Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Sex auf dem Cover? Blendet Jan Wigger nicht, er haut Steel Panther auf die Pfoten. Dann lieber Männermucke von Rush. Thorsten Dörting enthüllt, dass Linda de Mol jetzt Doom Metal macht, und sieht Cirith Ungol auf der Goldenen Hochzeit seiner Großeltern. Außerdem: Doro! Tom Angelripper! Nightwish!

Steel Panther - "Balls Out"
(Universal Republic, bereits erschienen)

Eines Tages, als Michael Starr nach unruhigen Träumen in seiner von Kleidermotten und Kakerlaken befallenen Scheißbude in Compton zwischen zwei Monate alten Zigarettenkippen und von ihm selbst besoffen gezeichneten Tramp-stamp-Entwürfen aufwachte, furzte er kurz und trommelte dann die anderen zusammen. "Jungs, so kann es nicht weitergehen', begann Starr und öffnete die erste Flasche "Old North Bend", die er letzte Woche einem eingeschlafenen Obdachlosen in Inglewood geklaut hatte. "Wir brauchen dringend was zum Ficken. Ich, du, Lexxi Foxxx, wir alle. What would Vince do? Eine Band gründen natürlich. Ich meine: Vince Neil war zwar nicht der beste Autofahrer, aber er hatte immer pussy, stimmt's? Acht chicks nebeneinander aufreihen und abwechselnd von hinten nehmen? War nie ein Problem für ihn, oder? Und wer war nach Vince der größte Musiker aller Zeiten? Richtig, Jani Lane von Warrant, rest in peace, mothertrucker! Ist doch logisch, was jetzt zu tun ist: Wir nehmen ein paar alte Demos von Warrant, Poison, Faster Pussycat und Winger, lassen die rückwärts laufen und ich sing dann was drüber wie 'When I was high she was hotter than heck/ But I woke up to a face that looked like Shrek.' Für die Live-Auftritte lassen wir glory holes in die Gitarren bohren, dein Schwanz reicht doch eh bis in die erste Reihe, Satchel, und die Augenbinden verteilen wir natürlich während 'It Won't Suck Itself', dudes! Und überhaupt: personalisierte Tickets! Einlass nur gegen Tittenfoto und nur unter 30, und die verfickten boyfriends müssen draußen warten, bis der gang bang zu Ende ist, das hab' ich mal von Bobby und Siggi gehört, meinen Jungs in Germany - 'Aggro Berlin' oder so. Stix, ganz besonders du solltest dich nicht immer nur mit booty calls beschäftigen - wir sind eine ernsthafte Band! Das heisst für dich, dass du auch mal mit 'Enuff Z'Nuff' antwortest, wenn dich ein Journalist nach deinen Einflüssen fragt - und nicht immer nur mit 'Stykki Fyck'! Die wichtigsten Medienvertreter müssen sowieso alle hinter uns stehen: 'DJ Bonne' Bonszkowski, 'Poolman' Schwend und Chris Glaub, dem schenken wir einfach ein Schachbrett aus Silikon. Vielleicht haben die ja auch alle Töchter über 16, dann bleibt das in der Familie. Mir ist auch grad schon wieder was eingefallen: 'Kissin'/ Lickin'/ Tastes like chicken/ That's what girls are for/ Being real dumb and makin' me cum/ That's what girls are for.' Und die Band? Nennen wir Steel Panther! Das gefährlichste Raubtier Westeuropas, hat mir Rikki Rockett erzählt. Jungs, ich sag' euch was: I'm psyched! Ihr auch? Jetzt lass' aber noch ein bisschen gepflegt bei "KFC" abhängen, ist bald schon nach fünf." Und das taten sie dann auch. (5,5) Jan Wigger

Anspruch: "Stop threatening the bitches on my Facebook page/ Or I'm gonna rip your head off in a cocaine rage/ Why you gotta check my prison history?/ Baby, why can't we just let it be a mystery?/ Besides everyone knows it was YOU/ Who blew Justin Bieber at the petting zoo/ Why can't you trust me, baby?" Das sind eben die Nachteile, wenn man in einer Beziehung leben muss. Und wüssten wir's ohne Steel Panther? (8,5)

