Abgehört - neue Musik Wer ist hier die Dumpfbacke?

Deichkind haben Antworten auf alle Fragen, die Pop gerade hat. Aber wer sagt denn das eigentlich? Außerdem: Nutzwert von Seeed, Relevanz von Gaddafi Gals, Schmachten mit Angel Olsen, Feedback ohne Gitarre.

Von , Laura Ewert, und


Deichkind - "Wer sagt denn das?"
(Sultan Günther Music, seit 27. September)

Man weiß ja, wie solche Sachen entstehen. Man sitzt irgendwo in der Kneipe oder im Elektrofachmarkt herum und in der Hausanlage kommt "Versace" von Migos. Alle kichern und äffen den markensklavischen Stumpfsinn der US-Rapper nach: "Versace-Versace-Versace-Versace". Bis dann einer plötzlich einen Geistesblitz hat und aus dem phonetisch zusammengezogenen Refrain eine neue Zeile formt: "Wer sagt denn das?". Schon ist ein neuer Deichkind-Hit geboren.

Dass Migos zumindest ein bisschen Pate standen, offenbart sich bei genauem Hinhören im Rap gegen Ende des Titeltracks der achten Deichkind-LP - und auch anderswo auf dem Album, wenn gängige Hip-Hop-Chartsmusik dialektisch durchwolft wird.

"Gewinne Gewinne" zum Beispiel zwingt das Losverkäufer-Mantra auf dem Hamburger Dom mit repetitiven Hits wie "Gucci Gang" zusammen - und kitzelt daraus dieselbe konsumkritische Botschaft, die auch die Singles "Richtig gutes Zeug" und "Dinge" in sich tragen: "Dinge machen ritsch, Dinge machen ratsch, Girls holen Dinge aus der Clutch" ist nur eine von unzähligen Punchlines, mit denen "einfache Leute über Monate die Könige auf Twitter werden" könnten, wie Linus Volkmann so treffend im "Freitag" schrieb.

Seit 1997, als sie der von Fischmob, 5 Sterne Deluxe und Der Tobi & das Bo angerichteten Ursuppe hanseatischen Anarcho-Raps entstiegen und Müllsäcke zum Bühnenoutfit machten, sind Deichkind die Meister der intellektuellen Nonsens-Mucke. Zum Kern der Band, die nach mehreren Umformungen aus Sänger und Gründer Philipp Grütering (Kryptik Joe), DJ Henning Besser (La Perla) und MC Sebastian Dürre (Porky) besteht, gesellten sich längst Rhetorik- und Diskurspop-Schwergewichte wie Rocko Schamoni, Olli Schulz und Türen/Staatsakt-Chef Maurice Summen. In den neuesten Videos tritt zudem als assoziiertes Bandmitglied Schauspieler und Party-DJ Lars Eidinger auf. Nach dem Abgang von Rapper Ferris MC wird er zum Gesicht der Hip-Hop-Gruppe, die sich aus dem Techno die Anonymität der Protagonisten entliehen hat. Deichkind sind ja irgendwie auch die deutschen Daft Punk, was sogar musikalisch immer wieder hinhaut, hört man sich Tracks wie "Sonate in F-Doll" oder "Quasi" vom neuen Album an.

Es sind brutale, basslastige Party-Grooves wie diese, die Deichkind zu einem einzigartigen Phänomen im deutschen Pop machen. Man muss zu diesen Beats tanzen, geht gar nicht anders, aber man darf auch denken. Bei den zumeist spektakulären Deichkind-Konzerten treffen sich dann also die Diskurspopper mit den Dumpfbacken. Die Band ist die vielleicht einzige popkulturelle Schnittstelle zwischen Anspruch und Atzen, wobei die Frage, wer hier eigentlich die Dumpfbacke ist, offen bleibt: Wir oder die? Und wer sagt denn das?

