Abgehört - neue Musik Hinter den Lamellen brennt noch Licht

Drei Jahre ließ sich die deutsche Post-Punk-Band Messer für ihr drittes Album "Jalousie" Zeit. Hat sich's gelohnt? Außerdem: eine Berliner Elektro-Chanteuse in Mexiko und ein Yogalehrer als Geräusche-Jesus.

Messer: Jalousie

Messer: Jalousie

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Messer - "Jalousie"
(Trocadero/Indigo, ab 19. August)

Wer mit dem Messer ins Gefecht zieht, hat sich für den Nahkampf entschieden. Das Messer, vom domestizierten Nutellaschmiergerät mal abgesehen, ist ein unelegantes, ein brutales Werkzeug. Kurz und scharf, hinterlässt es verheerende Wunden, wenn man ihm zu nah kommt. Für zwei ziemlich gute Alben war Messer der perfekte Name für die Band um den zwischen Münster und Berlin pendelnden Songschreiber, Sänger und Künstler Hendrik Otremba. Auf "Im Schwindel" (2012) und "Die Unsichtbaren" (2013) machte er den kaltwütigen deutschen Post-Punk, den Hamburger Bands wie Die Erde und Kante in den Achtzigern und Neunzigern etabliert hatten, für die Gegenwart gültig. Auch Fehlfarben und die Scherben, Joy Division und Gang of Four geistern bis heute durch die bleiern vorantreibende Musik von Messer, in deren Texten Otremba zumeist die Position desjenigen einnimmt, der sich vom Geschehen abgetrennt fühlt, isoliert und unverstanden, kaum noch am Leben, vielleicht schon tot.

Mit wachsender Verzweiflung stocherte und schrie sich Otremba durch Barrieren und Membranen, durch Staub, Neonlicht oder weißen Rauch, immer auf der Suche nach Gefühl, nach Resonanz - ein von Noir-Filmen, Nouvelle Vague, Romantik und Romy Schneider besessener Sam Spade im ewigen Zwielicht. Resonanz gab es durchaus, bei Kritikern und Publikum gleichermaßen, ein drittes Album im gleichen Stil wäre auf großes Wohlwollen gestoßen, es gibt nicht viele in Deutschland, die so scharfkantig und schroffe Rockmusik können. Doch nach zwei kurz hintereinander folgenden Alben war es Zeit für eine Zäsur, die nun einschneidender wurde, als erwartet. "Jalousie" ist das schwierige dritte Album einer Band, die versucht, ein Messer als Florett zu benutzen.

Otrembas Themen sind gleich geblieben, aber seine Sprache ist lyrischer geworden, weniger pointiert, man könnte sagen: opak. Erstmals malte er das Cover-Artwork nicht selbst, es zeigt ein Schwarzweißfoto einer geschlossenen Jalousie. Was sich dahinter verbirgt, ist natürlich wieder eine Noir-Krimi-Reverenz und ein neues Rätsel, eine neue semipermeable Stoffschicht wie "Schwarzer Qualm" oder "Der Staub zwischen den Planeten", um die es in einigen Songs geht. In einem Song liegt der Protagonist wie gelähmt unter Wasser und versucht, durch den Schaum der Wellen etwas zu erkennen.

Die Allegorien sind elaborierter, die Sprachbilder poetischer; passend dazu fächert sich die Musik nach einer größeren Neubesetzung der Band weiter auf. Der klar konturierte Post-Rock ist einem weicheren, offeneren Klangbild gewichen, das ausgereifter und erwachsener wirkt - bis hin zum breitbeinigen Muckertum, wenn in "Der Mann, der zweimal lebte" die Gitarren durchs Flanger-Tool gejagt werden.