Artwork: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eines der beschissensten Booklets der Hair-Metal-Geschichte: Die erbärmlichsten Tattoos (Blumen, Feuerräder, Salamander, Mamas Mädchenname), lip gloss for men, Bandanas, Eierschoner, Badelatschen und Plastikmöpse. Das Plattencover: die traurige Version von Weens "Chocolate & Cheese". (3)

Aussehen: Als hätte man den Bret Michaels des Jahres 1987 viermal klonen lassen und ganz West Hollywood wochenlang nach einer letzten Perücke abgesucht, die noch geschmackloser ist als die drei davor. Open up and say: Rrröööaaarrr! (6,5)

Aussagen: "If you download our CD for free, we will load up your girlfriend with sperm for free!". Noch Fragen, Mr. Big? (9,5) Jan Wigger

Uncle Acid And The Deadbeats - "Blood Lust"
(Killer Candy Records/ Svart Records, bereits erschienen)

Mir ist das jetzt auch unangenehm, Linda de Mol hier zu erwähnen, glauben Sie's mir, ich muss bei ihrem Breitbildlächeln immer an Kondensmilch denken, genauer, an die Marke Glücksklee, noch genauer: an deren Werbeslogan "Von glücklichen Kühen", ich weiß auch nicht warum. Andererseits ist nun einmal nicht auszuschließen, dass die designierte "Bauer sucht Kuh"-Moderatorin (ab 31. Februar 2012 auf Landlust TV), diese Ex-Sexgöttin deutscher Bankmanager Anfang dreißig, die in ihrer Jugend in den Neunzigern nach jeder Ausgabe der RTL-"Traumhochzeit" feuchte Spießerträume träumten, in denen Linda sich auf schwarzer Satin-Bettwäsche von C&A (nur 29,90 DM) räkelte UND direkt nach Vollzug der ehelichen Pflicht den Kindern die Pausenbrote schmierte, auf diesem schaurig schönen Doom-Horror-Occult-Rock-Album singt.

Zwei Indizien sprechen dafür. Erstens könnte hinter dem Pseudonym Uncle Acid, der sich im Booklet als Sänger ausweist, rein stimmlich tatsächlich eine Frau stecken, ein bisschen irre wäre sie vermutlich, aber das passt ja zu Linda. Außerdem, und jetzt folgt Indiz Nummer zwo, hat John de Mol, Lindas Bruder, der sein Geld als TV- und Filmproduzent (Endemol) verdient und wegen diverser Verbrechen gegen die Menschlichkeit ("Big Brother", "Nur die Liebe zählt") gesucht wird, vor einigen Jahren die Rechte an der Marke Hammer Films gekauft. Hammer Films, das war eine legendäre Produktionsfirma, die zwischen den fünfziger und siebziger Jahren Schauspieler wie Christopher Lee, Peter Cushing und Oliver Reed im gefühlten Drei-Monats-Takt auf die Leinwand schickte. In sehr atmosphärischen, sehr trashigen Grusel-Horror- und Science-Fiction-Filmen, die allesamt ein unbedingter Stilwille auszeichnete, mussten die Herren dann reihenweise Jungfrauen, Hexen oder sonst was meucheln. Und im Dienst eben jener von John de Mol reanimierten Hammer-Film-Studios stehen nun offenbar Uncle Acid And The Deadbeats. Vermutlich hat der Holländer sie als Vertragsband für die Soundtracks verpflichtet, um den großen Geist der Vergangenheit heraufzubeschwören. Wie sonst soll man sich diese Musik erklären?

Hexen verbrennen, in Serie morden, beim Ficken töten, solche Beschäftigungen gelten ja heutzutage als eher unpopulär, was insofern nicht nachvollziehbar ist, weil unser gesellschaftlicher Konsens manche Tätigkeiten nicht nur toleriert, sondern sogar als vorbildhaft preist, die weitaus menschenverachtender sind: BWL studieren etwa oder Mitglied der sogenannten "Generation Benedikt" sein. Das alles verstehe wer will, ich jedenfalls tue es nicht, zumal mir die eine oder andere Frau zum Abfackeln schon einfiele, gehen wir besser nicht ins Detail. Und auch Uncle Acid und die Deadbeats haben so ihre liebe Mühe mit unseren Konventionen, vermutlich fingen sie ursprünglich mit dem Musizieren an, um ihre als von Mama, Papa und Oma als pervers gescholtenen Gelüste zu sublimieren.

