Zum Tod der Schlagersängerin Andrea Jürgens Knacks im Kinderzimmer

In die Kinderzimmer der späten Siebzigerjahre trug sie als Zehnjährige eine Ahnung von den Schrecken des Lebens da draußen. Erinnerungen an meine Kindheit mit Andrea Jürgens.
Andrea Jürgens

Andrea Jürgens

Foto: imago/ United Archives

Meine wertvollsten Kinderbesitztümer fanden Ende der Siebzigerjahre Platz in einer kleinen Holzschachtel: eine aus Muscheln zusammengesetzte Schildkrötenfigur mit Drahtbrille, ein Flummiball mit Glitzer drin und eine Autogrammkarte von Andrea Jürgens.

Darauf war sie neben einem prächtigen Bobtail zu sehen, Andrea hatte ihre Haare mit einem Spängchen seitlich weggeclippt, dem Hund hingen die Ponyfransen klämmchenlos über die Augen. Ich kann nicht mehr rekonstruieren, ob ich zuerst Andreas Lieder oder ihren Hund gut fand, das Ergebnis war jedenfalls dasselbe: Andrea Jürgens war der erste Musikstar, für den ich eine gewisse Besessenheit entwickelte.

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Wahrscheinlich war sie tatsächlich auch die Erste, die meiner friedlichen Dorfkindheit einen kleinen Knacks mitgab, Anfang 1978, als ich sie mit "Und dabei liebe ich euch beide" in der ZDF-Hitparade sah. Andrea war zehn, ich war fünf Jahre alt, und vielleicht hörte ich da zum ersten Mal jemanden davon singen, dass Eltern nicht zwangsläufig für immer beieinander bleiben müssen (vielleicht hatte mich mit dieser Unvorstellbarkeit aber kurz zuvor auch schon Gunter Gabriels "Hey Yvonne" erschreckt). Andrea Jürgens sang traurig, aber auch tapfer vom Zwickmühlenleben eines Scheidungskinds, das beeindruckte mich.

Bis jetzt hatte ich von schlimmen Dingen, die anderen Kindern so passieren, exklusiv bei "Neues aus Uhlenbusch" erfahren, einer Kindersendung, die mir jeden Sonntagnachmittag schreckliche Angst machte. Wenn Andrea Jürgens davon sang, spürte ich zwar, dass manche Dinge ganz schön übel sein können - aber auch, dass man mit ihnen irgendwie klarkommen kann.

Allerdings war ich sehr erleichtert, dass ihr nächster Hit, "Ich zeige dir mein Paradies", ein paar Monate später, dann eine deutlich lebensfrohere gesungene Beschreibung ihres Kinderzimmers war:

"Kennst du Leslie von den Bay City Rollers?
Sein Poster hängt an meiner Wand.
Und daneben sind die Sweet,
dann auch noch Uriah Heep.
Kennst du Biene Maja oder Pinocchio
und Heidi aus dem Alpenland?
Komm, ich stell dich ihnen vor."

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Andrea Jürgens gestorben: Früher Tod eines einstigen Kinderstars

Foto: imago/United Archives

Die besungenen Bands waren mir zwar gänzlich unbekannt, dafür begann ich gerade einen zarten Baby-Crush auf wechselnde Mitglieder von The Teens zu entwickeln, und ich mochte auch viel lieber Elliot, das Schmunzelmonster als Heidi oder Pinocchio, aber ich verstand das gemeinte Prinzip: Das Kinderzimmer als wohlige Höhle, in der alles Blöde draußen bleiben muss, Kinder-Cocooning, wie ich es als schüchterner, leicht verschreckbarer Jüngstmensch liebte.

Ein Jahr später war ich dann bereit für Andreas nächsten Sozialschlager: "Tina ist weg", die Geschichte einer ausgebüxten Freundin, die am Liedende, für mich schwer auszuhalten, offenblieb und nicht in einem Happy End aufgelöst wurde. Andrea Jürgens wurde für mich damit endgültig zu einer Art Anti-Anke, ein öfters mal kummerumflorter Gegenentwurf zur jungen, immer putzmunteren Engelke, die zur selben Zeit begann, das Ferienprogramm im Fernsehen zu moderieren.

Anke hatte auch lange Haare und infamerweise tatsächlich auch oft einen Bobtail mit im Studio (Wuschel, das private Haustier von C-Moderator Benny, dem Interpreten des unvergessenen "Du bist so cool, das haut mich vom Stuhl") - ich bleib trotzdem unerschütterlich Team Andrea. Und bin überzeugt, dass mich ihre ersten beiden Knacksschlager als Kind durchaus geprägt haben.

Fast vergessen und doch immer dabei

Alles, was danach kam, verfolgte ich mit milde abflauendem Interesse. Ihr Weihnachtsalbum verdudelte 1979 die gesamten Rützel-Feiertage, auch das "Ein Herz für Kinder"-Lied fand ich noch toll, "Mama Lorraine" dann nur noch so mittel, irgendwann verlor ich ganz das Interesse, womöglich hatte ich zu viel mit The Teens zu tun.

Von Andrea Jürgens' Erwachsenenliedern - 17 Studioalben hat sie im Lauf der Jahre veröffentlicht, das letzte, "Millionen von Sternen", im vergangenen Jahr - kann ich kein einziges ansingen. "Und dabei liebe ich euch beide" kann ich immer noch auswendig. Ich las gelegentlich zufällig irgendwo über sie, von ihren letzten schweren Jahren, als zuerst ihr Vater, dann ihr Bruder und schließlich auch ihre Mutter starb.

Und obwohl ich Andrea Jürgens zwischendurch immer fast vergessen habe, war sie doch immer dabei: Nachdem ich 1978 bei der Geburt meines Bruders nicht durchsetzen konnte, dass er nach meiner Lieblingsfigur aus "Kimba, der weiße Löwe", nämlich dem Pavian Daniel, benannt wurde, konnte ich 1980 meine Eltern überzeugen, dass Andrea ein wunderschöner Name für meine kleine Schwester sein würde.

Andrea Jürgens ist im Alter von 50 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit gestorben.

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