Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Sagen wir's so: ein großer Monat. In der September-Ausgabe der Metal-Kolumne "Amtlich" freut sich Jan Wigger auf fliegende Schweine bei Opeth und über Roberto Blanco bei Anthrax. Thorsten Dörting verreist mit Dream Theater und Arch/Matheos - und lobt die Heuschrecken von Machine Head.


Anthrax - "Worship Music"
(Nuclear Blast, 16. September)

(leider ohne Songprobe)

(leider ohne Songprobe)

Irgendwann vor ein paar Monaten hatte ich genug: Ich wollte nicht mehr wissen, wer gerade wieder bei Anthrax singt, wessen Bänder gelöscht wurden, wer am Dienstag rausgeworfen und am Freitag zurückgeholt wurde.

Dann aber kündigte sich "Worship Music" an, und trotz meiner Angst vor der Wahrheit schrieb ich eine Mail an den allwissenden Großarchivar Boris "The Grind" Kaiser: "Wer ist denn gerade neuer Anthrax-Sänger, Boris?" Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: "Roberto Blanco. Er hat Blut geleckt." All die Warnungen, die Onkel Tom Angelripper via Skype an Scott Ian richtete ("Nehmt bloß nicht den Blanco, der Mann ist gemeingefährlich, der scheißt auf ALLES!"), hatten sich also als nutzlos erwiesen: Nach nur einem Treffen in New York, vor dem Blanco seine Alltime-Top-Five bei der Band einreichen musste (Platz 1: S.O.D. - Speak English Or Die, Platz 2: Sacred Reich - Surf Nicaragua EP, Platz 3: Dark Angel - Time Does Not Heal, Platz 4: Asphyx - The Rack, Platz 5: Harry Belafonte - Belafonte At Carnegie Hall), bestätigten CNN und BBC World den Wechsel am Anthrax-Mikrophon: Sir Pommes (Randalica), Nietenpapst Fred Otto (Random) und Jeff Scott Sotos unehelicher Sohn, der zu jeder Bandprobe aus dem Königreich Jemen anreisen musste, hatten ausgedient, Blanco war on board!

Und verdammte Hacke, schon "Earth On Hell" ist ein Schlag in die Fresse all jener Nörgler, denen "Sound Of White Noise" zu modernistisch und "We've Come For You All" zu sehr Selbstzitat waren: "Coming to kick you to sleep / The damage inflicted is gonna be deep / Cheering for your own demise / Starting tonight, people will die!" bellt Blanco wie ein kaukasischer Ovtscharka aus der Bay Area, während Charlie Benantes Drumming dir die Hirndecke wegtrümmert. Auch "The Giant" und "Judas Priest" sind Dampframmen allererster Thrash-Güte und vielleicht hat Blanco, der mit Chuck Berry und Eddie Cochran aufwuchs, bevor er sich langsam zu Madball, Minor Threat und Exodus vorarbeitete, ja diese Art von natürlicher Autorität, die es braucht, um neben einem alpha male wie Scott Ian zu bestehen. Bester Song auf "Worship Music": Das bittere "In The End", in dem Anthrax Ronnie James Dio und Dimebag Darrell gedenken: "Did we tell you that you were the one paving our way? / The damage is done." Sad but true. (Gesamtwertung: 7) Jan Wigger

Anspruch: Der Welt einen Sänger präsentieren, der so jung, frisch, unverbraucht, infektiös und bedrohlich ist wie Joey Belladonna im Jahr 1985. Von sämtlichen "Black Metal"-Witzen bitten wir abzusehen. (8,5)

Artwork: Man bekommt ja kaum noch Artwork, aber auf Amazon sind eine Menge goldgelb gebratener, totenkopfgesichtiger Mumien-Monster zu sehen, die sich um ein Anthrax-Pentagramm scharen. Immerhin. (6,5)