Mit mehr als nur einem Hauch von Wahn schleppt sich das Trio aus England also durch neun tiefschwarzhumorig schillernde Doom-Metal-Songs, aufgehellt von einer Prise frühen Stoner Rocks (MC5) und ein paar LSD-Pillen; wer unbedingt einen zeitgenössischen Vergleich braucht, der möge an Devil aus Norwegen denken oder die Italiener von Black Oath, nur verfügen die drei Acids über größere Songwriting-Skills. Schwer- und eingängig riffen sie sich durch scheinbar nie enden wollende Täler unserer kümmerlichen Existenz, zwischendurch wird der Hörer dezent psychedelisch durchgeorgelt ("Withered Hand Of Evil"!) und über allem quäkt unheilvoll meckernd das falsettartige Organ von Uncle (oder doch Aunt?) Acid. Selbstverständlich ist das Album analog produziert, da schmirgelt's, knarzt's und pfeift's allerorten und tatsächlich kam "Blood Lust" bereits Mitte des Jahres heraus, mehrheitlich zunächst auf Vinyl, in einer flugs vergriffenen Mini-Auflage. Jetzt hat sich erst mal das ja auch nicht riesige Label Svart Records aus Finnland den Vertrieb für die CD-Version gesichert. Die dort gerade erschienene und bald schon vergriffene Auflage beträgt 1000 Exemplare. Wenn ich's richtig sehe, muss man derzeit noch direkt bei den Finnen ordern , die haben's verdient mit ihrem tollen Programm, nein, ich bekomme da keine Prozente. Sehen Sie's so: Zu Weihnachten sollte jeder etwas Gutes tun. Auch sich selbst. (Gesamtwertung: 8,5) Thorsten Dörting

Anspruch: Dem Bubblegum-Shockrocker Marilyn Manson zeigen, was eine Horror-Harke ist. (8,5)

Artwork: Liebevoll. Hinten, vorne, mittendrin: handgemachte Horrorfilmplakat-Motive im Retrostil. Die weit aufgerissenen Augen und der sinnliche Mund der Vampirhexenamazone auf dem Cover drückt aus, was der Titel des Albums verspricht. Blut. Lust. Und außerdem ist die Front mit einem großgedruckten Hinweis versehen: "Stereo"! (8,5)

Aussehen: Im Booklet findet sich nur ein Foto, das Sänger/in Uncle Acid bei Nacht in den pittoresken Gassen von Cambridge zeigt, in den Slaughterhouse Studios des englischen Uni-Städtchens soll das Album angeblich produziert worden sein. Die fotografierte Person trägt eine breitkrempigen Hut, ist im Dämmerlicht nur schemenhaft zu erkennen, man denkt an Jack The Ripper, das ist schön, hilft uns aber nicht weiter. Gehen wir also für einen Moment von dem unwahrscheinlichen Fall aus, dass die oben dargelegte Linda-De-Mol-Theorie nicht stimmt. Bleibt nur folgende Möglichkeit: Bei den drei Musikern handelt es sich um hochbegabte, überirdisch schöne Filmstudentinnen der Elite-Universität Cambridge, die bei einem satanischen Sex-Ritual mit der Ehefrau des Uni-Rektors (zweckentfremdete Teufelshörner) erwischt und daraufhin exmatrikuliert wurden. Spätestens im Frühjahr werden sie sich deshalb mit einer Mordserie ungeahnten Ausmaßes rächen. Daher mein Rat: Sichern Sie sich rechtzeitig ein Album! Im hohen Alter schlagen Sie die makabre Devotionalie einfach für den Gegenwert eines Einfamilienhauses bei Ebay los ("Daran klebt echtes Blut") und müssen keinen Gedanken mehr an Ihre magere Rente verschwenden. (ohne Wertung)

Aussagen: Fürchten Sie sich allein im Dunkeln? Sie haben Grund dazu. (9,5) Thorsten Dörting

Hier geht's weiter zu: Rush, Doro, Nightwish und Cirith Ungol

Rush - "Sectors"
(Drei Vinyl-Box-Sets, Mercury/ Universal, bereits erschienen)