Andreas Borcholtes Playlist KW 40
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1. Deichkind: Cliffhänger

 2. Gaddafi Gals: Temple Of Love

 3. G.A.M.S. feat. Mick Harris: Yanari

 4. SQÜRL: The Dead Just Don't Wanna Die Today

 5. Cliff Martinez: Jesus And The Snake

 6. Elias Hauck: Ist mir egal

 7. Pauls Jets feat. Die Situps: Los Angeles

 8. Kim Gordon: Air BnB

 9. WIVES: Hit Me Up

10. Huey Lewis & The News: Her Love Is Killin' Me

Aus dieser Erschöpfung des Wahrheitsempfindens, die im Fake-News-Zeitalter herrscht, ziehen Deichkind den mit brachialen Elektronik-Sounds dahinbretternden Titeltrack, der gefühlte Gewissheiten in den Schleudergang einer Infragestellmaschine wirft - von "So kommste hier nicht rein" bis "Wir sind wieder vereint", von "Immigranten sind gefährlich" bis "Dummheit ist nicht erblich". Am Ende steht die dreifach ironisierte Erkenntnis: "Ich glaub ab jetzt nur das, was stimmt". Harhar. "Wer sagt denn das?" hat natürlich Potential, ebenso zum Slogan im allgemeinen Sprachgebrauch zu werden wie zuvor schon Deichkind-Einwürfe wie "Leider geil" oder, in diesem Sommer, "Richtig gutes Zeug". Zeilen wie "Streams are my reality" aus dem Serienjunkie-Abgesang "Cliffhänger" oder Neologismen wie das "Autonomobil" aus dem SUV-Bräsigkeits-Diss "Endlich Autonom" haben sie noch massenweise in petto. Wer schafft das schon?

Rammstein vielleicht. Dass sie - in einem anderen Spektrum, aber mit ähnlicher Inszenierungslust und Doppelbödigkeit - in der gleichen Liga spielen wie die Rummsrocker, thematisieren sie mit ihrer "Deutschland"-Hommage "1000 Jahre Bier" so kongenial, dass man sich einen gemeinsam Auftritt herbeisehnt - als Deichstein oder Rammkind, ganz egal.

"Keine Party" schließlich gelingt das Kunststück, Party-Ennui in einen Killer-Partytrack zu verwandeln. So erreicht man die alternde (Deichkind sind auch nicht mehr die Jüngsten), demonstrativ zynische Been-there-done-that-sagende Großstadt-Crowd und gießt zugleich ätzende Säure über diese lächerliche Pose - was genau dieses Publikum dann natürlich mit kennerhaften Kopfnicken selbstironisch feiert - ganz große Pop-Dialektik. Am besten auf den Punkt bringen es - natürlich - Deichkind selbst mit einem "Türlich türlich"-Zitat: "Kein Ding, Digger, das Ding hat Swing." (9.2) Andreas Borcholte

Preisabfragezeitpunkt:
30.09.2019, 10:27 Uhr
Ohne Gewähr

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Deichkind
Wer Sagt Denn Das?

Label:
Sultan Günther Music (Universal Music)
Preis:
EUR 12,98

Angel Olsen - "All Mirrors"
(Jagjaguwar, ab 4. Oktober)

Bleiben, gehen, umkehren, abhauen und weiterwurschteln. Von einem Studium der Algebra und Physik war in Angel Olsens Lebenslauf bisher nicht die Rede, aber mit Bewegungsvektoren kennt sie sich aus wie keine Zweite. Als Finster-Folk-Lady bekannt geworden, macht die 32-jährige Musikerin aus North Carolina mit "All Mirrors" nun den ganz großen Ballsaal auf für das Kreuz-und-Quer der Liebesgeometrie.