Professionalisierung ist immer gut für eine Band. Bei Messer aber schleicht sich, vielleicht befördert durch den einen oder anderen Ausflug ans Theater während der vergangenen zwei Jahre, eine nach Bedeutungsschwere heischende Kunstsinnigkeit ein, die sich nicht immer mit konkretem, packendem Inhalt füllt. Die besten Stücke - das afro-karibisch im Talking-Heads-Terrain ermittelnde "Detektive", das kantige "Meine Lust" und "Niemals", eine mit stilisierten Handclaps illustrierte Momentaufnahme deutscher Widersprüchlichkeit - haben Dringlichkeit und sind gleichzeitig musikalisch mutigsten Fortschritte. Zu diesen aufregenden neuen Experimenten zählt auch der technoide Remix von "Detektive", den die britische Elektro-Gruppe Factory Floor für die EP "Kachelbad" angefertigt hat.

Anderes ("Die Hölle", "Im Jahr der Obsessionen") verwabert in der neuen Verspieltheit. So wird die "Jalousie" zum treffenden Bild: Messer haben sich neue Lamellen und Facetten ihrer Kunst erschlossen, aber sie versperren, im Moment noch, den klaren Blick. Man braucht scharfe Klingen, um hindurch zu kommen. (7.0) Andreas Borcholte

Exploded View - "Exploded View"
(Sacred Bones/Cargo, ab 19. August)

Manchmal hilft der Zufall: Die britische, in Berlin lebende Musikerin und Journalistin Annika Henderson spielte vor einiger Zeit mit ihrem Noir-Elektro-Projekt Anika in Mexiko und traf dort auf Martin Thulin, Hugo Quezada und Hector Melgarejo, drei namhafte lokale Musiker und Produzenten. Man kam ins Gespräch und verabredete sich zu einer gemeinsamen Session. Daraus entstand - ohne viel Proben oder Konzept - die Band Exploded View, deren Debüt nun auf dem Brooklyner Noise-Label Sacred View veröffentlicht wird.

Henderson wurde einst von Portisheads Geoff Barrow entdeckt, der die Blondine mit der dunklen Nico-Stimme als Sängerin für sein Projekt Beak engagierte. Anikas erste, von Barrow mitproduzierte EP von 2010 enthielt Coverversionen von Dylans "Masters Of War" und Yoko Onos "Yang Yang", was zum Szene-Hit wurde. Basis für Hendersons mal mokant sinnierende, mal deklamierende, mal wehklagende Stimme war bisher ein eher elektronischer Sound, der sich gleichwohl auf Avantpop von Velvet Underground über Birthday Party bis Sonic Youth bezog. Mit Exploded View öffnet sich dieser Ansatz ins Improvisierte und Organische.

Sämtliche Stücke sind First Takes, die live im Studio aufgenommen wurden. So lassen sich zwar stilistische Parallelen von Anikas "Officer Officer" zu den besten Exploded-View Stücken wie "Orlando" und "Disco Glove" ziehen, sie folgen demselben, fiebrig und sinister vorandrängelnden Groove aus Dance-Punk, Psychedelic, Industrial, Krautrock und Goth-Wave. Hier kontrastiert Anikas oft ein wenig zu körperlos wirkende Anne-Clark-Kälte aber nun kongenial mit dem Volumen und der Wärme analoger Instrumente.

In den Texten entstehen surreale Assoziationsräume: "Disco Glove" meditiert über Robert De Niro und einen Glitzerhandschuh, "No More Parties In The Attic" lamentiert lethargisch über die Gentrifzierung und daraus folgende Atelier-Knappheit in der Kunstszene, "Orlando", lange vor dem Attentat entstanden, lässt sich mit verschleppten Disco-Rhythmus und somnambuler Melancholie zur Moritat auf die tödliche Nacht in einem Gay-Club in der gleichnamigen Stadt in Florida umdeuten.