Aussehen: Soso, Blanco ist also zu uncool für die Promo-Fotos zur neuen Platte, ja? Ihr Penner und Ungläubigen: Roberto Blanco doesn't give a flying fuck about anyone or anything! Als du noch in die Windel geschissen hast, hatte er schon die erste Cro-Mags auf Picture Vinyl. (9)

Aussagen: "Roberto Blanco ist der beste Sänger, den Anthrax jemals hatten!" (Scott Ian) (10) Jan Wigger

Arch/Matheos - "Sympathetic Resonance"
(Metal Blade, 9. September)

Dream Theater - "A Dramatic Turn Of Events"
(Roadrunner, 9. September)

Der SPIEGEL-Verlag bürgt für Qualitätsjournalismus. Und so war es selbstverständlich, dass mir mein Chefredakteur - wenn auch mit säuerlichem Lächeln - drei Tage Sonderurlaub samt Spesen gewährte, damit ich in Klausur gehen und mich in Ruhe zwei Alben widmen konnte, von denen jedes für sich allein schon drei Tage intensives Hör-Studium gerechtfertigt hätte. Doch selbst beim Sturmgeschütz der Demokratie wird dieser Tage geknausert, nun ja.

Ich beschloss, dem Sog Poseidons zu folgen, flog also nach Progrockistan, eine winzige georgische Enklave am Schwarzen Meer, eine Mini-Monarchie, in der der Geist eines scharlachroten Königs durch antike Ruinen weht, Pompeji live, irgendwie. Die Wellen branden hier mit asynkopischen Schlägen ans Ufer, und nachts wirft die dunkle Seite des Mondes ein fahles Licht auf noch fahlere Einheimische, die Arm im Arm mit bauchigen Geliebten namens Gretsch 6120 oder Gibson ES-335 im Sand liegen und verträumt den Nachthimmel bekuhäugen.

Der Aufenthalt begann mit einer Tour durch den Rotlichtbezirk der Hauptstadt. In einer Strip-Bar zeigte ein heißes Modell mit Namen Les Paul ungeniert ihre geilen Rundungen und in den Dark Rooms streichelten die Gäste fiebrig erregt über fremde Trommelfelle. Von all dem heavy petting erschöpft, zog ich mich ins Hotel zurück, um fit zu sein für den großen Showdown, der in den schools of rock dieser Welt seit Monaten für Massen-Erektionen sorgte: Die Gang um John "the Throat" Arch und Jim "the Axe" Matheos wollte gegen den Dream-Theater-Clan (ohne den entmachteten Schießbuden-Paten Mike Portnoy) antreten, um zu klären, wem die Herrschaft über dieses bizarre Ländchen zusteht.

Das Duell wogte hin und her, es war an technischer Raffinesse kaum zu überbieten, gefochten wurde mit filigranen Mitteln, die Streitaxt packte bestenfalls mal die alte Fates-Warning-Bande um die Gottväter Arch/Matheos ("Awaken The Guardian", yes!) aus, DT suchten ihr Heil im großflächigen Einsatz von Tasten-Waffen. So weit, so weit erwartbar - und leider manchmal sogar ein bisschen öde.

Ein großes Missverständnis des Rock-Journalismus besteht ja darin, allein aus Respekt vor den instrumentellen Fähigkeiten der Musiker ein Album gut zu bewerten, ganz so, als würde aus einem miesen Song ein guter, nur weil die Jungs (Prog machen und mögen immer nur Jungs, immer!!!) schick mit und auf ihren Instrumenten herummachen können. Aber, Freunde der Sonne: Welcher Fan des FC Barcelona würde nach einem Null-zu-Vier-Debakel gegen Real sein Team mit den Worten loben: "Technisch toll gespielt!"?