Doro feat. Onkel Tom Angelripper - "Merry Metal XMas"
(Nuclear Blast, bereits erschienen)

Maestro Dörting, das Phantom von Hamburg, zeigt sich nur im Dunkeln. Alle paar Monate aber kommt eine fiese Attacke aus dem Hinterhalt, in diesem Falle die Doro Pesch/Onkel Tom-Angelripper-Weihnachts-7", die Dörting mir per Knock-a-door-Run in den Briefkasten schmiss, wohl als Replik auf die Live-Version des Pur-Songs "Mein Freund Rüdi", den ich ihm kürzlich väterlich per Live-Video zukommen ließ. Ich hörte mir das tannenbaumgrüne Duett, dessen Scheußlichkeit sogar "Dancing With An Angel" (Doro & Udo Dirkschneider) übertraf, vier mal fassungslos an und fragte Dörting per SMS, ob er mich umbringen will. Die Antwort: eisiges Schweigen. Deshalb nun ein direkter Appell an die Verursacher: Doro, du bist so ein herzensguter Mensch und die Fortuna steigt auf - bitte sing' keine Weihnachtslieder mehr, ja? Onkel Tom, du bist zwar Schalker, aber trotzdem ein herzensguter Mensch, der am besten aussieht, wenn er raucht und "I Am The War" grunzt - bitte sing keine Weihnachtslieder mehr, ja?

Sorry, aber eine Überleitung zu Rush, dem Trio, das so fit an den Instrumenten ist, dass es zum Himmel schreit, ist nun nicht mehr möglich. Andererseits wollte ich schon immer mal vollkommen grundlos aufzählen, was ich an der kanadischen Götterband, deren brillante Mercury-Records-Phase nun in drei Box-Sets vorliegt, so liebe: Ich liebe die Tatsache, dass niemand (außer Billy Corgan und Boris Kaiser) "La Villa Strangiato" nachspielen kann und mir "Tears" (von "2112") und "Fly By Night" (jaja, ein Led-Zeppelin-rip-off, meinetwegen) noch heute die Tränen in die Augen treiben. Ich liebe sie dafür, dass die Indie-Pfeifen die Nase rümpfen würden, könnten sie die Hardcore-Fans bei Rush-Konzerten Luftgitarre spielen und verzweifelt Neil Pearts Drumming nachahmen sehen.

Ich liebe Rush dafür, dass sie durch die Serie "Trailer Park Boys" und den wunderbaren John-Hamburg-Film "I Love You, Man" (in dem die gemeinsame, durch nichts zu korrumpierende Verbundenheit zu Rush die Männerfreundschaft zwischen Paul Rudd und Jason Segel illustriert) auch in den angeblich so "coolen" Kreisen rehabilitiert wurden. Für Alex Lifesons Klamotten im schrecklichen "Time Stand Still"-Video mit Aimee Mann und dafür, dass Geddy Lee damals so ein hässlicher Vogel war. Für die Pavement-Zeile in "Stereo" und für diesen völlig beknackten Song aus der Sicht von Ahornbäumen und Eichen. Für die ersten 60 Sekunden von "Tom Sawyer" und für einen TV-Auftritt, in dem Tom Colbert eine völlig berechtigte Frage stellte: "You're known for some long songs. Have you ever written a song so epic that by the end of the song you were actually influenced by yourself from the beginning of the song since it happened so much earlier in your career?". Für "Hemispheres", "Subdivisions" und "The Pass". Und nicht zuletzt dafür, dass es in der Geschichte der Menschheit noch nie einem Mann gelungen ist, ein Mädchen mit einem Rush-Song ins Bett zu kriegen. For those who think and feel. (Gesamtwertung: 9) Jan Wigger

Anspruch: Niemand, der keine Ahnung hat, worum es auf der textlich äußerst sonderbaren Rush-Platte "Hemispheres" eigentlich geht, muss sich dafür schämen. Für einen Großteil der Mercury-Alben galt: Anspruchsvoller ging es nicht. Wir fragten Neil Peart und der Prophet sprach: "I don't like lyrics that are just thrown together, that were obviously just written as you went along, or the song was already written and the guy made up the lyrics in five minutes. I can tell. Craftsmanship speaks." So fuck you, David Coverdale! (9,5)

