Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Kreator blasen alle um. Gojira auch, da bemitleidet man sogar Atombomben. Royal Thunder zeigen, was dickes Blut so anrichten kann. Gastkritiker Boris Kaiser hat Luxusprobleme mit Rush. Plus: Mille unternimmt eine Fotoreise zurück in die Geschichte von Kreator - und das "RockHard"-Festival.

Heilemania/ Nuclear Blast

Von und Jan Wigger


Kreator - "Phantom Antichrist"
(Nuclear Blast, bereits erschienen)

Das Telefon klingelte so laut, dass die goldene Wählscheibe vibrierte und Miland Petrozza um ein Haar von seiner Chaiselongue gefallen wäre. Zu Tode erschrocken rückte er sein Monokel zurecht, seufzte leise und nahm den Hörer ab. "Mille! Alles gut?" - "Oh, Guten Morgen, Gerre!" - "Die neue Accu§er schon gehört? Läuft rein wie'n Frischgezapftes!" - "Aha. Nein, höre momentan wieder viel alte Outtakes von Animal Collective, dazu Thom-Yorke-Remixe und Claude Debussys Klavierkonzerte zu vier Händen. Außerdem warte ich auf die neue Jochen-Distelmeyer-Platte, die wohl 'Ich bin's, Jochen!' heissen wird, soweit ich das aus Berliner Kunstkreisen richtig vernommen habe." "Hä?" - "Ja, und heute Abend gehe ich natürlich wieder ins Kino, da werden restaurierte Versionen von 'Tagebuch einer Kammerzofe', 'Der Herbst der Familie Kohayagawa', 'Die Geschichte der Nana S.' und ausgewählte Experimentalfilme von Alexander Kluge gezeigt. Von dem lese ich gerade 'Gelegenheitsarbeit einer Sklavin. Zur realistischen Methode'." - Hä?" - "Kennst du nicht?" - "Nee, da müsste ich jetzt mal Buffo fragen, aber der ist gerade mit Alter Bridge auf Tour in Nordkorea. Und die neue Krawallbrüder-Scheibe kennste auch nicht, oder wie? Die ist der Hammer, Mille, schraubt dir echt gepflegt die Rübe ab!" - "Nein, auch die nicht. Weißt du, Gerre, mir ist diese Thrash-Nummer einfach zu bourgeois, ich kann mich dort irgendwie nicht mehr verorten und spüre da auch durchaus so eine Art Entfremdung. Habe viel mit Michael Kiske und Jonathan Meese darüber gesprochen und bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich erstmal raus bin. Band ist auch schon aufgelöst, ich arbeite jetzt nebenbei in der Veganer-Pommesbude, wo wir mal Steckrüben gegessen haben vor zwei Jahren, erinnerst du dich?"

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Rock Hard Festival 2012: Amtlich im Amphitheater
- "Sag mal, spinnst du jetzt total?" - "Es tut mir leid, Gerre. Ich wünschte, ich könnte dir mehr dazu sagen." - "Ja, nee, ist ja schon gut. Auf den Schock brauch' ich jetzt aber erstmal zehn Bier." - "Ich würde dich sogar begleiten, aber ich mache gerade diese Saftkur und..." - "Assklar, dann bis bald mal, Mille!". Auf eine unerklärliche Weise schwermütig geworden, legte Petrozza den Hörer auf die Gabel und ging in die hauseigene Bibliothek, um nach dem achten Teil von Krzysztof Kielowskis "Dekalog" auf VHS zu suchen. Gerre dagegen gab sich irgendwo in Frankfurt-Sachsenhausen die Kante und veröffentlichte die zehn uralten Demos, die Mille vor einem halben Jahr zufällig auf dem Dachboden gefunden und ihm geschenkt hatte, unter dem Titel "Phantom Antichrist". (Gesamtwertung: 9) Jan Wigger

Anspruch: Die großen Vier des Thrash-Metal mit einem einzigen, bestialisch-rücksichtslosen Schlag in die Fresse für immer zum Schweigen bringen. Und siehe da: Schon der Titeltrack prügelt mit voller Double-Bass-Attacke alles weg, dazu gibt's plötzlich superamtliche Maiden/Lizzy-Twin-Guitars und feinste Soli von Sami Yli-Sirniö. (9)

Artwork: Völlig kranke, aber schweinegeile Mischung aus Goya, Delacroix, Alejandro Jodorowsky, "Army Of Darkness", Morgoths "Cursed", "Die Erschaffung Adams" und den Urzeitkrebsen aussem "Yps"-Heft. (8,5)

Aussehen: Zlatan Ibrahimovic mit offenen Haaren = 0 Prozent Metal. Mille Petrozza mit Frisch-aus'm-Bett-Frisur = 110 Prozent Metal. (9,5)

Aussagen: Die Piratenpartei (deren lächerlichster Protagonist sich "Faxe" nennt), auch bekannt als "irgendwelche Nerds, die keine Ahnung von Politik haben" (Mille), empfindet Petrozza ganz richtig als "völlig indiskutabel, angefangen von diesem peinlichen NSDAP-Vergleich bis zu den Angriffen gegen Musiker wie Sven Regener". Das Problem ist nur: Für eine emiritierte Politikerin sieht Marina Weisband schon sehr gut aus (Hört aber wahrscheinlich Beach House und isst vegetarisches Kichererbsenragout, so fuck it!). (8) Jan Wigger



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