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AC/DC-Sänger Malcolm Young: "Künstler, Produzent, Visionär"

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Nachruf auf Malcolm Young von AC/DC Ohne ihn gäbe es kein "Highway to Hell"

Bei AC/DC denkt jeder zuerst an Angus Young, den Leadgitarristen in der Schuluniform. Doch sein Bruder Malcolm war für die Hardrockband mindestens genauso wichtig. Ein Nachruf auf den Gitarristen und Songschreiber.

Malcolm Young sah nicht aus wie ein schwerreicher Rock-Superstar. Alles was nur entfernt an Glamour erinnerte, fand er lachhaft und überflüssig. Zu Interviews in exquisiten Nobelhotels erschienen Malcolm und sein kleiner Bruder Angus Young gerne in zerbeulten, schlecht sitzenden Jeans und verwaschenen Sweatshirts, mit Plastiktüten in der Hand, so wie zwei Handwerker auf der Suche nach dem Dienstboteneingang. Von den irritierten Blicken ließen sie sich nicht beeindrucken, denn ihr enormes Selbstbewusstsein entsprach schon ihrem Status als Rock-Superstars.

Im Privaten wie im Beruflichen hielt Malcolm Young nichts von unnötigem Show-Klimbim. AC/DC, die Band, als deren Chef er galt, machte nie Schlagzeilen mit verwüsteten Hotelzimmern, teuren Scheidungen oder Drogenexzessen. Es ging immer nur um Musik.

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Als die Young-Brüder 1973 in Australien mit AC/DC loslegten, gaben Bands wie Yes oder Emerson, Lake & Palmer mit bombastisch aufgeblasenem Rock den Ton an. Ein Sound, den Malcolm Young hasste. Er bevorzugte den reduzierten Blues von Meistern wie John Lee Hooker und Chuck Berrys kraftvollen Rock'n'Roll.

Faszination für den elektrisierenden Riff

Auf die Welt gekommen war er 1953 im schottischen Glasgow als eines von acht Kindern eines Anstreichers. Weil es für den Vater dort aber immer weniger zu tun gab, emigrierte die Familie Young 1963 nach Sydney in Australien, wo Facharbeiter gefragt waren. Schule hielt Malcolm für Zeitverschwendung, dafür hatte er früh die Lektion gelernt, dass man mit Gitarren Mädchen beeindrucken kann. Und für Malcolm, der mit nur 1 Meter 57 stets Spott ertragen musste, war das eine ganz besondere Offenbarung. The Who's "My Generation" war der erste Rocksong der ihn wirklich packte, insbesondere der donnernde elektrisierende Riff, der die Musik zusammen hielt.

Malcolm Youngs Plan für AC/DC war dann auch, die Musik so minimalistisch wie nur möglich zu halten. Meistens sei eine einfache Idee auch eine gute Idee, sagte er mal. Und das Leute, die gar keine Ideen hätten, gerne ihre dürftigen Songs mit viel Ballast tarnen würden: "Bis man ein Riff hat, das einen Song wie 'Highway to Hell' trägt, sind Tausende anderer Riffs in den Abfall gewandert."

So wie alle großen Bands arbeiteten sich AC/DC mühselig hoch, spielte in Schulaulen, Bars und überhaupt jeder runtergerockten Kaschemme, die ihnen eine Bühne bot. Dafür, dass sie finanziell nicht über den Tisch gezogen wurden, sorgte ihr großer - jüngst verstorbener - Bruder George Young, der mit seiner Band The Easybeats ("Friday On My Mind") erfolgreich gewesen war. Als dann noch Bon Scott als Sänger dazukam, nahm ihre Karriere Fahrt auf. Nebenher kümmerte sich Bon Scott wie ein weiterer großer Bruder um Malcolm und Angus.

Die ersten drei AC/DC-Alben wurden von Kritikern belächelt und in Fachblättern wie dem "Rolling Stone" verrissen. Als zu schlicht und zu unspektakulär taten Geschmackspolizisten den AC/DC-Sound ab.

Der Erfolg kam 1979 mit "Highway to Hell" .

Kritiker rätselten damals zwar, ob das nun Heavy Metal, Hardrock oder Punk sei, aber das Publikum wuchs rasant. Malcolm Young hielt ohnehin nichts von Debatten um Genres.

Stattdessen perfektionierte und reduzierte er die Riffs, die die mit seinem Bruder Angus verfassten AC/DC-Songs trugen.

Mehr als 200 Millionen verkaufte Alben

Nachdem sich der Erfolg endlich einstellte, stoppte sie ein schwerer Schicksalsschlag, als Bon Scott 1980, nach einer durchsoffenen Nacht, an seinem Erbrochenen erstickt war. Es war Malcolm, der dann alle wiederaufrichtete.

Spektakulär überwanden sie ihren Schmerz mit dem Superbestseller "Back in Black" und dem neuen Sänger Brian Johnson. Eine Platte, mit der sie sich in der Champions League der Branche etablierten. Und dass sie sich dort so lange hielten, lag auch daran, dass AC/DC nie Teil einer Mode oder eines Hypes waren.

Mehr als 200 Millionen Alben haben AC/DC verkauft. Und ihre Songs wie "Thunderstruck" dröhnen auch in diesem Jahrtausend durch Blockbuster wie "Iron Man". Ganz nebenbei gelang ihnen der Geniestreich, noch immer auch ein junges Publikum zu erreichen und in dieser Zielgruppe als cool zu gelten. T-Shirts, auf denen ihr Band-Logo prangt, sind wohl weltweit auf Schulhöfen zu finden.

Letztlich war das alles der Verdienst von Malcolm Young, der stets dezent im Hintergrund die Strippen zog und seinem Bruder Angus in der Schuluniform das Rampenlicht überließ. Die einzige moderne Musik, die er bewundere, seien die Songs von AC/DC, sagte Keith Richards mal.

Als es vor einigen Jahren mit Malcolm Youngs Gesundheit bergab ging, zog er sich nach Australien zurück und überließ seinem Neffen Stevie den Job an der Gitarre. Darauf angesprochen, ob er mal im Himmel oder in der Hölle landen werde, erwiderte Malcolm Young: "In der Hölle. Keine CDs. Nur Gitarren. Und AC/DC sind die Nummer eins: 'Highway to Hell'. Das wäre schön."

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