Artwork: Der unbedingte Wille, sich vom Prog- und Metal-Quark, den man auf Plattenhüllen so findet, bewusst abzugrenzen, war in beinahe jeder Karrierephase spürbar. Man hatte aber auch viel Zeit: Auf einer Tour mit Kiss wunderten sich die New Yorker, dass Lee, Peart und Lifeson nach den Auftritten immer sofort in ihren Hotelzimmern verschwanden, um zu lesen. Andererseits: In den Augen von Gene Simmons sind wahrscheinlich alle Musiker, die auf Tour nicht 90 bis 110 Mal geknattert haben entweder nicht zurechnungsfähig oder Studenten. Berühmteste Hotelzimmer-Groupie-Sex-Begründung: "Man fühlt sich doch so leer!" (8,5)

Aussehen: Zu Rush befragt, stellte Taylor Hawkins von den Foo Fighters einmal betrübt fest: "Chicks don't dig it!". Er meinte die Musik, doch für die Typen gilt dasselbe: Geddy Lee sieht mittlerweile aus wie ein ehemaliger Hobbymagier aus Siebenbürgen, der die arme Kundschaft diverser kanadischer Baumärkte heute mit Hütchenspielen und endlosen Referaten über die Chaostheorie nervt, Alex Lifeson ist der stämmige, rosige, verlässliche (also langweilige) real estate broker, der in der Freizeit gern "Campaign For North America" spielt, und Neil Peart das scheue, etwas spröde Superhirn, das Texte schreibt und Bücher schreibt und noch immer nicht genug geschrieben hat. Sieht es deswegen bei Fan-Conventions von Rush immer so aus wie auf der "Total Recall"-Version des Planeten Mars? (5,5)

Aussagen: "We are Rush and we play rock'n roll!" Hahaha, kleiner Witz. (8) Jan Wigger

Nightwish - "Storytime"
(Nuclear Blast, Single-Auskopplung vom Album "Imaginaerum", das am 2. Dezember erscheint)

Am Freitag, den 2. Dezember, erscheint das neue Nightwish-Album, und erst an diesem Tag ist es auch für Rezensionen freigegeben. Der Grund: Es wird vermutlich ein Mega-Seller, das Label will verhindern, dass unzuverlässige Journalisten alles voreilig ins Netz herausblasen, man kann das nachvollziehen. Da unsere Kolumne hier aber stets am ersten Donnerstag eines Monats erscheint, dieses Mal am 1. Dezember, hätten wir die Platte also gar nicht besprechen können, selbst wenn wir gewollt hätten. So was nennt man Glück. Denn wir wollten gar nicht so richtig. Kollege Wigger war mit Doro völlig ausgelastet (siehe unten) und ich selbst habe weder eine 16-jährige Schwester (Glück) noch eine 21-jährige Freundin (Pech), die mir Nightwish erklären kann. Daher gibt's keine Kritik mit herkömmlicher Punktevergabe. Aber wir wollen fairerweise auf das Album hinweisen und auch unbewanderten Lesern die Chance geben, sich zumindest ein vages Bild zu machen. Und so haben wir einfach ein paar Leute gebeten, uns ein paar Worte zur neuen Nightwish-Single und/oder zur Band generell zu sagen.

"Wunderschön. Kommt im Regal direkt neben die neue "Ten Tenors"-CD!", Gisela F., 53 J., Sozialversicherungsfachangestellte, Hildesheim

"Wenn ich Subway to Sally, Schandmaul oder In Extremo gerade über habe, darf's auch gern mal etwas moderner und härter sein.", Narrenrainer alias Rainer S., 42 J., Gaukler und Mittelaltermarkt-Beschicker, Sindelfingen

"Die beiden Uwes haben ja lieber Skrewdriver oder Störkraft gehört, aber ich konnte mich beim Spülen oder Nagelbombenbauen ja mit Nightwish am besten entspannen. Freu mich schon!", Beate Z., 36, Verfassungschützerin und Terrorzellforscherin, z.Z. JVA Köln-Ossendorf