Olsens viertes Album fährt so viele Filmabspann-Schmachtfetzen auf, dass sie die nächsten Jahre vermutlich nur mehr Lizenzierungs-Dollars zu zählen braucht. Der erste Song, "Lark", setzt die Vorzeichen überdeutlich auf Drama: Trauermarschtempo, Pauken, Streicher, Crescendo. Einmal Luft holen, dann Schicksalspauken, Hitchcock-Streicher, Monster-Crescendo. Am Ende stürzen die Violinkaskaden vom Himmel wie ein Kamikazeangriff. Gefangene werden nicht gemacht. "Träum weiter!", empfiehlt Olsen ihrem Verflossenen.

In der Folge ist sie sich nicht zu schade, "alone" auf "on my own" zu reimen, und es wirkt kein bisschen abgeschmackt. Eher eine Spur zu aufgebrezelt. Das Album ist definitiv Pelzmantel und nicht Bomberjäckchen. Es geht hier so obsessiv um zerbrochene Ich-und-du-Kisten, die Inszenierung ist so opulent, dass in diesem Tearjerker-Festival ein Song wie "What It Is" fast aus dem Rahmen fällt. Der wirkt geradezu kirmeshaft schunkelig und verschmitzt. Olsen erklärt darin den Unterschied zwischen den Vektoren Sex und Liebe: wie leicht es ist zu kommen, wie schwierig zu bleiben.

Durch all das schwingt das Echo großen amerikanischen Liedguts. Olsens Grunge-Gitarre bricht nur noch hie und da durch den schweren, samtenen Klangvorhang - auch sie eine Requisite in einem Americana-Tableau, so wie die "High Noon"-Atmosphäre, die "Summer" plötzlich herbeizitiert. Mit "Endgame" profiliert sich Olsen schließlich als Erfinderin neuer Bar-Jazz-Standards. "I needed more than love from you", haucht sie mit so viel Chet-Baker-Flattern im Hals, als würde gleich noch eine Stopftrompete die Rauchschwaden dezent aufwirbeln. Tut sie dann auch.

In solchen Momenten wird es ganz deutlich: Hier führt jemand vor, wie wir uns die Liebe und das Leiden daran im Dating-App-Zeitalter gerne vorstellen möchten. Von einem misslungenen Kaffeeklatsch zum nächsten egalen Fick, bis irgendwas mal bis kurz vorm Frühstücksei hält - der ganze Quatsch erscheint hier larger than life auf der Leinwand einer empfindsamen Seele.

Darf man der Inszenierung glauben? War Angel Olsen besser als die Bekenntnis-Klampferin von früher, oder ist sie es jetzt, als Drehbuchautorin, Regisseurin und Darstellerin ihrer selbst? Das muss man gar nicht entscheiden. "All Mirrors" will großes Kino sein. Und das ist es. Taschentücher griffbereit halten! (8.6) Arno Raffeiner

Preisabfragezeitpunkt:
30.09.2019, 10:22 Uhr
Ohne Gewähr

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Angel Olsen
All Mirrors (Crystal Clear) [Vinyl LP]

Label:
Jagjaguwar / Cargo
Preis:
EUR 22,99

Gaddafi Gals - "Temple"
(3-Headed Monster Posse/RecordJet, seit 27. September)

Alles, was gerade ultramodern ist, hier kommt es: Minimal-R&B, Mixed-Genre-Kunst, Migrationshintergrund, Queerness, Kapitalismuskritik, repetitiver Sprechgesang, humanoider Gesangsfilter, Front-Frauen, Future-Hip-Hop - Boom! All das. Und zwar in Form eines Musikalbums der Band Gaddafi Gals, die sich eher als Projekt verstehen, denn als Band, denn das ist ja auch nicht mehr ganz so modern.

