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Baroness in Roskilde: Zeigt mal Muckies, Leute

Foto: Thorsten Dörting

Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Das Album des Jahres stammt von Baroness - oder etwa nicht? Die Blutklumpen von Nachtmystium sind jedenfalls auch sehr fein, genau wie ein kleiner, gemeiner Island-Trip mit Arstidir Lifsins. Die Sensation ist allerdings: Manowar sind nicht mehr ganz so nackt wie früher.
Von Thorsten Dörting, Boris Kaiser und Jan Wigger

Liebe "Amtlich"-Freunde und -Hasser,

bevor es losgeht: Aus technischen Gründen mussten wir splitten. Daher folgt nächsten Donnerstag ausnahmsweise ein kleiner Nachschlag. Dann sind hier zu lesen: Ein Review des neuen Testament-Albums, ein paar Worte zu A Forest Of Stars und ein paar Glückwünsche.

Bis denne und los.

Baroness - "Yellow & Green"
(Relapse Records, erscheint am 20. Juli)

1. Ich halte es für so gut wie ausgeschlossen, dass im Jahr 2012 noch ein Album erscheint, das so gelungen ist, so mutig und so aufregend wie dieses.

2. Die Spielzeit von "Yellow & Green" beträgt 75:09 Minuten. Auch wenn dieses (Doppel)-Album seine Schwächen hat: Jede einzelne davon bereitet Genuss. Diese Kritik ist daher in leicht wahnsinnige 75 Punkte unterteilt, um jede einzelne Minute zu würdigen.

3. Für janz Doofe: Dies ist dann also Punkt 3. Steht aber auch daneben.

4. Ehrlich gesagt: Ich habe diese Textform gewählt, weil ich nach mehreren Anläufen den Versuch als gescheitert ansehen muss, die herausragende Musik mit kongenialer Sprachkraft zu loben.

5. Diese Liste ist also eine journalistische Kapitulationserklärung (vgl. dazu: M. Lanz ).

6. Noch viele Journalisten werden sehr viele Worte über "Yellow & Green" verlieren und auf die eine oder andere Art zugeben müssen, an einer angemessenen, allumfassenden Würdigung gescheitert zu sein.

7. Ich erhielt das Album des Jahres am 23. April 2012 um 12:11 Uhr als Download-Link per Mail. Die exakte Zahl kenne ich nicht, aber ich untertreibe eher, als dass ich übertreibe, wenn ich schätze: Ich habe "Yellow & Green" seitdem mindestens 35 Mal gehört.

8. Wenn mir das damals jemand prophezeit hätte, hätte ich ihn entweder für einen prophetisch unbegabten Astrophysiker gehalten oder für irre (vgl. dazu: J. Wigger). Nach den ersten paar Durchläufen war ich zwar angetan - aber auch ein wenig enttäuscht.

9. Als Beleg für diese erste Einschätzung folgt ein (echtes!) Zitat aus einer Mail, die ich am 27 April 2012 um 11:34 Uhr an den Europa-Promoter von Relapse Records geschickt habe, also vier Tage nach Erhalt des Albums:

"send them back into the studio ;)

the vocals are too dominant, the underlying layers get lost, the guitars are a bit too quiet.

this is, of course, just a first impression - but i fear it will stand. a 'could-have-been-album-of-the-year'."

10. Es kam anders, denn "Yellow & Green" kam mit Macht zurück. Immer wieder, immer anders. Die Emotionsforscherin Kylie Ann Minogue OBE hat dieses psychologische Phänomen mal prägnant als "Can't Get You Out Of My Head"-Syndrom beschrieben, bevor sie eine Zweitkarriere als Mobile Entsorgungsanlage der Deponieklasse IV (Gefährliche Abfälle, d.h. Botox, Dioxin und andere Toxine) einschlug.

Baroness: Die Herren Baizley, Adams, Maggioni und Blickle

Baroness: Die Herren Baizley, Adams, Maggioni und Blickle

Foto: Jimmy Hubbard/ Relapse Records

11. Das Gesamturteil in meiner Mail war also falsch. Die Bemerkungen zum Einsatz von Gesang und Gitarren waren dagegen insofern richtig, weil mir die zwei schon sehr feinen Vorgänger "Red" und "Blue" als Maßstab dienten: Baroness haben mit Album Nummer Drei einen gewaltigen Schritt gewagt. Korrigiere: Sehr viele Schritte. Sie unternehmen, um an dieser Stelle mal die "Lausitzer Rundschau" zu zitieren, eine "Musikalische Wanderung durch die Musikgeschichte".  

