Abgehört - neue Musik Von Panzerkreuzern und Putzlichtern

Hört man an der frickel-faschistoiden Männertümelei vorbei, kann man das neue Album der Meta-Metaller Tool sogar genießen. Außerdem: Neues von Niels Frevert und Bat for Lashes.

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Tool - "Fear Inoculum"
(Volcano/RCA/Sony, seit 30. August)

Manchmal kommt es noch vor, dass ein Album aus dem Nebel erscheint wie ein Panzerkreuzer zwischen Tretbooten und Stand-up-Paddlern. Mächtig, bedrohlich und mit großer Verdrängung, aus einer anderen Zeit. Und aus Metall, klar.

Leute gibt es, die haben 13 Jahre auf ein neues Werk von Tool gewartet. Wirklich gewartet, wie man die Wiederkehr eines Kometen herbeisehnen mag. Wer wartet, will was. Bestenfalls mehr davon, womit sich die kalifornische Gruppe seit 1993 auf gerade einmal vier Platten einen gewissen Ruf erspielt hat: Taktzahlen so rätselhaft wie die Texte, tribales Mäandern und trockene Rasanz. Dazu als Frontmann eine Diva wie Maynard James Keenan (nicht zu verwechseln mit John Maynard Keynes), im Nebenberuf Winzer und überdies in Projekten wie A Perfect Circle oder Puscifer engagiert.

Kniffligkeit gab es im Metal auch anderswo, Wucht sowieso. Eine Engführung beider ästhetischen Prinzipien aber hat man selten in einer solchen Vollendung hören dürfen wie auf "Lateralus", "Aenima" oder "10.000 Days". Hin und wieder komponierten Tool Songs auf Basis mathematischer Sequenzen des mittelalterlichen Gelehrten Leonardo Fibonacci. Solche Sachen. King Crimson und Black Sabbath winken stolz von der Seitenlinie.

Mit einer Laufzeit von eineinhalb Stunden und nur sieben Songs, von denen sechs die Zehn-Minuten-Marke nicht unterschreiten, erfüllt "Fear Inoculum" alle erwartbaren Erwartungen. Zugleich bedient es Bedürfnisse, die es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte in einer Zeit, da "relevante" Popmusik sich entweder an Getto oder Gender abzuarbeiten hat.

Tool wissen das: "Warrior struggling to remain revelant", singt Keenan in "Invincible", aber Dekonstruktion ist ihre Sache nicht. Hier wird, ganz im Gegenteil, noch ein architektonischer Zugang gepflegt. Es ist sehr alte, sehr weiße, sehr männliche und streckenweise sehr langweilige Musik.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Technische Könnerschaft ist hier denn auch wieder ad nauseam ausgestellt. Kein einprägsames Riff, keine memorable Melodie. Und kein Song, dem nicht zu erratischen Rhythmusgeflechten mit aufreizender Allmählichkeit sein eigenes Exposé vorausginge, das sich in den folgenden Ewigkeiten entfaltet, auftürmt, variiert und endlich in einem erlösenden Komplexitätsgewitter entlädt. Luft zum Aufatmen gibt es auf instrumentellen Lichtungen im Dickicht, flächigen Skizzen in Dark Ambient.

Die konzise Wut von Klassikern wie "Schism" oder "Sober" ist noch vorhanden, die Geschütztürme des Panzerkreuzers sind feuerbereit - geballert aber wird, mit Ausnahme des viertelstündigen "7empest", vorzugsweise nur noch am Ende akribischer Erkundungen psychedelischer Gefilde. Es darf sogar Danny Carey, bald 60 Jahre alt, mal experimentell austesten, wie 2019 etwas so hoffnungslos Unzeitgemäßes wie ein Schlagzeugsolo klingen könnte ("Chocolate Chip Trip").

