Borcholte sogar bis in die Karibik! Was für eine nette Überraschung. Jan Wigger schluchzt mit den Jayhawks und freut sich mit all den dünnen Menschen, denen das Album von Butcher Boy gefallen dürfte.

Red Hot Chili Peppers - "I'm With You"
(Warner, 26. August)

Kollege Wigger sagte neulich zu mir, er würde immer noch nicht verstehen, warum ich einst darauf bestanden habe, "Stadium Arcadium" in die Liste der zehn besten Alben von 2006 zu nehmen. Und das neue Album der Red Hot Chili Peppers, das solle ich doch bitte auch selbst besprechen, ich weiß nicht mehr, ob er meinte, die Band wäre "durch" oder "belanglos", wahrscheinlich irgendwas dazwischen. Kann man so sehen. Vor allem, was "Stadium Arcadium" betrifft, das zugegeben monströse Doppelalbum, das den Chili Peppers, wie wir sie jetzt mal freundschaftlich nennen, ihre erste Nummer eins in den USA bescherte. Mit einem Freund von mir streite ich mich immer wieder gerne darüber, ob nun "Stadium Arcadium" das blödeste Album der Peppers ist oder "One Hot Minute", das zum Glück einzige, auf dem Dave Navarro Gitarre spielen durfte. Wobei, da gibt es nicht viel zu streiten: "One Hot Minute" ist und bleibt indiskutabel, "Stadium Arcadium" ein Triumph - und im Rückblick außerdem das lautstarke Vermächtnis des Gitarristen John Frusciante, der die Band 2008 ein zweites Mal verließ, diesmal aber im Guten.

Und damit sind wir endlich bei "I'm With You", dem neuen, zehnten Album der Red Hot Chili Peppers, die mit Josh Klinghoffer nach Hillel Slovak, Frusciante und Navarro mal wieder einen neuen Mann an den Gitarren haben, und das hört man natürlich. Genauer: Man hört, dass Frusciante weg ist - und mit ihm auch eine gewisse Dringlichkeit und Schroffheit. Klinghoffer, ehemals unter anderem Drummer bei Warpaint und langjähriger Freund der Band, ist wahrscheinlich ebenso virtuos wie sein Vorgänger, spielt sich aber weniger in den Vordergrund und verehrt neben Jimi Hendrix auch noch andere Idole. Diesem gleichzeitig toleranteren und subtileren Rockmusik-Ansatz passen sich Bassist Flea, der während der Bandpause zwei Jahre Musik studierte, Sänger Anthony Kiedis und Drummer Chad Smith erstaunlicherweise an. Klinghoffer, der dem Album auch seinen Titel verlieh, wird nicht zum Junior degradiert, der im Hintergrund wurschteln darf, er scheint die treibende Kraft gewesen zu sein, die die Band in eine neue Richtung gesteuert hat.

Mit wenigen Worten: Es gibt den harten Funk der alten Tage, zumeist in den Strophen, es gibt auch melancholisch-poppige Refrains - es gibt aber auch karibische und afrikanische Anklänge in Songs wie "Ethiopia" (inspiriert von der Reise dorthin mit Damon Albarns Afrika-Projekt). Immer wieder brechen die Songs in der Mitte herunter, schaffen Raum für schwebende, träumerische, fast an Jazz-Arrangements grenzende Inserts und Interludien, die vor allem Flea und Klinghoffer mit ausgefeilten Läufen und Licks füllen. Ausgefeilt und durchdacht, das sind auch die beiden Attribute, die man dem neuen Sound der Chili Peppers verleihen könnte. Das ist gar nicht so langweilig, wie es sich liest, denn bisher regierte eher das eherne Rock'n'Roll-Gesetz des Drauflosspielens bei den, sagen wir mal: kalifornischen Rolling Stones, die es ja immerhin schon bald 30 Jahre gibt. Da kann man dann auch mal langsam erwachsen werden. So gehören denn auch zwei ernste, balladenhafte Stücke zu den Höhepunkten der Platte: "Brendan's Death Song", ein Requiem für den L.A.-Szeneguru und Band-Intimus Brendan Mullen, sowie "Police Station", das angeblich die wenig ruhmreiche Geschichte der Polizei von Los Angeles erzählt und dabei klingt wie die Stones ca. zu "Goats Head Soup"-Zeiten. Ja, es geht um Californication, wie immer, aber die Themen sind schwerer, dunkler - was einen unbequemen Kontrast zur demonstrativen Calypso-Leichtigkeit der Musik erzeugt (ein Song heißt tatsächlich "Dance, Dance, Dance").

