Abgehört - neue Musik i-Tüpfelchen und ewige Ekstase

Shura erzählt auf ihrem neuen Album eine der hinreißendsten Liebesgeschichten der jüngsten Pop-Geschichte. Außerdem: Öko-Opulenz von Bon Iver, Klangbrüche von Sleater-Kinney und Pop-Rhetorik aus Berlin.

Shura - "Forevher"
(Secretly Canadian/Cargo, ab 16. August)

Als vor drei Jahren das Debüt-Album von Shura erschien, sagte Alexandra Lilah Denton, sie sei ganz und gar inspiriert von Madonnas "True Blue"-Phase. Aber diese Selbstgewissheit der Pop-Pionierin, die hätte sie nicht, sie sei halt eher so der schüchterne Typ. Trotz BBC-Unterstützung, viel wohlwollender Kritik und einer Rolle als Galionsfigur einer erstarkenden Queer-Pop-Szene wurde aus dem großen Erfolg erstmal nichts. Shura zog sich mit Liebeskummer zurück.

Nun lässt sich von "True Blue" eine ziemlich direkte Linie zum Cover-Artwork ihrer neuen, umwerfenden Platte "Forevher" ziehen, nicht nur in der Farbgebung, nun ja, sondern vor allem thematisch. Denn einerseits ist sich die inzwischen 28 Jahre alte Britin treu geblieben, indem sie den Zartheiten und Köstlichkeiten lesbischer Liebe in Texten und Musik nachspürt wie einst in ihren besten Singles "Touch" und "What's It Gonna Be?". Andererseits ist "Forevher", also "Forever Her", einer der schönsten und sinnlichsten Treue- und Liebesschwüre, die Pop in jüngster Zeit zu bieten hatte.

Denn Denton fand in den USA eine neue Liebe, erst ein Flirt, dann ein Abenteuer, dann das ganz große Ding, dem sie letztlich von London nach Brooklyn folgte. Davon erzählt die balladeske Single "BKLYNLDN", die in einem sanften Funk-Groove in Richtung Minneapolis nickt, der Prince-Stadt, in der sich die beiden Lover zum ersten Mal begegnet sind - ein Song, der sich lasziv und lustvoll entspannt in den Bettlaken räkelt. Es ist der erste Höhepunkt eines Albums, das ganz beiläufig beginnt, mit dem etüdenhaften Piano-Geklimper von "That's Me, Just A Sweet Melody". Aus dieser Flüchtigkeit wird dann ein schon deutlich herzklopfender Funkbass und ein trotziger, aber natürlich selbstbelügender Refrain: "I don't feel any side effects when you're gone". Ja, von wegen.

In "Religion (U Can Lay Your Hands On Me)" reichen sich dann Prince und Madonna patenschaftlich die Hand über einer fiktiven Tochter, die sich vom nicht langweiligen, aber generischen Charts-Sound ihres Debüts zugunsten einer hinreißend träumerischen Fusion aus Funk, R&B und Synthie-/Bedroom-Pop emanzipiert hat. Im zugehörigen Video knutschen eine weiße und eine schwarze Nonne, und geraucht wird auch. Produziert wurde "Forevher" erneut von Shuras altem Kumpel Joel Potts (ehemals Athlete), diesmal aber ohne den Kommerzbooster von Greg Kurstin (u.a. Sia).

Den braucht es auch nicht, denn nach dem zentralen "BKLYNLDN" hebt Shura von ganz allein ab, total verknallt, im Liebesrausch. Und spätestens damit dürften sich dann alle Minderwertigkeitkomplexe gegenüber Übermutter Madonna verflüchtigt haben. "Princess Leia", in einer besseren Welt wäre es ein Duett mit ihrem queeren männlichen Gegenpart John Grant, meditiert flüsternd darüber, dass die Sängerin im Flugzeug war, als die "Star Wars"-Ikone starb: "Maybe I died when Carrie Fisher died", singt sie zu hell gleißenden Synthie-Fanfaren - ein hymnisches, aber verhuschtes "Tiny Dancer", ein respektvoller Abschied von Ikonen und Vorbildern. Und ein Abnabeln von letzten Zweifeln.

