Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Popmusik aus dem gentrifizierten Knyphausen-Kiez: Auch auf dem zweiten Album von Klaas Heufer-Umlaufs Band Gloria herrscht sympathische Ambitionslosigkeit. Außerdem: Health! Ultimate Painting! Und eine aufregend urbane Newcomerin aus London!

Von und


Gloria - "Geister"
(Grönland/Rough Trade, seit 7. August)

Die Kluft ist da, man kann sie nicht weghören. Hier klingt der ironiegepanzerte Klaas Heufer-Umlauf aus dem gehobenen Eventmanagement fürs Spaßfernsehen auf einmal wie jemand, der nach dem dritten Bier den Mut fasst, sich auf die Bühne zu stellen - um dort dann jeden Ton zu treffen, den richtigen Ton, seinen ganz eigenen, eine leicht verwaschene Melancholie.

"Geister" ist schon das zweite Album von etwas, das Mark Tavassol (Wir sind Helden) und Heufer-Umlauf ursprünglich als "privates Hobby- und Abhängprojekt" betrieben haben. Dabei passierten offenbar Sachen, die "einfach mal raus mussten". Und in dieser Abgehangenheit liegt die sanfte Kraft dieser Musik. Die will nicht "Black" oder "British" oder sonst was sein, sondern siedelt ganz bodenständig im ästhetisch längst gentrifizierten Kiez Knyphausen.

Alles auf "Geister" ist beiläufig. Das gilt für die Stimme, die nirgends verschwörerisch flüstern oder überschlagend Bedeutung suggerieren, die einfach nur ihre kleinen Stimmungsbilder malen mag. Es gilt auch für Bass, Schlagzeug, Gitarre, die im Verein nur selten Ausbrüche ins Schroffe oder wenigstens Flotte dulden. Im Dienst der Songs wird hier ohne Ecken und Kanten musiziert, mit konzentrierter Ambitionslosigkeit; musikalisches Studentenfutter, wie es in Autos mit "Abi 2014"-Aufklebern auf der Heckscheibe gehört werden könnte.

Abgehangen auch die Texte: "Leben ist das, was passiert, wenn du woanders so beschäftigt bist, wenn du den Wagen lenkst und dabei das Ziel vergisst." Hier hat sich jemand eindeutig keine Mühe gegeben - und schafft es eben deshalb, angenehm mühelos zu klingen. Dazu werden die Banalitäten störrisch wiederholt, immer wieder, laufen in Schleifen, werden zum Mantra, die Band erhöht dazu unmerklich Druck und Tempo, und plötzlich wird aus der Peinlichkeit wieder eine Wahrheit: "Verrückt bist du erst dann, wenn du glaubst, dass dir nichts passiert, wenn du dich nicht rührst".

Und so wird unter all der Abgehangenheit eine Haltung spürbar, mit der alles möglich ist. Sogar, wie in "Stolpersteine", ein Song über den Holocaust: "Sie alle haben hier noch einmal gestanden und sich umgedreht, um das Gleiche anzusehen. Das Gleiche, was du heute siehst, wenn es dich nach Hause zieht. Und wenn du über ihre Stein fällst, ist es okay. Denn du darfst geh'n". (7.5) Arno Frank

Gloria - "Geister"

Geister von Gloria auf tape.tv.

Health - "Death Magic"
(Fiction/Caroline, seit 7. August)

Vergleiche mit den frühen Nine Inch Nails müssen sich Health schon lange gefallen lassen, es gibt sicher Schlimmeres. Das neue Album der Industrial-Noise-Band aus L.A. ist das erste nach einer längeren Pause - und es ist tatsächlich eine "pretty hate machine". Erstmals schält sich aus all dem Hämmern und Dröhnen, dem apathisch-repetitiven Schlagen auf Eisenrohre und dem Sirren Hunderter Flex-Schleifmaschinen konsequent das heraus, was man immer schon hinter all dem Lärm vermutete: purer Pop. Es ist ein kleiner, wohliger Schock, wenn Sänger Jake Duzsik in "Victim" wie ein bedröhnter Pet Shop Boy zwischen das Wummern der Pauke und das Doomen der Sequenzer plötzlich süße Melancholie zuckert und zum Grooven auffordert, nicht zum Headbangen.