"I'm With You" ist ein gutes, aber kein großes Album, es hat die üblichen Single-Hits, neben dem allzu flauschigen "The Adventures Of Rain Dance Maggie" vor allem die schnellen Funkrocker "Look Around", "Goodbye Hooray" und den düsteren Popsong "Monarchy Of Roses"; es hat mit Rick Rubin einen Produzenten, der die Band in- und auswendig kennt, und mit Cover-Gestalter Damien Hirst einen veritablen Kunstanspruch. Und mit dem jungen Josh Klinghoffer einen interessanten Wegweiser in die Zukunft. Keine Sorge, Jan, muss nicht in die Top Ten. Aber hör's Dir ruhig mal an. (8) Andreas Borcholte

Butcher Boy - "Helping Hands"
(Damaged Goods / Cargo Records)

In einem sehr schlechten, mit Rockjournalisten-Klischees überladenen Bericht über das sogenannte "Dockville"-Festival in einer Hamburger Tageszeitung bezeichnete man kürzlich den sterbenslangweiligen Mainstream-Pop der Landplage Editors als "mitreißenden Indierock" (was soll das sein?) und bescheinigte den Goldenen Zitronen "herrlich clevere Texte", was insofern interessant war, als man Andreas Dorau im selben Artikel lediglich "clevere Texte" zugestand, They Might Be Giants etwa eine Woche später aber als "ebenso clever wie poppig" und die TV-Serie "Malcolm In The Middle" mit dem jetzt schon unsterblichen Bryan Cranston of "Breaking Bad" fame als "unsäglich" kennzeichnete. Auf Deutsch gesehen? Die dritte Butcher-Boy-LP "Helping Hands" ist wohl clever und poppig und wird deshalb all den dünnen Menschen gefallen, die Cats On Fire schätzen, früher Felt und The Smiths gehört haben und heute mindestens fünf Rohmer-Filme auf VHS besitzen, in einer Berliner Altbauwohnung mit vier Meter hohen Decken leben, bei "Dog On Wheels" von Belle & Sebastian weinen müssen und unglücklich in einen Menschen verliebt sind, der sie schmerzhaft an Jean-Pierre Léaud (oder Claude Jade) erinnert. "Each milky pearl leaves a stain on your skin ; it's the prettiest noose in the world / Stay down, flashing chewing gum smiles as you shiver and fall." Glasgow, so much to answer for. (8) Jan Wigger

The Jayhawks - "Mockingbird Time"
(Rounder / Universal, 2.9.2011)

"Tomorrow The Green Grass" zählt zu den vier, fünf größten amerikanischen Alben der Neunziger Jahre, "Hollywood Town Hall", mit "Crowded In The Wings", "Two Angels" und "Take Me With You (When You Go)", war kaum schlechter. Man konnte die Jayhawks nur so bedingungslos lieben, wie man heute José Mourinho (Trainer oder Clown?), Marcelo, Pepe (Mensch oder Affe?) und Sergio Ramos als Freund des Fußballsports nur hassen kann. "Sit and watch the river flow / Try and touch the sky" singen die endlich wiedervereinigten Mark Olson und Gary Louris in "Tiny Arrows", einem neuen Song, den man eigentlich auf einer gottverlassenen Raststätte in Redwood Falls hören müsste. Allein, weil die schönsten Stücke der Jayhawks immer auch so schutzlos und verwundbar waren, dass es eine Überforderung bedeutete hätte, sie mit jemand anderem zu teilen. "I want to make something for you / That brings you joy / There's so much colour in the sky that's in your eyes / The moment that we see each other alone.": Klingt wie Kitsch, doch Karen Grotbergs zartes Pianospiel und diese beiden Männer, die Einsicht in die Notwendigkeit hatten und begriffen, dass sie zusammengehören, um für uns die Einsamkeit, das Glück und den strömenden Regen im Morgengrauen zu begleiten, machen einem das Herz ganz schwer. Die Jayhawks und das zauberhafte Land - bitte schluchzen sie jetzt. (8) Jan Wigger

Firefox AK - "Color The Trees"
(Sony)

Gebt es zu, Jungs, ihr wollt sie doch nur beschützen, diese armen, grundlos traurigen, zerbrechlichen Songschreiberinnen aus Skandinavien, diese Lykke Lis und Ane Bruns und Anna Ternheims, wollt mit ihnen ungekämmt durch den Regen laufen, "Open Hearts" und "Worlds Apart" und "The Home Of Dark Butterflies" mit ihnen schauen und dann in ein Bauernhaus in Norrtälje ziehen, wo die Vox-Reporterin von "Auswanderer sucht Frau" zwei Monate später dezent darauf hinweist, dass einer von euch beiden kein Wort schwedisch spricht. Bei Andrea Kellerman aka Firefox AK ist diesbezüglich nichts zu holen, denn sie ist bereits mit dem Langweiler Tiger Lou verheiratet, der vor ein paar Jahren noch erfolgreich auf grüblerischer Einzelgänger machte, um nach seinen Konzerten ein paar Mädchen mehr abzugreifen. Mögen wir "Color The Trees" ? Ja, denn Kellerman beherrscht sowohl das melancholische Nachtgebet ("Heavy With Rain") als auch den allgemeinverständlichen ("Boom Boom Boom") und eingängigen ("Meet Me There") Popsong, der weder nervt noch intellektuell überfordert. Erfreulich sind zudem die kleinen Tricks und Abseitigkeiten in Arrangement und Sound, die man so auch bei Austra oder auf der zweiten Karpatenhund-Platte finden kann. "What do you call that noise that you put on?" This is pop! (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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