Fotostrecke

Topdirigent Nelsons: Schostakowitsch in Perfektion

Foto: Chris Lee/ DG

Top-Dirigent Andris Nelsons Das leise Wunder

Andris Nelsons hat sich gerade im Streit aus Bayreuth verabschiedet, aber so hat er Zeit für andere Aufgaben. Ob Mahler oder Schostakowitsch, derzeit gelingt dem lettischen Dirigenten fast alles.

Zum Sterben schön! Was Andris Nelsons mit Gustav Mahlers neunter Sinfonie anstellte, gehörte zu den absoluten Highlights der jüngsten Hamburger Konzertsaison.

Der Schluss des 80-Minuten-Werkes, ein Verhauchen des Orchesterklangs in mehreren Stufen, ein Verblassen und Verschwinden, gelang ihm und seinem Boston Symphony Orchestra mit einer Perfektion, die alle Zuhörer in der Laeiszhalle faszinierte. "Mit innigstem Ausdruck, immer wieder ersterbend" solle das gespielt werden, verlangt Mahler es in seiner Partitur, und dieses leise Wunder, die klangliche Gratwanderung am Rande des tonlosen Nichts, verbot fast einen tosenden Schlussapplaus.

Den gab es natürlich doch, nach einer gefühlten Ewigkeit des Schweigens. Erlösung pur für ein begeistertes Auditorium. So könnte Mahler das genau gemeint haben. Endzeit und Aufbruch zur Neuen Musik in Form gegossen, von Andris Nelsons realisiert: Man meinte es in jeder Phase dieser Interpretation zu spüren, wie seine Dirigentenhände dieses so schwer Greifbare formten. Ein Ausnahmekünstler mit einem Ausnahme-Orchester.

Ein Star, mit dem fast jeder gut kann

Was hätte das in Bayreuth 2016 für ein "Parsifal" werden können! Aber es ging wohl nicht gedeihlich zusammen am kracherprobten Grünen Hügel, und inzwischen ist es fast müßig, weiter über den Streit ums Einmischen und Einflussnehmen zwischen dem jungen Star und dem sendungsbewussten Musikdirektor und Wagner-Chefdeuter Christian Thielemann zu spekulieren. Nelsons ist eben heute ein anderes Kaliber als der Bayreuth-Newcomer von 2010, der damals schon ein tolles, allseits gelobtes "Lohengrin"-Dirigat für die "Ratten-Inszenierung" von Hans Neuenfels ablieferte.

Inzwischen rangiert Nelsons zu Recht unter den internationalen Top-Stars der Szene, er wird 2017 zusätzlich das Gewandhausorchester Leipzig übernehmen und kann sich ansonsten die Auftritte und Projekte aussuchen. Obendrein gilt er als Sunnyboy, freundlich, verständig, kommunikativ, kompetent und offen. Ein Star, mit dem - fast - jeder gut kann. Aber vielleicht macht der Erfolg einen sensiblen Künstler auch dünnhäutiger und kritischer: Der naive Optimismus verabschiedet sich, man lächelt nicht mehr alles weg. Jetzt dirigiert der 73-Jährige Hartmut Haenchen den "Parsifal", immerhin alles andere als ein "Einspringer", sondern ausgewiesener Wagner-Experte, dessen Brüsseler "Parsifal" in der Regie vom Avantgardisten Romeo Castellucci auch auf DVD erhältlich ist (BelAir).

Umso schöner, wie sich Andris Nelsons weiter seinem Schostakowitsch-Zyklus widmet. Etwas melodramatisch "Under Stalin's Shadow" untertitelt, startete er vielversprechend. Jetzt setzt Nelsons mit einer Doppel-CD und den Sinfonien Nummer fünf, acht und neun nach - sehr unterschiedliche Werke und wiederum bestes Gestaltungsfutter für den Chef und seine Bostoner, die ihre ganze Bandbreite an sinnlicher Perfektion und klanglicher Differenzierungskompetenz auffächern können.

Hollywoodtauglich mit präzisen Details

Mit dem Auftakt macht es Nelsons etwa einem Schostakowitsch-Neuling leicht: Die Neunte swingt mit solch naiver Spielfreude aus, dass es die pure Lust ist. Beste Unterhaltungsmusik, konfliktfreie Melodienseligkeit und flotte Rhythmen zeigen einen Schostakowitsch, der nach den ganzen Querelen und der Unterdrückung durch Stalins rabiate Kulturpolitik mit sich und seinen reglementierten Arbeitsbedingungen scheinbar im Reinen ist. Oder die kommunistischen Kulturwächter ein wenig auf den Arm nehmen wollte.

Das burleske Allegro zu Beginn von Opus 70 brilliert mit eingängiger Noblesse fast Hollywood-tauglich, man wähnt sich bei Disney und Dancehall, freilich immer mit überraschenden Wendungen, präzisen Details, subtilen Bläser-Akzenten und knalligen Tutti. Das fetzt nicht übel, wenn man diesen Tanz so punktgenau hinbekommt wie es dem Boston Symphony Orchestra gelingt - und eben durch Maestro Nelsons sichere Führung.

Schostakowitschs Bemühen, irgendwie künstlerisch mit den Zwängen von Stalins Kulturvorstellungen klarzukommen, spiegelt sich noch vielschichtiger in den stilistischen Wendungen der fünften Sinfonie, die er mit doppelbödigen Einfällen und schlauen Kapriolen ausstattete, dass sogar sein Abschlussmarsch von Opus 47 zunächst als triumphaler Hymnus auf die sozialistische Gesellschaft verstanden werden konnte - wobei feinsinnige Hörer und Schostakowitsch-Kenner eher den "Todesmarsch" wahrnahmen, wie es der Komponist in seinen Memoiren beschrieb. Die düstere achte Sinfonie verleiht wieder dem Schrecken Ausdruck, für die Kulturwächter erklärte der Komponist den Krieg als Thema, Freunde und Insider wussten, er meint seine eigene prekäre Komponistensituation.

Diese Fülle von atmosphärischen Mosaiksteinen gießt Nelsons mit seinen perfekt disponierten Bostonern in überzeugende Formen, mit blitzblanken Streichern, ohne zu viel Pathos aufzutragen. Ein Zyklus, der bei diesem Spannungslevel aufregend bleiben wird.

Anzeige

Boston Symphony Orchestra, Andris Nelsons:
Shostakovich - Symphonies Nos. 5, 8 & 9

Deutsche Grammophon (Universal Music);
21,99 Euro.

Shoplink Boston Symphony Orchestra, Andris Nelsons: "Shostakovich – Symphonies Nos. 5, 8 & 9" - Amazon 

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.