"Ist mir zu kommerziell.", Dieter B., 57 J., Menschenhändler und RTL-Superstar, Tötensen

"Ist mir zu kitschig.", Céline D., 43 J., Heulsuse, Jupiter Island, Florida und Montreal

"Ist mir zu bombastisch.", Hansi K., 45 J., Barde, Krefeld und Minas Tirith

"Superduper! Zu Weihnachten schenkt mir mein Bärchen Karten für "Tarzan" in Hamburg und zum Nikolaus kriege ich die neue Nightwish. Der Kevin ist soooo lieb und romantisch! ", Jacqueline N., 35 J., Arzthelferin, Dessau

"Scheiß Gejohle. Aber die Jacqueline, was meine Freundin ist, kriegt das Ding geschenkt. Muss ich dann wohl öfter mithören. Aber so geht vielleicht mal wieder was im Bett.", Kevin N., 39 J., Berufssoldat, Dessau

"Herrlich! Zu Weihnachten führt mein Schatz mich aus zu "Madame Butterfly" in die New Yorker Met und zum Nikolaus will er mich mit dem neuen Nightwish-Album verzaubern. Der Theo ist soooo lieb und romantisch! ", Stephanie von und zu G., 35 J., Karrierehelferin, z. Z. Greenwich, Connecticut

"Gewöhnungsbedürftig, sicher. Aber meiner geliebten Gattin Stephanie mache ich mit dem Album natürlich gerne eine Freude - und werde kaum umhin kommen, selbst mal ein Ohr zu riskieren. Aber so geht vielleicht mal wieder was im Bett.", Karl-Theodor von und zu G., 39. J., Ex-Berufssoldat, z. Z. Greenwich, Connecticut

"Da singt ja gar nicht Farida Lemouchi. Finde ich doof." Götz K., 15 J., Satanisten-Azubi im 3. Lehrjahr, Dortmund

"Bei uns hat ja Annie Lennox zum Abschied gesungen. Zum Glück." Galadriel , 8440 Jahre, Elbenchefin, Valinor

"Der Eva hätte das bestimmt gefallen, dem Herrchen vielleicht auch, zumindest musikalisch. Der mochte ja auch Wagner sehr. Wuff Heil!", Blondi, 77 J., Ex-Kanzlerhund, Obersalzberg

"Ich wünsche der Schlampe alles Gute.", Tarja T., 34 J., Solodame, Helsinki

"Frauen am Mikro sind eh kacke, da kommt's dann auch nicht mehr drauf an.", Jörn H., 34, Gastronomie-Mogul, Hamburg

"So nicht! Ich gebe diesen Leuten gerne die Nummer meines Friseurs. Gegen längere Haare ist nichts einzuwenden, aber doch bitte mit Stil. Ordentlich gepflegt und geschnitten müssen sie sein. Schauen Sie sich mich mal an! Gerne auch länger. Und immer wieder. " Richard David P., 46 J., Philosophendarsteller, Köln

(ohne Gesamtwertung) Thorsten Dörting

Anspruch: Rondò Veneziano mit Eiern. (ohne Wertung)

Artwork: Fünf Freunde beim Zauberer Wu (Album) und ein riesiges Buch mit weit mehr als nur sieben Siegeln (Single), das in einer Schneelandschaft rumsteht. Was soll man sagen? (ohne Wertung)

Aussehen: Offenbar vorbildlich. "Hallo, meine Damen Ich würde mir gerne meine Haare wie Anette Olzon (Leadsängerin von Nightwish) im Video von Amaranth stylen (darf man hier links kopieren? ansonsten, einfach mal bei YouTube suchen Was brauch ich dazu? Kann ich das auch zu Hause machen oder sollte ich zum Friseur gehen? Sollte ich mir dazu noch die Haare färben? Gibt es für diese Frisur einen "Fachbegriff"? (für alle Komiker da draußen, ich meinte nicht sowas wie Vogelnest etc.) Was auch wichtig sein kann: Ich habe dunkelbraunes Haar." Für alle Nicht-Komiker: Das war ein Zitat aus dem Forum des beliebten Online-Frauenmagazins gofeminin.de .

