Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Ein Skandal bei The Devil's Blood und Jan Wigger deckt ihn auf! Wer hätte das gedacht? Thorsten Dörting nicht. Der starb in Island mit den grandiosen Sólstafir. Außerdem in "Amtlich": Ein exklusiver Brief an Megadeth, das Frühwerk von Whitesnake und Retro-Metal von den High Spirits.


The Devil's Blood - "The Thousandfold Epicentre"
(Ván Records/ Soulfood, erscheint am 11. November)

Tut mir ja leid, schon wieder mit einer Art Enthüllungsgeschichte rausrücken zu müssen, aber was soll man machen? Was viele nicht wussten: Der vollkommen zu Recht allerorten geschätzte, geliebte und gefürchtete "Rock Hard"-Chef Götz K. führte ein Doppelleben. Noch vor Veröffentlichung der allerersten Single "The Graveyard Shuffle" war er festes Bandmitglied des niederländischen Weltvernichtungskommandos The Devil's Blood.

Er erwarb amtliche Kontaktlinsen (weil: Brillenträger mit Schweineblut im Gesicht? Gar nicht geil!), "Magick, Bd.1" von Aleister Crowley und hievte unbemerkt eine 48-minütige Coverversion von Rainbows "Stargazer" in die Setlist. Schon bald beklagte sich die Band: K. sei "zu gut drauf", kommuniziere gar mit dem Publikum. Sogar das böse Wort "Philanthrop" soll gefallen sein! Als man in einer schäbigen Absteige in Groningen (13 Euro pro Nacht, Hirschkäfer gratis) schließlich eine abgenutzte Bibel in K.'s Nachttischschublade fand, schlug es dreizehn: Man komplimentierte den Ruhrpott-Entrepreneur hinaus und machte ihn zum road manager.

Bald folgte der nächste Skandal: Statt vierzig Liter Schweineblut für ein Band-Ritual in Haarlemmermeer zu besorgen, kaufte Götz aus Versehen vierzig Pfund Hackfleisch ein, ließ, als er seinen faux pas bemerkte, auf der Stelle ein Frettchen notschlachten und überwarf sich mit dem örtlichen Metzgermeister (mad butcher!), der sich nicht entblödet hatte, zu behaupten, die Sabbath-Alben mit Ozzy Osbourne seien viel monumentaler als die mit Ronnie James Dio gewesen!

Für die reumütige Painkügel ging es nun zurück ins Dortmunder Büro. Kurz vorher zwang ihn TDB-Capo Selim Lemouchi noch, eine Erklärung (mit Schweineblut!) zu unterschreiben: "Ich, Götz K., verpflichte mich von nun an zeitlebens, die Herrlichkeit, Glaubwürdigkeit, Unabhängigkeit und trueness von The Devil's Blood immer und jederzeit zu preisen. Ich erkenne Selim Lemouchi, im Folgenden S.L. genannt, als Herrscher über Leben, Tod und Gezeiten an. Zudem verspreche ich, The Beatles als verachtenswertes Gewürm zu bezeichnen, dem mit 'Ob-La-Di, Ob-La-Da' nur ein einziger guter Song gelungen ist. Sollte ich gegen o.g. Bewährungsauflagen verstoßen, ziehe ich mich freiwillig und für 666 Jahre in eine Strafkolonie zurück, in der 24 Stunden am Tag "Open Up And Say...Ahh!" von Poison läuft." Assklar? Assklar! Ach ja: "The Thousandfold Epicentre" ist selbstredend mal wieder nicht weniger als phantastisch. (Gesamtwertung: 9) Jan Wigger

Anspruch: Nur jenen Leuten gefallen zu wollen, die es verdient haben. Allem Vernehmen nach möchten zwei, drei gutbürgerliche Rockzeitschriften (an denen zuletzt selbst Ghost, Blood Ceremony und Graveyard vorbeigerauscht sind) auch auf "The Thousandfold Epicentre" nicht reagieren. Abgefahren, wenn man bedenkt, dass doch in jeder deutschen Redaktion glutvolle Anhänger von Wishbone Ash, Thin Lizzy, 13th Floor Elevators, The Shadows, Cream und Jefferson Airplane sitzen müssten. Der Stock im Arsch wird nie zum Rückgrat - und natürlich geht "The Thousandfold Epicentre" in die Top Ten. (9,5)

Artwork: Präzise ausgezirkelte, kunstvoll verwobene und vielfarbige Buntstift-Chaos-Landschaften im Booklet; das kalte, klare, güldene TDB-Logo auf schwarzem Cover. Nüchtern, verführerisch, diabolisch. (8,5)

Aussehen: Antikosmische Satanisten halt: Alle Menschen außer The Devil's Blood selbst, Kühnemund, Roky Erickson und Ván-Records-Impressario Sven Dinninghoff müssen sterben. Ansonsten: Arschlecken! Having said that: Ohne Schweineblut wäre Sänger S.L. exakt der Mann gewesen, der den geheimnisvollen Beau in Pasolinis "Teorema" hätte spielen müssen. Und Schwester Farida? Tochter, Tante und Hure des Teufels. (9,5)

Aussagen: "Die weibliche sexuelle Energie ist reichlich in meiner Arbeit. In unserem Umgang mit Qliphoth müssen wir erst den Blutdurst und den Spermahunger der dunklen Mutter stillen! Hail Lilitu!" Ja, das war ein Interview-Zitat. (8,5) Jan Wigger

High Spirits - "Another Night" (High Roller Records/ Soulfood, erscheint am 18. November)

Okay, diese Kritik erledige ich jetzt schnörkellos, kurz und knapp, also: passend zur besprochenen Musik.

