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Amtlich - Opeth, Accept, Mantar Für Menschen mit Geschmack

Von Thorsten Dörting und Boris Kaiser

Liebe "Amtlich"-Freunde und -Hasser, viel zu lang ist's her mit dem letzten Blogeintrag - Sommerurlaubstress, Selbstzerfleischung und -zerstörung, womit man als Medienmensch halt so seine Zeit verbringt. Hier jetzt endlich mal wieder und (teilweise) leicht verspätet: Neues von Accept, Opeth und Mantar.

Die beiden Hamburger von Mantar haben ja mit "Death by Burning" eines der besten deutschen Genre-Alben des Jahres veröffentlicht. Wer einen Eindruck davon bekommen will, wie druckvoll zwei Leute Musik machen können, möge sich bitte unbedingt obiges Video anschauen, das uns Hanno (Gesang, Gitarre, performative Dehnübungen) und Eric (Drums, performative Körperverletzungen) hier exklusiv präsentieren. Oder heute Abend zum Reeperbahnfestival in Hamburg  gehen - Mantar, ab 22:50 Uhr im Indra , Große Freiheit 64. Lohnt sich, echt jetzt mal.

Bis denne!

tdo

Accept - "Blind Rage"
(Nuclear Blast/Warner, bereits erschienen)

So gehen die Deutschen, die Deutschen, die gehen so: Weil sie es mit "Blind Rage" zur Nummer eins der Albumcharts gebracht haben (Gratulation, Männer!), fließt das Warsteiner oder Hacker-Pschorr oder Weihenstephaner (das heißt da wirklich so) oder was es gerade so über den Großen Teich geschafft hat, in Nashville, wo Accept-Kopf Wolf Hoffmann mit Gattin und Managerin Gaby wohnt, seit Wochen schon in Strömen; sogar ihr amerikanischer Sänger Mark Tornillo, heute ein weltweiter Genre-Star, früher gerade mal bei TT Quick, muss mitsaufen, dabei pfeffert der sich viel lieber 'nen gerauchten Bourbon als German Beer hinter die Binde, so ist das in den USA, weiß doch jedes Kind.

Dass "Blind Rage" so erfolgreich ist, kann man einerseits als kleines Wunder bezeichnen, man kann sich aber auch einfach mal die Qualitäten der Band vor Augen führen: "Blood of The Nations" war 2010 ein Comeback nach Maß, energetisch, stilsicher, selbstbewusst und auf den Punkt komponiert, eine Platte, deren Qualitäten heute unverändert hörbar sind, ein Statement in Sachen Metal aus Deutschland, ohne Klischees überzustrapazieren (im Gegenteil spielt man immer wieder intelligent damit).

Accept: Man kann auch beschissener aussehen im Alter.

Accept: Man kann auch beschissener aussehen im Alter.

Foto: Wolf Hoffmann

Dass "Stalingrad" 2012 nicht ganz mithalten konnte, ist kaum der Rede wert, denn wenn man ein kleines Stückchen unter der Spitze musiziert, befindet man sich schließlich immer noch oben. "Blind Rage" ist nun das dritte Ausrufezeichen in Folge, kommt hart daher, aber auch lockerer denn je, groovt, ohne sich anzubiedern - und bietet Songs, die einem die Rübe abschrauben. "Dying Breed", "Dark Side of The Heart", "Fall of The Empire" oder "Wanna Be Free" dürften auf der nächsten Tour jedenfalls locker zwischen unzähligen Großartigkeiten wie YOU NAME IT bestehen und gehören schon jetzt zum beeindruckenden Band-Kanon. Chapeau, Accept, wie man als SPON-Forist so gerne sagt! (Gesamtwertung: 8) Boris Kaiser

Anspruch: Dem eigenen Erbe keine Schande machen. (8)

Artwork: Dafür dass die Band in den Achtzigerjahren fantastische, beinahe revolutionäre Cover am Start hatte ("Balls To The Wall"! "Restless And Wild"!!), sind die Verpackungen seit der Reunion ja ganz schön käsig. Scheint keinen zu interessieren, also was soll's. Metal, Alter! (4)

Aussehen: Wenn man über die latente True-Religion/Affliction-Schlagseite - hier in Dortmund die Eintrittskarte zu jedem sogenannten Edel-Italiener - hinwegsehen kann, ist alles in Butter. Das Alter war bislang kein Massaker. (7)

Aussage: Wolf spielt die geschmackvollsten Gitarrensoli weit und breit! (9,5)


Opeth - "Pale Communion"
(Roadrunner/Warner, bereits erschienen)

Opeth: Guter Geschmack ist ihre Natur.

Opeth: Guter Geschmack ist ihre Natur.

Foto: Warner Music

Abriss: Nachdem wir uns über Metalflirt.de verabredet hatten, lernten Dörting und ich uns vor einigen Jahren bei einem veganen Latte macchiato in einem Hamburger Café endlich persönlich kennen, irgendwo in einem eklig gentrifizierten Kiez, jedenfalls musste man sich erst mal durch ein gutes Dutzend Bugaboos kämpfen, bevor man eintreten konnte. Was mir als Erstes ins Auge fiel, war nicht das gewagte Schuhwerk des heutigen Kollegen, sondern der glänzende Opeth-Anstecker am Revers des Sakkos. "Guter Geschmack ist seine Natur", dachte ich sofort, und wir kamen schneller ins Gespräch, als zu erwarten war.

Ob Thorsten das neue Album von Mikael Åkerfeldt & Co. gefällt, weiß ich nicht sicher, ich nehme allerdings an, dass er es mit Freude goutiert (So ist es. Anm. des Latte-Dates), denn was die Band auf dem von ihm sehr positiv aufgenommenen Vorgänger "Heritage" zum ersten Mal konsequent gewagt hat, nämlich eine beinahe vollständige Abkehr vom Metal, findet hier seine Fortsetzung. Der Unterschied: "Pale Communion" wirkt noch eine Spur homogener und selbstbewusster, die Melodien klingen ausgereifter, der in erster Linie siebziger-lastige Progressive Rock atmet den Geist der Großen, ohne je zu plagiieren. Ob man damit vor 40 Jahren neben King Crimson, Camel, Yes und Jethro Tull aufgefallen wäre? Wer weiß. Zumindest heute stecken Opeth in ihrem Genre nahezu die komplette Konkurrenz in den Sack. (8)

Anspruch: Steht doch oben, ey. (8)

Artwork: Åkerfeldt macht ja ein Riesenfass auf, was das Cover angeht. Muss man nicht zwingend verstehen. (6)

Aussehen: Sehr unaufgeregt, sehr schwedisch. (7,5)

Aussage: "Könnte ich den Maple-Pecan-Pie auch ohne Nüsse bekommen?" (1,5)

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)