Ach ja, und Bandchef Tuomas Holopainen sieht aus wie eine Mischung aus Gary Oldman als Graf Dracula in Francis Ford Coppolas Verfilmung von 1992 und Johnny Depp als Jack Sparrow. Was okay ist, wenn man seinen Lebensunterhalt als blutsaugender Pirat verdient. Sonst nicht. (ohne Wertung)

Aussage: Sängerin Anette Olzon lässt uns auf der offiziellen Band-Website  folgendes wissen: "Ich habe viele Favoriten, aber ich liebe die Bücher von Paolo Coelho, hauptsächlich 'Veronica decides to die'." Coelho, das spricht für sich - so oder so. (ohne Wertung) Thorsten Dörting

Cirith Ungol - "Servants Of Chaos"
(Metal Blade) erscheint am 18. November

Im Gegensatz zu Hexenverbrennern oder Serienmördern, die ja völlig zu Unrecht stigmatisiert werden (siehe oben), sind mir Leichenfledderer eher zuwider, was daran liegt, dass sie nicht nur eklig nach Verwesung müffeln, sondern in der Nahrungskette des ohnehin doofen Turbo-Kapitalismus moralisch ganz unten stehen; sie machen halt aus allem Geld, auch aus Toten. Entsprechend skeptisch war ich, als mir ein Plattenfirmenmitarbeiter "Servants Of Chaos" unterjubeln wollte, die Wiederveröffentlichung einer sogenannten "Raritätensammlung", also einer Compilation, die erstmals 2001 erschienen war und schon damals nach üblem Postmortem-Marketing roch, denn Cirith Ungol hatten sich ja bekanntlich bereits Anfang der Neunziger aufgelöst. Jetzt droht die totale Ausschlachtung, argwöhnte ich also, revidierte meine Meinung aber schnell. Um die Nerven unserer Leser und meines geschätzten Kollegen A.B. zu schonen, mach ich's mal wirklich kurz (er liest unser Geseier immer gegen, bevor es veröffentlicht wird): Die 146:18 Minuten Spielzeit, verteilt auf zwei CDs und eine DVD, machen Spaß.

Cirith Ungol gelten ja sozusagen als Proto-Power-Metal-Band, die auf ihren insgesamt vier Alben (1981 bis 1996) auf eigenwillige Art Doom- und Prog-Elemente aus den Siebzigern einfließen ließen und die mit Tim Baker einen Mann am Mikro hatte, dessen keifendes Organ eine Atmosphäre irgendwo zwischen pathetischer Erhabenheit und punkiger Aggression verbreitete (was, zugegeben, jedem zweiten Hörer die Fußnägel hochklappen lässt). Die zwei CDs bieten Liveaufnahmen, ein paar unveröffentlichte Sachen und rumpelige, sehr charmante Demo-Versionen von Klassikern wie "Paradise Lost" oder "Frost and Fire". Besonders die Frühform dieses Songs hebe ich mal hervor, er klingt, als hätte sich meine Nichte (2 Wochen alt) mit der Band im Studio auf einen Joint getroffen und danach während des Recordings im Hintergrund auf einem Bontempi-Synthesizer Baujahr 1977 herumgetatscht. Haha, wie lustig. Ja, aber nicht nur. Das dilettantische Rumfingern erzeugt genau den sphärisch schrägen Sound, der Cirith Ungol in ihren besten Momente auszeichnete. Auf die DVD haben die Macher des Digi-Packs den einzigen Videomitschnitt eines Konzerts gepackt, er stammt aus dem Jahr 1984, die ersten Minuten habe ich mich noch gefragt, wie die Plattenfirmenmenschen wohl an das VHS-Video von der Goldenen Hochzeit meiner Großeltern gekommen sind, danach war's nur noch gut. Selbst für Einsteiger tauglich, insgesamt: Vollwertkost. (Gesamtwertung: 7,5) Thorsten Dörting

Anspruch: Postum endlich zur "most underrated band in metal" gekürt werden. (8)

Artwork: Hohe Knochendichte, keine Osteoporose-Gefahr. Und das in dem Alter! (6)

Aussehen: Ich mag Flokati-Träger . (7)

Aussage: Und warum haben wir's nicht geschaft? (7) Thorsten Dörting

Alle bisherigen "Amtlich"-Kolumnen finden Sie hier. Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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