Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Erwachsen? Quatsch! Das US-Trio Nada Surf hadert auf seinem neuen Album melancholisch lärmend mit dem Älterwerden. Die Briten von Tribes sind zwar jünger, aber nicht weniger nostalgisch, meint Andreas Borcholte. Jan Wigger liest mit John K. Samson ein Buch und lobt die Überlebenskünstler von Sport.


Nada Surf - "The Stars Are Indifferent To Astronomy"
(City Slang/Universal, 27. Januar)

Neulich, als Sie in Brooklyn auf die U-Bahn warteten, stand da dieser Typ, vielleicht Anfang Vierzig, erinnern Sie sich? Er stand ganz versunken auf dem Bahnsteig und guckte einem jungen Breakdancer zu, der für ein paar Cents seine Swipes und Headspins aufführte. Sie hätten gar nicht weiter drüber nachgedacht, wenn dem Mann nicht Tränen übers Gesicht gelaufen wären. Dieser Typ war vielleicht Matthew Caws, dem beim Anblick des Tänzers klar wurde, dass die alten Hipster-Knochen müde geworden sind. "Moved to a tear by a subway breakdancer", diese Textzeile fasst das siebte Album von Nada Surf ganz gut zusammen. Sie stammt aus einem Song, dessen Refrain in die tapfere Beschwörungsformel "It's never too late for teenage dreams" mündet. Wir werden erwachsen? Egal! Die New Yorker Band, Mitte der Neunziger mit ihrem trotzigen Hit "Popular" bekannt geworden, klingt nach mehreren Jahren Pause wieder lauter und ungestümer als auf ihren letzten Platten "Lucky" und "The Weight Is A Gift". "There wasn't a lot of talking, it was just bang, there it is", sagt Sänger Caws, und tatsächlich sind die ausdifferenzierteren Töne einem recht geradlinigem Powerpop gewichen, irgendwo zwischen Hüsker Dü, Byrds und Replacements. Ein britischer Kritiker verglich die Pop-Hooks des neuen Albums gar mit den College-Softies Gin Blossoms. Das geht natürlich ein bisschen weit. Andererseits ist die Sehnsucht, sich mal wieder die alte Baseball-Jacke anzuziehen und mit den Jungs und ein paar Dosen Bier um die Häuser zu ziehen, in jedem der neuen Nada-Surf-Songs spürbar. Doch je mehr Sturm und Drang die Musik aufbaut, desto schwerer wiegt die Melancholie der Texte: "There's no snow on the mountain/ There's no river to cross", singt Caws über die Desillusionierung des Älterwerdens und fügt, als Aufforderung an sich selbst, hinzu: "Let it go, let it go, let it go". "We carry pictures/ In our pretend wallets/ Of ourselves/ In heavily-edited seventies", heißt es in "When I Was Young", einer lakonischen Abrechnung mit der Nostalgieseligkeit seiner Generation. "The Stars Are Indifferent To Astronomy", ein Ausspruch von Caws' Vater, einem Philosophie-Professor, ist eine Art nüchterne Ergänzung zu Arcade Fires Kindheitsverklärung "The Suburbs". Dazu können auch Typen Anfang Vierzig in der Indie-Disco abrocken, ohne sich vor den jungen Tänzern schämen zu müssen. Ob das eine schöne oder doch eher sehr traurige Vorstellung ist, darauf können Sie sich Ihren eigenen Reim machen. Dancing with tears in our eyes. (8) Andreas Borcholte

"Tribes - "Baby"
(Island/Cooperative Music, 27. Januar)

"Why should we worry about acting our age", diese Zeile aus "When My Day Comes", einer sehr, wirklich sehr stark an David Bowie orientierten Hymne auf dem Debüt-Album von Tribes, möchte man dem melancholischen Matthew Caws von Nada Surf zurufen, der so sehr daran leidet, Anfang Vierzig zu sein und seinen Kummer darüber im Noise der frühen Neunziger betäubt. Keine Sorge, Matt, das machen die Youngster auch. Tribes werden vom britischen "NME" bereits als Hoffnungsträger des Jahres bejubelt und von Kollegen wie den Mystery Jets als "Zukunft des Rock'n'Roll" bezeichnet. Sie selbst sagen über sich, dass es keinen Sinn habe, in einer Band zu spielen, wenn der Anspruch nicht ist, eine dieser "life-changing bands" zu sein. Yeah, Rock'n'Roll! Was also tun, um dieses Ziel zu erreichen? Sich bei Bands bedienen, die diesen Status bereits erreicht haben, teilweise vor Jahrzehnten: Pixies, Bowie, Oasis, Blur und jede Menge Grunge-Bands standen Pate für den Pubrock, dem Tribes mit nassforscher Attitüde das Label Jugendlichkeit aufpappen. "We were children in the mid-nineties", brüsten sich die vier in ihrem Stadion-Mitgröler "We Were Children", einem rustikalen Zusammenhau aus "Where Is My Mind" und Offsprings "Self Esteem". Zusammen mit der Girl-loves-Girl-loves-Boy-Ballade "Sappho" ist das dann aber auch schon der beste Song auf dem Album, vielleicht noch flankiert von der Über-die-Wiese-renn-Hymne "Corner Of An English Field" und der basslastigen College-Rock-Verneigung "Walking In The Street". Sicher, geborgte Aufbruchstimmung macht nicht weniger Laune als originäre, aber beim Hören von "Baby" wird schon sehr deutlich, warum allerorts das Ende von Indie-Rock beschworen wird. Wo sind die eigenen Ideen, Jungs? (6) Andreas Borcholte

