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Rapper Alligatoah: Das goldige Großmäulchen

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Chartstürmer Alligatoah Lukas, das lustige Rap-Reptil

Ein großes Maul ist zum Fressen da - und zum Geld verdienen. Das beweist Alligatoah mit "Triebwerke". Auf dem Nummer-eins-Album erweist sich der deutsche Rapper als Komiker und Schauspieler. Und erinnert dabei an ein paar Rap-Rentner und eine berühmte Pop-Punk-Band: Die Ärzte.
Von Aleksandar Jozvaj

Lukas Strobel lautet sein Name, doch als Alligatoah ist er bekannt - und vielleicht sogar schon bald berühmt. Dabei sieht er weder gefährlich aus noch furchteinflößend. Aber eine große Klappe, die hat er. Und die ist Gold wert. Seine Großmäuligkeit verhalf dem Rapper jüngst zu einem Nummer-Eins-Album. Das gelang in letzter Zeit einigen heimischen HipHop-Künstlern, doch im Gegensatz zu seinen Kollegen biss sich Alligatoah in den Charts fest - da ist er dann doch ganz Reptil.

Für gewöhnlich hat Deutschrap ja eine geringe Halbwertszeit in den Charts. Der Österreicher RAF 3.0 oder Bushido-Spezl Shindy starteten mit ihren Alben ähnlich furios wie Alligatoah in die erste Verkaufswoche - und brachen anschließend umso heftiger ein. Die Erklärung: Rap läuft selten im Radio, Werbung für neue Platten verläuft eher viral. In Foren, auf Videoplattformen und in sozialen Netzwerken spitzt sich der Hype um ein kommendes Album zu. Sobald aber die Szene zum Veröffentlichungsdatum zugeschlagen hat, bleiben kaum Käufer übrig.

Anders bei Alligatoah (der am Sonntag, den 8. September auch beim "Auf den Dächern"-Festival von SPIEGEL ONLINE und tape.tv auftreten wird - siehe unten). Die Songs seines jüngsten Streichs "Triebwerke" rotieren im Radio und finden offenbar bei einer breiten, stetig wachsenden Hörerschaft Gefallen. Und der gelernte Mediengestalter rappt nicht nur, er produziert auch gleich die dazugehörigen Beats und Videoclips selbst. Wohl damit ihm nicht langweilig wird, schlüpft er außerdem in seinen Liedern ständig in neue Rollen.

Videoclip Alligatoah - "Willst du" auf tape.tv ansehen 

"Schauspielrap" nennt er diesen Stil, in dem er verschiedene Personen und Positionen zu musikalischen Kurzszenen montiert. Seine Konzeptlieder verzichten auf tiefgründige oder emotionale Erzählungen, sie sind überwiegend heiter und betont ironisch, er pfeift auf den in der Szene so wichtigen Faktor Authentizität - ganz im Gegensatz zu Gangsterrap-Kollegen. Mit denen kann der 23-jährige schon allein deswegen nicht viel zu tun haben, weil er in der niedersächsischen Provinz aufwuchs und eine "sehr ruhige, sonnige, entspannte Kindheit" genossen hat, wie er vice.com verriet . Alligatoah will also vor allem: unterhalten.

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ADD-Festival 2013: Diese Musiker steigen uns aufs Dach

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Und Rap fürs Zwerchfell ist ja derzeit angesagt wie nie. Neben den Skandal-Komödianten von K.I.Z. ("Ich bin Adolf Hitler") haben auch Battleboi Basti, der mit Rassel und Hubschraubermütze den Vorschüler mimt, oder Shneezin, der als Teil der 257ers-Crew partywillige Teenies zum Durchdrehen bringt, eine feste Anhängerschaft gefunden. Basti und Shneezin sind passenderweise als Feature-Gäste auf "Triebwerke" vertreten.

Alligatoah steht also eher in der Tradition von Gruppen wie Fettes Brot, Blumentopf oder den Fantastischen Vier: Seichte Gesellschaftskritik in witzige Storys verpacken, auf Pointen abzielen statt auf perfekte Reime oder starke Sprachbilder - so sind Songs wie "Jein", "Manfred Mustermann" oder "Die da" zu Klassikern geworden.

Im Vergleich zu diesen HipHop-Ahnen bietet Alligatoah aber allzu oft nur ein Best-of-Pärchen-Problemchen: Männer, die ihre Körper quälen und denen keine Lüge zu billig ist, um Frauen zu gefallen; Frauen, die Männern auch den größten Fehltritt verzeihen, wenn die nur ordentlich Geld für Geschmeide-Geschenke raushauen. Diese Stereotype überhöht Alligatoah zu kleinen Grotesken - mit Hang zum Pennälerhumor.

Sein Spiel mit Songklischees, seine ins Absurde überpointierten Texte und seine skurrilen Bilder erinnern an den Klamauk der Pop-Punks Die Ärzte. Ein Vergleich, der Alligatoah nach eigener Aussage schmeichelt. Wie der selbsternannten "besten Band der Welt" mangelt es ihm hier und da am subtilen Zwischenton: "Die rennen eh, wenn sie die Wanze in deinem Arschloch bemerken/ Überwach' so krass, von mir kann selbst der Staat noch was lernen" oder "Und dann raus auf den Balkon, ich brülle Nazitexte/ Sorry, hab' mich grade mit dem Papst verwechselt".

Ähnlich wie Bela B. und Co. - und anders als viele Rap-Kollegen - kennt auch Alligatoah kaum Genregrenzen. Er verzichtet auf komplexe Wortkaskaden, vertraut auf simple Reimstrukturen, hält dabei aber ein insgesamt hohes Sprachniveau. Er greift zu eingängigen Refrains, scheut griffige Gesangshooks nicht - wohl auch, weil er "viel mit der Familie gesungen" hat und "zwar nicht nur zu Weihnachten und Ostern", wie er sich in einem Interview erinnert. Und seine Songs fallen - für HipHop - erstaunlich melodiös aus: Er setzt auf Gitarrenklänge und andere Instrumentenarrangements statt auf Samples. Sprich: Er ist sozusagen Dauergast im Popland, was genreferne Hörer ihm danken.

Dass er auch anders kann, beweist er auf dem Album "Crackstreetboys 2" als Teil der Trailerpark-Crew. Die Tracks sind nicht minder humorig, zeichnen sich aber durch härtere Reime, krachendere Beats und weitere Battlerap-Elemente aus. Allein: Das Werk landete genau deswegen kürzlich auf dem Index. Mit sprachlichem Overacting und einer Stimme, die mit jeder Silbe zu betonen scheint, dass der Text bitte nicht wörtlich zu verstehen sei, versucht Alligatoah zu vermeiden, dass auch sein Solo-Album dieses Schicksal ereilt - und steht sich dabei selbst ein wenig im Weg. Gelungene Ironie scheut nun einmal keine Missverständnisse.

Berlin Music Week/ Logo

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Alles zum ADD-Festival 2013:
Am 8. September ist es so weit: SPIEGEL ONLINE und tape.tv veranstalten zum Abschluss der Berlin Music Week  das "Auf den Dächern"-Festival, bei dem Popmusik und Panoramablick zueinander finden. Auf zwei Häusern in Berlin, direkt am Ufer der Spree, spielen Top-Acts und Newcomer, nationale und internationale Künstler. Egal, ob live vor Ort oder zu Hause im Stream - jeder kann beim ADD-Festival dabei sein. Wer mehr wissen will, sollte hier vorbeischauen: für mehr Infos, mehr Musik, für Fotos, Videos und Interviews - sowie die eine oder andere Überraschung.

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