12. Für diese Reise haben Baroness auf "Yellow & Green" das richtig schwere Gitarrengerät daheim gelassen, mit heavy Gepäck erwandert man sich halt keine weit entfernten Ziele.

13. Vermutlich schlagen sie wegen der langen Wege auch ein gemächliches Tempo an.

14. Dafür singen sie beseelt, vielstimmig und kräftig wie die Pfadfinder vom Fähnlein Fieselschweif.

15. Klingt nach Wanderlust? Ja. Aber fast nie nach "Wanderlust". Alte Baroness-Fans lieben den gleichnamigen Hit vom "Red"-Album, der ein urtypisches Beispiel für den wuchtig schreddernden Prog-Sludge-Sound ist,  den alte Baroness-Fans halt so lieben. Äh.

16. Alte Baroness-Fans schreien daher jetzt: "Ausverkauf!"

17. Ich schreie zurück: "Bullshit!"

18. Erstens: Was wäre lukrativer für eine Metal-Band mit einer stetig wachsenden Fanbasis, als sich genauso konservativ zu verhalten wie Metal-Fans nun einmal zumindest in musikalischer Hinsicht oft sind - und folglich das immer selbe Album in Variation aufzunehmen?

19. Zweitens: Aus wem soll denn bitte die Zielgruppe bestehen, an die sich Baroness angeblich ranwanzen?

20. Überlegen wir doch mal.

21. Diese Musik ist kein Metal, obwohl bollernde Nackenbrecher wie die erste Single "Take My Bones Away", treibende Hardrocker wie "Sea Lungs" oder "The Line Between" und überhaupt all das fuzzy riffing and soloing den Eindruck erwecken könnten.

22. Diese Musik ist kein Prog, obwohl die kompositorische Intelligenz sehr hoch ist und sich in all ihren Manifestationen erst völlig offenbaren wird, wenn wir alle längst unter der Erde verfaulen und einzig Kylie "Deponieklasse IV" Minogue noch lebt und so ungesund vor sich hin strahlt wie ein blondgelocktes Fukushima. Hören Sie sich "Cocainium" oder "Psalms Alive" an, die absolut störungsfrei zwischen flockiger Trällerei und milder Ballerei wechseln. Wie das sein kann? Ganz einfach: The Song is King, elegante Virtuosität sein Diener. Der Hörer schnallt zunächst gar nicht, wie ihm gerade geschieht. Es geschieht einfach.

23. Das ist so ähnlich wie mit diesem Satz, der keinen anderen Sinn hat, als zu demonstrieren: Der Leser schnallt zunächst gar nicht, wie ihm gerade geschieht. Es geschieht einfach.

24. Mit dem Unterschied: Diesen Break im Textfluß haben Sie eben selbst bemerkt. Hoffentlich.

25. Wie auch immer, weiter geht's: Diese Musik ist kein klassischer Rock, denn der Penis bleibt hier brav in der Hose, die übrigens genauso wenig wie das Schuhwerk aus Leder ist, jetzt mal rein genre-symbolisch gesprochen. Und wenn es auf diesem Album um Verlangen geht, dann hat das nichts mit dem Jucken zwischen den Beinen zu tun, das Sie spüren, wenn Sie "Doreen, 19, die dralle Diätassistentin aus Dessau von der Drogerie von da drüben" sehen oder "Frank, 22, den feschen Frankfurter aus der Finanzbuchhaltung" (courtesy of Inka Bause). Gemeint ist eine universale, menschliche Sehnsucht. Hä? Ja.

26. Diese Musik ist kein Pop, obwohl der meist mehrstimmige Gesang dicht ist und dominant, obwohl "Eula", "Back Where I Belong" oder "Mtns. (The Crown & Anchor) in den finsteren Winkeln unseres Pop-Universums als Powerballaden tituliert werden und obwohl viele Hooklines so hartnäckig im Ohr hängen bleiben wie der Ruf an Til Schweiger, er sei ein Schauspieler. Aber schon allein das gezielt eingesetzte Gebell des Gesangsduos John Dyer Baizley und Pete Adams zerstreut jeglichen Pop-Verdacht.

