Amtlich Boah, Alter - endlich wieder!

Eine neue Frise ist wie ein neues Leben - Selim Lemouchi (li.), jetzt mit Kurzhaar.
Jérôme Siegelaer

Eine neue Frise ist wie ein neues Leben - Selim Lemouchi (li.), jetzt mit Kurzhaar.

Von Boris Kaiser und


Liebe "Amtlich"-Freunde und -Hasser, einer der letzten aufrechten Satanisten ist ja bereits im Dezember zurückgekehrt: Selim Lemouchi, der ehemalige künstlerische Leiter der dahingeschiedenen The Devil's Blood. Und wir haben's jetzt endlich auch wieder unter die Lebenden geschafft.

Der eine "Amtlich"-Autor siechte monatelang dahin (mit Attest), der andere ist jetzt Co-Chef beim "Rock Hard" - zu diesem Umstand ggfls. künftig ein paar Worte mehr. Doch zunächst, quasi zum Geleit ins Wochenende, die längst überfällige Rezension von "Earth Air Spirit Water Fire". Kommende Woche geht's weiter.

Bis denne!

Selim Lemouchi & His Enemies - "Earth Air Spirit Water Fire"
(Ván Records, bereits erschienen)

Man muss The Devil's Blood, die vor einem Jahr aufgelösten niederländischen "Okkult-Rocker", und ihre Veröffentlichungen (drei LPs, diverse Singles und EPs) nicht für unantastbar halten, für das Beste, das der Szene seit Ewigkeiten passiert ist. Aber man darf auch als "kritischer Beobachter" (der ich nicht bin) eines nicht unterschlagen: die fordernde Tiefe.

Kein anderer Act hat in den letzten Jahren durch seinen Weltenhass, seine Todessehnsucht und die völlige Negierung gängiger Werte größere Abscheu provoziert und - man kann das so sagen - Angst verbreitet. Was bei The Devil's Blood stets mitschwang, war eine latente, oberflächlich unangenehme Aggressivität, die sich sowohl nach innen als auch nach außen richtete; ständig hatte man das Gefühl, die Band steht kurz vor Implosion oder Explosion, jedenfalls stets nach dem Motto: Gleich passiert was. "Earth Air Spirit Water Fire", das erste Soloalbum von The-Devil's-Blood-Kopf Selim Lemouchi, verzichtet nun weitgehend auf das Gewalttätige, die EP "Mens Animus Corpus" hatte diese Entwicklung bereits vorweggenommen (ein Audio-Stream des kompletten Albums findet sich am Ende dieses Artikels).

Noch mehr Psychedelic Rock, man sieht's auf diesem Foto.
Jérôme Siegelaer

Noch mehr Psychedelic Rock, man sieht's auf diesem Foto.

Man hat beim Hören eher ein Gefühl des "Danach" - so, als wäre die Schlacht geschlagen und der Blick richtete sich auf die Trümmer, auf ein Leben in Flammen, auf einen neuen Status quo, den man zur Kenntnis nehmen darf, aber keineswegs bedauern muss. Anders ausgedrückt: Die Black-Metal-Atmosphäre von The Devil's Blood findet sich nur noch in Spuren, der krude inhaltliche Mix aus Metaphysik und antikosmischem Satanismus, aus Antimaterie und handelsüblicher (Eso-)Philosophie erlangt seine Charakterstärke durch eine NOCH deutlichere Hinwendung zum Psychedelic Rock der späten Sechziger und frühen Siebziger. Der Einfluss Pink Floyds ist unüberhörbar, der Geist Syd Barretts allgegenwärtig. Die fünf Tracks "Chiaroscuro", "Next Stop, Universe B.", "The Ghost of Valentine", "The Deep Dark Waters" und "Molasses" bringen es zusammen auf über 43 Minuten Spielzeit. Kaum einen Ton sollte man aus dem Zusammenhang reißen, die Gebilde sind fragil, sie brauchen Zeit und vertrauen auf Stärken außerhalb herkömmlichen Songwritings im Pop-Sinne. Das alles werden sehr viele Konsumenten als langweilige Berieselung empfinden, geschulte Hörer aber widersprechen. Lemouchi hat seine Mission erfüllt: "Earth Air Spirit Water Fire" ist größer als die Summe seiner Teile. (Gesamtwertung: 8) Boris Kaiser

Anspruch: Alles eine Frage der Perspektive. Und der richtigen Drogen. (8,5)

Artwork: Pentagon statt Pentagramm. (9)

Aussehen: Ein neuer Lebensabschnitt, schon sind die Haare ab. (7,5)

Aussagen: "Die Musik ist die beste Gottesgabe - und dem Satan sehr verhasst." (Martin Luther) Dass wir nicht lachen. (6,67) Boris Kaiser

Um das Album zu hören: auf den Kasten klicken! Oder hier auf diesen Link.



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3 Leserkommentare
skal666 25.01.2014
dillweed 25.01.2014
war:head 26.01.2014

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