Neues Album von Schwesta Ewa Mama bleibt hart

Eine einzigartige Ermächtigungsstrategie: Rotlicht-Rapperin Schwesta Ewa protzt auf ihrem neuen Album weiter - nun auch mit Mutterglück und Gefängnisaufenthalt.
Neues Album von Rapperin Schwesta Ewa: "Du Bastard, ich bring deine Frau ins Pascha“

Neues Album von Rapperin Schwesta Ewa: "Du Bastard, ich bring deine Frau ins Pascha“

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Claudius Holzmann/ Universal Music

Bisher stand Rapperin Schwesta Ewa vor allem für das Rotlichtmilieu. In ihren Songs erzählte sie vom Sich-Durchboxen, Drogen, Gewalt und käuflichem Sex. Sie bediente die misogynen Attribute des Gangsta-Rap – mit einem wichtigen Unterschied: Bei Schwesta Ewa war das nicht nur eine Pose, sie war Prostituierte, Dealerin, Zuhälterin und wurde schließlich zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Schwesta Ewa galt als glaubwürdig im Rap-Geschäft, neben ihr sahen viele selbsternannte Gangster wie Muttersöhnchen aus.

Jetzt hat Schwesta Ewa ein neues Album herausgebracht, es heißt "Aaliyah", benannt nach ihrer Tochter, die im Januar 2019 zur Welt kam. Und weil es bei Ewa noch nie eine Trennung von Kunstfigur und Real-Ich gab, reichen sich auf "Aaliyah" nun Babytalk und Straßenstrich ganz ironiefrei die Hand. "Ich wurde ein anderer Mensch seit der Trennung der Nabelschnur / Mama is nicht perfekt, Mama hat so viele Fehler / Du hast meinen Körper entgiftet … ich sorge dafür, dass du nie so wirst wie ich / kein Ackern für Scheine / kein rotes oder blaues Licht."

Weil gefühlsduselige Tracks über Frühgeburt und Mutterglück aber nicht dauerhaft ballern, handelt auch das dritte Album nach "Aywa" (2018) und "Kurwa" (2016, polnisch für ‚Hure‘) weiter von einer triumphierenden Powerfrau-Erzählung. Das ist auf den ersten Blick irritierend, die 35-jährige Ewa Malanda sitzt gerade, getrennt von der Tochter, die sie doch besingt, in Haft. Wie kann man mit Stolz auf diese Entwicklung blicken?

Es geht nicht um Musik

Vielleicht, indem man sie einfach nicht infrage stellt. Schwesta Ewa macht einfach, und erzählt von einer Ermächtigungsstrategie, die ihresgleichen suche. Sie, die jahrelang benutzt wurde, habe sich die Attribute der Männer angeeignet, sich deren Domänen erschlossen. Ewas individuelle Erzählung geht so: Zuerst habe sie dämliche Freier abgezockt, dann dumme Schwestern verkauft und die Polizei an der Nase herumgeführt. Den Job als Zuhälterin habe sie besser draufgehabt als Männer, und nun trumpfe sie mit ihrer Straßentauglichkeit eben auch noch im Rap auf. Der Knastaufenthalt sei unschön, aber leider nötig, wenn man wie sie viel Geld machen will.

Auf "Aaliyah" gibt es deshalb vor allem eine Message: Abrechnung. Mit der Polizei (korrupt), Männern (schwach), Medien (gierig). Dass sie jetzt ein Kind versorgen muss, sei für sie nur ein weiterer Grund, knallhart im game zu bleiben. Dafür gibt es Respekt der Kolleginnen: Juju und Nura (ehemals SXTN) nahmen schon 2018 mit ihr die Single "Tabledance" auf und rekelten sich im Ewa-Style an der Pole-Stange. Rapperin Loredana ("King Lori"), die ebenfalls eine einjährige Tochter hat, solidarisierte sich zum Haftantritt mit ihr unter dem Hashtag #FreeEwa.

Während Ewa also erklärt, wie sie die Kleinfamilie über alles stellen und doch weiter die 9-Millimeter unterm Kleid tragen will ("bin frisch aus Haps gekommen / und muss bald wieder gehn / doch vorher fresst ihr Blei"), erweist sie sich auch diesmal nicht als große Musikerin. Die Beats sind solider Durchschnitt, ein bisschen Trap, ein bisschen Reggaeton, die sphärigen Harmonien hat man irgendwie schon oft gehört, auch einige der Satzfetzen erinnern an große Hits der letzten Jahre.  

Um Musik geht’s hier ja aber eben auch nicht, sondern ums Geschäft, und wem das nicht gefällt, wer Ewa immer noch Kahpa (Arabisch ‚Hure‘) nennt, dem droht sie aggressiv: "Was Kahpa? Du Bastard, ich bring deine Frau ins Pascha". Ihre Attitüde ist turbomännlich, der Look dazu entspricht jeder Pornoästhetik - nur dass es eben ihre eigenen Videos sind, in denen sie als Lustobjekt mit aufgespritzten Lippen, Silikon-Brüsten, modelliertem Po und High Heels herumwackelt.

Ist das womöglich feministisch?

Es gibt Stimmen, die Schwesta Ewa deshalb als feministische Heldin diskutieren. Vermutlich ist das nicht ihr eigener Ansatz, geäußert hat sie sich in diese Richtung nie. Und es ist auch nicht so, als entwerfe sie eine Alternative zu einem Patriarchat. Doch zumindest für die Sichtbarkeit der Sexarbeit in Deutschland hat sie etwas getan. Ihre Biografie "Enthüllungen: Das Leben fickt am härtesten", die sie vergangenen Sommer veröffentlichte, wird auch als Kampf um Unabhängigkeit gelesen, in dem sie selbstbewusst und ohne Scham über ihre Körper verfügt und sich aus der ihr zugewiesenen Opferrolle befreit. Und statt das vermeintliche Manko Sexarbeit zu vertuschen, stellt sie sich auf die Bühne und rappt darüber.

"Frauen, die diese Arbeit machen, werden sofort stigmatisiert, sie gehören zu einer einzigen Kategorie: Sie sind Opfer", schrieb die französische Starautorin und Feministin Virginie Despentes in ihrem Kampfessay "King Kong Theorie". Despentes fordert Frauen auf, sich über Tabus hinwegzusetzen, fremde Meinungen zu ignorieren: "Fick ich dich oder fickst du mich", überschrieb Despentes eines ihrer Kapitel. Es könnte auch ein Satz von Schwesta Ewa sein.

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