Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Helge Schneider besingt seinen Kaktus und schafft damit vielleicht einen Superhit, Washed Out bereisen ein Phantasieland, und die White Lies wollen noch immer nicht gefallen. Oder wollen's zu sehr. Außerdem: die Fuck Buttons. Blöder Bandname, aber ganz großes Damentennis.

Von und Jan Wigger


Helge Schneider - "Sommer, Sonne, Kaktus!"
(We Love Music / Universal, ab 9. August)

"Nach langer Krankheit wieder im Dienst: Roy 00 Schneider - Ihre Stimme für einen ruhigen Schlaf". "Du wirst keinen mehr an den Popo packen, du Sexferkel! Weihnachten, Ostern allein. Kannst dir vielleicht'n Popo nachmodellieren lassen aus 'nem alten Brötchen." "00 Schneider - Verbrechen aller Art". "Entschuldigung, nein, ist gut jetzt, ich habe wenig Zeit, ich jage einen Verbrecher." Der verblüffend längliche Trailer zu "00 Schneider - Im Wendekreis der Eidechse" zeigt - wie so oft bei Schneider - an, dass wir es im Herbst entweder mit dem schlechtesten oder dem besten Film aller Zeiten zu tun haben. Als Vorbote veröffentlicht Helge eine sommerliche, ja schwülheiße LP mit Songtiteln wie "Nachtigall, huh (Es zittert unser Haus, was ist nur draußen los?)", "Offenes Hemd", "I'm Coming From The USA" und "Scrubble Di Bubble". Etwa alle drei Alben gelingt dem unfreiwilligen Virtuosen aus Mülheim an der Ruhr ein Superhit, hier die Phantasie "Sommer, Sonne, Kaktus!": "Hey, Sommer, Sonne, Kaktus, playing Federball on the beach / Blauer Himmel, gute Laune, and the beautiful girl auf'm Schoß / Never never go to work, lieber holiday / Die Gitarre um'n Hals, schnell gekämmt, ja, das ist the way." Herrlich, wie Helge den Song für eine Laussuche unterbricht: "Und es ist auch ... für mich ... was das denn? Ne Laus? Aha. Scheiße, ich hab Läuse." Jerry Jeff Walkers "Mr. Bojangles" covert Schneider mit Sprachfehler, das Lied von der Nachtigall enthält rätselhafte Gangnam-Style-Verweise. Neben Wurstfinger-Handclaps und der, sagen wir mal, Tom-Waits-Pastiche "Drinking Blues" kümmert sich das Naturgenie auch um dezidiert ernsthaftes Liedgut: Cole Porters "Love For Sale", Gershwins "It Ain't Necessarily So" und "Somewhere Over The Rainbow" von Judy Garland - letzteres in der typisch altbeliebten Schneider-Phrasierung. Leider kein Sprechstück, dafür aber der übliche Kappes: "Babel-babel-bop / Bib-di-bib-di-bib-di-bi / Di-bi da-bi du-bi / Abu Dhabi". Eine Wahrheit, die so wahr ist, dass man darüber lachen muss. (6.9) Jan Wigger

"Sommer, Sonne, Kaktus"-Videoclip von Helge Schneider auf tape.tv ansehen

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White Lies - "Big TV"
(Universal, ab 9. August)

Wer erinnert sich nicht an die kapitalen Erfolge, die die britischen Düstermänner White Lies bereits in der "Abgehört"-Rubrik feiern konnten? Zwei Großwerke, zweimal die Wertung 3/10 - das hatten vor ihnen nicht einmal noch weniger begabte Bands wie Keane, Editors oder Mando Diao geschafft, deren neueste Alben wir meist zähneknirschend besprechen mussten. Hier noch einmal auszugsweise unser (oha, ich merke gerade, das war ja immer ich selbst!) Lob für die beiden ersten White-Lies-LPs: "Kleister-Synthies", "groteskes Geister-Getue", "Catherine-Hardwicke-Romantik", "Texte für Kleinkinder", "Erlösungskitsch", "Bombastrock für Stephenie-Meyer-Leser", "virtuos zusammengematschter Gothic-Schlock", "lächerliche Pennäler-Lyrik", "superunangenehme Typen". Heute bin ich noch mieser drauf, doch der Hass richtet sich fast ausnahmslos gegen mich selbst, weshalb ich den White Lies hiermit konziliant zurufe: Ja, dann macht doch! Werdet wieder Nummer eins in England, spielt auf dem Southside Festival und bei Rock im Park, geht weiter bei Gordon Ramsay essen, ihr habt es euch verdient. Merkt doch eh keiner, dass das Fadeout von "Tricky To Love" von Radiohead stammt und "Heaven Wait" eigentlich "Summer Moved On" von a-ha ist. Ganz im Ernst: Von dem "I want you to love me more than I love you tell me if that's something you can do"-Quark abgesehen, sind drei, vier okaye Songs und ebenso viele Ideen auf der Platte (allerdings auch zwei Instrumentals, die natürlich "Space i" und "Space ii" heißen), aber lest bitte einfach woanders, dass White Lies das Rad zwar nicht neu erfunden, aber ihren Stil verfeinert und die bis dato besten Songs ihrer Karriere geschrieben haben et cetera pp. Ich habe nichts dagegen, dass "Big TV" existiert. Ich bin mit allem zufrieden. Mit allem. (5.1) Jan Wigger