27. Diese Musik ist kein Indie, weil keine Briten mitmachen und auch kein stylisch schratiges Sensibelchen mit Wuschelkopf, das sich als Mediendesignstudent von irgendeiner kaschemmigen Bezahl-Fachhochschule in Berlin die elterliche Kohle aus der Tasche ziehen lässt, und dessen Freundin ihn verlasssen hat, weil er die Zutaten für die vegane Tofu-Bolognese zusammen mit seiner heimlich (!) gekauften Bio-Putenbrust in einem einzigen Jute-Beutel in die gemeinsame Altbaubutze in F-Hain transportiert hat und er nun vor lauter Kummer "fragil intime Pop-Splitter" (Deutschlandradio Kultur) raushaucht. Weitere Indizien für Nicht-Indietum: Baroness besitzen und beherrschen Instrumente, sie sind auch mit anderen sozio-ökonomischen Lebenswelten als Doppel-Lehrer-Haushalten vertraut und heißen nicht The Baroness.

28. Diese Musik ist kein heißer Retro-Scheiß, denn obwohl Baroness viele große musikalische Geister vergangener Jahrzehnte durch ihre Melodien spuken lassen, ist ihr Kopf John Dyer Baizley nicht nur hell und wach, sondern vor allem sehr eigenständig beim Durch-die-Wand-wollen.

29. Diese Musik ist kein Emo. Sie fürchtet das Pathos nicht, ihre Dringlichkeit ist ergreifend, aber erwachsen. Daher belächelt sie Weltschmerz und Wehleidigkeit. Billy Corgan, your Job.

30. Diese Musik ist kein Post-Rock, denn, oh my god, was für brillante Momente klassischen Rock-Songwritings sind hier zu erleben. Hier zertrümmert keine postmoderne Abriss-Kolonne mit Seitenscheitel traditionelle Songstrukturen, im Gegenteil: Baroness haben einen Bautrupp musikalisch begabter Doozers entführt, um die Winzlinge im Keller des Tonstudios für die Konstruktion ihrer zierlichen Klangminiaturen zu missbrauchen.

31. Wie? Sie kennen die "Fraggles" nicht?

32. Es ist, was es nicht ist - wir könnten dieses Spiel jetzt ewig weiterspielen. Wäre öde, oder? Gut.

33. Nach all den "Kein"-Punkten dort oben versuche ich es jetzt mal mit einem "ein". Dieses Album ist ein Mensch. Es lebt, es atmet, und von Zeit zu Zeit zeigt es uns eine Facette von sich, von der wir bisher nichts geahnt haben.

34. So geht es uns auch mit unseren liebsten Menschen: Ihren Charakter ganz und gar erfassen zu können, bleibt uns versagt.

35. Okay, das war peinlich. Da ich das Album aber nun schon mal als Mensch bezeichnet habe, ist es jetzt auch egal: Wer sucht einen Freund?

36. "Yellow & Green" könnte einer sein.

37. Wie kann ein Album ein Freund sein? Nun ja, es ist da, wenn du es brauchst. Das ist sehr simpel - und zugleich sehr viel.

38. Als Freund begleitet es dich. Bei seliger Trunkenheit, ob mit oder ohne Alkohol, feiert es mit und befeuert deine gute Laune. Wenn du verreist, kommt es mit als Stückchen Heimat zum Hören, als Vertrauter, mit dem du die Fremde erkunden und deuten kannst.

39. Aber als Freund ist es natürlich auch da, wenn du nicht weißt, wohin mit Trauer, Wut oder Verzweiflung.

40. Es zwingt dich als Freund sogar dazu, dorthin zu gehen, wo Trauer, Wut oder Verzweiflung in deinen kleinen schwarzen Herzenshöhlen hausen, damit du dich ihnen stellst. Das sollte ein Freund ab und an tun. Ganz vertreiben kannst du die kleinen Monster zwar nie, aber so schaffst du es, sie zu bändigen.

41. "Yellow & Green" ist dazu in der Lage, weil die Musik darauf in den kleinen schwarzen Herzenshöhlen eines anderen Menschen geboren wurde. Sie kennt sich dort also aus.

42. "Sea Lung"

I can't breathe
Nor can I see the sun
It's so cold in here
Where did I go so wrong?

All these days
I've sail'd cross these wicked seas
And I have petitioned the deep
For water to keep me clean

When my ship comes in
I'll find a way to breathe again

"Breathe in deep
Let the sea fill your lungs
Its better to brace for death
Than die for a promised land"

"Why so sad?
Your tears are no match for mine
I am eternal sea
And you are a drowning man"

43. Seele. Reden wir mal kurz über die Seele. Und zwar nicht in dem Sinne, wie es Hobby-Satanisten in der Szene tun, die kurz vor der Seepferdchen-Prüfung für Kunstblutschwimmer stehen oder Pentagramm-Pinselkurse für Fortgeschrittene besuchen.