"Forever" schmilzt dann souverän Kylie Minogue und Tegan And Sara in einen pastellenen Achtziger-Pop, und dann verdichten sich die langen Stunden im Jetstream zwischen London und New York im grandiosen "Skyline, Be Mine" zu einem Monument der Determination und Ruhe, an das sich jeder gern lehnt, der die dramatischen Sehnsüchte des Gemüts und die süße Melancholie im Transit kennt: Am Ende weiß man, wo sein Platz ist. Dieser schlaf- und seelentrunkene Airport-Blues zwingt "All I Need" von Air und Becks "Paper Tiger" auf einen elastischen Bass und ein beständig groovendes Schlagzeug, ein gemächliches Laufband in die ewige Ekstase, auf dem sich die ganze unterschwellige Spannung dieses Albums in ein himmlisches Schwirren, Kreiseln und Glockenläuten entlädt. Together forever and never to part. (9.0) Andreas Borcholte

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Bon Iver - "i,i"
(Jagjaguwar/Cargo, ab 30. August)

Das i ist ein Buchstabe, von dem es heißt, er wäre nur mit Tüpfelchen komplett. Was passiert, wenn man zwei, drei oder 22 Millionen Tüpfelchen draufsetzt, das will Justin Vernon jetzt wissen. "i,i" markiert für seine Band Bon Iver das Ende eines Zyklus, heißt es. Es soll für den Herbst stehen und den Jahreszeitenreigen seiner ersten vier Alben abschließen. Was nach ihm kommt? Greta Thunberg weiß es.

Vernon, dieser Beirdo-, Jäger- und Holzhacker-Typ aus Wisconsin, passt nicht einfach nur in eine Welt, in der das Versprechen von Subsistenzwirtschaft und Einklang mit der Natur in Großstädten zu einem attraktiven Produkt geworden ist. Er verkörpert die Rolle des Zweiflers und Heilsbringers so überzeugend, dass sogar sein Buddy Kanye West seine VIP-Launch-Partys in die amerikanischen Berge verlegte. Die Frage ist nun, wie Vernon diesen Status verwaltet.

Auf seinem vorigen Album "22, A Million" hatte er große Americana unter allerlei Störgeräuschen, verblasenen Saxofonen und Auto-Tune-Gekreische versteckt. Ein reizvolles Unterfangen, mit dem er das Erbe des Folk endgültig in Harmonie mit dem Digitalalltag brachte. Synthieknistern statt Lagerfeuer, gestörte Technik als Signale der Heimeligkeit. "22, A Million" war ein großer Wurf und wirkte wie eine neue Weltformel.

Danach sagte Vernon seine Europatour wegen Angststörungen ab. Als er sie ein Jahr später nachholte, stand er auch auf der Bühne im Wald, verschanzt zwischen zig Instrumenten, Mikrofonen, Mitmusikern und Lichtsäulen, mit Kopfhörern auf den Ohren. Das Publikum war in Ehrfurcht erstarrt, vereint in gemeinschaftlicher Versenkung. Lauter Monaden, die sich auf dieselbe Frequenz einschwingen. Dieses Szenario wird nun mit der guten, alten Wachstumslogik des Petrokapitalismus verbunden. Die Stammbesetzung von Bon Iver bestand bei den "i,i"-Aufnahmen aus sechs Männern und einer Frau, dazu kamen Gäste wie James Blake, Bruce Hornsby, Moses Sumney und die Brüder Aaron und Bryce Dessner von The National. Ende August startet in den USA eine Tour in Arenen und Mehrzweckhallen, die noch mal ein, zwei Nummern größer sind als zuletzt.