Doch man achte genau auf die Worte, die er singt: "We both know: Love's not in our hearts", heißt es in "Stonefist", "We all cheat" gesteht er in "Dark Enough" - die Klub-Tauglichkeit, die neue, offen zur Schau gestellte Sweetness ist, ähnlich wie einst bei Trent Reznor, nur Show, eine verführerische Honigspur, die den Hörer ins Verderben locken soll: "We die!" bejubelt Duzsik in "Flesh World" mit fiebriger Euphorie die Vergänglichkeit allen Fleisches, gefolgt vom sich wild überschlagenen, Kurz-vorm-Kollaps-Herzschlag von "Courtship II": Liebe als Stress.

Höhepunkt dieser grandiosen Sammlung dreiminütiger Desillusionierungen ist die Single "New Coke": "Let the guns go off/ Let the bombs explode/ Let the lights go dark" fordert Duzsik, jetzt ganz trunkener Schamane, und postuliert: "Life is good". Im zugehörigen Video ist die Band als feierwütige Hedonisten-Crowd auf Klubtour im nächtlichen L.A. zu sehen, das Leben eine einzige Party. Doch der Clip endet in einer schier endlosen Kotzszene auf einem schmierigen Kneipenklo: Immer wieder erbricht sich die braunorange Ekelplörre in genüsslicher Zeitlupe aus Mund und Nase, um auf Klobecken und Fußboden zu pladdern. Alles muss raus, bis der Kopf nur noch ein leeres, abgrundtiefes Loch ist. Makaber und magisch. (8.5) Andreas Borcholte

Health - "New Coke"

NEW COKE von HEALTH auf tape.tv.

Ultimate Painting - "Green Lanes"
(Trouble in Mind/Cargo, seit 7. August)

Noch so eine Mogelpackung! Da denkt man gerade noch, "Green Lanes" sei ein harmlos-unbedarftes Sommeralbum voll schwereloser Retropop-Tunes, ein Naturtrip zweier Nostalgie-Freaks mit Kodiak-Bären, Wäldern und sattgrünen Wiesen, und dann schleicht sich auf der zweiten Albumhälfte, mit "Break The Chain", "Paying The Price" und "Out In The Cold", der bleiern-lähmende Geruch spätkapitalistischer Armutsverwaltung in den lieblichen Outdoor-Duft.

"Green Lanes" ist das zweite Album von James Hoare (Veronica Falls) und Jack Cooper (Mazes) die zusammen als Ultimate Painting auftreten; der Titel der Platte ist gleichzeitig der Name des Studios im Norden Londons, wo die beiden Briten ihre Songs aufgenommen haben. Wie schon auf ihrem Erstling verfährt das Duo nach der Methode Foxygen: Alle naiven Jinglejangle-Sounds des Sechzigerjahre-Gitarrenpops werden liebevoll aufbereitet und mit schwelgerischen Hooks versehen.

"Kodiak" eröffnet das Album mit einer verblüffenden Hommage ans beschwingte dritte Velvet-Underground-Album, irrlichternde Lou-Reed-Gitarre inklusive, verblüffend nah am Original. "Sweet Chris" evoziert die Beatles, "Two From The Vault" die Byrds und "Break The Chain" die Beach Boys.

Im vordergründig fröhlichen Protest-Folk von "I've Got The (Sanctioned) Blues" äußert sich erstmals ein grundsätzlicher Unmut über die gekürzten Sozialleistungen und -Zuschüsse, die Premier David Cameron den Briten zumutet, ein Gefühl des Erstickens, das sich im grandios traurigen "The Ocean" entlädt, das sich seufzend nach einem "endless holiday" sehnt und gleichzeitig die schwindende Leichtigkeit im Alltag betrauert.