"Temple" heißt das Debüt, das der gefeierten EP "Death Of Papi" von 2017 folgt und sowohl inhaltlich als auch musikalisch die Höhe der Zeit darstellt. Gaddafi Gals gründeten sich 2016 und bestehen aus Blaqtea (auch bekannt als Rapperin Ebow), Slimgirl fat (Mitglied von Nalan381) - und Walter p99 arke$tra. Wohnhaft alle in Europa, genauer: München, Wien, Berlin - die Achse der Coolness sozusagen. Ihr Sound hingegen ist global, aufgelöst im 5G-Netz samt assoziativer Predigten zum Post-Bling-Bling-Zeitalter, Auskenner-Samples und bohrenden Gesangslinien. Es ist ein bisschen gruselig und ein bisschen kitschig. So stellt man sich die Apokalypse vor.

Die Neugier auf das Album war gut aufgebaut worden. Die "New York Times" hörte zu, die deutsche Presse sowieso. Im letzten Jahr spielten die Gals in der Berghain-Kantine, auf dem diesjährigen SXSW in Austin, Texas waren sie bei der deutschen Delegation dabei. Und im Herbst 2018 stellten sie ihre Performance bzw. ihren Merchandising-Concept Store "GG-World" in der Artothek München aus, eine Installation, mit der sie "Fragen zur Fragilität des Subjektbegriffs, der Kapitalisierung von Kunst, dem Branding individueller Haltungen und womöglich auch zur Gegenwart von Pop und Musikkultur" untersuchen wollten. Blaqtea/Ebow war außerdem an dem Stück "Revolt. She Said. Revolt Again" am Berliner Esemble beteiligt, das "den Status Quo vom Verhältnis zwischen Frau und Mann infrage" stellt.

"Das Album soll auch etwas bewirken. Auf ästhetischer, musikalischer oder politischer Ebene", sagt die Rapperin. Im besten Fall wird aus seiner Modernität mehr als eine Richtungsweisung. Top ist es schon. (7.7) Laura Ewert

Preisabfragezeitpunkt:
30.09.2019, 10:17 Uhr
Ohne Gewähr

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Gaddafi Gals
Temple

Label:
recordJet
Preis:
EUR 13,30

Seeed - "Bam Bam"
(BMG Rights Management/Warner, ab 4. Oktober)

Die Geschichte von "Bam Bam" war im Grunde schon vor fast anderthalb Jahren zu Ende. Im Mai 2018 kam die Nachricht von Demba Nabés Tod. Er war unerwartet mit 46 Jahren gestorben. Als einer der drei Sänger und Gründer des elfköpfigen Berliner Dicke-Hose-Kollektivs Seeed hatte er dem deutschen Hans das Kopfnicken und Arschwackeln noch mal neu beigebracht, mit Dancehall-Vibes, lila Anzügen und Marching-Band-Getröte. Nabé und seine Mitstreiter erfanden eine Form urbaner Heimatmusik, die ihren Territorialanspruch synkopisch klar definierte: "Wir sind Seeed, und das is' unser Gebiet."

Nur drei Wochen vor Nabés Tod hatten Seeed eine große Tour im Herbst 2019 angekündigt. Sie war in kürzester Zeit ausverkauft, so wie inzwischen auch die Auftritte im August und September 2020 in Berlins großen Open-Air-Locations, der Wuhlheide und der Waldbühne, und zwar je drei Abende in Folge. Bei einer solchen Ausgangslage ist ein neues Album natürlich keine Werbemaßnahme für die Ticketdienstleister-Mafia, auch wenn Businessinsider sowas seit Jahr und Tag behaupten. Seeed haben sich selbst und der Welt bewiesen, dass sie längst jenseits solcher Marktstrategien operieren können. Ein neues Album ist das, was eine Band wie Seeed ganz offensichtlich am allerwenigsten braucht.

