Abgenickt Jetzt knallt's

Wooh-Ha! "The Big Bang", Busta Rhymes' neues Album ist tatsächlich ein Knaller. Ice Cube überzeugt mit Coolness und Härte, Saad gibt den Anti-Klinsi, und die Achtziger schmecken nach einer Entdeckung - bei Abgenickt, dem Besten aus HipHop, Soul und R&B.

Von Daniel Haas


Busta Rhymes: "The Big Bang"
(Aftermath/Universal)

Rapper Busta Rhymes: Zu Gast bei Freunden

Rapper Busta Rhymes: Zu Gast bei Freunden

Während in Deutschland die Grabenkriege um Glaubwürdigkeit und Marktanteile erst beginnen, beglückt der amerikanische HipHop seine Fans auf hohem Produktions- und stagnierendem Innovations-Niveau. Es wird Geld gescheffelt, vor allem durch die Liaison mit R&B, der lukrativen Geliebten, die einen immer dann mit Gast-Features aushält, wenn die eigene Karriere ins Stocken gerät.

Busta Rhymes drohte zuletzt, zum Aushilfsrapper für R&B-Stars und -Starlets zu verkommen; als virtuoser Dampfplauderer veredelte er Tracks von Mariah Carey und den Pussycat Dolls. Ansonsten machte der 1972 als Sohn jamaikanischer Einwanderer in Brooykln geborene Rapper als Werbeträger für Softdrinks und Mobiltelefone von sich reden; ein überzeugendes HipHop-Album hatte von ihm niemand mehr erwartet.

Um so überraschender, dass "The Big Bang" zu den bislang besten Produktionen des Jahres gehört. Den Gastauftritt hat Busta Rhymes nun selbst zum Stilprinzip gemacht, und gerade weil Größen wie Nas, Stevie Wonder, Q-Tip und Missy Elliott mit Reimen zur Stelle sind, ist der "Bang" tatsächlich explosiv. Für den Sound vertraute sich Busta dem Übervater des Genres an: Dr. Dre produzierte sieben von 15 Songs und steuerte sogar ein paar Verse bei. Tatsächlich bewährt sich der Westküsten-Doyen als kongenialer Klangkonstrukteur für den Woo-Hah!-Exzentriker aus New York. Von Soul über Funk bis House werden alle Stillagen zitiert und verwertet; Rhymes präsentiert dazu seine schnatternde, ratternde Eloquenz. Ein Knaller.

Ice Cube: "Laugh Now, Cry Later"
(Virgin/EMI)

HipHop-Veteran Ice Cube: Ghetto ohne Glamour

HipHop-Veteran Ice Cube: Ghetto ohne Glamour

Bevor Dr. Dre zum HipHop-Chefarzt wurde, musste er sich natürlich selbst im Feld bewähren. So geschehen mit N.W.A., jener legendären Formation, die Anfang der neunziger Jahre Rap mit einer Mischung aus Sozialkritik und Gewalt-Romantik aufmischte. Markanteste Figur neben Dre: Ice Cube, der dem stilprägenden Album NWA-Album "Straight Outta Compton" seine Stimme lieh.

Mit der Platte begann der Siegeszug von Gangsta Rap, der heute erfolgreichsten Spielart des Genres - und dazu eine Karriere, die beispiellos ist im amerikanischen Popgeschäft. Cube etablierte sich mit Alben wie "Amerikkkas's Most Wanted" und "Death Certificate" als Solokünstler, kultivierte das Image des "wrong nigga to fuck with" und galt bis Mitte der Neunziger als der "Irre von Compton" ("Spex"), der immer für eine Provokation zu haben war.

Derselbe Cube, der mit militanten Parolen gegen Schwule und Frauen wetterte und die islamisch-fundamentalistische Nation of Islam hofierte, wandelte sich Ende der Neunziger zum familientauglichen Hollywood-Darsteller. Zuletzt kutschierte er in der Komödie "Sind wir bald da?" als Ersatzpappi zwei nervige Bälger durch die Weltgeschichte.

