Musikdoku Alanis Morissette spricht über sexuellen Missbrauch

Nach jahrelanger Therapie habe sie verstanden, dass sie missbraucht worden sei: In einem neuen Dokumentarfilm spricht Alanis Morissette auch über traumatische Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit.
Sängerin Morissette: »Ich weiß auch, dass ich noch ein wenig Weg vor mir habe«

Sängerin Morissette: »Ich weiß auch, dass ich noch ein wenig Weg vor mir habe«

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Eric Robert / Sygma / Getty Images

Alanis Morissette sitzt ihn ihrem Wohnzimmer, als sie sagt: »Ich werde Hilfe brauchen, weil ich nie darüber spreche.« Dann erzählt die Sängerin, dass sie in den frühen Jahren ihrer Karriere sexuell missbraucht worden sei. So beschreibt die »Washington Post«  Szenen aus der Dokumentation »Jagged« über den Aufstieg der Kanadierin zum Megastar, der derzeit auf dem Toronto International Film Festival als Premiere gezeigt wird.

»Ich habe Jahre in der Therapie gebraucht, um überhaupt zuzugeben, dass ich in irgendeiner Form zum Opfer geworden bin«, sagt Morissette demnach in dem Film der preisgekrönten Regisseurin Alison Klayman. »Ich habe immer gesagt, dass ich zugestimmt hatte, und dann wurde ich daran erinnert: Hey, du warst 15, mit 15 kannst du nicht zustimmen. Jetzt denke ich: Oh ja, das sind alles Pädophile. Das ist alles sexueller Missbrauch von Jugendlichen.«

Auf wen sich Morissette dabei bezieht, bleibt im Film unklar. Sie sagt aber auch: Bei fast jeder Person, mit der sie zusammengearbeitet habe, habe es einen Moment gegeben, in dem die Beziehung gekippt sei. Das habe »entweder das Ende der Beziehung« bedeutet oder, »dass es ein großes Geheimnis gibt, das wir für immer bewahren würden«.

Das Schutzalter in Kanada wurde im Jahr 2008 von 14 auf 16 Jahre angehoben. Doch schon zum Zeitpunkt, auf den sich die heute 47-jährige Morissette bezieht, galt ein Schutzalter von 18 Jahren, wenn beispielsweise ein Vertrauens- oder ein Abhängigkeitsverhältnis besteht.

Feministische Vorreiterin im Pop

Morissette gilt heute auch als feministische Vorreiterin im Pop, sie war gerade Anfang 20, als sie 1996 mit ihrer Platte »Jagged Little Pill« Millionen jungen Frauen aus der Seele sprach. Das Album wurde zu einem der größten Erfolge der Musikgeschichte, zu einem Zeitpunkt, als Radiosender noch nicht mehr als eine Sängerin im Programm duldeten, wie Morissette dem SPIEGEL 2020 im Interview erzählte. Auch von den Grenzen, die Morissette für Sängerinnen nach ihr durchbrach, handelt der Film.

Dem Musikestablishment wirft sie in dem Film vor, sie nicht gehört, geschweige denn geschützt zu haben: »Ich habe es ein paar Leuten erzählt und bin damit irgendwie auf taube Ohren gestoßen.« Selbst in Fällen, in denen es keinen sexuellen Missbrauch gegeben habe, seien unerwünschte sexuelle Annäherungsversuche an der Tagesordnung gewesen.

Tatsächlich hatte Morissette, die stets sehr intime Details mit den Fans ihrer Musik geteilt hat, auch in ihrem achten von mittlerweile neun Alben, dem 2002 erschienenen »Under Rug Swept« wohl bereits versucht, dunkle Kapitel aus ihrer Jugend zu verarbeiten. In »Hands Clean«, der erste Singleauskopplung, heißt es, verfasst aus der Sicht eines älteren Mannes, unter anderem:

If you weren't so wise beyond your years I would've been able to control myself (Wenn du nicht so klug wärst, hätte ich mich beherrschen können)

If it weren't for my attention you wouldn't have been successful (Wäre ich nicht so interessiert, hättest du keinen Erfolg gehabt)

Ooh, don't go telling everybody (Sag es nicht weiter)

And overlook this supposed crime (Und schau über dieses vermeintliche Verbrechen hinweg)

Alanis Morissette 2019 in New Orleans

Alanis Morissette 2019 in New Orleans

Foto: Tim Mosenfelder / WireImage / Getty Images

Mit der »New York Times«  sprach die Sängerin damals über diesen Song. Ob es sich dabei, wie vermutet, um sexuellen Missbrauch von Jugendlichen oder sexuelle Ausbeutung handle? »Man könnte es so einordnen«, sagte sie damals der Zeitung. Andererseits sei sie niemand, der in Kategorien denke. »Ich bin die Art von Person, die eher sagt ›eine Person, mit der ich Zeit auf romantische Weise verbringe‹, als ›mein Freund‹. Ich sage also ›jemand, mit dem ich zu einer Zeit romantisch verbunden war, als ich emotional nicht unbedingt darauf vorbereitet war‹, anstatt es als ›sexuellen Missbrauch von Jugendlichen‹ zu bezeichnen.«

Als junges Dance-Pop-Sternchen aus Ottawa habe sie das Gefühl gehabt, sie müsse sich in dieser männlichen Industrie entscheiden zwischen »dieser komplexen Beziehung zwischen älteren Männern und jungen Frauen in der Branche« – oder gänzlich auf die Musik zu verzichten. Es habe Jahre gedauert, bis sie merkte, dass es vielleicht auch eine dritte Möglichkeit gegeben hätte, die sie damals nicht sah, nämlich »einfach loszulegen, leidenschaftlich zu sein, sich auszudrücken und mit Menschen zusammenzuarbeiten, die einem den Rücken stärken«.

Befreiende Erkenntnis

Sie habe sich schon lange mit »der Wahrheit« auseinandersetzen wollen, sagte sie damals im Gespräch mit der »NYT« weiter. Erst mit der Erkenntnis, dass Privatsphäre und Geheimhaltung nicht dasselbe seien, sei ihr klar geworden, »dass ich meine Privatsphäre aufrechterhalten und gleichzeitig authentisch und transparent sein kann«, sagte Morissette. Und: »Der Song wurde natürlich zu meiner eigenen Heilung geschrieben und nicht, um mich in irgendeiner Form zu rächen. Ich weiß auch, dass ich noch ein wenig Weg vor mir habe, vor allem bei diesem Thema.«

In der Dokumentation geht Alanis Morissette nun, fast 20 Jahre nach »Under Rug Swept«, den nächsten großen Schritt.

sak
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