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Al Jarreau: Das Stimmwunder

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Zum Tod von Al Jarreau Der Menschenfänger aus Milwaukee

Er war der einzige Sänger, der Grammys in den Kategorien Jazz, Pop und Rhythm & Blues gewonnen hat. Als Stimmwunder wurde Al Jarreau ein Weltstar, eine besondere Beziehung hatte er zu Deutschland.

Seinen Lebensabend konnte sich Al Jarreau in Hamburg vorstellen. Die Menschen, das Wetter und die Alster, auf der man "in kalten Wintern Schlittschuhlaufen" kann, "die vielen Bier- und Wurstsorten", schwärmte er 2004 in einem SPIEGEL-ONLINE-Interview - das alles erinnere ihn an "my hometown", das von deutschen Einwanderern geprägte Milwaukee.

Vor allem aber hatte der weltweit gefeierte Star nicht vergessen, dass hier seine internationale Karriere begann: Jarreau erhielt zweimal den Preis der Deutschen Schallplattenkritik, ehe er in Amerika seinen ersten Grammy gewann. Insgesamt holte er siebenmal die begehrte Trophäe, und der Sänger ist bis heute der einzige, der das in drei verschiedenen Kategorien schaffte - Jazz, Pop und Rhythm & Blues. "Für mich vertragen sich diese Stilarten miteinander", bekannte er einmal und kokettierte mit seiner Vielseitigkeit: "Vielleicht bedeutet es, dass ich ein bisschen schizophren bin."

Jedenfalls war Jarreau, der nun im Alter von 76 Jahren in Los Angeles gestorben ist, ein Stimmwunder. Wie mit einem Orchester in der Kehle produzierte der eher schmächtige Mann Töne von Bongotrommeln und Saxofonen. Mit seiner Baritonstimme imitierte er Basslinien, im Falsett konnte er wie Dizzy Gillespies Trompete klingen. Zu seinem Repertoire gehörten Jaultöne einer elektrischen Gitarre und Klicklaute afrikanischer Musik. Doch Jarreaus Stimmakrobatik war nicht kabarettistischer Selbstzweck, sondern gehörte zu seiner Darbietung von Songs aus vielen Genres - Jazz-Hits wie "Take Five", Bossa Novas und Pop-Balladen. Wenige Künstler faszinierten ein so breites Publikum wie Al Jarreau. Das berühmte Berklee College of Music ehrte ihn mit einem Doktorhut. Auf Hollywoods Walk of Fame ist sein Name in einem Stern verewigt.

Jazz-Lektionen vom Pianisten aus Ungarn

Alwyn Lopez Jarreau wurde als fünftes von sechs Kindern 1940 in Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin geboren. Sein Vater hatte es vom Fabrikarbeiter zum Prediger einer Adventisten-Gemeinde gebracht, die Mutter war Kirchenorganistin. Klar, dass der Junge im Gospelchor sang. Als Oberschüler gründete Al Jarreau ein Quartett im Stil der damals populären Jazz-Vocal-Group Lambert, Hendricks, Ross. Er hörte Platten von Billy Eckstine und Ella Fitzgerald. Die Kunst der Jazz-Improvisation aber lernte er von einem Europäer. "Als ich als Teenager durch die Clubs von Milwaukee streifte", erzählte er, "hat mich ein Pianist aus Ungarn unter seine Fittiche genommen. Der wusste mehr über Jazz als die meisten Amerikaner." Lebenslang erinnerte sich Jarreau dankbar an Les Czimber, einen Jazzmusiker, der nach dem Aufstand von 1956 aus Budapest in die USA geflüchtet war.

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Der Hobbymusiker Jarreau studierte Psychologie und Sozialpädagogik und trat während seiner Arbeit als Rehabilitationshelfer in San Francisco von 1964 bis 1968 abends als Sänger auf. Dann entschloss er sich, Profi zu werden. Es folgte eine Ochsentour durch Musikestablishments und TV-Shows. Seine erste Schallplatte "We Got By" wurde in Europa mehr beachtet als in Amerika.