John K. Samson - "Provincial"
(Grand Hotel van Cleef/Indigo, 27. Januar)

Verglichen mit den Texten der Kaiser Chiefs wirken die leuchtenden und lebensnahen Erzählungen des Weakerthans-Gelehrten John K. Samson wie ein zufälliger Auszug aus Arno Schmidts Superschwarte "Zettels Traum". Als ich Samson zum ersten Mal traf, las er ein Buch. Als ich Samson das zweite Mal traf, las er ein Buch. Beim dritten Mal aß er lediglich einen Apfel. Was hatte das zu bedeuten? "Provincial" ist eine Reise ins Herzland eines wachen Geistes, vorbei an Schornsteinen, die niemals rauchen, Reklametafeln, die auch keinen Ausweg wissen und regennassen Schnellstraßen, auf denen sich Häuser spiegeln, die ihre beste Zeit schon hinter sich haben. Musikalisch changiert Samson zwischen klassischem Songwriter-Folk und den letzten Resten eines vorsichtig tastenden Indie-Rocks; der Klang der Gitarre ist ein Echo der ganz frühen Platten von Neil Young. Dem schon jetzt unsterblichen Nick-Saloman-Song über den Wrestler Johnny Kwango lässt John K. Samson nun eine Online-Petition für den Eishockey-Ehemaligen Reggie Leach folgen: "Whereas Reggie on a play-off run could make a dad go buy the new TV/ And put his youngest by the window/ Place the split antenna in her tiny hands." Man braucht Helden, und das heißt, dass man sie sich schaffen muss. (7) Jan Wigger

Sport - "Aus der Asche, aus dem Staub"
(Strange Ways/Indigo, 27. Januar)

Das Gute ist: Würde man den ersten Absatz des neuen Sport-Songs "Eldorado ruft uns" ins Englische übersetzen, käme immerhin ein irgendwann zwischen 1975 und 1978 entstandener, stark vereinfachter Sechszeiler von Bruce Springsteen dabei heraus. Das Schlechte ist: Den Refrain von "Wer führt dein Leben" ("Wer führt dein Leben wenn du selbst dich nicht drum scherst/ Wenn du dich treiben lässt wohin es dich grad führt/ Und alles bleiben lässt so wie es grad passiert") gibt es in leicht abgewandelter Form auch von Peter Maffay, wohl aus der fruchtbaren Zeit um "Steppenwolf" und "Ich will leben". Sport sind Überlebenskünstler und Meister in Geduld und Einfachheit, doch die lakonische Art des Ausdrucks und die oft verknappten Zustandsbeschreibungen, die dieses Album "aus der Asche, aus dem Staub" ziehen, tun nur so, als seien sie simple Lösungsansätze für schwerwiegende Probleme: "Wir wollten nur mal hören" beschreibt ganz unsentimental die prekäre Umkehrung der Rollen, wenn die Eltern älter werden und beginnen, die Kinder zu brauchen: "Ruft doch mal zurück, wir sind ja immer hier." Ein sehr gutes Rock-Pop-Album, das außerdem endlich einmal die Geschichte eines depressiven grim reapers erzählt, der eigentlich gar keinen Bock mehr darauf hat, die Menschen heimzuholen. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
glen13 24.01.2012
1.
Zitat von sysopErwachsen? Quatsch! Das US-Trio Nada Surf hadert auf seinem neuen Album melancholisch lärmend mit dem Älterwerden. Die Briten von Tribes sind zwar jünger, aber nicht weniger nostalgisch, meint Andreas Borcholte. Jan Wigger liest mit John K. Samson ein Buch und lobt die Überlebenskünstler von Sport. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,811033,00.html
In erster Linie höre ich Musik wegen der Musik und nicht wegen der Texte. Die Bewertungen hier sind aber immer textlastig. Die Musik eher Durchschnitt. Musikalisch ist das der immer gleiche Aufguss nach dem alten Prinzip. Wenn gute Texte mit langweiliger Musik präsentiert werden, interessiert mich das nicht.
pannenbaker 24.01.2012
2.
Schade, dass der erste Kommentar gelöscht wurde. Der Poster hatte die Sache IMHO treffend auf den Punkt gebracht...
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