Ganz so schlimm isses hier natürlich nicht. Dream Theater verreisen gleich mit dem Opener "On The Back Of Angels" in Sphären, die sie zuletzt vor einer gefühlten Dekade durchquert haben; Song-Schicht für Song-Schicht reißt vor dem inneren Auge auf, der Amboss vibriert vor Glück und der Jazzer in uns schmeißt eine Runde feurigen Sambuca, bitte mit drei Kaffeebohnen. Aber hier und da hakelt es halt doch kräftig - und zwar schon bei Song zwo. "Build Me Up, Break Me Down" watet ziellos durch kitschverseuchte Keyboardsümpfe und nervt mit einem Refrain von der AOR-Stange, Journey hätten den nie eingespielt. Und ja, alles in allem schmachtet's auf dem Album eine Spur zu sehr, können wir jetzt bitte mal alle Streicherkulissen in der Rock-Operetten-Requisite verstauben lassen, wir schreiben das Jahr 2011?

Arch/Matheos (samt Band) machen ihre Sache entschieden besser. Das melancholische "Midnight Serenade" ("melancholisch" heißt hier: echte Gefühle müssen hart erarbeitet werden, das ist wie beim Psychotherapeuten) eröffnet das Album nach dem hübschen Häppchenstückchen "Neurotically Wired" erst so richtig. Gleich darauf folgt das brilliante "Staind Glass Sky"; ein komplexer, düsterer und befriedigender Trip ins Nirgend- und Irgendwo. Und über allen Songs thront Sänger John Arch wie ein grübelnder, misanthropischer Regent aus einem Shakespeare-Drama, der sich nie entscheiden kann, ob er mit vergifteten, der Melodieführung widerstrebenden Einlagen seinem Volk alle Erlösungsmomente vorenthalten will, weil er selbst jeglichem Glücksgefühl misstraut, der dann aber doch stets vor sich selbst Gnade findet und mit seinem Organ wundersame Klangbauten errichtet. Träufeln Sie mal beim nächsten Strandurlaub nassen Sand zu einem Gebäude hoch, dann wissen Sie, was ich meine. (Gesamtwertung: 9 für Arch/Matheos, 7,5 für Dream Theater) Thorsten Dörting

Anspruch: Ein Minimum von sechs BFPM (Broken fingers per minute) erreichen und dem alten Musikschullehrer endlich beweisen, dass Metaller ebenso gut fingern können wie Glenn Gould. (8,5)

Artwork: Ein Einradfahrer balanciert auf einem rissigen Seil über einer Wolkendecke, die unter ihm gerade von einem Flugzeug mit Dream-Theater-Logo durchstoßen wird. Reißt der Strick, und der Radler knallt auf den Flieger, ist das - wie der Albumtitel verspricht! - in der Tat mal ein "Dramatic Turn Of Events". Anders gesagt: Was soll die Kacke? (6 Punkte) Arch/Matheos halten sich dagegen an die existentialistische Interpretation der berühmten Textzeile aus Rammsteins Band-Song: "Ein Mensch brennt." Ungeachtet jeglicher Flugshow-Unglücks-Pornografie sind Fluch und Segen der human condition damit ziemlich gut umrissen. (8)

Aussehen: Die zwei Typen aus dem Getränkehandel um die Ecke (Arch/Matheos, 6 Punkte) stinken schon allein bartmäßig gegen Dream Theaters Chef-Musketier James LaBrie alias Aramis ab. Und aus welcher osteuropäischen Steroid-Küche hat Mit-Muskeltier Petrucci bitte seinen Bizeps? (8)

Aussage: Irgendwas, was irgendwie wichtig und kompliziert klingt. Siehe auch: Artwork. Oder schauen Sie sich Darren Aronofskys Film "The Fountain" an. Ach nee, lassen Sie's lieber. (6,5) Thorsten Dörting

Opeth - "Heritage"
(Roadrunner, 16. September)

Erst kürzlich wieder wurde der vollkommen normale Musikgeschmack des Opeth-Fronthobbits Mikael Åkerfeldt in einer sehr guten Zeitschrift (deren Namen wir an dieser Stelle auf gar keinen Fall nennen werden!) als "eigenwillig" bezeichnet.