Siegfried Loch, der damalige Chef des WEA-Konzern (Warner/Electra/ Atlantic), spielte die Platte dem NDR-Jazzredakteur Michael Naura und dem Besitzer des Hamburger Szene-Lokal "Onkel Pö" vor. Man beschloss, den schon 35 Jahre alten Newcomer nach Deutschland zu holen. Al Jarreau hatte am 12. März 1976 - seinem 36. Geburtstag - seinen ersten Auftritt im "Onkel Pö". Ex-Wirt Peter Marxen erinnert sich an den "Tag, an dem die Bierhähne still standen" - hingerissen von der Musik vergaßen die Leute in der überfüllten Kneipe zeitweilig das Trinken.

Jarreau gastierte fünf Tage im "Onkel Pö"; es wurde ein Showcase für Konzert- und Festival-Veranstalter, die aus ganz Europa anreisten und die "unfassliche Mischung aus Soulsänger, Unterhaltungskünstler à la Sammy Davis Jr. und Improvisationstalent wie Jon Hendricks" (Naura) buchen wollten. Quasi über Nacht füllte Jarreau Konzertsäle in Frankreich, England und Holland. Der Sensationserfolg in Europa katapultierte ihn auch in Amerika nach vorn. Sein Album "Breakin' Away" verkaufte sich eine Million Mal; der vielseitige Sänger erhielt Hauptrollen im Broadway-Musical "Grease" und in zwei TV-Serien. Nun reiste Jarreau über Jahrzehnte durch die Welt. Sein Gesang und seine Show begeisterten Musikfreunde aus vielen Lagern. Jarreau bezauberte die Leute auch mit Ansagen, aus denen sich zuweilen Dialoge entwickelten. "It's an Al Jarreau lovefest", schrieb der "Guardian" über das London Jazz & Blues Festival 2011.

Abschiedstour mit der NDR Bigband

Weil er hier einst "wie ein 'neighborhood kid' aufgenommen" wurde, liebte Jarreau Auftritte in Deutschland besonders. Vor einer Zehn-Städte-Tour mit der NDR Bigband 2007 lobte er neben der 17-Mann-Formation auch das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem der Bundesrepublik, das den Bestand eines solchen Orchesters ermöglicht. Die Tournee mit der Big Band im November 2016 sollte seine letzte werden. Als Jarreau im Rollstuhl zu den Proben für das Programm mit Duke-Ellington-Kompositionen kam, waren die Musiker erschrocken. Ein Rückenleiden quälte den hoch verehrten Kollegen. Doch sobald die Arbeit mit der Band begann, versprühte der inzwischen 76-Jährige wieder mitreißende Musikalität und Lebenskraft.

Die folgenden Konzerte in Deutschland, Norwegen, Österreich, Holland, Frankreich und der Schweiz wurden eine Triumphtour. Zwar humpelte Jarreau gestützt von einer Krücke und einem Assistenten auf die Bühne; und er sang auf einem Drehstuhl sitzend. Aber die Menschen feierten den Künstler mit stehenden Ovationen. Das "gesamte Arsenal seiner Jarreauismen ist noch da", schrieb der "Tagesspiegel" über das Konzert in der Berliner Philharmonie. Der Rezensent nannte Jarreau einen "Menschenfänger", der über seine Musik hinaus "Beute macht".

Doch die 18 Konzerte in 31 Tagen kosteten offenbar zu viel Kraft. Nach der Europa-Tour sagte Jarreau seine Teilnahme an einer Jazz-Kreuzfahrt im Januar ab. Im Februar verkündete sein Management, "Al Jarreau hat seine Karriere beendet". Zu den Terminen, die nun entfielen, gehörte der zweiten Teil der Ellington-Tour mit der NDR Bigband im Juni. Auf die hatte sich Jarreau besonders gefreut.

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