Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Paradise Lost: Eine richtige Ohrendroge, gerade in dieser megahektischen Zeit
Century Media

Paradise Lost: Eine richtige Ohrendroge, gerade in dieser megahektischen Zeit

Von und Jan Wigger

4. Teil: Singles von: Year Of The Goat, Gold, Nachtmystium, Hexvessel, Ghost Brigade


Das große "Amtlich"-Vinyl-Single-Geburtstags-Special mit: Year Of The Goat, Gold, Nachtmystium, Hexvessel und Ghost Brigade

Wer sich warmhören will für eines der womöglich besten Alben dieses Jahres, dem sei "This Will Be Mine" ans verdorbenes Herz gelegt. Die Single von Year Of The Goat mit dem Langhaarkugelzwerg Thomas "Thomaner Chor" Eriksson of Griftegard-Fame am Mikro bietet alle Qualitäten, die bereits die Debüt-E.P. "Lucem Ferre" aus dem Vorjahr zu einem Ereignis von solch sanft morbider Schönheit gemacht haben, dass Lars von Triers "Melancholia" dagegen abstinkt wie drei Bücher von Precht gegen einen Pups von Nietzsche. Das musikalische Potential der Schweden ist, so ließen die Überhits "Of Darkness" und "Vermillion Clouds" hoffen, sogar noch größer als das ihrer Landsmänner Ghost. Und die Vorab-Auskopplung (mit einem soundtrackartigen Psychoinstrumental auf der B-Side) enttäuscht diese Hoffnung zumindest nicht: Heavy Rock mit glasklar klirrenden Gitarren, veredelt von Goldkehlchen Eriksson, zart psychedelisch, oft vorsichtig angepoppt, oft genug aber schön sperrig, mit dem Mut zum ganz großen Wurf. Könnte gelingen.

Year Of The Goat: Hallo, wir kommen aus Schweden und sind des Teufels.
van-records/ Jason Mellstrom

Year Of The Goat: Hallo, wir kommen aus Schweden und sind des Teufels.

Unter dem gleichen Labeldach (Van Records) wie Year Of The Goat wohnen die Holländer von Gold, die nicht nur mit dem Gitarristen Thomas Sciarone ein Ex-Mitglied von The Devil's Blood in ihren Reihen haben, das wegen (unabsichtlichen!!!) Geschlechtsverkehrs mit einer Getauften aus der Band geworfen wurde, sondern mit Milena Eva auch eine Sängerin, deren Aussehen hält, was der Name verspricht: Die Frau atmet Feuer. Entweder kommt sie direkt aus der Hölle, wo sie ihrem wehrlosen Ehe-Dämon dieselbe heiß gemacht hat und der deswegen die Scheidung einreichte. Oder sie stammt aus der Nachbarschaft der Hölle, also aus einem mysteriösen Dorf weit östlich des Ural namens Dnjjjjprakrazzwotsl, wo bereits einjährige Babys einen so durchdringenden Blick haben, dass der unwürdige Uri Geller vor Schreck sofort sein Biegebesteck niederstreckt. All das macht Gold verdächtig, ein Teil von Alice Schwarzers femi-satanistischer Weltverschwörung zu sein (siehe Jess And The Ancient Ones), zumal "Gone Under" und die B-Side "Medicine Man" dem (schweren) Siebziger-Hardrock huldigen, wenn auch auf charmante Art deutlich holpriger und weniger psychedelisch als TDB. Das eindrucksvolle Bandfoto, auf dem Milena Eva ein Herz für Meerestiere zeigt, spricht jedoch eher für eine harmlose Mitgliedschaft bei den aquaspiritistischen Zeugen Belugas. Beide Singles sind - wie stets bei Van Records - liebe- und geschmackvoll gestaltet und könnten bald Sammlerwert haben. Das schreibe ich nur für Euch, meine lieben Freunde, die Ihr nichts mit dem Leben anzufangen wisst, außer tagtäglich Eure Platten zu sortieren. Ich weiß, wovon ich schreibe.

Gold mit Frontfrau Milena Eva: Direkt aus Dnjjjjprakrazzwotsl
sven van/ Pim Top & Mathijs Labadie

Gold mit Frontfrau Milena Eva: Direkt aus Dnjjjjprakrazzwotsl

Das gilt leider nicht für den Auftritt von Nachtmystium auf dem diesjährigen Roadburn-Festival im niederländischen Tilburg, wo die Krachpoeten laut Aussage des Kollegen Kaiser eine Performance hingelegt haben sollen, dass es der Kinder-Black-Metal-Front ihr Karnevals-Corpsepaint von den Hühnerbrüsten geblasen hätte. Der Autor dieser Zeilen kann das leider nicht bezeugen, denn er steckte zum Zeitpunkt des Auftritts noch in der Lobby eines Autobahn-Motels fest, wo die raumduftverseuchte Luft in der Lobby immerhin für eine derart drastische Sauerstoffunterversorgung des Hirns sorgte, dass ein komplettes Monatsgehalt für die Taxifahrt zum Festival wie ein fairer Preis erschien. Zum Trost gibt es "As Made" (Century Media) - kann man sich gönnen, lohnt sich. Auf der B-Side covert die selbst erklärte "we-do-whatever-the-fuck-we-want"-metal-band "The Eternal" von Joy Division.

Später waren auf dem Roadburn dann auch Hexvessel zu erleben, die ein schnuckeliges Kirchennebengebäude namens Het Patronat mit ihrem wunderlichen Occult-Psychedelic-Folk bis an den Rand füllten und bei nachmittäglichem Dämmerlicht, das sich durch die mit Bibelmotiven bemalten Fenster stahl, die Menge zum andächtigem Abnicken ihrer nihilistischen Zupfklänge bewegten. Mit echtem Folk, gab der fachkundige Kollege Sauermann zu bedenken, habe das nichts zu tun, womit er vermutlich richtig liegt. Aber "Vainolainen" (Svart Records) deutet an, was das Album "Dawnbearer" gezeigt hat: Es geht ums Schaudern auf der Scholle, nicht um deren Schönheit.

Zum Schluß empfehlen wir - wenn auch mit Einschränkungen - Ghost Brigade mit "In the Woods (Jonny Wanha Remix)" (Season Of Mist). Der zum Lahmarsch-Lounge vertüftelte Track vom Vorjahresalbum "Until Fear No Longer Defines Us" ist die perfekte Erklärung dafür, warum DJ Jonny Wanha es bisher nicht zu Ruhm außerhalb seiner finnischen Heimat gebracht hat. Die Rückseite mit einer Akustik-Version von "Soulcarvers" ist aber sehr nett. Und die Band verdient allein deswegen hier eine Erwähnung, weil Pfuscher Wigger seinerzeit dem Album nur 7,5 Punkte gegeben hat. 8, Mann! 8! 'Nuff said. (Alle Single-Texte: Thorsten Dörting)

Alle bisherigen "Amtlich"-Kolumnen finden Sie hier. Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)



insgesamt 517 Beiträge
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Seite 1
Kuechenchef, 05.05.2011
1.
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Volker Paul, 06.05.2011
2.
Zitat von KuechenchefTides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
Shiraz, 23.05.2011
3. Frei ohne Titel
Zitat von sysopJan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" aktuelle Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Ihre Meinung? Welches sind besten neuen Metal-Werke?
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
marks & spencer 23.05.2011
4. re
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
kingofmetal 24.05.2011
5. Nix Versteh
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Gut, dass Sie zugeben, keine Ahnung zu haben. Metal ist nämlich viel lauter... :-)
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