Retro ist ja gerade der größte Trend im Metal und Hardrock - wenn wir mal davon ausgehen, dass Metal und Hardrock nicht schon per definitionem retro sind. Salon-Satanist Wigger, seines Zeichens Kassenwart bei der AG Teufelsanbetung Barmbek-Süd e.V., hat sich oben bereits über die zurzeit regierenden Neo-Satanisten ausgelassen. Den sexy satanic seventies huldigen neben The Devil's Blood noch andere, fast alle sind gut: Blood Ceremony, Jex Thoth, Witchcraft, Ghost, Graveyard und so weiter.

Die frühen Achtziger werden bisher hingegen eher links liegen gelassen. Das ist unfair, denken wir nur an einflussreiche Werke wie "Silas" von 1980 oder "Jack Holborn" von 1981. Okay, so gut wie "Timm Thaler" waren diese beiden ZDF-Weihnachtsserien sicher nicht, und der Junge, der sein Lachen an den Teufel verkaufte, lief halt mal schon 1979 in der Flimmerkiste, dolles Retro-Wort das.

Ich schweife ab.

Zurück zum Retro-Phänomen "frühe Achtziger": Portrait und In Solitude besuchen Volkshochschulkurse bei King Diamond, die sich auf ihren Platten ausgezahlt haben. Hell sind ein Sonderfall, weil schon damals großartig, aber leider verkannt - und erst 2011 zu später Album-Ehre gekommen. Sonst ist da nicht viel. Aber nun legen die High Spirits aus Chicago ein Debüt vor, das so knackig nach der New Wave Of British Heavy Metal (NWOBHM) klingt, dass mir meine schwarze Lederhose platzt - die ich nicht besitze, sondern nur ausgeliehen und angezogen habe, damit ich diesen Satz schreiben kann.

Wo war ich? Ja. Die fünf spielen mit viel Liebe zum Detail komponierte, straighte Songs, die unterschwellig doch verspielt sind, die mit feinziselierten Gitarrenharmonien glänzen und einem groovigen Bass, der manchmal fast funky klingt ("Nights In Black"). Atze, watt willste mehr?

Achtung allerdings: We don't talk Maiden oder Diamond Head, sondern Praying Mantis oder zahmere Tygers Of Pan Tang, mit einem Schuss AOR. Manchmal musste ich gar an die frühen Dokken denken, wohl wegen des Gesangs, leicht näselnd, glockenhell, fast flächendeckend mehrstimmig verstärkt. Wobei Dokken Amis sind und mit der NWOBHM nix am Hut hatten.

Nix-am-Hut mit der NWOBHM hatte ja auch Horst Frank, der teuflische Baron de Lefouet in "Thimm Thaler", die Serie war von 1979, also bevor die NWOBHM so richtig losrauschte. Aber hatten wir das nicht schon geklärt? Nun ja, im Alter wird man vergesslich. Wie gut, dass Bands wie diese wirklich wichtige Erinnerungen zurückbringen. (Gesamtwertung: 8) Thorsten Dörting

Anspruch: Lieber Joey De Maio, liebe Lederschurzfans: This. Is. The. Real. True. Metal. (9,5)

Artwork: Gugge mal, Dieter! Onkel Alwin aus Amerika, was ja eigentlich meiner Tante Gertrud ihr Schwippschwager ist, hat uns mal wieder 'ne Postkarte geschickt! Schikargo bei Nacht! Da glitzern die Hochhäuser so schick und Wasser ham die da auch, liegt das anne See? Hefte die mal fix hier ab, neben die annere Karte, stimmt, da is ja auch Wasser drauf! (6)

Aussehen: Keine Ahnung. Diese zwei Worte klingen lustlos, vor allem im Rahmen dieser verlaberten Kolumne. Aber was soll man zu so einem Gewese auch sagen: "Ähnlich wie bei Ghost oder Dr. Living Dead! geben auch High Spirits ihre wahren Identitäten nicht preis. Nur soviel ist aus dem Bandlager zu erfahren: 'Mein Name ist Chris, mit mir spielen Mike, Bob, Scott, und Ian bei High Spirits. Alle Musiker sind nebenbei auch noch in anderen Bands aktiv. Diese Informationen sind zu 100 Prozent korrekt und mehr muss man eigentlich auch gar nicht über uns wissen." (2)

Aussage: Mach ma' noch 'n Bier auf. (9) Thorsten Dörting



insgesamt 517 Beiträge
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Seite 1
Kuechenchef, 05.05.2011
1.
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Volker Paul, 06.05.2011
2.
Zitat von KuechenchefTides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
Shiraz, 23.05.2011
3. Frei ohne Titel
Zitat von sysopJan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" aktuelle Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Ihre Meinung? Welches sind besten neuen Metal-Werke?
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
marks & spencer 23.05.2011
4. re
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
kingofmetal 24.05.2011
5. Nix Versteh
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Gut, dass Sie zugeben, keine Ahnung zu haben. Metal ist nämlich viel lauter... :-)
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