Natürlich darf man das Strebertum, das Progressive, das Maskuline dieser Musik getrost als frickelfaschistoid ablehnen. Hört man aber knapp daran vorbei statt ganz genau hin, verbreitet "Fear Inoculum" als Ergebnis intellektueller und athletischer Anstrengung - eine überraschende Ruhe. Dann riechen Tool eher nach Räucherstäbchen als nach Schweiß. Die ins Epische spielende Zeit, die dieses Album sich nimmt, ist zugleich Zeit, die es verschenkt. Und das ist eigentlich ganz nett. (6.5) Arno Frank

Niels Frevert - "Putzlicht"
(Grönland/Rough Trade, ab 6. September)

"Das Frevert-Gefühl ist zurück", schrieb ein YouTube-User offenbar sehr glücklich als ersten Kommentar unter das Video zu "Immer noch die Musik", einer Single von Niels Freverts neuem Album "Putzlicht". Wahrscheinlich ist das eines der schönsten Komplimente, das man einem Musiker, jedem Künstler, machen kann: dass es ein bestimmtes Gefühl gibt, das nur er so erzeugen kann, das unmittelbar mit ihm und seiner Stimme, seinen Worten, seiner Kunst verknüpft ist: Ah, der!

Insofern hat Niels Frevert, der ewig, auch hier, als Geheimtipp verehrte Musiker und Songwriter aus Hamburg, mit 51 Jahren eigentlich alles erreicht. Das Formatradio, die Charts, die große Öffentlichkeit, Dinge, die Frevert mit dem Aufbohren seines Sounds beim jüngsten Album noch mal probieren wollte, all das ist natürlich wichtig für die blöden, schnöden Dinge, die man braucht, Geld und Sicherheit zum Beispiel. Man darf es nicht kleinreden. Aber was zählt, ist am Ende doch, dass es da draußen Menschen gibt, denen man ein Gefühl vermitteln kann wie kein anderer es vermag: ein Frevert-Gefühl.

Wir haben zu "Paradies der letzten Dinge" schon ausführlich beschrieben, woraus dieses Gefühl bestehen kann, wer mag, kann es hier nachlesen. Frevert ist einer der besten Songschreiber dieses Sprachraums, er macht das - früher mit Nationalgalerie, seit 22 Jahren solo - schon sehr lange. Aber nach 2014, so schreibt es seine Plattenfirma, waren die Worte plötzlich weg, die Gitarre rührte er monatelang nicht an, die Krise war da. Woran es lag? Ist privat.

Was man wissen muss, erklärt Frevert in seinen neuen Liedern: "Und du traust deinem Gefühl nicht mehr über'n Weg. und auch dein Mut verlässt dich", singt er, und schließlich: "Wenn die Sache dir zu nahe geht, wenn dein Herz in Schutt und Asche liegt, ist da immer noch, immer noch die Musik."

Sie war es also, die ihn wieder eingefangen hat, als das Leben ihn an einer Ecke rausgelassen hatte, an der er plötzlich nicht mehr wusste, wo er war. "Ich ging den Bach hinunter, bis daraus ein Fluss entsprang", singt er in einem anderen Stück, "ich suchte nach Worten für etwas, was nicht an der Straße der Worte lag."

Die Musik, die er dazu zusammen mit seinem neuen Produzenten Philipp Steinke (unter anderem Boy, Revolverheld) fand, treibt auf wuchtigen Drums voran wie ein Zug, der wieder Fahrt aufnimmt oder jener "laufende Motor", der die Songs des Albums mit Prelude und Schlussdrama zusammentackert. Die zarten Streicher vergangener Alben sind fast verschwunden, stattdessen dominieren beherzt angeschlagene Klavierakkorde und kraftvolle Gitarren.

Andreas Borcholtes Playlist KW 36
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1. Algiers: Can The Sub_Bass Speak?

 2. Jenny Hval: High Alice

 3. Iggy Pop: James Bond

 4. Niels Frevert: Immer noch die Musik

 5. Lana Del Rey: Fuck It I Love You

 6. Celeste: She's My Sunshine

 7. Mahalia: Square 1

 8. Bat for Lashes: Feel For You

 9. Chelsea Wolfe: Be All Things

10. Ilgen-Nur: Easy Way Out

"Putzlicht" ist somit ein sehr gediegenes, fast zu gefälliges Rockalbum klassisch US-amerikanischer Prägung, dessen musikalischer Gestus manchmal an Springsteen erinnert, manchmal ("Leguane") auch an Blumfeld. Aber es ist keine Rückkehr zu Nostalgie und Neunzigern für Frevert, es wirkt vielmehr wie eine Ankunft, auch wenn die Dinge im Rückspiegel näher scheinen, als sie sind, wie er einmal singt.