Aber hier ist es. Und es will "Bam Bam" machen. Zehn Musiker, zehn neue Songs und ein Interludium. Die Vorabperformance war solide, die ersten drei Singles landeten in den deutschen Charts zwischen Platz 42 und 66. Das reichte sicher für ein bisschen Playlistpräsenz und ein paar angeknackste Egos. "Bam Bam" ist also offensichtlich nutzlos - allerdings nicht komplett verkehrt.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Es ist eher sogar besser als der Funk-Rock-Zirkus, der zuletzt vor sieben Jahren für das Album "Seeed" veranstaltet wurde. Die verzerrten Gitarren wurden wieder abgeschafft, die Beats sind transparenter, die Bläser haben ordentlich Platz für ihre Elefantenrüsselpower, Besinnung auf die Kernkompetenzen halt. In den Songs geht es um "G€ld" und Selbstgespräche wie: "Ist das der Deal? Gib ihn mir bitte!", wobei schön unbestimmt bleibt, ob das als ironische Spitzen gegen Materialismus und Immerweitermachen zu verstehen ist oder eher im Sinne einer Definition von Key Targets.

Im Zweifel beides, und wenn nicht: auch egal. Eine gewisse Belanglosigkeit ist ohnehin Teil des Seeed-Konzepts, war sie schon immer, auch wenn das meist mit Begriffen wie "Karibik", "Sportzigarette" und "Hacky-Sack" kaschiert wird. Der Überhit "Dickes B" erschien 2001 und funktioniert 18 Jahre später noch genauso gut, weil die Berlin-Beschwörung darin auf einer allzeit gültigen Wetterberichtslogik aufbaut. "Im Sommer tust du gut, und im Winter tut's weh" - das passt eben auch noch, wenn das B-Gefühl nur mehr aus Stadtmarketing und Gentrifidingsbums besteht.

Gerade dieser unverfängliche Universalismus ist der Grund für die Relevanz dieser Band. Sie hat dafür gesorgt, dass heute Menschen in Stadtparks lachend von Slacklines fallen, statt der Jungen Union beizutreten - und hat damit das Leben in diesem Land nachweislich besser gemacht. So gesehen ist es auch egal, wenn in den Setlists für Wuhlheide und Waldbühne von "Bam Bam" kaum etwas übrigbleiben sollte. Die Konzerttickets sind ja schon weg, und die Haltung hinter dieser Musik ist für weite Teile der Gesellschaft Konsens. Also gar nicht so nutzlos wie dieses Album. (5.9) Arno Raffeiner

Preisabfragezeitpunkt:
30.09.2019, 10:25 Uhr
Ohne Gewähr

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Seeed
BAM BAM

Label:
Bmg Rights Management (Warner)
Preis:
EUR 17,99

G.A.M.S. - "G.A.M.S."
(Karlrecords, seit 27. September)

Wer nach dem Sex gleich wissen will, wie er war, braucht zu viel Feedback. Aber auch außerhalb des Schlafzimmers ist es eine Volkskrankheit, seine Leistung vielfach verstärkt sehen zu wollen, und sei es nach einem sozialmedialen Meinungsfurz. In der Rockmusik aber ist Feedback ein gewünschtes Klangereignis, seit die Beatles 1964 im Intro von "I Feel Fine" für zwei Sekunden das Quietschen bewusst eingesetzt haben. Feedback entsteht, wenn das Signal von einem Verstärker zurück zu einem Mikrofon oder zu einem Tonabnehmer, etwa einer elektrischen Gitarre, gelangt und von dort wieder zurück in den Verstärker fräst. Das ist der männlich-phallische Kreislauf, der den Finger an einer Saite in ein welterschütterndes Beben verwandelt. Feedback, Rückkopplung auf Deutsch, ist ein therapeutischer Lärm, der Allmachtsfantasien in die Kunst verschiebt und das Leben entlastet.