"There Goes Our Love Again"-Videoclip von White Lies auf tape.tv ansehen

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Washed Out - "Paracosm"
(Domino/Goodtogo, ab 9. August)

Ein verlockendes Angebot, das Ernest Greene mit seinem zweiten Album macht: Einfach mal abhauen, wegdämmern in eine imaginäre Welt, wo man sich "weightless" fühlt (so heißt einer seiner neuen Songs) und alles "all right" ist. Sprich: Keine Touristen-Zombies, die selbstvergessen in der Stadt vor einem herschleichen und den Muppetshow-Klassiker "Schweine im Weltall" nachspielen, während man es selbst wie immer eilig hat. Keine von zu viel "BioZisch"-Brause aufgedrehten Kleinkinder, die einem in der Straßenbahn unvermittelt ins Ohr krähen. Kein Schweiß, kein Stress, keine Geldsorgen - nur grüne, blumenbetupfte Auenlandschaften unter Azurhimmel … merkt man eigentlich, dass ich urlaubsreif bin? "Paracosm" ist ein Begriff aus der Psychologie, unter dem man eben so ein "Great Escape" (noch ein Songtitel) in ein mentales Phantasieland versteht. Und der alte Pillen- äh, Knöpfchendreher Greene hat für diese Reise ins innere Elysium genau die richtige Prozac-Musik parat: Sein zweites Album als Washed Out löst sich wohltuend von den Achtziger-Pop-Vorbildern, allen voran Talk Talk, die sein Debüt "Within And Without" definierten. Im heimischen Athens (Georgia) verbarrikadierte er sich zusammen mit Ehefrau und Mitmusikerin Blair sowie einem ganzen Arsenal analoger Keyboards und Synthesizer, um sich von den eigenen Sphärenklängen davontragen zu lassen. Auf Mellotron-, Chamberlin-, Novatron- und Optigan-Klängen entwirft er einen weniger artifiziellen, fast psychedelischen Ambient-Sound, der einen, wie beim Debüt, mit unter die kuschelige Bettdecke nimmt. Dieses Mal bleibt man aber nicht dort, phantasierend im stickigen Nachtschwarz, sondern driftet tatsächlich weg, träumt sich auf schwebenden Synthie-Teppichen, zu schwirrenden Glockenklängen ("Falling Back") einfach davon. Ein paar hervorragende Pop-Songs sind auch wieder dabei, zum Beispiel das entspannt dahingluckernde "Don't Give Up", das zum Aufwachen animierende Schlussstück "All Over Now" und die mit Laserstrahlen durchwirkte Shoegaze-Übung "All I Know" - ein würdiger Nachfolger des "Within And Without"-Überhits "Amor Fati". Ernest im Wunderland. (7.4) Andreas Borcholte

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Fuck Buttons - "Slow Focus"
(ATP / Indigo, seit 26. Juli)

Es ist wahr, es ist wahr, dass ich die neue Fuck Buttons zuerst nicht besprechen wollte: Der Bandname ist scheiße und die Klientel zu cool und hip, als dass ich es ertragen könnte, von ihr im Nachhinein auf eine Fuck-Buttons-Rezension angesprochen zu werden. Hinzu kommt, dass CD-Besprechungen von Instrumentalplatten oft peinlich sind ("Kopfkino", "ganz großes Damentennis", "Breitwandformat", "hier was echt Endgeiles auf die Lauscherchen") und ich jeden Autor bewundere, der 8.000 Zeichen über Tortoise oder Explosions In The Sky hinbekommt, ohne zu langweilen. Auch "Slow Focus", die erste Fuck-Buttons-Platte seit vier Jahren, lässt sich nur schwerlich beschreiben: Die Synth-Flächen liegen dir noch am nächsten Morgen schwer im Magen, die Zeitreisen "Stalker" und "Hidden XS" wirken einerseits bis ins Letzte durchkonstruiert, andererseits völlig frei, spontan und ohne jeden Anknüpfungspunkt. Es gibt wahnsinnig gute Mülltonnen-Drums in "Brainfreeze" (das Eis wieder zu schnell gegessen?), ein tausendprozentig beabsichtigtes Wiederhören mit Tangerine Dream ("Year Of The Dog"), Noise, Drone, Shoegaze, guten New Age ("Stalker") und meist überlange Tracks, die in ihren tollsten Momenten mehrere Ebenen, Welten, Galaxien verschmelzen lassen. Die erste Hälfte von "Sentients" ist Aphex Twin auf "I Care Because You Do". Noch so eine fiese, scheinfromme, große Platte. (8.4) Jan Wigger

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 4 Beiträge
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QuixX 07.08.2013
1.
Wahrscheinlich wissen die Redakteure eines deutschen Online-Magazin nicht, wer George Duke ist. Helge Schneider kennt den sicher, aber er sucht sein Publikum lieber "breitflächig".
thousandguitars 10.08.2013
2. Zweifelhaft...
Die "Fuck Buttons" sind zumindest mit ihren ersteb Stück grandios!
phonic 12.08.2013
3. White Lies Big TV
Yeah summer moved on, aber gut! Aber mehr auch nicht. Um es mit den Worten des Herrn Wigger's zu sagen. Ich bin zufrieden. Mit allem. Gruß
hrbnshtwq 11.09.2013
4. Bezügl. White Lies
Endlich mal ein ehrliches Review, mein Dank & Respekt!
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