Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jan Wigger hasst erst mal das halbe Internet und lässt sich nur von den Other Lives beruhigen - um danach dann noch mal kurz alle Hamburger Hipster zu hassen. Dann darf er endlich seinem Nebenjob als inoffizieller Queen-Beauftragter von SPIEGEL ONLINE nachgehen.


Other Lives - "Tamer Animals"
(PIAS / Rough Trade)

Das Instrument des Teufels ist zweifelsohne "Facebook", doch gleich dahinter kommen Twitter, Google+, Blogs von Leuten, die gerade erst zu schreiben gelernt haben und Internetforen, in denen sich der mündige und durch Anonymität geschützte Mitleser zu Menschen (die er noch nie getroffen hat), Filmen (die er noch nie gesehen hat) oder Problemstadtteilen (die er noch nie besucht hat) äußern darf: "Ich habe Notenlehre studiert, Dirk von Lowtzow kann nicht singen!", "Ich habe gerade ein Brot mit Erdnussbutter vertilgt", "Louis C.K, you're not funny!", "Heute abend saufen?", "Radiohead sind verkopft", "Ich lebe in Taiwan und habe hier tagtäglich mit den verschiedensten asiatischen Musikrichtungen zu tun - das, was Oasis auf 'Definitely Maybe' verzapft haben, ist kompositionstechnisch in etwa so anspruchsvoll wie 'Alle meine Entchen'", "Ich (47) bin Musikpädagoge in Offenbach und immer wieder entsetzt darüber, was heutzutage als Musik bezeichnet wird", "Lieber 'Spiegel', die Rezessionen Ihres Rezensenten und selbsternannten Musikexperten, der in seinem Kritiker-Elfenbeinturm lebt ... bla bla bla ... je sperriger, desto besser ... Abgrenzung um jeden Preis ... bla bla ... schreibt gar nicht über die Musik ... bla bla ... verbittert ... verhinderter Musiker ... bla bla ... trauert alten Zeiten nach ... namedropping ... bla bla ... bitte etwas objektiver ... Bands kennt sowieso niemand ... bla bla ... Selbstdarsteller ... was interessieren mich die Texte eines Songs? ... bla bla ... kündige mein Feed Abo ... bla bla ... ihr ansonsten treuer Leser" usw. usf. Es mag auch daran liegen, dass eine LP wie "Tamer Animals" von Other Lives aus Stillwater, Oklahoma heute, im Jahr 2011, so heimelig und heilsam klingt: Songschreiber Jesse Tabish mischt dEUS, late beatles, Siebziger-Jahre-Softrock und Radiohead, dazu Violine, Bassklarinette, Cello und die Ahnung von ausgetrockneten Sümpfen, Prärien und endloser Weite. Danach: "The Grapes Of Wrath" lesen. (7) Jan Wigger

The Drums - "Portamento"
(Moshi Moshi / Cooperative, 9. September)

Dengel-dengel-dengel-brumm-brumm-dengel-dengel-dengel-ahahaha-uhuhuhu-dengel-dengel-boing-schrumm-schrumm-ahahaha-uhuhuhu-ohohoho-dengel-dengel-dengel-jaul-jaul-jaul-dengel-dengel-dengel-boing. So klingt das zweite Album der New Yorker Band The Drums, die wir an dieser Stelle für ihre erste Langspielplatte ausdrücklich lobten, obwohl sie eine schlechte Live-Band sind und dem Ennui des wenig sympathischen Sängers Jonathan Pierce etwas unangenehm Aufgesetztes und Bockiges eigen ist. "Portamento" erscheint nur rund 14 Monate nach "The Drums" und tut kaum etwas dafür, den Eindruck eines hastig eingespielten "Rush Jobs" zu entkräften: Nicht ein einziger Song auf "Portamento" ist so gut wie "Book Of Stories", "It Will All End In Tears" oder "Me And The Moon", denn der ewig gleiche Joy-Division-Bass und die kleinteiligen, bruchstückhaften Gitarren-Rödeleien dienen hier meist nur als Surrogat für akkurates Songwriting. Die Texte sind auch diesmal zum Vergessen ("I need a doctor / I need a doctor / You know I love you / But I wanna kill you"), denn wenn Pierce im scheußlichen "Money" die Zeilen "I want to buy you something / But I don't have any money" winselt, ist das weder ein Kommentar zur Weltfinanzlage, noch eine Kapitalismuskritik: Nein, Pierce möchte seinem Mädchen etwas kaufen, doch er hat gerade kein Geld. End of story. Für die neben "What You Were" und "Book Of Revelation" schönsten Stücke haben The Drums erst ganz am Schluss von "Portamento" einen Platz gefunden: Das desolate "In The Cold" und "How It Ended" weisen den Weg zum dritten Versuch. Der wird im Jahre 2013 allerdings kaum noch jemanden interessieren. (5) Jan Wigger

Bernd Begemann & Die Befreiung - "Wilde Brombeeren"
(Tapete Records/ Indigo, 2. September)