Åkerfeldt mag Judas Priest und Joni Mitchell, Stevie Wonder und Bathory, Scott Walker und Iron Maiden, Abba und Miles Davis, no biggie also und wen kümmert's, aber tja, vielleicht ist der Unterschied zu Tankard-Gerres Playlist der Kalenderwoche 35 in diesem Falle ja doch so groß wie "Stained Class" und der gemeine Metal-Hörer vielleicht doch so verbohrt wie eine von mir frei erfundene Kleinanzeige im "Rock It!" ("Bin musiktechnisch sehr aufgeschlossen und höre alles querbeet, von Sabaton bis Amorphis, von Amon Amarth bis Edguy, in ruhigen oder romantischen Stunden auch mal Depeche Mode, Euer Metal-Andi (36) aus Unterrreichenbach") erahnen lässt?

Jede Wette: Mehr als 17 deutschsprachige Opeth-Fans werden nicht herausfinden, dass es sich beim Cover von "Heritage" um eine ziemlich schamlose Kopie des Moody-Blues-Gemäldes auf "In Search Of The Lost Chord" handelt (auch wenn Åkerfeldt zuletzt irgendwas von Hieronymus Bosch und "Yellow Submarine" faselte, um sich rauszureden). Andererseits mag man Opeth, die allerspätestens seit "Watershed" in einer eigenen Neo-Prog-Krautrock-Psychedelia-Liga zocken, keinesfalls vorwerfen, wieviel sie wissen und wie viele Freunde sie bereits in schwedischen Grundschulen verloren haben, weil sie die endlosen "Das schwarze Auge"-Sitzungen unbedingt mit ihrer Weirdo-Musik von Moondog oder Steve Reich untermalen wollten.

"Heritage" ist einerseits großartig, andererseits genau so, wie man es erwarten durfte: Noch mehr Seventies-Wahn, Keyboards wie kaltes, klares Wasser, viel Geraune und Geraschel und Geflöte, free-jazzige, ELP-artige freak-outs und ein Gesang, der noch im langsamen, endgültigen Davongleiten sagen will: "Gehabt euch wohl, ihr Metal-Typen, ich mach' Schluss, ich bin raus, ich lasse euch jetzt mit euren Korpiklaani-Platten, euren Methörnern, eurer Freundin, die Unheilig hört und Kinder will und euren mies bezahlten Scheißjobs im 'Autohaus Sindelfingen' und bei 'Schweinske Hannover' allein. Peace out!".

Zwei Fragen noch: Womit hat diese Welt so geniale Songs wie "Nepenthe" und "Haxprocess" verdient? Und wird es live - wenn man schon so gar nicht mehr abschädeln kann zu dieser unzeitgemäßen, verwunschenen, karmesinrot leuchtenden Sehnsuchtsmusik - wenigstens fliegende Schweine zu sehen geben? "Take the road where devils speak / 'God is dead'" Das hat mir ein Laubbaum erzählt. (Gesamtwertung: 8,5) Jan Wigger

Anspruch: Frühe Genesis, frühe Jethro Tull, mittlere Dead Can Dance (doch, doch), mittlere Camel und späte Caravan mit Walther von der Vogelweide, Baumhäusern und schwedischen Zwölf-Tage-Bärten mischen. (9)

Artwork: Geklaut. (5)

Aussehen: Die außerparlamentarische Opposition des wild wuchernden Neo-Progs. Fragt nicht, was Opeth für euch tun können - fragt, was ihr für Opeth tun könnt! (9)

Aussagen: Gott ist tot. Schon wieder?!?! (7) Jan Wigger

Machine Head - "Unto The Locust"
(Roadrunner, 23. September)