Guido Möbius und Andi Stecher gelingt mit ihrem Duoprojekt G.A.M.S. etwas Verblüffendes: ein zartes, atmendes, minimalistisch groovendes Feedback-Album. Der Gitarrist und Geräuschkünstler Möbius und der Schlagzeuger Stecher setzen das Gejaule einst mächtiger Speakertürme in pulsierende Klanglandschaften voller Wiesen, durchaus giftiger Farne und hüftschwingender Grashüpfer. Nicht nur im ersten Track, "Tremslo", dockt das Duo an Krautrock an, auch weil Yuko Matsuyama als Gastsängerin entfernt an die Lautmalereien von Damo Suzuki bei Can erinnert.

Analoge Effektgeräte, die bei vielen Gitarristen als Pedale auf dem Boden stehen, lösen bei Möbius die Feedbacks aus, sie erfolgen kontrolliert, rhythmisch und sogar tonal. Stecher überlegt sich Grooves dazu, es gibt kein dauerexperimentelles Geklingel und Gezimbel zum Gequietsche.

Im Verlauf des Albums insistiert die Musik stärker. Auf "Flatter" klingen die übersteuerten Nadelstiche heißer. Die Stimmung kippt leicht ins Panische auf "Economics", wenn die Drones leise brüllen und das Schlagzeug bedrohlich schleppt, bis es gegen Ende kurz die Form verliert. "Rumba" spielt dann wieder fröhlich mit Rhythmen, aber auch mit psychedelischen Obertonreihen, bis die Effekte mal wie eine Kalimba klingen, mal wie eine Maultrommel.

Für die letzten zwei Tracks kommt der Brite Mick Harris dazu, der mit Napalm Death arbeitete. "Yanari" schleicht wie eine schwere Schlange von der Wiese in Richtung Steppe, ein schöner, dunkler Groove im Midtempo setzt nach gut einer Minute ein, davor flimmerte die Luft von zwei sich überlagernden Feedbacks. Und oh, jetzt folgt ein tiefer Bass: Stoner Rock! Doch auch diese kurze Breitbeinigkeit kriegt weiche Knie und folgt den Klängen unerforschter Gebiete. Erst in der letzten Nummer klingt G.A.M.S. so, wie man es von Anfang an erwartet hätte: frei von festem Puls. Dabei haben Möbius und Stecher die Musik getrennt aufgenommen. Das Resultat ist der Beweis, dass man sich mit ein bisschen Distanz noch besser zuhört. (8.5) Tobi Müller

Preisabfragezeitpunkt:
01.10.2019, 14:16 Uhr
Ohne Gewähr

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G.A.M.S.
G.A.M.S.