44. Sondern so: This music got soul, man. Sie schleppt Trauer, Wut oder Verzweiflung mit sich wie inoperable Geburtsfehler, aber sie verwandelt diese Gebrechen in eine Aura voller Hoffnung, Zuneigung und Anmut.

45. Philosophen haben dafür einen Begriff: Erhabenheit. Scheißen wir mal auf die definitorischen Unterschiede zwischen Kant, Schiller, Podolski oder Adorno.

46. Das Dunkel in uns verwandle sich in Licht - ist das nicht eine der großen Erzählungen, an die wir alle gerne glauben wollen?

47. "Back Where I Belong"

Say goodnight to your mother
Say a prayer for your father
Wake me when the thunderclouds are rolling in
Take me to a hazy Sunday morning

I heard your eyes and I touched your tongue
When we were kids we
never felt so young
Take me to a hazy Sunday morning

48. Die Lyrics von Baizley sind immer Lyrik, aber nicht immer gelungen.

49. "Sometimes I get lost in metaphors", sagte er mir vor ein paar Tagen und belächelte fast entschuldigend die Ernsthaftigkeit seiner Bemühungen. Grundlos: Wäre "lost in clichés" besser?

50. Gut, genug jetzt davon. Wie wär's mit spöttischem Witz? Versuchen Sie's mit "Little Things". For all you moaning, gnawing and lying bitches out there.

51. Übrigens: Ich hatte so ein großes Album von Mastodon erhofft, sie schienen letztes Jahr reif dafür. Ein weiterer Irrtum - mit 9 Punkten für "The Hunter" lag ich um einen Zähler zu hoch.

52. Damals hatten meine Hoffnungen meine ersten Höreindrücke übertönt. Dieses Mal war es umgekehrt.

53. Feldversuch: Sommerabend auf einer Ostsee-Fähre, Sonnenuntergang über dem Meer. Resultat: Die Musik ist stärker als die Welt da draußen, aber sie schließt sie nicht aus, sondern formt sie. Geht die Sonne unter und unsere Welt mit ihr? Oder macht sie endlich dem prachtvollen Nachthimmel Platz? Hängt davon ab, welcher Song läuft.

54. Weinen und Lachen liegen hier Takt an Takt beieinander, manchmal übereinander.

55. Das "Yellow"-Album gleicht dramaturgisch dem idealen Konzert: ein sachte die Spannung steigerndes Intro, die erste Eruption, dann rauscht eine perfekte Welle aus Crowdpleasern, Heartpleasern und Bodytalkern heran. Schließlich ein kathartisches Finale furioso.

56. Das "Green"-Album fließt bedächtig rauschend vor sich hin. Manchmal plätschert es leider etwas.

57. Die Summe ist mehr als die einzelnen Teile. Fragen Sie Aristoteles, Kante oder Nicole Stegmüller aus Mappach, erste Weltmeisterin im Speedpuzzlen . Will sagen: "Yellow & Green" ist zwar kein Konzeptalbum, aber dennoch ein organisches Wesen, ein Album-Album. Obwohl sich (fast) jeder Song auch allein behaupten kann.

58. Was fehlt? Ein Opus im Opus. So ein Dreizehnminüter, der einen Promillewert von 1,3 auf gefühlte 2,8 hochjagt und ins Delirium führt, noch bevor die letzte Pulle geleert ist.

59. Was ruhig hätte fehlen dürfen? "Twinkler", "Board Up The House", "Collapse".

60. Die stören nicht, bringen aber auch nichts.

61. Nur deutsche Pop-Feuilletonisten, die noch ernsthaft einen Begriff wie "Rockist" für sinnvoll halten, um über Musik zu schreiben, sind von dieser Verpflichtung ausgenommen, denn wer will schon früh Vergreiste zu etwas zwingen? Für alle anderen Menschen gilt: mindestens einmal hören.

62. Selbst das wird nicht dazu führen, dass Baroness bald Stadien füllen.

63. Der erste Grund: John Dyer Baizley. Metaller finden ihn zu smart, zu prätentiös, zu unnahbar. Hipster halten ihn für uncool. Und das geistige Pop-Diskurs-Prekariat ignoriert ihn in der Mehrzahl, weil er weder Dauergast im "NME" ist, noch in Williamsburg wohnt. Einige wenige denken selbst nach und kommen zu dem Schluss, sein Kunstbegriff sei anachronistisch, weil introspektiv.