Die Musik setzt so viele Tüpfelchen wie nie zuvor. Die Songstrukturen sind größtenteils noch intakt, aber in Opulenz und organisches Mäandern aufgelöst. Im Zentrum steht Vernons immer leicht gequältes Falsett, der Knochensubstanz des Lebens abgerungen, mit dem er von Anfang an als ein Vielfaches seiner selbst auftrat. Schon in der Holzhütte, in der er das Debüt "For Emma, Forever Ago" einspielte, multiplizierte er seinen Schmerz in mehrfach übereinandergelegten Gesangsspuren. Selbstbespiegelung ist hier ästhetisches Prinzip, das nun, am Ende eines Zyklus, erstmals explizit als Programm ausgegeben wird. "Full time you talk your money up/While it's living in a coal mine", singen diese vielen Ichs auf "Hey, Ma" und zeichnen in "Jelmore" das Bild eines Trödlers, der in seinem Laden auf die nächste Hitzewelle wartet, eine Gasmaske in der Hand. "We'll all be gone by the fall": Bis zum Herbst sind wir alle Geschichte.

"i,i" ist eine Bestandsaufnahme am Ende des Zeitalters der Hyperindividualisierung. Ist mit diesem Abgesang alles zu Ende? Xi Jinping und Big Data, übernehmen Sie? Kommt dann wirklich die Sintflut? Für so viel Dystopie klingt "i,i" in weiten Teilen überraschend erbaulich. Der erste Song spricht von Verlorenheit. Aber das ist nur der Ausgangspunkt, an dem einer aufbricht, um sich selbst zu finden. Zumindest das scheint zu klappen. Die Emo-Energiebilanz ist bei Bon Iver auch schon negativer ausgefallen. Der Zweifler, er hofft noch. (8.3) Arno Raffeiner

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Sleater-Kinney - "The Center Won't Hold"
(Caroline/Universal Music, ab 16. August)

Wenn eine Band einen 20 Jahre lang begleitet, dann bekommt man schon mal einen Schreck, wenn sie auf einmal sehr, sehr anders klingt. Vom selbstbetitelten Debüt (1995) über das großartige "The Woods" (2005) bis zu "No Cities To Love" (2015): Die Energie, mit der Sleater-Kinney ihren am Punk geschulten Sturm und Drang mit zwei komplex ineinander verzahnten Gitarren und herzöffnendem Gesang verbanden, haute einen immer wieder und im besten Sinne um. Die Band konnte Mitte der Neunzigerjahre auf dem Gelände bauen, das die Riot-Grrrl- und Queercore-Szene um Bikini Kill und Team Dresch in der Rock-Szene erobert hatte.

Dass abgestandene Rockposen und sonstiges Rumgepimmel bei dem Trio aus Olympia, Washington einfach mal nicht vorkamen, lag nicht nur daran, dass drei Frauen Musik machten, sondern auch an der Musik selbst: Die Gitarristinnen und Sängerinnen Carrie Brownstein und Corin Tucker verbanden weltumarmende Melodien originell mit dem passiv-aggressiven Gestus des US-Underground der Neunziger. Spätestens ab dem dritten Album "Dig Me Out" gelang ihnen das formvollendet.

Auf "The Center Won't Hold" ist nun vieles neu. Wo vorher Reduktion vorherrschte, dominiert ein opulenter Sound. Produziert wurde das Album von der Indie-Songwriterin Annie Clark alias St. Vincent, anscheinend sorgte sie dafür, dass Sleater-Kinney plötzlich wie eine nervöse New-Wave-Band klingen, die im selben Maße Madonna und Postpunk internalisiert hat. Allerlei Elektronik und ein Sequenzer-Bass hibbeln Giorgio-Moroder-artig in "Can I Go On", "Reach Out (And Touch Me)" erinnert an Blondie und auf "A Restless Life" gibt es tolle Synthie-Streicher. Zum Schluss dann eine Klavierballade!

Doch die vergleichsweise poppige Oberfläche täuscht: In den Texten geht es immer noch konfrontativ und düster zu, zum Beispiel wenn Carrie Brownstein in "Love" über das Altern von Frauen im Musikbusiness singt: "There's nothing more frightening and nothing more obscene/Than a well-worn body demanding to be seen/Fuck!".