Dieser in den Mainstream gleitende Sound muss einem nicht gefallen, und es gab auch schon bessere, intensivere Solo-Alben von Frevert in den vergangenen Jahren. Dennoch ist man froh, dass er sich gefunden hat, im grellen Putzlicht nach der finsteren Zeit, "blau wie eine Lagune" zwar, aber eben auch "grün wie die Hoffnung", wie es in "Leguane" heißt. Hä, und mit solchen Kalauern kommt der durch? Tja, auch das gehört zu diesem Frevert-Gefühl. (7.6) Andreas Borcholte

Bat for Lashes - "Lost Girls"
(Awal Recordings/Rough Trade, ab 6. September)

Eigentlich wollte Natasha Khan alias Bat For Lashes nach "The Bride" gar keine neue Platte mehr machen. Die Rezeption des düsteren Konzeptalbums - Bräutigam stirbt auf dem Weg zur Trauung - fiel ziemlich verhalten aus, dazu kam auch noch, dass Khan im Zusammenhang mit ihrem Nebenprojekt Sexwitch der cultural appropriation bezichtigt wurde.

Die Londoner Musikerin beendete erschöpft und genervt ihren Vertrag mit der EMI und zog nach Los Angeles, um sich dem Drehbuchschreiben und der Komposition von Filmmusik zu widmen. Unter anderem schrieb sie einen Track für die TV-Serie "Castle Rock", die auf Geschichten von Stephen King basiert. Besagter Song heißt "Kids In The Dark" und ist der erste des (nun doch) neuen Bat-For-Lashes-Albums "Lost Girls".

Der Titel dürfte bei vielen sofort die Nostalgiemaschine anwerfen: Wer an Joel Schumachers Adoleszenz-Horrorfilm "The Lost Boys" von 1987 denkt, liegt genau richtig. Nach ihrem morbiden Witwenepos begibt sich Natasha Khan jetzt ins Reich der lederbejackten Untoten und Vampire - und huldigt damit ihrer Liebe zu Filmen wie "The Goonies", "E.T." und eben "The Lost Boys", die für Kids und Teenager produziert und zu Kultklassikern wurden.

Das Leben in L.A. hätte den Hang zu dieser Eighties-Ästhetik in ihr getriggert, so Khan - nicht nur visuell, sondern vor allem musikalisch: "Lost Girls" ist mehr Achtziger als die Achtziger jemals waren, erweitert um eine deutlich feministische Perspektive. Wiederum ist es ein Konzeptalbum, in dessen Mittelpunkt die Figur Nikki Pink steht, die Khan auch in den bereits veröffentlichten Videos verkörpert. Nikki Pink wird von einer Gang untoter, "verlorener", Mädchen begleitet, die ihr beistehen, wenn sie, wie im dunkelromantischen "Kids In The Dark", ihren sehr lebendigen Crush im Morgengrauen verlassen muss.

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Auf dem Bat-For-Lashes-Album "Two Suns" diente die Hauptfigur Pearl als Katalysatorin für Khans Liebeskummer, den sie zur Zeit der Aufnahmen durchlitt. Nikki Pink ist nun durch das Vampir-Motiv comichafter, kommt einem aber doch nahe - vielleicht durch die hemmungslosen, cheesy Synthie-Akkorde und die programmierten Drumbeats, die große Plastic-fantastic-Leidenschaft entfachen. Im Vergleich mit früheren Alben klingt "Lost Girls" bunter, variationsreicher und sogar tanzbar, wobei die große schwarze Fledermaus namens Melancholie natürlich immer über allem flattert.

Khan setzt ganz unmittelbare Achtziger-Verweise ein: wenn sie Zeilen wie "I feel for you" oder "It hurts so good" singt, aber der Umgang mit Sounds und Stilen ist offen und zum Glück kaum ehrfürchtig. In Khans imaginierter Eighties-Parallelwelt (sie wurde 1979 geboren) kommt zusammen, was damals wahrlich nicht zusammen gehörte: die düster-melodischen Cure-Gitarren im Instrumental "Vampires" beispielsweise, die hier mit einem trötenden Saxophon kombiniert werden. Oder die Melodramatik im Geiste Bonnie Biancos gleich neben dem an Khans Vorbild Kate Bush angelehnten "The Hunger" - das ist schon sehr toll.