Kann so einer zurück ins Ghetto, wenigstens musikalisch, und noch einmal vom Leid der Gangster und Hustler, vom Elend der allein erziehenden Mütter und drogensüchtigen Kids erzählen? Er kann, vor allem dann, wenn er wie Ice Cube keine Konzessionen an Sound-Trends macht. "Laugh Now, Cry Later" ist ein angenehm antiquiertes Album; es reanimiert den funkigen Westküstensound und macht ihn zur Plattform für Cubes geradliniges Storytelling. So bewährt sich der Eiswürfel noch einmal als cooler Chronist der angekündigten Tode - ob der im Ghetto oder jener auf nationaler, ja internationaler Ebene. Zitat: "Since I was little not a damn thing changed/ It's the same ol' same/ Bush runs things like Saddam Hussein."

Saad: "Das Leben ist Saad"
(ersguterjunge/Universal)

Rapper Saad: Gute Nacht, Deutschland
Kasskara

Rapper Saad: Gute Nacht, Deutschland

Die großen Kriegstreiber der Weltgeschichte haben ihre pophistorischen Pendants, vor allem im HipHop, wo Helden wie 50 Cent und Eminem jene Ghetto-Dauerfront errichtet haben, von der sich gewinnbringend berichten lässt. In Deutschland hat sich Bushido als embedded Rapper profiliert; orientiert am düsteren Sound französischer Hardcore-Reimer wie Booba, liefert er ein Berliner Grand Guignol nach dem andern ab.

Sein Zögling Saad, vom HipHop-Magazin "Juice" zum besten Newcomer 2005 gekürt, ist differenzierter - und desolater. Mag dieses Land, beseelt von klinsmannscher Zuversicht, von Aufschwung und mentaler Wende schwärmen - in Saads Welt sind alle Matches von vorne herein verloren. Fatalistischer lässt sich die kulturelle Lage kaum umreißen als in den Songs des 20-jährigen Wahlberliners, die beim Anhören zum gültigen Soundtrack der Unterschichts-Tristesse verschmelzen.

Was der Bildungsbürger von HipHop erwartet - flotte Rhetorik, Funkiness, intelligente Samples -, hat ausgespielt, wenn Saad seinen Abgesang auf Zukunft, Glück und Wohlstand anstimmt. Dafür wird mit harten Beats und schluchzenden Piano-Hooks eine Eschatologie des Underdogs entworfen, der hofft: "Die letzten werden die ersten sein." Ob dereinst ein großes Strafgericht alle irdische Unbill tilgen wird, wer weiß. Bis dahin: Hallo, Saad - gute Nacht, Deutschland.

Various: "Groove on Down 2"
(Soul Brother Records/Rough Trade)

Achtziger-Soul-Compilation: Süffig und tanzbar

Achtziger-Soul-Compilation: Süffig und tanzbar

Zum Schluss ein kulinarischer, zugegebenermaßen delikater Vergleich: Soul ist wie Wein, es gibt gute und schlechte Jahrgänge. Sechziger und Siebziger gelten als Hochzeit; Memphis, Detroit und Philadelphia schrieben Musikgeschichte. Die Achtziger hingegen wanderten in den Giftschrank: Electro-Funk, früher Disco- und Hochglanz-Soul hatten House-Verbot und hielten - anders als die Fusion aus Jazz und Funk - in den Neunzigern nicht Einzug in die Clubs.

Um die Metapher konsequent zu strapazieren: Das kann einem aufstoßen, denn die Ära von Madonna, Aids und Tschernobyl war auch die Zeit der Experimente im Soul. Der Synthesizer machte Produzenten unabhängig und verhalf dem Genre zu einem neuen Sound, der mal kitschig und verkracht, mal wegweisend modern oder sogar avantgardistisch sein konnte.

"Groove on down 2" ist die perfekte Sammlung, um auf den Geschmack zu kommen: Rose Royces schwer erhältlicher, eleganter Mover "Still in Love", Cheryl Lynns heiteres, berauschend funkiges "Got To Be Real" oder Ozones süßlich-elegantes "Our Hearts" beweisen, dass Soul auch nach Motown und Stax noch tonangebend war.



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