Immer dann, wenn ein neues Album von Bernd Begemann erscheint (und das ist ziemlich oft der Fall), schaue ich mir als erstes die Songtitel an und denke: Wenn es neben Olli Schulz und Kevin Großkreutz (so glücklich, so dumm) tatsächlich noch einen dritten Deutschen geben sollte, der wirklich komisch ist, dann Bernd. "Gib mir eine zwölfte Chance", "Die Slums von Eppendorf", "Ich erkläre diese Krise für beendet" und "Dein Trottelfreund meint" nennt der Vielschreiber seine Betrachtungen, die er meist aus Notwehr verfasst oder deshalb, weil er eingesehen hat, dass es bedauerlicherweise unmöglich ist, mit geschlossenen Augen auf die Straße zu gehen. "Weil wir weg sind" beginnt wie "I'm Waiting For The Man", doch Begemann wartet nicht auf den Mann mit der Tüte, sondern verwirklicht den großen Ausbruch zu zweit: "Da wartet nichts auf uns/ Ich habe nichts geplant/ Der Mond ist aufgebracht/ Ein blasser Diamant/ Weil wir weg sind/ Weil wir weg sind, Liebling." Einer der hasserfülltesten, verächtlichsten Songs von Tocotronic heisst "Ein Abend im Rotary Club", obwohl man dies weder dem Text noch der Musik anhört. Im todtraurigen "Teil der lebendigen Stadtteilkultur" verfährt Begemann ähnlich: Zu eher versöhnlichen Piano-Klängen seziert er den täglichen Horror des Hamburger Schanzenviertels: "Teil der lebendigen Stadtteilkultur/ Mit deinem Jude-Law-Schal und der Don-Johnson-Rasur/ Wir erwarten alsbald deine Kandidatur/ Als Teil der lebendigen Stadtteilkultur." Bring' "Wilde Brombeeren" mit zur nächsten Party, und du hast zehn falsche Freunde weniger. (7) Jan Wigger

Queen - "The Works", "A Kind Of Magic", "The Miracle", "Innuendo", "Made In Heaven"
(Universal Music)

Klar, man könnte jetzt auch im Zug nach Dortmund sitzen oder sich eine Dauerwelle machen lassen, doch auch in Abwesenheit meines Chefs muss ich der treuen "Abgehört"-Leserschaft die traurige Mitteilung machen, dass es schon wieder fünf neu aufgelegte Queen-Alben mit Bonus-Tracks gibt, die vom inoffiziellen Queen-Beauftragten von SPIEGEL ONLINE besprochen werden müssen. Mit dem heutigen Tag werde ich 15 Queen-Alben, aber nur elf Alben mit Beteiligung von Will Oldham kommentiert haben. Entschuldigung, aber in was für einer Welt leben wir eigentlich? Handeln wir den letzten Teil der Reihe kurz und schmerzlos ab: "The Works" kennt jedes Kind: "Radio Ga Ga", "I Want To Break Free" (der Staubsauger!), "Hammer To Fall", "It's A Hard Life". Die schiere Wucht von manchem Queen-Song zwischen 1974 und 1977 fehlt hier bereits und konnte auch mit dem durchwachsenen "A Kind Of Magic" nicht wiederhergestellt werden. Schön blöd, dass man immer Dune-Sängerin Verena von Strenge am Wasserfall sieht, wenn man sich an Brian Mays "Who Wants To Live Forever" erinnert. "The Miracle": Ein Tiefpunkt, trotz des hübschen Titelsongs und "Was It All Worth It". Das delektable "Innuendo" verbinde ich zuallererst mit dem Schrecken, den todkranken Freddie Mercury im Video zu "I'm Going Slightly Mad" zu sehen. Und mit A.Z., einem Queen-Verrückten, der ein paar Monate später schwarzgewandet den Aufenthaltsraum der Oberstufe betrat und bekanntgab, dass der größte Sänger, den wir hatten, nicht mehr am Leben sei. "Oooh, don't take it all to heart / It's only fools they make these rules / Don't try so hard." Zu "Made In Heaven" mag man stehen, wie man will - für mich war das Buch mit "The Show Must Go On" geschlossen. "The Works" (6), "A Kind Of Magic" (5), "The Miracle" (4), "Innuendo" (7), "Made In Heaven" (4). Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 3 Beiträge
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edl666 30.08.2011
1. Nix los ...
... diese Woche. Nur auf Herrn Borcholtes Playlist gibt es was interessantes: 9. Boards Of Canada: The Campfire Headphase :)
krusty20 31.08.2011
2. Jan Wigger hasst erst mal das halbe Internet
Hallo Herr Wigger, vielen Dank für Ihren Rant, Sie sprechen mir aus dem Herzen. Aber: die Vengaboys auf Ihrer Playlist, das ist doch hoffentlich nur ein Scherz, oder?
kleintal 04.09.2011
3. Es reicht
Zitat von sysopJan Wigger hasst erst mal das halbe Internet und lässt sich nur von den Other Lives beruhigen -*um danach dann noch mal kurz alle Hamburger Hipster zu hassen. Dann*darf er endlich seinem Nebenjob als inoffizieller*Queen-Beauftragter von SPIEGEL ONLINE nachgehen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,783094,00.html
Peinlich, peinlicher, Wigger. Lieber SpOn, wie lange sollen wir das selbstgefällige, dummdreiste Geschreibsel dieses "Musikkritikers" noch ertragen? Eines Musikkritikers, der es nie geschafft hat, wirklich über Musik zu schreiben, sondern seine Zeilen mit Klatsch und Tratsch und wichtigtuerischen Bemerkungen gefüllt hat, die erwachsene Menschen zum Fremdschämen nötigen. Und diesmal haben seine Rezensionen sogar überhaupt nichts mehr mit dem zu rezensierenden Album zu tun. Inhalt: Eine einzige Beschimpfung seiner Leser und "des Internets". Es reicht. Diese Kolumne braucht frische Köpfe mit frischen Gedanken und keine nichtssagenden und nach dem immergleichen Muster gedrechselten Rezensionen, die keine sind.
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