Das Leben erteilt selbst frühmittelalten Kulturjournalisten mit berufsbedingtem Hang zum Zynismus noch Lektionen, die so rein sind und so wahr, dass sie zwingend an kommende Generationen weitergereicht werden müssen. Sollte der Autor dieser Zeilen also mal Papa oder so etwas ähnliches werden, er wird in einer rührseligen Vater-Sohn-Ballade (singen Sie bitte: "Find a girl/ settle down") seinem Filius folgende Weisheit mit auf den Weg geben: Am rechten Oberarm tätowierte Frauen mit schwarzen langen Haaren, die Herzen auf Opeth-Rezensions-CDs malen und aussehen, als hätten sie direkt nach einem Model-Shooting den "Planet Terror" eigenhändig mit einer Kreissäge von einer Zombieplage gesäubert, haben recht - und zwar immer (singen Sie bitte: "Grinder girl/ takes you down").

Das ist, zugegeben, eine Leitlinie, die nur in ausgesuchten Lebenslagen Anwendung finden dürfte. Aber sie ist allemal gültiger als der Spruch "Only The Good Die Young", denn Lemmy zum Beispiel lebt ja noch, zack, widerlegt. Und überhaupt: Wer traut schon Sätzen, die Billy Joel mal gesungen hat? Robert Flynn sicher nicht, zumal der Mastermind von Machine Head selbst ein Gegenbeweis der Joelschen These ist. Und das, obwohl er jahrelang nebenberuflich als Rauschmitteleinlagerer für die Drug Enforcement Agency tätig war, was gleich nach Abtreibungsarzt und Patient zu den gefährlichsten Jobs im Gesundheitssystem der USA zählt. In den Neunzigern etwa hatte the head of the Head eine Sonderladung Diacetylmorphin zu entsorgen und hätte beinahe seinen Lebensdienst quittiert, "Goldener Schuss" nennen das wir Lesekinder vom Bahnhof Zoo, wir erwähnten den Zynismus frühmittelalter Kulturjournalisten, Jahrgang 1974, noch Fragen? Nein? Danke.

Besagte Opeth-Herzens-Dame (Sorry, A.) jedenfalls wollte in ihrer Eigenschaft als Platten-Promoterin den Autor dieser Zeilen zu einem Interview mit Flynn schubsen, das neue Album sei ja so stark. Doch der Autor dieser Zeilen weiß natürlich notorisch alles besser, und das tut er auch wirklich. Sonst hätte er aus Zeitnot auf das Interview mit einer Band verzichten müssen, deren neues Album noch stärker ist als "Unto The Locust", warten Sie's mal ab.

Einerseits.

Anderseits hatte die Opeth-Herzens-Dame, wie erwähnt, absolut recht: Machine Head sind voll und ganz zurück und haben mit ihrem siebten Studio-Werk ein Album mitgebracht voller Hits, Hits und Hits. Wobei Hits nicht im Sinne von Jürgen-Ex-"Big Brother"-Milski-ich-verticke-37-jährigen-Frisörinnen-mitten-in-der-Nacht-auf-SuperRTL-eine-Ballermann-Partykracher-CD zu verstehen ist, sondern im wortwörtlichen Sinne von: Schläge.

"This Is The End" und "Locust" sind makellose Neo-Thrash-Keulen, "Be Still And Know" ist eine trotzig-brutale Selbstbehauptungshymne, also in etwa das, was für 52-jährige Sozialarbeiterinnen "Die weiße Massai" ist, bloß in gut. Bei Konzerten wird der Song ein Fest, ebenso wie "The Darkness Within", das als wuchtige Meditation über Schmerz und Verlust überzeugt. Für das Wir-sind-alle-Underdogs-Vereinslied "Who We Are" gibt's allerdings ernsthafte Punktabzüge: "We are the ugly/ beaten and torn/ brooding with power and ready for more/ we are the hungry/ sick of this world/ of robbers and thieving/ of vultures unfurled". WTF? In Zeiten von Tea-Party-Reaktionären und sozialisierten Bankenverlusten braucht Wut keine latent bräsigen Rechtfertigungen.