64. John Dyer Baizley macht also alles richtig.

65. Der zweite Grund: Looks that kill. Baizley wütet bei Konzerten herum wie ein Berserker und wirkt dabei mit seinem Zauselbart wie Kapitän Ahab, der auf der Bühne seinen Moby Dick erlegen will. Deutet man Melvilles Klassiker psychologisch, haut das sogar ungefähr hin.

66. Zweite Gitarre, Zweitgesang: Pete Adams, eine ursympathische, freundliche Southern-Metalsau. Baroness sind from Georgia, doch nur Adams wohnt noch im Süden (Virginia). Man ist sofort versucht, ihm einen Dodge aus den Siebzigern zum Reparieren hinzustellen, wenn Adams einen nicht vorher schon davon überzeugt hätte, erst einmal im örtlichen Diner ein kühles Helles zu schlürfen und mit Thekenkraft Charlene zu flirten, die 57 Jahre alt ist und seit 45 Jahren dort ihren Rücken krümmt.

67. Am Bass: Matt Magioni. Hält sein Arbeitsgerät mit einer distanzierten Noblesse, wie es britische Adlige mit ihren Tennisschlägern getan haben müssen, als Wimbledon vor Urzeiten noch nicht voll mit bloody continentals war.

68. Hinter den Drums: Mr. Allen Blickle, vermutlich ein auf dem Schweizer Elite-Internat Lyceum Alpinum Zuoz zum Gentleman herangereifter Diplomatensproß, der in New York an einem Drumcomputer und allen anderen verfügbaren Instrumenten herumfrickelt, und mit seiner höflichen, etwas verhaltenen und sehr reflektierten Art sowohl optisch als auch geistig besser in ein Off-Theater in Brooklyn zu passen scheint. Bis er beginnt, zu trommeln.

69. Erklärt diese Vielfalt, warum die Musik so grandios ist? Vielleicht.

70. Looks that really kill. Sie mögen Frauen und Meeresgetier? Dann werden Sie die Arbeiten von Baizley lieben, der jahrelang die Malerei des Jugendstil studiert hat. Heute, wenn ein neues (Cover-)Artwork her muss, setzt er sich in das nächst gelegene "Nordsee"-Restaurant, schlägt die aktuelle Ausgabe von "Playmates Of The Year" auf und macht sich ans Werk. Ziemlich groß.

71. Nur spaßeshalber ein paar Referenzen: Fleetwood Mac, King Crimson, Radiohead, Deep Purple, Pink Floyd, Neurosis, Albert Camus, The Melvins, Sonic Youth, Portishead. And most things metal, of course.

72. Die Wandlungen des Zeitgeistes sind so zuverlässig vorhersagbar wie die Wahlergebnisse der FDP. Daher male ich nur das düsterste Szenario aus: In rund 30 Jahren werden Nerds dieses Album als forgotten treasure wiederentdecken.

73. Baroness definieren kein neues Genre, sie bilden ein Genre für sich. Wobei das natürlich für nichts bürgt. Sollte nur gesagt sein.

74. Ich verweigere die Höchstnote wegen der genannten Schwächen.

75. Und hoffe auf die zehn für Nummer vier.

(Gesamtwertung: 9,5) Thorsten Dörting

Nachtmystium - Fein, lecker Blutklumpen!


Nachtmystium - "Silencing Machine"
(Century Media, erscheint am 27. Juli)

Du sollst nicht lügen, und ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich mir mein erstes Nachtmystium-Album "Assassins - Black Meddle Part I" gleich an Ort und Stelle in Chicago kaufte. Nachdem ich enttäuscht feststellen musste, dass Illinois' berühmtester Burger-Betrieb wegen Umbauarbeiten geschlossen war, ging ich die dunklen Gassen einer ganz miesen Gegend auf und ab und stieß kurz vor Mitternacht auf einen ebenso dunklen Plattenladen. Schon als ich eintrat, sah ich, dass der 2,06 Meter große, bärtige und unsagbar stämmige Mann im Rotting-Christ-T-Shirt nur noch ein Auge hatte, mich aus dem anderen, toten Auge aber anstarrte wie Wilfried Hannes. Verdächtig waren dem baumstarken Kauz nicht nur meine Hornbrille, sondern auch die Tatsache, dass ich seine Absurd- und Graveland-Bootlegs partout nicht kaufen wollte.