Das Schöne ist: Man kann "Green Lanes" als verbitterten Kommentar auf den Neoliberalismus lesen, der seine Opfer in die Kälte einer erhabenen (Markt-)Natur verbannt. Man kann sich aber auch auf die funkelnde Zeitlosigkeit der Melodien konzentrieren, und aus ihrer Süße die Kraft schöpfen, eben nicht vor dem Stacheldrahtzaun stehen zu bleiben, sondern ihn einzureißen: "It's okay to break the chain". Zur Sonne, zur Freiheit, zur Wärme! (7.2) Andreas Borcholte

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Georgia - "Georgia"
(Domino/Goodtogo, seit 7. August)

Wir bleiben in London und behalten das Grundgefühl der generellen Geworfenheit in ein übermächtiges System bei: Georgia Barnes ist eine dieser sich immer wieder mit Mut und enigmatischem Talent aus dem Kreativdickicht Londons befreienden jungen Pop-Musikerinnen. Ihr ganz und gar erstaunliches Debüt-Album spielte sie komplett in Eigenregie eingespielt. Barnes ist eigentlich Schlagzeugerin und hat unter anderem Kwes und Kate Tempest bei Live-Auftritten begleitet, eine gewisse Nähe zur elektrifizierten, multi-ethnisch klingenden Großstadt-Poesie aktueller britischer Machart ist also gegeben.

Im Mai stellte sich Georgia bereits mit der Single "Move Systems" vor: einem frech bouncenden, mit viel Straßenabrieb bestäubten Grime-Stück, das sowohl Anne Clarks protestantisch-strenge Frühachtziger-Phase würdigte, also auch das Kinn trotzig grüßend zu M.I.A.s Multikulti-Agitprop reckte. Auf dem Album folgt auf auf diese in Akustik verwandelte Urbanität die Ballade "Heart Wrecking Animals", in der Barnes sich gesanglich in Richtung des ewigen Sängerinnen-Vorbilds Kate Bush streckt und sich mit pointierten Gitarren-Samples und E-Piano-Sounds begleitet.

Inspiriert zu diesem wunderbar schwebenden Stück habe sie der Besuch eines Konzerts des US-Elektro-Avantgardisten Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never, der seine nach urtümlichen Naturklängen forschende Experimentalmusik gerne in Kirchen darbietet. Auf "Kombine" wiederum spielt sie ein Qawwali-Tape, das ihr ein Taxi-Fahrer geschenkt hat, in einen reduzierten Dub-Mix hinein, während "Be Ache", "Nothing Solutions" und "Digits" demonstrieren, wie man klassischen Herzschmerz-Pop in hypermodern fragmentierte, zeitgeistig unsentimentale Tracks übersetzt - größer könnten Kontrast und Bandbreite auf einem Debüt-Album nicht sein.

Verdribbelt sich die ehemalige Fußballspielerin einer Arsenal-Jugendmannschaft also letztlich im Show-off ihrer Stilistik? Die Schiere Klang- und Ideenfülle scheint tatsächlich zu viel für ein Album zu sein, aber letztlich ist ja auch das moderne Großstadtleben eine einzige Überforderung. Hellwach in Metropolis. (7.9) Andreas Borcholte

Georgia - "Georgia Tape"

Georgia: Georgia - Georgia auf tape.tv.

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
romeov 11.08.2015
1. Wenn ich die Subheadline lese
...schlafe ich schon ein. Kann sein dass das die angesagte Musik für Nerds ist, nur ich bin keiner und Musik hat für mich immer noch mit Emotionen und Begeisterung zu tun.
DreiM 11.08.2015
2.
7.5? EIN-FACH NUR Ü-BER-BE-WER-TET
DreiM 11.08.2015
3. zu 2.
bezogen auf GLORIA
alexander_boché 13.08.2015
4. Mein Gott.
Das kann man sich ja langsam nicht mehr durchlesen. Immer wenn ich mal auf die Idee komme mir mal eine Rezension durchlesen gleicht das einer Hexenverbrennung. Es scheint als ob jedes Album vom Autor völlig zerrissen wird. Ein etwas neutralerer, motivierterer Rezensionist, der sich Platten auch anhört, wäre Nett.
tab_tandil 14.08.2015
5. GEORGIA: on my mind - danke!
2015 fühlt sich wie 1980 an - nur schlimmer! wenn man sich GEORGIA bei ihrem rough trade-auftritt auf youtube anschaut, wirken ihre songs durchaus homogen - der aktuelle soundtrack zu meinem leben in der großstadt. ...und schon wieder einmal hat sich der besuch auf ABGEHÖRT für mich gelohnt!
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