Manchmal geht es aber auch ein bisschen mit ihr durch, nicht nur die L.A.-Ode "Peach Sky" überreizt die Achtziger-Pastiche bis ins Grellste. Aber wie heißt es in der Powerballade "Safe Tonight" doch so treffend? "We both know/ It's not an easy ride". (8.0) Christina Mohr


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 31 Beiträge
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black_smurf 03.09.2019
1. Fear inoculum
Tja, ich gehöre zu denjenigen, die 13 Jahre auf eine neue Tool-Scheibe gewartet haben, war sogar am 2.7. in Lissabon, um sie live zu sehen und muss sagen, dass das Album alles überstrahlt, was sonst so zeitgenössig zu hören ist. Zitat: da "relevante" Popmusik sich entweder an Ghetto oder Gender abzuarbeiten hat. Tool ist keine Popmusik und wird überdauern. Man kann die Songs 100 Mal hören und neues entdecken. Die oben "relevant" genannte Popmusik produziert doch nur noch gleichförmigen Wegwerfschrott, Kommerzmusik ohne Emotionen. Austauschbar. Wer macht denn heute noch 2-Minuten-Intros bis der Gesang einsetzt? Eben, im Zeiten des Streaming niemand mehr. Ich finde es erfrischend, dass Tool sich diese Zeit nimmt, Themen ausarbeitet, entwickelt und ja, dann dauert der Song halt 10 Minuten, dafür enthält er aber auch so viele Themen und Variationen, dass andere wohl 3 Songs mit je 3 min gemacht hätten (muss ja Radiotauglich sein). Tja, Tool versteht man halt auch nicht beim ersten Hören. P.S.: Ich habe das Album am Samstag bekommen, kannte Descending und Invincible schon vom Konzert und Fear inoculum (als Single) seit letzter Woche, aber momentan schaffe ich nur einen Song pro Tag. Das ganze Album habe ich also noch gar nicht gehört. Das schafft mein Gehirn nicht, an einem Tag das ganze Album zu verarbeiten ;-)
jamein666 03.09.2019
2. Ja mann Tool!
Also ich feier Fear Inoculum so extremst mies ab! Man verliert sich instant in der Musik und spürt wie sich der Trieb sein Innerstes zu erkunden wächst! Stoners rise dann wirds nice!
ZhuBaJie1 03.09.2019
3. Da passt was nicht...
Das harmlose, etwas angeschnulzte Synthie-Trallala von Bats for Lashes bekommt also hier eine 8.0 und das abgründige und mitreißende Soundgewebe von Tool eine 6.5? Bei Metacritic übrigens eine 88 (irgendwo im Meisterwerk-Bereich).
mgandalf76 03.09.2019
4. Album nicht gehört...
Sorry - Sie dürfen mich als Tool Fan "beschimpfen" Ich akzeptiere jeden, dem das neue Album zu anstrengend ist, aber zu behaupten, es gäbe keine Riffs oder Melodien beweist nur eins: 1] Sie haben das Ding nicht gehört, sondern jedes Lied nur angespielt 2] Sie haben tatsächlich keine Ahnung von Musik Wer in 7empest kein Riff hört.... Ich kann echt nur den Kopf schütteln
black_smurf 03.09.2019
5. Tool
In unserer kommerzialisierten Welt möchte ich auch noch kurz erwähnen, dass alle Tool-Songs (alle Alben!) nun auf den klassischen Streaming-Medien verfügbar sind, auch das komplette neue Album (ohne die Interludes, die es nur als Download gibt, wenn man das Album kauft: also noch mehr Musik als die 7 in der Rezension erwähnten). Man kann Tool also nicht den Vorwurf machen, dass sie nur aufs Geld aus sind, wie manche von den neuen, ach so gehypten Stars. Und wer live ohne Playback einen Song so spielen kann wie Tool, dem gebührt Respekt. Vielleicht ist (siehe oben im Kommentar) ein fast 60jähriger Danny Carey sogar besser als der 40jährige?! Oder sollte das Alterdiskriminierung sein?
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