Wie gut die (pharmazeutisch induzierte?) Chemie zwischen der Britin und den Mexikanern stimmte, zeigt sich gegen Ende dieses sperrigen, aber faszinierenden Albums: "Gimme Something" erinnert mit seinen weit in den Raum greifenden Gitarren- und Drum-Sounds an die urbanen Wüstenlandschaften, die Portishead gerne mit tristen Farben ausmalen. Der angedeutete Texmex-Twang, der sich hier einschleicht, findet sich auch im Abschlusssong "Killjoy" wieder, einer launigen, geradezu beschwingten Hymne, die irgendwann, zu Beginn der Session, vielleicht mal auf den Harmonien von Radioheads "Creep" und Leonard Cohens "So long, Marianne" begann, bevor sich dann der Blick explosiv weitete. Spielverderber? Im Gegenteil. (7.8) Andreas Borcholte

Gonjasufi - "Callus"
(Warp/Rough Trade, ab 19. August)

Wissen Sie, was ein Kallus ist? So nennt man eine Schwiele oder eine dicke, verhornte Stelle - oder, im Medizinischen, auch neu gebildetes Gewebe nach einer Fraktur. "Callus", also die englische Entsprechung, nennt der amerikanische Musiker, Sufist und Yogalehrer Sumach Ecks alias Gonjasufi sein neues Album, das erste seit seinem Meisterwerk "Mu.zz.le" von 2012. Brüche hat der Mann wahrlich genug in seinem Leben erfahren, bevor er vor einigen Jahren vom heutigen Post-Hip-Hop-Produzenten und Jazz-Erneuerer Flying Lotus entdeckt wurde, schlug er sich als Obdachloser auf den Straßen von Los Angeles durch. Heute lebt der 38-Jährige mit Frau und Kindern in Las Vegas.

Die Wunden mögen also verheilt sein, aber der zugewachsene Schmerz, die "Calluses", die gehen nicht so leicht weg. "How can you not be in pain? It ain't about getting past that shit. It's about growing into it", sagte Ecks in einem Statement zum Album. "I channeled all the misunderstanding and misery and torment - that's what it is, torment - into this." Was genau das ist, lässt sich nur schwer beschreiben, aber es schabt, schürft und ritzt sich dem Zuhörer gleich mit dem ersten von 19 Stücken in und unter die Haut. Schiefe Breakbeats, bratzige Blues- und Psychedelia-Gitarren, Funk-Rhythmen und Ethno-Sounds aus verschiedensten Kulturen verschmelzen in Gonjasufis Musik zu einer Beschwörung der Apokalypse, die man wie durch ein altes Transistorradio, immer wieder von Statiklärm und Space-Geräuschen gestört, zu empfangen meint - aus der Hölle oder einen Ort, der noch viel schlimmer sein könnte. Dass der in der Nähe von Las Vegas liegen könnte, glaubt man sofort.

Ecks hat durchaus Gespür für Groove und Wohlklang, aber Harmonie ist nicht sein Spiel. In "Maniac Depressant", "African Spaceship" oder auch "Vinaigrette" blitzen immer wieder Fragmente größter Klarheit und Schönheit auf, bevor sie wieder im Rauschen, Knarren, Wimmern und Wabern verweht werden. Träge und orientierungslos trampeln Trommeln und Bassläufe durch dieses kunstvoll verwüstete Wasteland.

So geht das dann eine gute Stunde lang. Ecks' dauerverzerrter Stimme, manchmal nur ein Heulen und Wehklagen, manchmal ein monotones Aufsagen von Slogans und Mantren, ist kaum zu entlocken, worum es in den Texten geht, aber irgendwann ist auch das egal. Man lässt sich ein in die körperliche Erfahrung dieser energisch vertrackten, aber auf verquere Art enorm zugänglichen Musik.

Mit ihr will der Künstler ja nicht nur persönliche Pein kanalisieren, sondern ein Ventil für die Qual der ganzen afroamerikanischen Gemeinde Amerikas sein: "Ole Man Sufferah" heißt eine irrlichternde Ballade, die einen vibrierenden akustischen Faden von den Sklavenplantagen an den Ufern des Ole Man River bis in die Gegenwart zieht. Explodierender Phantomschmerz. (8.0) Andreas Borcholte

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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