Label:
Karlrecords
Preis:
EUR 3,49

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
ambulans 01.10.2019
1. tja,
was soll man jetzt sagen - immerhin, besserung scheint in sicht. no. 1 + 2 (deichkind und angel - soll hoffentlich nicht "engel" bedeuten - olson kann man getrost vergessen; nicht jede lerche ...); ab no. 3 wirds interessanter: gaddafi gals ist witzig, was zum hin-hören, und gibt die einflüsse der beteiligten musiker (berlin, münchen, wien) ziemlich zutreffend wieder; no. 4 - seeed - ist nun mal seeed - und das reicht doch, oder?; no. 5 g.a.m.s. macht mir als altem deutsch-electronica-freund (kennt hier noch jemand tonto's expanding head band? - allein der name ...) richtig spaß. übrigens: giant sand (howie gelb) gibts immer noch, johnny dowd ist auch noch zünftig unterwegs, und afrika - was die alles noch in der pipeline haben ... gibt viel zu hören - packen wirs an, dr. ambulans (alle kassen)
sekundo 01.10.2019
2. Die übliche,
Zitat von ambulanswas soll man jetzt sagen - immerhin, besserung scheint in sicht. no. 1 + 2 (deichkind und angel - soll hoffentlich nicht "engel" bedeuten - olson kann man getrost vergessen; nicht jede lerche ...); ab no. 3 wirds interessanter: gaddafi gals ist witzig, was zum hin-hören, und gibt die einflüsse der beteiligten musiker (berlin, münchen, wien) ziemlich zutreffend wieder; no. 4 - seeed - ist nun mal seeed - und das reicht doch, oder?; no. 5 g.a.m.s. macht mir als altem deutsch-electronica-freund (kennt hier noch jemand tonto's expanding head band? - allein der name ...) richtig spaß. übrigens: giant sand (howie gelb) gibts immer noch, johnny dowd ist auch noch zünftig unterwegs, und afrika - was die alles noch in der pipeline haben ... gibt viel zu hören - packen wirs an, dr. ambulans (alle kassen)
obsolete Aufzählung und wie immer ohne fachliche Begründungen. Und die Überschrift macht deutlich, dass Soziologen keine Musik-Rezensionen schreiben sollten. Dafür sind die nicht ausgebildet.
freddykruger 01.10.2019
3. Oje
Ich werd den Teufel tun und mich outen, daß ich mir Freitag die neue Deichkind besorgt hab. Das sie mir sehr gut gefällt erwähn ich erst garnicht. Über den Rest der hier vorgestellten Alben hüll ich den Mantel des Schweigens.
Papazaca 01.10.2019
4. Nicht schlecht, nicht gut, eben wie im wahren Leben
Ich könnte jetzt ja einfach sagen: Einfach die Kritiken im Rolling Stones lesen. Die sind nicht schlecht, aber auch nicht gut. Konkret: Von Deichkind müßte ich mir mehr anhören. Mein Gefühl: die könnten besser sein. Richtig überzeugt bin ich nicht, weder von den Themen noch von dem Video. Obwohl: Ich könnte auch ein paar Sachen aus meinem Fenster werfen. Seeeds hat mich echt enttäuscht: Die können so gut sein und liefern so eine Pflichtnummer ab. Angel Olsen: Da versucht jemand ganz großartig zu sein. Es ist aber zuviel, zu gut. Und deswegen much too much. Die Klangexperimente von g.a.m.s. lösen jetzt keine Lust bei mir aus, alles noch mal zu hören. Und an Gaddafi Gals kann ich mich kaum erinnern, das muß ich mir nochmal anhören. Wenn das ein erstes Indiz ist ... Fazit: Wie so oft stellt die Schreibe der Kritiker die Musik klar in den Schatten. Wenn ich mir den Rolling Stones ansehe, gibt es im Moment einfach nicht so viele "Kracher", da hat die Kritik es schwer. Wie gesagt, ich würde hier auch Reissues besprechen, da weiß man, was man hat. Und das ist in der Regel mehr, als zum Beispiel HIER und HEUTE. Wäre es ein Verbrechen , anlässlich des 50sten "Abbey Road" von den Beatles zu besprechen? Aber auf mich hört ja keiner ...lach ... Doc, was denkst du denn? Freddy kauft gerade in Bochum ne Curry-Wurst und ist beschäftigt. Und Patou hat sowieso mehr Ahnung, als wir alle zusammen und besucht sicher ein Festival in Grönland. Tja, so ist das Leben, oft ist das Glück halt eher mittelprächtig ....
ambulans 01.10.2019
5. hi freddy,
Zitat von freddykrugerIch werd den Teufel tun und mich outen, daß ich mir Freitag die neue Deichkind besorgt hab. Das sie mir sehr gut gefällt erwähn ich erst garnicht. Über den Rest der hier vorgestellten Alben hüll ich den Mantel des Schweigens.
no worries; habe erst heute mitgekriegt, dass neal casal nicht mehr ist (er wurde nur 50!). bei der gelegenheit - im herbst wird man schnell etwas wehmütiger - habe ich mich mal beim (musikalischen) denver-clan umgesehen, also etwa giant sand/howie gelb, rainer ptacek (mit und ohne das combo), denver gentlemen, slim cessna's automobile club, 16 HP/woven hand, usw., und da ist mir dann richtig klar geworden, was daran so grandios ist/war ... mfg, dr. ambulans (alle kassen)
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