Achja, zwei Sachen noch: Man bat mich, in der Kolumne doch mal zwei Worte über das Wetter zu verlieren. Was ich hiermit tue: Ist scheiße. Und Primordial kriegen für "Redemption At The Puritan's Hand" nachträglich einen halben Punkt mehr, 8,5. Wer erträgt schon dauerhaft ein schlechtes Gewissen? (Gesamtwertung: knappe 8,5) Thorsten Dörting

Anspruch: Zitat aus einer Hausarbeit aus dem Hauptseminar "Empirische Musik-Soziologie" der Universität Paderborn, Wintersemester 2013: "Der hyper-affirmative, dezidiert pro-kapitalistische Habitus des HipHop reibt sich in der Ära der persistenten globalen Finanzkrise mehr denn je an ökonomischen Realitäten und macht mit seinem absurd übersteigerten Aufstiegs- und Egoismusnarrativ den immer schon Zukurzgekommenen kein nachvollziehbares Eskapismus- und Empörungs-Angebot mehr. Der musikalisch modernisierte Rekurs auf den Thrash-Metal der Mitt-Achtziger erweist sich somit aufgrund bestehender Traditionslinien zumindest für junge weiße Männer als unmittelbar anschlussfähige Alternative." So much for the Thrash revival. Geknüppel ohne Sinn ist aber auch okay. (9)

Artwork: Flynns Anwalt versucht derzeit verzweifelt eine Copyright-Klage des britischen Private-Equity-Unternehmens Permira abzuwenden, weil er dessen Wappentier (eine Heuschrecke) fürs Cover geklaut hat. Für den Mut gibt's 9,5 Punkte, für die künstlerische Ausführung 8 Punkte und für die Anwaltkasse spendieren wir Wiggers Honorar, kein Opfer ist da groß genug, den Londoner Finanzinvestoren gehört schließlich die ProSiebenSat.1 Media, sie sind also indirekt fürs Programm der Senderfamilie verantwortlich und somit uneingeschränkt schädigenswert.

Aussehen: Als mir Lemmy letzte Woche beim dritten Whisky des Tages (Liter, nicht Glas) beichtete, er habe bei einem One-Night-Stand im Jahr 1967 vor dem Akt ein Attest vorlegen müssen, um zu beweisen, dass seine Neigung zu Gesichtswarzen nur rezessiv vererbt wird, weil die Dame ein missgestaltetes Baby fürchtete und sie dann neun Monate später tatsächlich einen Sohn von ihm gebar, der heute überdies Rockstar ist, traute ich meinen Ohren nicht und starrte die olle Warze ungläubig an. Um seine Worte zu bekräftigen, schlug Lemmy die aktuelle "Rock Hard"-Ausgabe auf, deutete auf ein Machine-Head-Bandfoto, umkringelte Robb Flynns Kopf mit einem Kugelschreiber - und nickte nur stumm. (8,5)

Aussage: Weltschmerz und Selbstmitleid, zwei Grundpfeiler der männlichen Seelenarchitektur: "We build cathedrals to our pain/ establish monuments to attain/ freedom from all the scars and the sins/ lest we drown in the darkness within". (8) Thorsten Dörting


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 517 Beiträge
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Seite 1
Kuechenchef, 05.05.2011
1.
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Volker Paul, 06.05.2011
2.
Zitat von KuechenchefTides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
Shiraz, 23.05.2011
3. Frei ohne Titel
Zitat von sysopJan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" aktuelle Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Ihre Meinung? Welches sind besten neuen Metal-Werke?
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
marks & spencer 23.05.2011
4. re
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
kingofmetal 24.05.2011
5. Nix Versteh
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Gut, dass Sie zugeben, keine Ahnung zu haben. Metal ist nämlich viel lauter... :-)
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