Der Bruch in der Musik aber ist unüberhörbar, und er ist nicht spurlos an Sleater-Kinney vorübergegangen: Schlagzeugerin Janet Weiss hat kurz vor Erscheinen des Albums ihren Ausstieg aus der Band bekanntgegeben, begründet mit der Richtung, in die sich die Band entwickelt. Die Enttäuschung scheint auch bei einigen Fans groß, viele sehen in Produzentin Annie Clark eine Art Yoko-Ono-Figur, die dem Trio ihren eigenen Sound aufgezwungen hätte.

Abgesehen davon, dass der Ono-Vorwurf schon bei den Beatles Quatsch war, kann man die Risikobereitschaft, mit der eine Band hier die eigene Routine einreißt, nach dem ersten Schreck nur bewundern. Spätestens beim dritten Hören zeigt sich dann sogar eine strukturbildende Kontinuität: eine Hörerin wie Hörer unmittelbar anspringende Intensität, die auf einer beeindruckenden musikalischen Intelligenz basiert. (8.0) Benjamin Moldenhauer

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Die Höchste Eisenbahn - "Ich glaub dir alles"
(Tapete/Indigo, ab 16. August)

"Wenn man 2019 eine Band macht mit vier Hetero-Typen, die es schon gibt wie Sand am Meer, dann muss man auch was zu sagen haben." Diesen Satz sagte die junge Songwriterin Ilgen-Nur, Hoffnung des deutschen Indie-Rock, kürzlich in einem Interview.

Die Höchste Eisenbahn sind so eine Band mit vier Hetero-Typen, und für die Slacker-Prinzessin aus Hamburg, die Ende dieses Monats ihr Debüt veröffentlicht, dürfte dieses Berliner Quartett ein No-Go sein. Denn diese Männer machen aus Spaß Musik, die vor allem Spaß machen soll. Politische Positionen oder revolutionäre Ideen werden auch auf ihrem mittlerweile dritten Album "Ich glaub dir alles" nicht verhandelt. Aber die beiden Sänger und Songwriter der Band, Moritz Krämer und Francesco Wilking, beherrschen etwas, das auch wichtig ist, zumal wenn es so hinreißend gemacht wird wie hier: die Welt der Andeutungen und Zwischentöne in Pop-Songs einzufangen.

"Wir haben den Quatsch, den wir beim Jammen in einem Ferienhaus im Wendland gesungen haben, transkribiert und uns gewundert, dass es teilweise Sinn ergibt", sagt Krämer mit viel Understatement, denn zusammen mit Wilking dichtet er humoristische Zeilen, in denen sich Wahrheiten offenbaren, die man immer schon wusste, aber jetzt erst erkennt. Höhepunkte des Albums sind Songs wie "Zieh mich an", in denen sich die beiden ihre rhetorischen Bälle wie in einer Ping-Pong-Partie zuspielen. Krämer verschnupft, Wilking verschlufft: "Ich frag' mich, über was du lachen kannst" - "Ich kann nicht lachen, ich kann nur so tun" - "Ha-ha-ha". In "Aufregend und neu" findet sich das wohl hübscheste Hin und Her des deutschsprachigen Pop 2019: "Alles ist verloren. - Quatsch, alles ist in Ordnung! - Wir haben uns gerade getrennt. - Nein, wir lernen uns gerade erst kennen!"

Aber es gibt auch melancholische Momentaufnahmen aus dem spätkapitalistischen Alltag wie "Job", in dem sie von einem Fabrikarbeiter ohne Fabrik erzählen. "Enttäuscht" seziert das vor allem im Urlaub gern zum Tragen kommende Anspruchsdenken, dass immer jemand etwas zu meckern hat, weil sich immer irgendjemand etwas anders vorgestellt hat. Dazu gibt es Indie-Rock in Pastelltönen. Hat Die Höchste Eisenbahn nun also etwas zu sagen? "Was du nicht zählst, ist viel", singen sie im finalen Song "Umsonst". Auch so ein Satz, der hinter vordergründiger Unbekümmertheit tiefere Räume öffnet. (7.3) Ariana Zustra

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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