"Nachtmystium", brummte der Ladenbesitzer, der mir ungefähr so sympathisch war wie Thomas Müller, "are striving for mainstream success, I have no respect for them." Die CD verkaufte er mir trotzdem, denn nachdem "Black Meddle Part I" gerade wieder irgendeinen Kritikerpoll einer Zeitungsbeilage gewonnen hatte, kam wohl fast jede Woche irgendein Eierkopf vorbei und fragte danach. Das großartige"Addicts: Black Meddle Part II" wurde dann sicher nur noch im Wal Mart verkauft: Der Classic-Rock-Song "Nightfall" war untrue wie Hölle, auf Nachtmystium-Konzerten kam man mit dem Zählen der frischgewaschenen Belle-And-Sebastian-Kutten jetzt kaum noch nach.

Nachtmystium: Mainstream-Müll?

Nachtmystium: Mainstream-Müll?

Foto: Century Media Records

Umso schöner, dass aus "Silencing Machine" ein widerwärtiges, dreckverschmiertes, hundsgemeines Black-Metal-Album geworden ist: "Dawn Over The Ruins Of Jerusalem" (was für ein Song!), "The Lepers Of Destitution" (was für ein Song!), "Borrowed Hope And Broken Dreams", "I Wait In Hell", "Reduced To Ashes", "Give Me The Grave" - doch, da kommt Freude auf. Fiesester Blutklumpen: Das siebeneinhalbminütige, wie so oft massivst vom norwegischen Projekt §$!#?% (sage nicht ich, sagt die politisch völlig unverdächtige Band selbst in beinahe jedem Interview) beeinflusste "These Rooms In Which We Weep". Ein Einsamkeits- und Kälteerlebnis der besonders abscheulichen Art. (Gesamtwertung: 8,5) Jan Wigger

Anspruch: Alte, grabeskalte §$!#?%, alte Darkthrone und mittelalte Celtic Frost zu keiner Zeit so klingen lassen, als würde hier irgendetwas kopiert werden. Oder auch: "Wartet, bis ihr das hier hört, ihr Ärsche!" (Nachtmystium-Giftspritze Blake Judd) (8,5)

Artwork: Erinnern sie sich noch an das Cover der Protector-Platte "Golem"? Ungefähr so, nur ohne, dass man lachen muss. (7,5)

Aussehen: Wie der Texas-Hold'em-Stammtisch in Natchitoches, Louisiana. (9)

Aussagen: "Ich bin gegen Rassenmischung, aber gleichzeitig kein Rassist. Ich habe schwarze Freunde und hasse außerdem alle Menschen gleichermaßen!". Oh, fuck, das war ja gar kein Zitat von Nachtmystium, sondern eines von Carpathian Forests Nattefrost! Aber sie hatten den empörten Leserbrief an SPIEGEL ONLINE schon fertig aufgesetzt, oder? Tja, tough luck. (7,5) Jan Wigger

Manowar - Flieg, Eintagsadler, flieg!

Manowar - "The Lord Of Steel"
(Magic Circle Entertainment, als Download erhältlich, CD erscheint am 7. September)

War ja damals, Anno 2007, echt 'ne crazy Aktion von Manowar: Ein Konzeptalbum sollte "Gods Of War" sein, irgendwas über - Wahnsinnsidee! - nordische Mythologie. Ich glaube, so mancher devote Warrior hat sich wundgeweint vor lauter Rührung, als er die 16, nun ja, "Songs" hörte. Weniger sensible Menschen sahen Odin, Loki (nein, nicht Schmidt), den alten Klepper Sleipnir, Garagen-Thor und - ich denke, den kann man ruhig dazuzählen - Hägar den Schrecklichen jedoch in erster Linie als tradierte Teile eines typischen Genrepuzzles und erkannten intellektuell geschult einen unglaublichen Überbau von Marxschen Ausmaßen, denn das wahre, gar revolutionäre Konzept von Joey DeMaio, mit dem er seinen AdjutantInnen Eric und Katja im Vorfeld der Aufnahmen eines Morgens nach 'nem natürlich knüppelharten Frühstücksei überraschend gekommen war, lautete ganz anders.

Und er erklärte es höchstwahrscheinlich folgendermaßen: "Männer von Flake, wir sind so geil drauf und unsere Fans sowieso, ich habe mir da was ausgedacht. Wir ziehen das jetzt durch und versagen auf "Gods Of War" einfach mal AUF GANZER LINIE, denn das haben vor uns nur wenige Bands gewagt! Keine hörenswerte Stelle, keine Kompromisse, kein anderes Bier! Wobei: Das Letzte könnt ihr streichen. Ich knall mir natürlich auch weiterhin gerne Karlskrone-, Grafenwalder- und Paderborner-Dosen vor den Kopp, wenn ich auf der Bühne den Hampelmann mache, denn mit billig - jetzt muss ich aber selber lachen, hahaha! - kenne ich mich ja bestens aus."

