Album der Woche von The Screenshots Wenn das ein Witz ist, dann wird er immer besser

Sind das die jungen, internetaffinen Ärzte? "2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee" von The Screenshots aus Krefeld ist raffinierter Fun-Punk - und unser Album der Woche.

Album der Woche:

The Screenshots – "2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee"

Das hat sich doch Jan Böhmermann ausgedacht, glaubte man noch vor zwei Jahren, als die Screenshots erstmals auf sich aufmerksam machten. Man lächelte milde über die Lobeshymne in der "Zeit", die das erste Mini-Album des Trios aus Krefeld im April 2018 als "die schönste und schlaueste, wärmste und kühnste, traurigste und lustigste deutsche Pop-Platte des Frühjahrs" bejubelte. April, April, ja ja. Reingefallen.

Die Musiker blieben identitätslos, angeblich waren es Susi Bumms, Kurt Prödel und Dax D! Werner, die sich zuvor auf Twitter mit parodistischen Aphorismen über den Alltag im Neoliberalismus einen Namen gemacht hatten. Im "Neo Magazin Royale" bei Böhmermann traten sie zwar auf, blieben aber dunkle Silhouetten. Ihre Musik klang verdächtig unironisch: ein schepperndes, rauschendes Post-Punk-Derivat mit großem Emo-Anteil, in dem der Sänger im Rio-Reiser-Overdrive krähte: "Ich knall mir den ganzen Tag/Satire in den Schädel rein" und postulierte: "Satire muss man einfach lieben". Das konnte doch nur Satire sein. Ein Stinkefinger aus den Untiefen des Internets an alle Punkrocker mit ihrer Haltung und ihrer aufrechten Verzweiflung an den Verhältnissen; eine Pose, inszeniert als Pop-Mysterium, um kurz die Erregungswelle abzusurfen.

Gähn.

Oder doch die neuen, jungen, webgewandten Ärzte?

Inzwischen, könnte man denken, sind die Screenshots entzaubert. Sie haben sich aus der Anonymität ihrer Twitter-Avatare in die Realität begeben, traten als Band live auf und zeigen sich in Videoclips. Sie haben sich also dem Gebot der Authentizität unterworfen, das in ihrem Genre der handgemachten Musik immer noch gilt. Und veröffentlichen nun ihr erstes richtiges Album. Moment, war der Gag nicht bereits auserzählt?

Sagen wir so: Wenn die Screenshots ein Witz sind, dann wird er immer besser. Und bissiger: "Früher waren wir wild und unbequem/ Heute geht's um Liebe und Vertrauen/ Die neuen Nachbarn sind genau wie wir/ Und darum bleiben wir für immer hier", wütet es in "Wir lieben uns und bauen uns ein Haus" zu tosenden Gitarren über die neospießige Anpassungssucht in genormten Neubauvierteln. "Träume" feiert den "Christian-Lindner-Swag" in einer überdrehten Ode an den Leistungs- und Lebensdruck, aus der ätzende Häme trieft. "Die Welt geht noch nicht unter, sie wird nur immer geiler", zielt ins Gewissen all jener, die glauben, sie könnten Hoffnungslosigkeit mit Hedonismus betäuben.

Am Ende lässt ein markerschütternder Schrei die Blase der schamlosen Selbstvermarktung und Zwangseuphorie zerplatzen: "Sag mal, hast du Angst", fragt der Sänger, und die Antwort, ein deathmetallisch brüllendes "JAAAAAA!", wirkt wie das Echo aus einem japanischen Horrorfilm, einer von der Sorte, die einen nachts nicht mehr schlafen lässt. "Born to run", Springsteens Rock'n'Roll-Seufzer vom ökonomischen Gefängnis des Individuums, kommt hier auch vor, er wird zum Ausdruck von Getriebenheit der Millennials-Generation: Mach was aus dir, sei der Boss, verdiene Millionen, sei kreativ, stay hungry… bis zur totalen Erschöpfung.

Und plötzlich sitzen die vermeintlich flatterhaften Screenshots mit ihrem Fun-Punk mitten im Stahlbad - ganz nah an der brodelnden Zeitdiagnostik der Band Die Nerven, die sie kürzlich in einem Interview als Inspiration bezeichnet haben. 

Die Indiepop-Musik, die dazu spielt, teils Gang of Four, teils Dinosaur Jr., teils Weezer dient als Energieschub, um nicht im Abgrund von Melancholie und Depression zu versinken. Der klaffte bereits auf der Debüt-EP "Ein starkes Team", im bleiernen Scherbengericht "Deutschland". Hier knüpfen die selbst ernannten "Sh00ters" nun in "Liebe Grüße an alle" wieder an. Die inzwischen oft lieblose Grußformel wird an "die Ängste", "das Geld", "die Mama", gerichtet, aber auch an "die Waffe unter meinem Bett". Schluss mit lustig. Mach mir davon bitte mal einen Screenshot. (7.9)

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Kurz Abgehört:

Holy Motors - "Horse"

Auch auf ihrem zweiten Album reiten Holy Motors aus Estland hart am Klischee, aber spätestens, wenn Eliann Tulve im zweiten Song lakonisch "just another endless night" seufzt, liegt man dieser Band, ihrer Melancholie und ihrer Sängerin zu Füßen. Tulve klingt wie einst Hope Sandoval bei Mazzy Star, die Musik dazu könnte man Shoegaze-Americana nennen. Für Cowboy-Junkies. (8.2)

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Sorry3000 - "Warum Overthinking dich zerstört"

Die haben offenbar viel Lassie Singers und Schnipo Schranke gehört, trotzdem behaupten Sorry3000 aus Halle, dem angeblich interessanteren Leipzig, ein eigenes Genre: Real-Pop. Sängerin Stefanie Heartmann gibt sich in Videos beherzt ungeschminkt, in den Songs geht es zu Bontempi-Orgel und Billo-Beats um Nasenspray-Addiction und Fitness-Fatigue. Nicht schön, aber toll. (7.5)

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Lous and the Yakuza - "Gore"

Marie-Pierra Kakoma, 24, wurde in Kongo geboren, flüchtete als Kind nach Belgien, kehrte dann nach Afrika zurück, erlebte Armut, Rassismus und Leid. Der französisch gesungene, weltrhythmische R&B ihres so eleganten wie intensiven Debüts als Lous and the Yakuza speist sich aus Wut und Trauer - und dem Anspruch, eine der großen Pop-Künstlerinnen der Dekade zu werden. Könnte klappen. (7.9)

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Kevin Morby - "Sundowner"

US-Songwriter Kevin Morby musste sich wohl vom Kritikerlob und dem Erfolg seiner letzten beiden Alben erholen - und flüchtete aus Kalifornien in seine Heimatstadt Kansas City. Im eisigen Winter des Mittelwestens begann er eine innige Beziehung zu einem alten Tascam-Vierspurgerät - und komponierte dieses ländlich-besinnliche Quarantäne-Album. Hilft gegen Hüttenkoller. (7.2)

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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

Abgehört im Radio

Mittwochs um Mitternacht (0.00 Uhr) gibt es beim Hamburger Webradio ByteFM  ein »Abgehört«-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte. Seit 1. Januar 2022 sendet ByteFM in Hamburg auch auf UKW (91,7 und 104,0 MHz).

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