Albert Mangelsdorff wird 75 Jazz mit Meisen und Menschen

Notfalls kann er mit sich selbst im Duett spielen: Mit seinen innovativen und oft humorigen Ideen fand der Posaunist Albert Mangelsdorff als einer der wenigen deutschen Jazz-Musiker internationale Anerkennung. Auch mit 75 Jahren ist der heutige Musikprofessor noch äußerst aktiv.


Jazzmusiker Mangelsdorff: Doppeltes Spiel als Markenzeichen
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Jazzmusiker Mangelsdorff: Doppeltes Spiel als Markenzeichen

Ein Individualist war Albert Mangelsdorff schon immer und der äußere Eindruck konnte bei ihm häufig täuschen. Als er 1972 beim mit illustren Musikern gut bestückten Münchner Jazzfestival in kaputten Sandalen und gebückter Haltung eher bescheiden auf die vornehme Bühne des Herkules-Saales schlurfte, sah Albert Mangelsdorff zwar nicht so aus, war aber dennoch schon eine international anerkannte Größe. Immerhin trat er an diesem Solo-Abend neben Kollegen wie dem Pianisten Chick Corea und dem Vibraphonisten Gary Burton auf. Ein Mann allein an der Posaune: Dazu bedurfte es schon eines besonderen Sounds.

Technische Tricks wie das von ihm erfundene mehrstimmige Spiel waren da erst die halbe Miete, denn nackte Virtuosität war für Mangelsdorff immer nur die Voraussetzung dafür, sich in der Spontan-Improvisation zu verwirklichen. Ein Star der Szene war er schon lange vor dem Münchner Konzert, seine Solo-Aktivitäten zu Beginn der siebziger Jahre markierten jedoch ein neues Kapitel in der Karriere Mangelsdorffs' - es ist auf dem Album "Trombirds" (MPS) dokumentiert. Sein "doppeltes Spiel", bei dem zu einer gespielten Note eine weitere darüber gesungen wird und dabei Akkord-Obertöne erzeugt, entwickelte sich zu einem Markenzeichen Mangelsdorffs. Ganz anders als John Coltranes revolutionäre "Sheets of Sounds" auf dem Saxophon zehn Jahre zuvor, aber in der musikalischen Innovation durchaus vergleichbar.

Es tiriliert, tschilpt und perlt

Nichts von dieser Entdeckerfreude hat der am 5. September 1928 in Frankfurt geborene Albert Mangelsdorff bis heute verloren. Gerade hat er pünktlich zum Fünfundsiebzigsten eine neue CD veröffentlich: Seine opulente, bereits 1987 komponierte "Music for Jazz Orchestra" (Skip Records), im Herbst 2002 neu eingespielt mit der Big Band des NDR Hamburg, dokumentiert auch eine lange, fruchtbare Zusammenarbeit des Posaunenmeisters mit dem exquisiten Hanseaten-Ensemble, das wie er internationale Wertschätzung genießt. Und wer jemals bezweifelt hat, dass auch veritable Free-Jazzer so etwas wie Humor besitzen, sollte sich Mangelsdorffs inzwischen klassische Komposition "Meise vorm Fenster" anhören: Es tiriliert, tschilpt und perlt posaunistisch elegant aus den Boxen. Ein Mann mit vielen Gesichtern und Zwischentönen eben.

Das Rüstzeug für so viele Klangfarben erwarb sich der ausgebildete Musiker Albert Mangelsdorff (Gitarre, Violine, Posaune, Harmonielehre) zunächst in den fünfziger Jahren in verschiedenen großen und kleinen Ensembles in Deutschland, war selbst Leiter des Jazz-Ensembles vom Hessischen Rundfunk und trat bereits 1958 beim berühmten Newport Jazz Festival in den USA auf. Sein eigenes Quintett profilierte dann zwischen 1961 und 1971 nicht nur seinen Namen in der Jazzszene, sondern wirke auch als Botschafter des neuen, ernst zu nehmenden deutschen Jazz. Zuvor schon hatte sich Mangelsdorff durch Aufnahmen mit großen Kollegen wie dem Pianisten John Lewis ("Animal Dance", Atlantic 1962) und Musikern wie Dizzy Gillespie, Lee Konitz, Don Cherry, Eddie Gomez, Jimmy Smith, Jaco Pastorious sowie natürlich auch deutschen Weggefährten wie Wolfgang Dauner und Peter Brötzmann einen Namen gemacht.

Brachiales mit Breuker, Freundliches mit "Old Friends"

Gemeinsam mit Dauner wirkte Albert Mangelsdorff zwischen 1975 und 2002 auch beim deutschen United Jazz + Rock Ensemble mit, das als eine der beständigsten Bands viele deutsche und internationale Jazzgrößen vereinigte. Ebenso wirkte er seit den späten sechziger Jahren beim unternehmungslustigen Globe Unity Orchestra des deutschen Pianisten Alexander von Schlippenbach mit, der auch freie Jazz-Geister wie Willem Breuker, Gunter Hampel, Manfred Schoof und Peter Kowald um sich scharen konnte. Eigensinnig und dennoch in hohem Maße teamfähig: Eigenschaften, die Mangelsdorff schon immer einzig erscheinen ließen. Fast logisch, dass die Union deutscher Jazzmusiker seit 1994 den mit rund 10.000 Euro dotierten "Albert-Mangelsdorff-Preis" verleiht.

Zwar ist der Musiker seit 1993 auch Professor für Jazz an der Hochschule für Darstellende Kunst in Frankfurt, doch alles Akademische bleibt für ihn nur Mittel zum Zweck. Und der heißt: Musik erschaffen. Das tat er auch ab 1995 sechs Jahre lang als Chef des JazzFests Berlin, ohne dabei je die aktive Seite seiner Musik zu vernachlässigen. Denn als Blechbläser muss man bekanntlich jeden Tag neu um seinen Ton kämpfen, was schlicht übersetzt "üben" heißt. So spielt Professor Mangelsdorff nach wie vor häufig und leidenschaftlich. Manchmal in der Formation "Old Friends" mit Trompeter Manfred Schoof, Saxophonist Klaus Doldinger, Pianofreund Dauner, Bassist Eberhard Weber und dem im Vergleich zu diesen Granden beinahe jugendlichen Schlagzeuger Wolfgang Haffner. Oft aber auch allein. Und vielleicht kommt ja bald wieder ein Vogel geflogen, der ihn zu einem neuen Stück inspiriert.



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