Manowar: Und was sagt Winifred dazu?

Manowar: Und was sagt Winifred dazu?

Foto: Guido Karp/ Magic Circle Music

Fast eine halbe Dekade ist seitdem vergangen, im Haus Wahnfried herrschte wohl Monate, wenn nicht Jahre Hochbetrieb, und die Muse hat den in der Regel halbnackten bis nackten Bassspieler, den man gerne mal an einem mecklenburg-vorpommerischen FKK-Strand zwischen Truppen von gut gelaunten ostdeutschen Rentnern ein Nogger Choc schlecken sehen würde, für "The Lord Of Steel" angeblich noch mal so leidenschaftlich geküsst, wie es zuletzt höchstens Doreen aus Degerloch backstage in der Gemeinschaftsdusche der Böblinger Sporthalle tat, und das war nicht nur 1992, sondern auch untenrum. Jedenfalls, wir wollen hier nicht abschweifen, ist von dem muskelbepackten Vier-Saiten-Giganten folgendes neues Zitat im Umlauf, es wird sogar im offiziellen CD-Info der Promoagentur verbreitet, kein Quatsch jetzt: "Wir haben unser Studio erneut komplett überarbeitet, um unseren Fans die bestmöglichen Tracks zu geben. Dieses Album wird definitiv eure Lautsprecher sprengen!" "Jaaahaaa", denkt man sich, als "The Lord Of Steel" - nein, KEIN Konzeptalbum! - dann schließlich zum ersten Mal durch die Speaker pröttelt, "wenn man da im sogenannten Studio mal nicht ein paar Anschlüsse vertauscht hat".

Oder ist dieser Sound am Ende tatsächlich Absicht? Diese Drums, sollen die wirklich so dermaßen tot tönen, als wären sie von Donnie Hamzik schon kurz nach der Veröffentlichung von "Battle Hymns" standrechtlich erschossen worden? Und vor allem dieser Bass, der klingt wie eine Mischung aus Clawfinger-Gitarren von 1993 und Rotterdam Terror Corps auf Acid - kann der ernst gemeint sein? Man wird all das wahrscheinlich nie erfahren, Antworten dürfte uns Joey wohl schuldig bleiben. Aber wir konstatieren hier trotzdem letzten Endes mit einem zumindest ansatzweise lächelnden Auge: Im Vergleich zum Vorgänger enthält "The Lord Of Steel" die besseren Songs - trotz repetitivster Aufbauten, trotz eines Eric Adams, der gesanglich nur noch 50 Prozent bringen kann oder will oder darf, trotz dreistester Klauereien im eigenen Backkatalog, trotz einer Ideenarmut, die meist in völlig sinnlosen Fade-outs (!) mündet, und trotz erbärmlichster Texte, die noch mal fast alles unterbieten, was man von dieser Band kennt. Denn eines ist in der Tat so, man kann es drehen und wenden, wie man will: Beim Titeltrack, dem knackig-eingängigen "Touch The Sky", dem bereits vorab bekannten "El Gringo" ("The Triumph Of Steel" light) und der pathetischen Powerballade "Righteous Glory" hat man zumindest manchmal, warum auch immer, ein paar wenige Sekunden lang noch mal dieses tolle alte Manowar-Gefühl, das einen in den achtziger Jahren zum Über-Fan werden ließ und das diese Truppe so einzigartig machte. Das mag vielleicht nicht viel sein, schon gar nicht mit dieser Vita, aber es ist immerhin etwas. (Gesamtwertung: 6) Boris Kaiser

Anspruch: Den Soundtrack für neue Filme von Eduardo Rodriguez ("El Gringo" - erledigt), Sylvester Stallone ("Expendable" - erledigt) und Julie Delpy (anscheinend noch in Arbeit) abliefern. (7)

Artwork: Erst mal Download, ne? Obwohl: In England kann man ja schon die "Hammer Edition" inklusive Fan-Magazin erwerben, aber die ist eher mal so semi Hammer, denn der dort zu sehende, ähem, Hammer geht zwar natürlich als Wink zurück gen - exakt! - "Sign Of The Hammer" durch, aber mich erinnert er doch eher an geairbrushte Kirmesbudenverzierungen respektive geairbrushte Opel-Motorhauben respektive Wiggers geheimes Tattoo (nicht geairbrusht), das außer dem Verfasser dieser Zeilen noch nie ein Mensch zu Gesicht bekommen hat. (Es ist ein Delphin, der durch ein Pentagramm springt.) Summa summarum: Hammer nicht gebraucht. (1,5)

Aussehen: Bitte googeln Sie "Teenage Mutant Ninja Turtles". (8,5)

Aussagen: "For the glory of battle I will fight until I die/ Better one day as an eagle than a lifetime as a fly". Klar, der berühmt-berüchtigte Eintagsadler. Kennt man und kommt man meistens ja auch locker drauf klar. (7) Boris Kaiser

Arstidir Lifsins - So wie Björk, bloß viel älter und böser

Arstidir Lifsins - "Vapna Leakjar Eldr"
(Ván Records/ Soulfood, bereits erschienen)

Arstidir Lifsins, ein Name, den man sich merken muss (auch wenn man ihn sich nicht merken kann). Griffige Albumtitel wie "Jötunheima Dolgferd" sind nur ein Alleinstellungsmerkmal dieser wunderbar klandestinen Versuchsanordnung aus isländischen und deutschen Künstlern, die Gründungsschwein Stefán (den Nachnamen bitte selbst googeln) 2008 ins Leben rief. Der gute Sven Dinninghoff von Ván Records schickte mir unaufgefordert nicht nur die normale Ausgabe von "Vapna Leakjar Eldr", sondern auch das "Exclusive Artbook" (auf Isländisch und Englisch). Ich verstand kein Wort und schaute mir daher die gar nicht mal so bunten Bilder an: Viele Tote, Schilder und Schwerte, Trinkhörner, düstere Kreidezeichnungen, die brennende Schiffe, fahle Moore und kahle Wälder zeigten.

Ich war besorgt, denn alles wies darauf hin, dass sich ein Arstidir-Lifsins-Interview ungefähr so lesen würde: "Ich spürte einen starken Trieb, der von hinter dem Kosmos aus den Sphären der drei Nornen in Asgard kam. Diesem Trieb und dem dunklen Licht dahinter folge ich nun seit über vier Jahren. Meine Werkzeuge sind die Qliphoth-Kabbala, guatemaltekische Heilkunde, hinduistische Tantren, das Schlachten von Wühlmäusen, mesoamerikanische Osteopathie, das Album "Tarot" von Juliane Werding, nepalesische Küche, okkultes Crack-Rauchen, der Geist der Auflehnung, der Sündenfall, Caramel Chew Chew von Ben & Jerry's, Asgeir Sigurvinsson, die Tore zur Unrealität, die akausalen Feuer des Athanor, das anthropomorphe Denken, der himmlische Urmensch Adam Quadmon, das deuterokanonische Buch Jesus Sirach 4,16 und Penne al Arrabiata. Verstanden?".

Arstidir Lifsins: Jetzt aber mal ein bisschen Juliane Werding!

Arstidir Lifsins: Jetzt aber mal ein bisschen Juliane Werding!

Foto: van records

Mir blieb nichts anderes übrig, als das wunderschöne und perfekt gebundene schwarze Buch an eine Nachbarin mit Abitur zu verschenken und mir die Musik auf eine schnöde CD-R zu ziehen. Ich hörte das Rauschen der Bucht am sumpfigen Tal, robusten, windumtosten Black Metal, In The Woods, Ulver und den Ambient-Folk der kriegerischen Kaste. Ich sah die Westfjorde und das isländische Mittelalter, und eine Zwischenwelt, in der es kein "wahr" oder "falsch", kein "gut" oder "böse" mehr gibt. "Der perfekte Soundtrack für die nächste Islandreise" ("TV Hören und Sehen"). (Gesamtwertung: 8) Jan Wigger

Anspruch: "Njoror, Porr and Freyr. You shall help! Njoror, Porr and Freyr. Give this family a brighter future. Njoror, Porr and Freyr, keep Loptr away from us. Let his Ormstunga never speak again into angry and false ears! Let his tongue be cut out, let him suck poisoned blood eternally." (8,5)

Artwork: Aufwändige Fibel, die den nach 1500 geborenen Schandmaul-Fan darüber aufklären soll, dass damals bei weitem nicht alles gut war. Ungut zum Beispiel: Lepra, Pest, Skorbut, Pocken, Syphilis. (9)

Aussehen: Ich habe nicht die geringste Ahnung. Gab ja auch noch keine Fotoapparate zu der Zeit. (5)

Aussagen: "Sometimes, justice has to be gained by hand, even if wise men believe to know how a fair life without injustice is given to every free men." (10) Jan Wigger

Alle bisherigen "Amtlich"-Kolumnen finden Sie hier. Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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